Freiheit stirbt leise

Hinweis
Dieser Text the­ma­ti­siert sexu­el­le Gewalt 

Margaret Atwoods „Handmaid’s Tale“ („Der Report der Magd“) spielt in einer Welt, in der Körper poli­ti­siert, Gefühle gefähr­lich und Menschen auf aus­tausch­ba­re Funktionen redu­ziert wer­den. Dystopie oder ernst­zu­neh­men­de Mahnung?

Aus der Perspektive der Protagonistin Desfred zeigt Margaret Atwood eine Gesellschaft, die schlei­chend kol­la­biert ist. Desfreds Rückblicke sind hier­bei eine Chronik des all­mäh­li­chen Entzugs: erst die Kündigung aller Frauen, dann die Sperrung ihrer Konten, schließ­lich die tota­le Kontrolle ihrer Körper. „Natürlich stan­den Geschichten in den Zeitungen. […] Schrecklich, sag­ten wir, und sie waren es, aber sie waren schreck­lich, ohne glaub­haft zu sein. Sie waren zu melo­dra­ma­tisch, sie hat­ten eine Dimension, die nicht die Dimension unse­res Lebens war. Wir waren die Leute, über die nichts in der Zeitung stand.“ reflek­tiert Desfred. Ihre Selbsterkenntnis hallt wie ein Echo der Scham durch den gesam­ten Roman. Desfred wird bei der Flucht mit ihrem Mann und ihrer Tochter gefan­gen genom­men. Die drei wer­den von­ein­an­der getrennt. Sie wird eine Magd.

Leben in Gilead

Durch Umweltzerstörung und radio­ak­ti­ve Strahlung ist der Großteil der Republik Gilead, einem Teil des ehe­ma­li­gen Nordamerika, unfrucht­bar. Sexualität ist Staatsakt. Zu Beginn des Romans lebt Desfred bereits in die­sem tota­li­tä­ren Regime, das von christ­li­chen Fundamentalisten geführt wird. An ihrer Spitze: aus­schließ­lich Männer, die soge­nann­ten Kommandanten. Die gesam­te Gesellschaft wird in neue sozia­len Klassen organisiert.

Die Rollen der Frauen

Für Frauen gibt es kei­ne Berufe mehr, son­dern Rollen: Ehefrauen von Kommandanten haben die höchs­te gesell­schaft­li­che Stellung inne. Sie reprä­sen­tie­ren die eli­tä­re Oberklasse und tra­gen blau. Ökonofrauen hin­ge­gen sind die Ehefrauen von durch­schnitt­li­chen Männern. Ihre Kleidung ist gestreift. Die Tanten sind braun geklei­de­te Frauen mit begrenz­ter exe­ku­ti­ver Macht. Sie sichern das System ab, indem sie die Mägde beauf­sich­ti­gen und indok­tri­nie­ren. Tante Lydia ist dabei die schil­lernds­te Figur: gewalt­tä­tig, über­zeugt, mani­pu­la­tiv und zugleich fast per­ver­tiert fürsorglich.

Weniger Privilegien genie­ßen Marthas, Mägde und Unfrauen. Marthas sind für Aufgaben im Haushalt der Oberschicht zustän­dig: put­zen, kochen, pfle­gen. Sie tra­gen grün. Mägde (im Original „Handmaids“) wer­den einem hoch­ran­gi­gen Haushalt, der nicht in der Lage ist, selbst ein Kind zu bekom­men, zur Reproduktion zuge­teilt. Ihre Namen bestehen aus der Vorsilbe „Des-“ (im Original „Of-“) und der Nachsilbe, dem Vornamen des Kommandanten, dem sie gehö­ren. Sie tra­gen rote Kleider und wei­ße Hauben. Draußen müs­sen sie scheu­klap­pen­ähn­li­che Hüte tra­gen. Sie leben nicht, um die Welt zu erle­ben. Sie leben, um sie zu erhal­ten. Die unters­te Gruppe sind die Unfrauen: Feminist:innen, Lesben, unfrucht­ba­re Frauen, Frauen mit Behinderungen, poli­tisch Unangepasste. Wer zur Unfrau erklärt wird, wird in die Kolonien geschickt, ver­seuch­te Arbeitslager, in denen gif­ti­ge Abfälle einen qual­vol­len Tod einleiten.

Auslegung der Bibel

Gilead ist in der Bibel ein Teil des ver­hei­ße­nen Landes. Die theo­kra­ti­sche Diktatur der soge­nann­ten Republik Gilead stützt sich zum Machterhalt auf diver­se, aus dem Kontext geris­se­ne, Bibelverse. Die Bibel fun­giert als Dissonanzreduktion für all die Brutalität, die das System zum Bestehen ver­langt. Ein Machtgefälle, legi­ti­miert durch höhe­re Mächte. Jezebel bei­spiels­wei­se ist eine bibli­sche Figur, nach der ein gehei­mes Bordell benannt ist. Hier wer­den eini­ge attrak­ti­ve, gebil­de­te Frauen gezwun­gen zu arbei­ten, also von Kommandanten miss­han­delt zu wer­den. Bordelle sind in Gilead eigent­lich ver­bo­ten. Dennoch wird deren Existenz durch ein inof­fi­zi­el­les Einverständnis gedul­det. Das „Jezebel’s“ ver­kör­pert Doppelmoral in Reinform.

