Schon immer, für immer?

Was pas­siert eigent­lich, wenn sich Stura-Mitglieder mal nicht aus­schließ­lich um die Anliegen von Studis küm­mern? Über die letz­ten Amtszeiten hat sich ein klei­ner Berg an Konflikten und Skandälchen auf­ge­türmt – Grund genug, dem nachzugehen!

2025 war ein zer­mür­ben­des Jahr – nicht nur wegen des Zustands der Welt – nein, auch wenn man den zwei­wö­chent­li­chen Stura-Sitzungen lausch­te und den dama­li­gen zuge­spitz­ten Hochschulwahlkampf akti­ver ver­folg­te. Es ließ sich beob­ach­ten, wie in den Reihen des Studierendenrates die Grenze zwi­schen rein poli­ti­schen Auseinandersetzungen und pri­va­ten Konflikten immer stär­ker verschwamm.

Im Wahlkampf
Wahlplakat der Rot-Grünen Liste, Mai 2025
Foto: Johannes Wingert

Die Juso-Hochschulgruppe (Juso-HSG) hat­te in einer ver­gleichs­wei­se gro­ßen Wahlkampfkampagne den Fokus auf eine Erhöhung des Mitgliedsbeitrags gelegt. Einige Juso-Mitglieder ver­brei­te­ten dazu aktiv die Behauptung, dass die Gewerkschaftsliste TVStud und die Offene Linke Liste (OLLi) gefor­dert hät­ten, den Mitgliedsbeitrag auf 25 Euro zu erhö­hen. Auf eine Anfrage der has­tu­zeit ant­wor­te­ten die Jusos, dass sie kei­ne Falschinformationen ver­brei­tet hät­ten, und legi­ti­mier­ten die 25-Euro-Aussage damit, dass die­se „von der dama­li­gen Finanzer:in [Mitglied der OLLi] genannt und von ver­schie­de­nen Gruppen auf­ge­grif­fen [wur­de].“

Die OLLi schreibt zur Problematik: „Es hat uns sehr geär­gert, dass uns sowas unter­stellt wur­de. Die 25 Euro waren ein ein­zi­ges Mal im Raum, als es dar­um ging zu erklä­ren, dass wir, um unse­re Ausgabenseite ohne Einkürzungen zu decken, infla­ti­ons­be­dingt auf 25 Euro erhö­hen müss­ten.“ Die Forderung einer der­ar­ti­gen Beitragserhöhung habe es daher so nie gegeben.

Umgang mit Angestellten

In der Beitragsdebatte – also vor und wäh­rend des Wahlkampfs – wur­de der Fokus auch auf die Angestellten des Studierendenrates gelenkt. Es ging unter ande­rem um Pläne, die frei­wil­li­ge Bindung an den Tarifvertrag für stu­den­ti­sche Beschäftigte auf­zu­he­ben und ein­zel­ne Stellen kom­plett zu strei­chen, um das Haushaltsloch zu stop­fen. All das und wei­te­re Zuspitzungen im Wahlkampf führ­ten zu einem von den Angestellten an den Stura adres­sier­ten offe­nen Brief. Sie beto­nen dar­in, dass die Einsparideen sowohl ihnen selbst als auch dem Studierendenrat in des­sen Arbeitsstruktur mas­si­ve Nachteile brin­gen würden.

Die Vorschläge kamen unter ande­rem aus der Juso-HSG. Ein Juso-Mitglied fiel dabei den Angestellten in einer Ersti-Whatsapp-Gruppe auf: „Auf den Vorschlag, den Beitrag um 3 [Euro] zu sen­ken […] und alle Angestellten zu ent­las­sen hat eine Stura-Sprecherin der Jusos geant­wor­tet: ‚Gibt noch ande­re Arbeitgeber 😂 wtf‘ – Wir kön­nen hier ger­ne dar­an erin­nern, dass der Stura unser Arbeitgeber ist und Stura-Mitglieder und vor allem Sprecher:innen damit eine Verantwortung tra­gen. So ein Umgang mit uns ist ein­fach unangemessen.“

