Lesen liegt im Trend. Doch zwiÂschen Uni, Arbeit und Alltag bleibt das Buch oft lieÂgen. In Halle setÂzen zwei Buchclubs mit unterÂschiedÂliÂchen Konzepten neue Impulse: Einer lädt zum stilÂlen Lesen ein, der andeÂre zum offeÂnen Austausch.
Ob in der Tram, im Freibad oder im Wartezimmer, geleÂsen wird überÂall. Auch in den soziaÂlen Medien wie TikTok oder Instagram ist Literatur längst angeÂkomÂmen. Die Jahresbilanz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für 2024 bestäÂtigt dieÂsen Eindruck: Der Gesamtumsatz der Buchbranche stieg um 1,8 Prozent auf 9,88 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür sind vor allem junÂge Menschen. Während insÂgeÂsamt weniÂger Menschen Bücher kaufÂten, nahm die Zahl der Buchkäufer:innen zwiÂschen 16 und 19 Jahren um ganÂze 9,6 Prozent zu. Bei den 20- bis 29-Jährigen lag das Plus bei immerÂhin 7,7 Prozent.
Doch gekaufÂte Bücher wolÂlen vor allem eins: geleÂsen werÂden. Ein Buch ist schnell gekauft, das Lesen hinÂgeÂgen benöÂtigt Zeit. Zeit, die man sich aktiv nehÂmen muss. Zwei Projekte in Halle wolÂlen dabei Abhilfe schaffen.
„Das Gespräch mit anderen kann die Augen öffnen“
Ein ganz klasÂsiÂsches Konzept verÂfolgt der Literaturkreis, der unter dem FSR Neuphilologien der PhilFak II orgaÂniÂsiert wird. Angefangen hat alles mit einem Aufruf im Wintersemester 2021/22. Gesucht wurÂden interÂesÂsierÂte Kommiliton:innen, die sich gemeinÂsam über Bücher ausÂtauÂschen wolÂlen. Mittlerweile ist eine fesÂte Gruppe entÂstanÂden, die sich einÂmal im Monat trifft. Eine wieÂderÂkehÂrenÂde Struktur haben die Treffen jedoch nicht. „Zuerst reden wir über die Bücher, die wir indiÂviÂduÂell in letzÂter Zeit geleÂsen haben. Dann spreÂchen wir locker entÂweÂder über das gemeinÂsam geleÂseÂne Buch, ein vorÂher festÂgeÂlegÂtes Thema, oder einÂfach, worÂauf wir so Lust haben“, erklärt die Gruppe.
Die Bandbreite an bisÂher gemeinÂsam geleÂseÂnen Büchern ist groß. Von femiÂnisÂtiÂschen Romanen wie „Rebecca“, Buchpreisgewinnern wie „Blutbuch“ bis hin zur aktuÂelÂlen Lektüre des Klassikers „Der talenÂtierÂte Mr. Ripley“ ist alles dabei. Welches Buch als nächsÂtes disÂkuÂtiert wird, wird demoÂkraÂtisch entÂschieÂden. Seitdem gemeinÂsam Bücher geleÂsen werÂden, hat sich der Blick der Teilnehmer:innen auf die Literatur verÂänÂdert. „Das Gespräch mit andeÂren kann die Augen öffÂnen für andeÂre Genres, bei denen man selbst Vorurteile oder Desinteresse hatÂte.“ Bei den Treffen geht es jedoch nicht nur um Bücher, sonÂdern auch um die gemeinÂsam verÂbrachÂte Zeit. „Das Schönste ist immer das gemeinÂsaÂme Zusammensitzen.“ Kontakt zum Literaturkreis kann über die Stud.IP-Gruppe „Literaturkreis“ aufÂgeÂnomÂmen werden.
„Normale Buchclubs sind kein Erfolgsrezept“
Dass gemeinÂsaÂmes Lesen auch anders geht, beweist ein recht ungeÂwöhnÂliÂches Buchclubkonzept: „Jeder kennt Leute, die Buchclubs gegrünÂdet und sich für ein Buch, das gemeinÂsam geleÂsen wird, entÂschieÂden haben. Am Ende hat das Buch aber nieÂmand geleÂsen. Normale Buchclubs sind kein Erfolgsrezept“, meint Tabea. Gemeinsam mit Lea grünÂdet Tabea desÂhalb im Dezember 2024 den silentÂbookÂclub Halle. Die Idee ist nicht neu. Bereits im Jahr 2012 fand das ersÂte Treffen eines silentÂbookÂclubs in San Francisco statt. Seitdem entÂsteÂhen überÂall neue Kapitel, wie die einÂzelÂnen Ableger genannt werÂden. In Deutschland exisÂtieÂren mittÂlerÂweiÂle rund 30 silentbookclubs.