Bibelsprüche und Kerzenschein ver­ne­beln auch das Privatleben. Das pseu­do­re­li­giö­se Ritual der Zeremonie ist eine der scho­ckie­rends­ten und gleich­zei­tig ein­drucks­volls­ten Praktiken, die Gilead zu bie­ten hat. Während die Magd von der Ehefrau ihres Kommandanten an den Handgelenken fest­ge­hal­ten wird, liegt sie der Ehefrau im Schoß und wird von ihm ver­ge­wal­tigt. Davor liest der Kommandant eine Geschichte aus der Bibel vor, die die nach­fol­gen­de insti­tu­tio­nel­le Gewalt zu recht­fer­ti­gen ver­sucht. Dieses Ritual fin­det an den frucht­ba­ren Tagen der Magd statt. Die Zeremonie ist kein Liebesakt, sie ist ein Akt der Kontrolle und Demütigung.

Margaret
Atwood:
Der Report
der Magd
Originaltitel:
A Handmaid’s
Tale
Aus dem Ameri-
kani­schen von
Helga Pfetsch
München: Piper Taschenbuch 2020
416 Seiten, 15,00 € (E‑Book 11,99 €)

Das System ver­langt Reinheit, pro­du­ziert jedoch Leere: Atwood beschreibt die Zeremonie auf emo­tio­na­ler Ebene wie eine Art Dissoziation auf allen Seiten. Die Magd über­lebt, indem sie inner­lich abschal­tet. Die Ehefrau erträgt Demütigung, um gesell­schaft­li­chen Status zu sichern. Der Kommandant ver­steckt sich hin­ter Ritualen und Gesetzen.

Neben dem Abschalten wird Erinnerung zum Widerstand. Desfreds Inneres ist nicht in Gilead ver­an­kert, ein Teil lebt in der Vergangenheit: Sie erin­nert sich zum Beispiel an die Stimme ihrer femi­nis­ti­schen Mutter. Desfred nährt sich gedank­lich von ver­gan­ge­nen Bindungen. Sie denkt an ihre Tochter oder ihren Partner Luke, grenzt dabei Sexualität und Liebe ab und kommt zu einem bit­te­ren Fazit: „Es ist der Mangel an Liebe, an dem wir ster­ben.“ Atwood ver­wen­det Liebe nicht als roman­ti­sche Kategorie, son­dern als poli­ti­sches Gegengewicht: Bindung, Solidarität, Menschlichkeit.

„Nolite te bas­tar­des car­bor­undo­rum.“ Ein Satz, den Desfred ein­ge­ritzt in ihrem Zimmer fin­det, wird zu ihrem inne­ren Mantra, einem Gegennarrativ zur Manipulation durch das System und sei­ner Handlanger. Der Satz ist Pseudolatein für: „Don’t let the bas­tards grind you down.“ In der deut­schen Übersetzung wur­de er lei­der ersetzt durch das küchen­la­tei­ni­sche „Hirundo male­fi­cis evol­tat“, was im Roman mit „Die Schwalbe ent­flieht den Bösewichten“ über­setzt wurde.

Analyse

Atwood kon­stru­iert den Report der Magd als Archiv einer Frau, deren Leben in Erinnerungsfragmente zer­fal­len ist. Die Erzählung springt zwi­schen Gegenwart und Vergangenheit. In die­sen Sprüngen wird sicht­bar, wie sich der Totalitarismus als ein all­mäh­li­ches Eindringen voll­zieht. Tante Lydias Zitate durch­zie­hen den Text ohne Anführungszeichen, was ihnen den Charakter einer inne­ren Stimme gibt.

Sätze wie „Es gibt mehr als nur eine Form von Freiheit, sag­te Tante Lydia, Freiheit zu und Freiheit von. In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu. Jetzt bekommt ihr die Freiheit von. Unterschätzt sie nicht.“ oder das zutiefst pater­na­lis­ti­sche „Es ist für euer eige­nes Wohl“ zei­gen, wie Ideologie in den Körper über­geht. Atwood schafft damit nicht nur eine mani­pu­la­ti­ve Rhetorik, son­dern eine Bildlichkeit des Kreislaufs: Die Geschichte wie­der­holt sich.
Parallel zu Lydias Indoktrination drin­gen Erinnerungen an Menschen, die Desfred einst getra­gen haben, immer wie­der in ihren Gedankenstrom ein. Sie wir­ken wie klei­ne Licht­inseln im Dunkel. Es sind die­se inne­ren Rückzugsräume, die ihr Kraft geben, ohne dass sie dem System offen wider­spre­chen könn­te. Zugleich hält sie an win­zi­gen äuße­ren Zeichen des Widerstands fest – allen vor­an: „Nolite bas­tar­des carborundorum“.