Illustration: Johannes Wingert

Die OLLi schreibt auf Anfrage zum Umgang mit dem Personal: „Die Angestellten sind das Rückgrat des Sturas und meis­tens auch das Gesicht, weil Studis zuerst aufs Büro tref­fen, wenn sie ein Anliegen haben. Es ist des­halb unter aller Sau sich über ihre zukünf­ti­gen Jobperspektiven lus­tig zu machen. Wir müs­sen ein gutes Verhältnis haben, weil das SPK [Sprecher:innenkollegium] auf das gesam­mel­te Wissen der Angestellten ange­wie­sen ist.“

Die Jusos tei­len mit, dass die Angestellten eine zen­tra­le und unver­zicht­ba­re Arbeit leis­te­ten, die von ihnen sehr geschätzt wür­de. „Ein respekt­vol­les Miteinander ist uns wich­tig und soll­te selbst­ver­ständ­lich sein. Der Eindruck, dass es hier grund­sätz­li­che Probleme mit unse­rer Hochschulgruppe gibt, ist für uns nicht nach­voll­zieh­bar.“ Darüber hin­aus ver­tei­di­gen sie auch ihren Standpunkt: „Wir hal­ten es für legi­tim, […] [zur Frage der Personalstruktur] unter­schied­li­che Auffassungen zu haben und möch­ten klar­stel­len, dass sich unse­re Position nicht gegen die Angestellten des Sturas rich­te­te, son­dern einen Konsens zwi­schen dem Mittelmehrbedarf des Sturas und der finan­zi­el­len Belastung der Studierendenschaft dar­stel­len sollte.“

Im Stura

Im Stura gab es eine Einigung zur laut­lo­sen Teilhabe, das heißt weder Klatschen noch Klopfen, was ins­be­son­de­re neu­ro­di­ver­gen­ten Menschen die Teilnahme an Sitzungen ein­fa­cher machen soll­te – dadurch, dass eben eine Reizüberflutung ver­mie­den wird.

Nun hat­ten allen vor­an Vertreter:innen der Juso-HSG seit der kon­sti­tu­ie­ren­den Sitzung des 36. Sturas die­se Vereinbarung wie­der­holt igno­riert – selbst nach­dem ande­re Stura-Mitglieder sie auf den Sinn hin­ge­wie­sen hat­ten. Mindestens ein Stura-Mitglied, wel­ches auch auf den Sitzungen anwe­send war, ist neu­ro­di­ver­gent. Zumal die­se Vereinbarung natür­lich auch Gäste, Referent:innen und Angestellte betrifft.

„Die Teilhabe neu­ro­di­ver­gen­ter Studierender ist uns ein wich­ti­ges Anliegen“, schrei­ben die Jusos. Sie wür­den die Vereinbarung aus­drück­lich unter­stüt­zen und sich dafür ein­set­zen, dass sie ein­ge­hal­ten wer­de. Nun ist zu bemer­ken, dass sich, nach­dem die has­tu­zeit eine Anfrage zu die­sem Thema ver­schickt hat­te, wie­der alle Mitglieder des Sturas an die Vereinbarung gehal­ten haben. Darüber hin­aus stell­ten die Jusos in Aussicht, das Thema erneut im Stura bespre­chen zu wol­len, „um für Klarheit und Verbindlichkeit zu sor­gen.“ Dazu ist es aller­dings – ein hal­bes Jahr spä­ter – noch nicht gekommen.

Illustration: Johannes Wingert

Die Liberale Hochschulgruppe (LHG) berich­tet außer­dem von einem Vorfall, bei dem ein Mitglied der LHG von einem Referenten wäh­rend einer Sitzung laut­stark ange­gan­gen wor­den sei: „Ein sol­ches Verhalten hal­ten wir für unan­ge­mes­sen und unpro­fes­sio­nell. Gerade in einem Gremium, das von Meinungsvielfalt und demo­kra­ti­scher Debatte lebt.“

Es bleibt aber eher ein Einzelfall. Denn zu einem gegen­sei­ti­gen Anschreien im Stura, wie ein ehe­ma­li­ges Mitglied es über die Zeit vor 2024 berich­te­te, kam es im letz­ten Jahr nicht. Allerdings ließ sich beob­ach­ten, wie ver­ein­zelt mit der Rechtsaufsicht gedroht wur­de. Dies ging von ein­zel­nen Vertreter:innen der LHG als auch der Juso-HSG aus.