Das Konzept der silentÂbookÂclubs ist simÂpel. Jede:r bringt ein eigeÂnes Buch mit, in dem wähÂrend der Treffen geleÂsen wird. Anders als in konÂvenÂtioÂnelÂlen Buchclubs gibt es keiÂne gemeinÂsaÂme Lektüre. Jede:r liest für sich allein. In Halle gibt es zwiÂschen den zwei Lesephasen zusätzÂlich Zeit zum Austausch. In dieÂser Phase kann über das zuvor Gelesene gesproÂchen werÂden. „Lesen ist ein relaÂtiv einÂsaÂmes Hobby; dem wolÂlen wir entÂgeÂgenÂwirÂken“, erklärt Lea.
Als die beiÂden Studentinnen im Spätsommer 2024 anfanÂgen nach einem Kapitel in der Nähe zu recherÂchieÂren, tritt schnell Ernüchterung ein. Der nächsÂte Ableger befinÂdet sich in Leipzig. „Wir saßen zu dritt auf der Couch: Tabea, ich und unser inneÂrer Schweinehund“, erzählt Lea. Statt zu den monatÂliÂchen Treffen zu penÂdeln, beschlieÂßen sie kurÂzerÂhand, ein eigeÂnes Kapitel zu grünÂden. „Zehn Minuten späÂter haben wir uns einÂgeÂleÂsen, wie man eine Website erstellt“, so Lea.

Vor der ersÂten Veranstaltung haben beiÂde viel Werbung gemacht, minÂdesÂtens zehn Lesebegeisterte sollÂten es werÂden. „Zum ersÂten Treffen gab es dann so viel Andrang, dass wir aufÂstoÂcken mussÂten“, erzählt Lea. Mittlerweile nehÂmen 30 bis 45 Menschen teil. Das Interesse ist so groß, dass immer mehr Leute auf der Warteliste steÂhen. „Wir dachÂten, es wird nur eine kleiÂne Sache“, gibt Tabea zu. Fast die Hälfte aller silentÂsouls – wie die Teilnehmer:innen genannt werÂden – kommt wieÂder. Einige sind sogar bei jedem Treffen dabei. Durch den Buchclub sind inzwiÂschen sogar richÂtiÂge Freundschaften entÂstanÂden. „Die Idee ist, dass sich Leute kenÂnenÂlerÂnen und sich auch außerÂhalb trefÂfen“, so Lea.
Um noch mehr wachÂsen zu könÂnen, braucht es vor allem geeigÂneÂte Räume. „Es ist uns ein Anliegen, Halle zu entÂdeÂcken“, meint Lea. Doch bei der Raumsuche gibt es Probleme. Fehlende Barrierefreiheit oder zu teuÂre Mieten grenÂzen die Auswahl ein. Kooperationen mit andeÂren Institutionen der Stadt helÂfen dabei. So fand in der Vergangenheit ein Treffen im Werkraum des Neuen Theaters statt. Im Anschluss haben sich die silentÂsouls die Inszenierung „Die Weber“ angeÂschaut. Auch die Stadtbibliothek, das Endlos und das Literaturhaus Halle dienÂten schon als Location. Mit dem Literaturhaus wagÂten sich Lea und Tabea auch an ein neuÂes Format. Statt der übliÂchen Uhrzeit von 12.00 bis 15.00 Uhr fand im September zum ersÂten Mal eine Nachtlesung von 18.00 bis 21.00 Uhr statt. Wie es in Zukunft mit ihrem Buchclub weiÂterÂgeÂhen soll, wisÂsen die beiÂden genau. Neben jährÂliÂchen Kooperationen und der Planung eines Hörbuchspaziergangs gibt es groÂße Pläne. „Eine Schiffsfahrt, auf der wir lesen, wäre toll“, erzählt Tabea.
Illustration: Editor B (CC BY 4.0) commons.wikimedia.org/wiki/File:Book_(cartoon).svg