Atwood ver­klärt nichts davon: Sie setzt Desfreds Widerstand nicht mit Glücklichsein oder Sicherheit gleich. Sie benennt ihr Leid klar: ihre Langeweile, ihre Vereinsamung, das lang­sa­me Brechen eines Menschen, der kaum noch Handlungsspielraum besitzt. Gerade in die­ser Reduktion zeigt die Autorin, wie Überleben mög­lich bleibt: Das Lenken der Wahrnehmung wird zur Ressource.

Atwood zeigt glei­cher­ma­ßen das Leid aller Frauen unter Gilead, Magd bis Ehefrau. Lesen steht für sie alle unter Strafe, Kleidung mar­kiert und kon­trol­liert, alle kön­nen sie jeder­zeit zur Unfrau erklärt wer­den. Selbst Tanten genie­ßen ihre Macht nur auf Kosten bedin­gungs­lo­ser Loyalität. Das System redu­ziert Menschen auf ihre Funktionen und erzeugt Gewalt: Keine ist sicher.

Die Figur der Desfred

Desfred ist eine gelun­ge­ne Erzählerin, weil sie das Politische im Privaten ver­kör­pert. Ihr wird fast jeg­li­che Freiheit genom­men. Sie ist eine Figur mit Funktion, kein Mensch. Es wird sogar über­wacht, ob sie sich etwas antun könn­te. Ihre Passivität ist daher kei­ne Charakterschwäche, son­dern ein Symptom ihres Systems.

Außerdem erzeugt ihre Existenz als Magd eine Ambivalenz: Sie ver­kör­pert das Fortbestehen von Gilead, was ihr auf der einen Seite viel Macht ein­räu­men könn­te. Diese wird aber wie­der­um vom System selbst auf ein Minimum redu­ziert. Sie ist daher nicht die Heldin, die auf­steht. Sie ist eine, die denkt, erkennt und erin­nert. Gerade das macht den Roman so glaub­wür­dig: Widerstand beginnt sel­ten mit heroi­schen Gesten, son­dern mit der Weigerung, zu vergessen.

Paradoxie der Weiblichkeit

Die Frauenrollen in Gilead wir­ken auf den ers­ten Blick über­spitzt, doch sie spie­geln die wider­sprüch­li­chen Ideale, die auch gegen­wär­tig an Frauen gestellt wer­den. Atwood über­zeich­net nicht, sie spinnt bestehen­de Erwartungen an Frauen logisch wei­ter. Marthas: flei­ßig, ohne Bedeutung, Ehefrauen: ange­se­hen, aber ste­ril, sozi­al deko­ra­tiv, Mägde: hyper­frucht­ba­re Körper ohne Rechte, Unfrauen als Mahnmal des Systems. In die­sen Rollen kon­den­sie­ren Paradoxien, die bis heu­te wir­ken: Frauen sol­len attrak­tiv sein, aber wer zu attrak­tiv ist, gilt als inkom­pe­tent. Kompetenz wird gelobt, bis sie bedroh­lich wird. Sie sol­len begeh­rens­wert sein, aber nicht zu frei­zü­gig. Mütterlich, aber nicht ver­ein­nah­mend. Die Liste lie­ße sich fort­füh­ren. Durch Atwoods Figuren wird deut­lich, dass patri­ar­cha­le Rollenbilder nicht ein­fach ver­schwin­den, nur weil sich ihre Form verändert.

Aktualität


Die heu­te 86-jäh­ri­ge Margaret Atwood beton­te selbst, dass sie in ihren Romanen nichts erfin­de, was nicht bereits irgend­wo auf der Welt exis­tiert (hat). Der Roman erschien 1985. Bis 2026 wur­de in meh­re­ren US-Bundesstaaten ent­schie­den, „A Handmaid’s Tale“ aus vie­len Schulen und öffent­li­chen Bibliotheken zu strei­chen. Parallel dazu gewin­nen welt­weit queer­feind­li­che Strömungen an Anhänger:innen, repro­duk­ti­ve Rechte wer­den infra­ge gestellt und die Anzahl der Gewaltdelikte gegen FLINTA* steigt. Atwoods Roman wirkt des­halb wie eine Mahnung, die sich wei­gert, alt zu wer­den. Er for­dert mehr als nur Zynismus: Er for­dert Wachsamkeit. Er for­dert Sensibilität für schlei­chen­de Verschiebungen statt des Wartens auf einen gro­ßen Knall.

Margaret Atwood 2015 in einer Stockholmer Buchhandlung.
Foto: Frankie Fouganthin (CC BY-SA 4.0)

Freiheit stirbt, wenn Kultur zen­siert wird, auch ohne Verbrennungen. Sie stirbt in der Sprache, in der Verschiebung von Bedeutungen. Sie stirbt, wenn Gruppen aus­ge­schlos­sen wer­den – erst lei­se, dann offen. Freiheit stirbt im Privaten, im Wegsehen, im Gedanken, es betref­fe nur die ande­ren. Freiheit stirbt leise.

Text: Lena Würstlein

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