Zwischen Rouladen und Bürokratie

Neues Land, frem­de Sprache, vie­le Fragezeichen: Das Buddy-Programm der MLU bringt inter­na­tio­na­le und hal­li­sche Studierende zusam­men und will so das Ankommen leich­ter machen.

Halle (Saale) Hauptbahnhof,
Foto: Tom Roeloffzen

Es ist der 1. Oktober 2025. Denise steht am Gleis des Hauptbahnhofs in Halle und war­tet auf einen Menschen, den sie noch nie getrof­fen hat. Als der Zug ein­fährt, strö­men aus ihm unzäh­li­ge Reisende. Eine von ihnen ist Giuseppina – Denises Tandempartnerin. Giuseppina stu­diert eigent­lich Philosophie in Neapel, doch die nächs­ten sechs Monate ver­bringt sie als Erasmusstudentin in Halle. 

Als sie mit ihrem Koffer aus dem Zug steigt, erkennt Denise Giuseppina sofort. „Ich sah sie mit ihrem Koffer und dach­te: ‚That’s my girl‘“, erzählt Denise. Vorher hat­ten sie sich abge­spro­chen, was sie tra­gen wür­den – zur Sicherheit, damit sie sich nicht ver­pas­sen. „Wir haben uns erst noch ein­mal vor­ge­stellt, weil wir uns noch nicht in echt gese­hen hatten.“

Ein Schlüssel zum Ankommen

Denise und Giuseppina sind ein Match. Ein Match des International Office der Martin-Luther-Universität. Das Programm, das die bei­den zusam­men­ge­bracht hat, funk­tio­niert nach einem ein­fa­chen Prinzip. Zu jedem Semesterstart matchen des­sen Mitarbeiter:innen Incomer und Studierende der MLU, die Buddies genannt wer­den. Wer Buddy wer­den möch­te, muss sich min­des­tens im drit­ten Semester befin­den und Deutsch auf dem Niveau C1 spre­chen. Faktoren, die Einfluss auf das Match neh­men, sind zum Beispiel das Geschlecht, der Studiengang und die Sprachkenntnisse der Tandempartner:innen. Die Buddies sol­len den Internationals das Ankommen in Halle erleich­tern, indem sie bei Fragen rund um die Studienorganisation hel­fen oder zum Beispiel Wohnheimschlüssel abholen.

Lucky Charm aus Neapel

Illustration: Anna Pauline Mühlfriedel

Diese kön­nen nur zu bestimm­ten Öffnungszeiten bei den Hausmeister:innen der Wohnheime abge­holt wer­den. Da Giuseppina erst spät abends ankam, hat sich Denise bereits vor­her um den Schlüssel geküm­mert, damit die Ankunft so rei­bungs­los wie mög­lich ablau­fen kann. Bevor sich die bei­den jedoch auf den Weg zum Wohnheim machen konn­ten, hat­te Giuseppina noch ein klei­nes Geschenk für Denise dabei. „Ich habe ihr einen Lucky Charm aus Neapel mit­ge­bracht. Es ist eine klei­ne Chili.“ Sie selbst trägt den glei­chen Anhänger an ihrem Armband.

Mein Buddy ist ein echter Mensch

Denise und Giuseppina
Foto: Leonie Brommer

Anfangs wuss­te Giuseppina nicht viel vom Buddy-Programm. „Ich habe eine E‑Mail erhal­ten, dass sie mein Buddy ist, und dann haben wir uns über WhatsApp kon­tak­tiert.“ Ein ers­tes gemein­sa­mes Selfie vom Gleis schick­te Giuseppina an ihre Mutter. „Als Beweis, dass mein Buddy ein ech­ter Mensch ist“, wit­zelt sie. In Italien gebe es kein ver­gleich­ba­res Programm. „Ich fin­de, dass wir das auch machen müss­ten, weil es auch für Erasmusstudierende wie mich, die kein Deutsch spre­chen, sehr gut ist.“

„Es ist so schwie­rig, in ein neu­es Land zu kom­men, wo man nie­man­den kennt, die Sprache nicht spricht – das ist so schwer. Man braucht jeman­den, der einem alles zeigt“, erzählt Giuseppina. Denise habe ihr beson­ders in den ers­ten Tagen gehol­fen, als sie ihre Familie ver­misst hat. Ganz allein ist Giu­seppina jedoch nicht nach Deutschland gekom­men. „Ich bin mit einer Freundin gekom­men, sie heißt Isabella, und ich habe sie in der WhatsApp-Gruppe der Erasmusstudierenden kennengelernt.“

Mittlerweile hat Giuseppina eini­ge neue Kontakte geknüpft, mit denen sie Ausflüge nach Dresden, Weimar und Leipzig gemacht hat. Viele von ihnen kom­men eben­falls aus Italien und stu­die­ren Philosophie in Halle.

Erfahrungen, die verbinden

Dass das Ankommen in einem frem­den Land nicht immer ein­fach ist, weiß Denise aus eige­ner Erfahrung. Als sie für einen Auslandsaufenthalt in die USA geht, mel­det sie sich für ein ähn­li­ches Buddy-Programm an. Gute Erfahrungen macht sie mit ihrem Buddy jedoch nicht. In den fünf Monaten, die Denise in den USA ver­bringt, trifft sie ihre Tandempartnerin nur ein ein­zi­ges Mal. Als sie zurück nach Halle kommt und erfährt, dass die MLU ein ähn­li­ches Programm anbie­tet, steht ihr Entschluss fest, selbst teil­zu­neh­men. „Ich dach­te mir: Ja, das kann ich bes­ser machen“, erzählt Denise. Als Buddy müs­se man sich bewusst sein, dass die Umstände für die Incomer schwie­rig sein kön­nen. Wenn man selbst noch nie in einer ver­gleich­ba­ren Situation war, sei es umso wich­ti­ger, sich klar­zu­ma­chen, dass man für die­se Person da ist – und oft ihre ers­te Ansprechperson.

Seit ihrer ers­ten Begegnung haben die bei­den Studentinnen sich nicht nur um büro­kra­ti­sche Probleme geküm­mert, son­dern auch all­täg­li­che Hürden gemeis­tert. „Wir waren Adapter kau­fen und auch in der Mensa“, so Denise. „Und wir sind sehr viel gelau­fen“, ergänzt Giuseppina. Die nächs­ten gemein­sa­men Aktivitäten sind bereits geplant. In den kom­men­den Wochen wol­len die bei­den zu einem Eishockeyspiel der Saale Bulls gehen und ein tra­di­tio­nel­les Abendessen mit Rouladen, Rotkohl und Klößen ver­an­stal­ten. Auch wenn sich die bei­den noch nicht lan­ge ken­nen, haben sie schon eini­ges von­ein­an­der gelernt. „Ich ver­bes­se­re mein Englisch mit ihr und habe sogar schon eini­ge Wörter auf Deutsch gelernt“, so Giuseppina. „Wir haben noch Zeit, um viel von­ein­an­der zu ler­nen“, ergänzt Denise.

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