Im Umfeld

Ein Stura-Mitglied der Juso-HSG hat­te gewähl­te Mitglieder als auch Angestellte des Sturas aus Ersti-Whatsapp-Gruppen mit meh­re­ren Hundert Studis ent­fernt. Auf eine Anfrage haben weder die Jusos noch das betrof­fe­ne Juso-Mitglied Stellung bezo­gen. Die LHG äußer­te sich nicht direkt zu dem Vorfall: „Wir haben klar defi­nier­te Ziele, inwie­fern wir etwas in der Hochschulpolitik ver­än­dern wol­len. Dazu zählt nicht die Mitgliedschaft in WhatsApp-Gruppen.“ Aus der OLLi heißt es: „Das Entfernen aus Erstigruppen, ohne Grund, ist unnö­tig und belas­tet das Miteinander.“ Da die Gruppen nicht offi­zi­ell zum Stura gehör­ten, gebe es jedoch kei­ne Handhabe dagegen.

Anonymer Flyer, Mai 2025

In einem Fall hat­te eine Person einen Wahlaufruf für GHG, Juso-HSG und LHG in der Erstigruppe kri­ti­siert und wur­de weni­ge Tage spä­ter ent­fernt. Der kri­ti­sier­te Aufruf wie­der­hol­te die Behauptung, dass OLLi und TVStud den Beitrag auf 25 Euro erhö­hen woll­ten. Zudem warf er der OLLi auf einem Bild Veruntreuung von Geldern vor. Das Bild zeig­te die Front eines Flyers, der wäh­rend des Wahlkampfzeitraums an der Uni ver­teilt und es vom Stura-Haus am Hauptcampus bis an den Heidecampus geschafft hat. Wer den Flyer ver­fasst, gedruckt und ver­teilt hat, ließ sich nicht herausfinden.

Anstatt sich nun der Kritik zu stel­len, folg­te im Chat ein KI-gene­rier­ter Sticker, der der OLLi Korruption unter­stell­te. Dieser Aufruf wur­de dann aktiv von besag­tem Juso-Mitglied ver­tei­digt, wor­auf eine Richtigstellung ver­bal beschos­sen wur­de. Weitere Juso-HSG-Mitglieder waren in der WhatsApp-Gruppe auf­grund ihrer Funktion als Stura-Sprecher:innen als Admins ver­tre­ten, grif­fen aber nicht mode­rie­rend ein.

Auffällig war auch der Versuch der Einflussnahme eben jenes Juso-Mitglieds auf unse­re redak­tio­nel­le Arbeit. So wur­de unser Chefredakteur mehr­fach pri­vat ange­schrie­ben und um ein per­sön­li­ches Gespräch gebe­ten – auch zu die­sem Artikel, nach­dem eini­ge Anfragen ver­schickt wur­den und der ers­te Satz noch nicht ein­mal geschrie­ben war. In der Vergangenheit konn­te man der­ar­ti­ge Überschreitungen auch von ande­rer Seite mitbekommen.

Illustration: Johannes Wingert
Ältere Vorwürfe

In einer Antwort auf eine Anfrage erhob die LHG Vorwürfe gegen die OLLi. Bei die­sen geht es um die Rücktritte von vier Stura-Mitgliedern Anfang 2024 – dar­un­ter auch die vor­sit­zen­den Sprecher:innen. Einzelne Mitglieder der OLLi sol­len zu der Zeit „Grabenkämpfe“ gegen­über den Jusos ver­an­stal­tet, anti­fe­mi­nis­ti­sches Verhalten gezeigt und ande­re Sprecher:innen nicht respek­tiert haben. Dieses Verhalten soll dann zu den vier Rücktritten geführt und den Studierendenrat zeit­wei­se nahe­zu hand­lungs­un­fä­hig gemacht haben. In zwei Rücktrittsschreiben, die der has­tu­zeit vor­lie­gen, wird aller­dings kei­ne spe­zi­fi­sche Hochschulgruppe erwähnt und all­ge­mein von ein­zel­nen Stura-Mitgliedern gesprochen.

