Ein anderer Blickwinkel

True Crime erzählt meist vom Verbrechen – sel­ten vom Menschen dahin­ter. „Warum Menschen Böses tun“ von Gwen Adshead und Eileen Horne bricht mit die­sem Muster und lädt dazu ein, die Psychologie von Straftäter:innen dif­fe­ren­ziert zu betrachten.

In dem Buch wer­den nicht die Opfer oder die durch die Taten betrof­fe­ne Gesellschaft vor­ge­stellt, son­dern die indi­vi­du­el­len Geschichten der Straftäter:innen. Das Buch ent­stand in Zusammenarbeit mit der Autorin Eileen Horne, wo die foren­si­sche Psychiaterin Gwen Adshead von elf span­nen­den Fällen ihrer Klienten berich­tet. Während Gwen Adshead die fach­li­chen Inhalte und Fallbeispiele aus ihrer Arbeit als foren­si­sche Psychiaterin bei­steu­ert, sorgt Horne als Co-Autorin für eine ver­ständ­li­che und gut struk­tu­rier­te sprach­li­che Umsetzung.

Pädosexualität
Eine Straftat, in der die sexu­el­len Neigungen von Erwachsenen zu Kindern ver­übt bezie­hungs­wei­se aus­ge­lebt werden.

Verbrechen, die unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten, von Pädosexualität über Stalking bis hin zu Brandstiftung, wer­den behan­delt, wobei jede Geschichte ein indi­vi­du­el­les psy­cho­lo­gi­sches Profil und eige­ne Beweggründe auf­zeigt. Adshead erklärt ver­schie­de­ne Schritte, die zur Aufarbeitung der Straftaten unter­nom­men wer­den und gibt den Leser:innen dadurch einen umfas­sen­den Einblick in die Hintergründe und Mechanismen von kri­mi­nel­lem Verhalten. Die ein­zel­nen Personen hin­ter den Straftaten wer­den vor­ge­stellt, ohne sie jedoch als Monster dar­zu­stel­len. Die kom­ple­xen Biografien, psy­chi­schen Störungen und oft 

Gwen Adshead, Eileen Horne: Warum Menschen Böses tun
Originaltitel: The Devil You Know
Aus dem Englischen von Roberto de Hollanda
Köln: DuMont 2023 (Taschenbuch) 432 Seiten, 15,00 € (E‑Book: 10,99 €)

trau­ma­ti­schen Erfahrungen, die zu den jewei­li­gen Handlungen der Menschen geführt haben, zei­gen mehr. Es wird deut­lich, dass Straftaten nicht iso­liert betrach­tet wer­den kön­nen, son­dern immer im Kontext mit den Lebensumständen und den per­sön­li­chen Geschichten der Täter:innen stehen.

Lücken im System

Adshead macht im Buch deut­lich, dass bei vie­len Straftaten auch der Hintergrund struk­tu­rel­ler Versäumnisse im Gesundheitssystem bedacht wer­den muss. In meh­re­ren Fällen zeigt sich, dass psy­chi­sche Erkrankungen früh erkenn­bar waren, Betroffene jedoch kei­ne aus­rei­chen­de oder kon­ti­nu­ier­li­che Behandlung erhiel­ten. Fehlende Therapieplätze, unzu­rei­chen­de Nachsorge und man­geln­de Zusammenarbeit zwi­schen psych­ia­tri­schen Einrichtungen und sozia­len Hilfesystemen tra­gen dazu bei, dass not­wen­di­ge Interventionen zu spät oder gar nicht erfol­gen. Auch der beruf­li­che Alltag und per­sön­li­che Weg der foren­si­schen Psychiaterin wer­den trans­pa­rent gemacht sowie die Probleme und Vorteile, wel­che mit die­sem Beruf einhergehen.

Was die­ses Buch beson­ders lesens­wert macht, ist der Perspektivwechsel, den Adshead ermög­licht. Anstatt ein­fa­che Antworten zu lie­fern, for­dert sie die Leser:innen dazu auf, eige­ne mora­li­sche Gewissheiten zu hin­ter­fra­gen und Ambivalenzen aus­zu­hal­ten. Das Buch bie­tet kei­ne fer­ti­gen Urteile, son­dern regt dazu an, über Verantwortung, Schuld und gesell­schaft­li­che Zuständigkeiten neu nach­zu­den­ken. Das Zitat, wel­ches mir beson­ders im Kopf geblie­ben ist, lau­tet: „Jeden von uns hät­te es tref­fen kön­nen“. Mein per­sön­li­ches Highlight sind die Eingeständnisse von Fehlern oder Unsicherheit, wodurch man als Leser:in erken­nen kann, dass auch foren­si­sche Psychiater:innen nicht zu 100 Prozent urteils­frei sind, was die Fälle noch mensch­li­cher wir­ken lässt.

„Warum Menschen Böses tun“ bie­tet einen ein­zig­ar­ti­gen Einblick in die Psychologie von Straftäter:innen und ist emp­feh­lens­wert für alle, ein tie­fe­res Verständnis für die Motive hin­ter kri­mi­nel­lem Verhalten ent­wi­ckeln möch­ten und die Komplexität mensch­li­chen Handelns ver­ste­hen wol­len. Dabei spielt es kei­ne Rolle, ob man als Leser:in in die­sem Berufsfeld tätig oder fach­fremd ist, denn durch die ver­ständ­li­chen Erklärungen von Adshead fühlt man sich immer abge­holt. Ihr gelingt es, die Leser:innen durch eine Mischung aus detail­lier­ter Fallbeschreibung, kri­ti­scher Reflexion des Gesundheitssystems und per­sön­li­cher Perspektive zu fes­seln und gleich­zei­tig zum Nachdenken über die mensch­li­che Psyche und die gesell­schaft­li­chen Bedingungen von Kriminalität anzu­re­gen. Zum Schluss soll­te noch ein­mal betont wer­den, dass die­ses Buch nicht als Entschuldigung oder Rechtfertigung für die Tat und auch nicht der Bewertung der Strafe dient. 

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