Die OLLi hat zur gan­zen Problematik geschrie­ben, dass sie „[…] als Gruppe dazu kei­ne Äußerungen tref­fen [kann] […].“ Dies begrün­den sie damit, dass der Sachverhalt bereits zwei Jahre zurück­lie­ge: „Ein Großteil unse­rer Mitglieder ist erst seit die­sem Jahr aktiv. […] [Zudem haben wir] der­zeit eigent­lich kein schlech­tes Verhältnis zu ande­ren Hochschulgruppen.“

Vererbte Konflikte

Ein ehe­ma­li­ges Stura-Mitglied der Juso-HSG schrieb der has­tu­zeit: „[…] ehr­li­cher­wei­se hat der Stura schon län­ger damit zu kämp­fen, dass nie­mand mit­ein­an­der wirk­lich gut umgeht, was auch für mich der Grund war, zurück­zu­tre­ten. […] Das Verhalten gegen­über ande­ren Mitgliedern des Sturas […] war aber schon […] immer rough. Niemand schert sich wirk­lich dar­um, wie es ande­ren geht.“

Zwar sind sich alle Hochschulgruppen dar­über einig, dass pri­va­te Ausein­andersetzungen nichts im Stura zu suchen haben, aller­dings bleibt bei all die­sen Phänomenen ein bit­te­rer Nachgeschmack. Es wirkt, als wür­den aus poli­ti­schen Differenzen pri­va­te – die dann über die Amtszeiten hin­weg auch an neue Gesichter wei­ter­ver­erbt wer­den. Es gibt kei­nen fri­schen Start.

Natürlich gilt dabei, dass die Studierendenschaft immer nur die Spitze des Eisberges mit­be­kommt – die Außenwirkung. Einblicke dazu, was hin­ter ver­schlos­se­nen Türen pas­siert, gibt es nur sehr sel­ten. Bereits 2008 frag­te ein Gastbeitrag in der has­tu­zeit, ob der Stura noch zu ret­ten sei. Jetzt stellt sich die­se Frage erneut. Aber wie soll es wei­ter­ge­hen? Eine mög­li­che Antwort lie­fert das ehe­ma­li­ge Mitglied: „[…] der Stura soll­te sich weni­ger um sich selbst küm­mern, son­dern schlicht und ergrei­fend um die Belange der Studierenden […]“.

Statements

Wie stehen einige Hochschulgruppen zu privaten Auseinandersetzungen im Stura?

“[…] pri­va­te Differenzen [soll­ten] in der hoch­schul­po­li­ti­schen Arbeit kei­ne Rolle spie­len […]. Für unse­re Hochschulgruppe kön­nen wir fest­hal­ten, dass sol­che Konflikte unse­re Arbeit nicht beein­flusst haben.”

— Juso-HSG

„Private Auseinandersetzungen im Stura sind unnö­tig und kon­tra­pro­duk­tiv. Es be- las­tet die Arbeitsatmosphäre und, gera­de weil wir so weni­ge Aktive sind, macht die Arbeit ein­fach anstrengend.“

— OLLi

„[…] [Wir] leh­nen […] es ab, pri­va­te Konflikte in hoch­schul­po­li­ti­sche Gremien […] zu tra­gen. […] Wenn pri­va­te Auseinandersetzungen die Arbeit des Gremiums beein­träch­ti­gen oder zu einer poli­ti­schen Instrumentalisierung füh­ren, scha­det das nicht nur dem Ansehen des Stura, son­dern auch der Wirksamkeit stu­den­ti­scher Selbstverwaltung ins­ge­samt. Wir for­dern des­halb einen kla­ren Trennungsstrich zwi­schen per­sön­li­cher Ebene und poli­ti­scher Arbeit. Unser Ziel ist ein sach­li­cher, lösungs­ori­en­tier­ter und respekt­vol­ler Umgang.“

— LHG
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