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Mit Verbotsanfragen gegen geschlechtergerechte Sprache oder ganze Fächer versuchen rechte Akteur:innen immer wieder aufs Neue, Zugang zu universitären Strukturen zu bekommen. Im Gespräch erzählt Prof. Dr. Lewandowsky, inwieweit das Erstarken des rechten Spektrums Universitäten beeinflusst oder gar angreift.
Prof. Dr. Marcel Lewandowsky ist Professor für Regierungslehre und Policyforschung am Institut für Politikwissenschaft. Er forscht unter anderem zu autoritären Regimen, Populismus und demokratischer Regression. Der Politikwissenschaftler veröffentlichte zahlreiche Bücher und Beiträge zum Rechtsruck, zur AfD sowie zu Wahlverhalten in Deutschland.
Welche zentralen Werte prägen die Leitlinien deutscher Universitäten?
Zentral ist vor allem die Freiheit von Forschung und Lehre in Artikel 5 [des Grundgesetzes] und das beinhaltet auch die Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Diese ist umgekehrt natürlich insofern wertgebunden, weil sie an das Grundgesetz angeschlossen ist. Die Freiheit von Forschung und Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.
Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes verdeutlicht die Autonomie der Wissenschaft: Während Forschende ihre Arbeit, beispielsweise die Themen und Methoden, frei von staatlichem und politischem Eingreifen gestalten können, müssen sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung wahren und dürfen damit keine verfassungsfeindlichen Inhalte lehren.
Wie wirken sich aktuelle politische Verschiebungen, wie das Erstarken des rechten Spektrums, auf die universitäre Landschaft, ihre Diskurse und Entscheidungen aus?
Was wir sehen, ist, dass die Universitäten unter Druck stehen, und das nicht erst seit dem Erstarken der AfD. Geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Fächer werden von manchen seit geraumer Zeit in ihrer Existenz hinterfragt; sicherlich auch zugunsten einer Präferenz für beispielsweise ingenieurwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Studiengänge. Vor allem Parteien der radikalen Rechten kritisieren bestimmte Fachrichtungen, von denen sie behaupten, dass sie lediglich der Verbreitung politischer Ideologien dienen, etwa Gender Studies oder postkoloniale Studien. Der Argwohn gegenüber diesen Fächern ist aber nicht auf die radikale Rechte beschränkt, sondern bis weit ins konservative Spektrum und darüber hinaus zu finden.
| Grundgesetz, Artikel 5 (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. |

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Inwiefern richtet sich diese Kritik gegen die Wissenschaftsfreiheit oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung?
Die Hinterfragung der Sinnhaftigkeit bestimmter Fächer ist per se nicht gegen die Wissenschaftsfreiheit oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung selbst gerichtet. Die Fächerlandschaft verändert sich, und da sind Diskussionen richtig. Das sehen Sie etwa in der Herausbildung neuer Fächer oder auch darin, dass bestimmte Fächer, etwa mangels Nachfrage, nicht weiterbetrieben werden.
Der Unterschied liegt aus meiner Sicht darin, dass es nicht darum geht, eine fachliche Debatte über den Gehalt solcher Fächer anzustoßen, sondern dass über die Kritik an diesen Fächern bestimmte Feindbilder bedient werden sollen. Bei der Kritik an Gender Studies geht es oftmals auch darum, ein bestimmtes politisches oder akademisches Milieu zu kritisieren. Das machen die Akteure vor allem deshalb, weil sie für sich in Anspruch nehmen, einen vernunftgeleiteten Diskurs zu führen oder den „Common Sense“ zu vertreten. Sie wollen sich dadurch von einem vermeintlichen linken akademischen Milieu abgrenzen, dem sie vorwerfen, es würde mit öffentlichen Geldern finanziert seine Ideologie verbreiten. Das ist nichts anderes als das, was wir schon seit Jahrzehnten als Kulturkampf-Strategie der radikalen Rechten kennen.
Wie kann der Einfluss der AfD auf gesellschaftliche Narrative und Definitionen universitäre Debatten berühren?
| Infokasten Kleine Anfrage der AfD im Landtag Sachsen-Anhalts Im Juni 2025 stellte die AfD eine kleine Anfrage im Landtag Sachsen-Anhalts, in der sie die Hochschulen des Bundeslandes dazu aufforderte, Seminare, Wissenschaftler:innen und Projekte mit einem postkolonialen Zusammenhang aufzuführen. Eine kleine Anfrage ist ein parlamentarisches Kontrollinstrument, um Informationen zu gewinnen. Diese samt der Antwort des Landesregierung kann auf der Website des Landtages Sachsen-Anhalt nachgelesen werden. Die kleine Anfrage kann als Versuch eingeordnet werden, kritische Wissenschaften zu problematisieren, zu delegitimieren sowie Einfluss in universitären Strukturen zu erlangen. |
Allgemein wissen wir, dass eine starke parlamentarische Repräsentanz rechtsradikaler Parteien dazu führt, dass andere Parteien sich ihren Positionen annähern und sich teils ähnlicher Rhetorik bedienen. Diese Positionen sind dadurch nicht isoliert nur Positionen der AfD, sondern gewinnen im politischen Mainstream an Raum. Das betrifft vor allem das Thema Migration, aber auch andere, vor allem gesellschaftspolitische Themen.
Kann das Erstarken rechter Narrative das universitäre Wertesystem verändern?
Die Frage ist schwierig zu beantworten. Es gibt bestimmte Rechtsgrundlagen, das Grundgesetz, und es gibt die Hochschulgesetze der einzelnen Länder. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist die, dass man natürlich schauen muss, ob die Strategie solcher Parteien aufgeht. Wenn solche Parteien durch Anfragen in den Parlamenten dafür sorgen, dass ein bestimmter Druck ausgeübt wird und in den Hochschulen diesem Druck vorschnell nachgegeben wird, dann kann das aus meiner Sicht zu einer Atmosphäre der Angst unter Forschenden und Lehrenden führen – was auch von der radikalen Rechten gewollt ist. Notwendig ist hier, dass die Hochschulen und die Beschäftigten wissen, was ihre Rechte sind und wodurch sie geschützt sind.
In den USA sieht man ja beispielsweise durch die Bookbanning-Debatte, dass Werte in den Schulen komplett verdrängt werden. Halten Sie eine solch drastische Entwicklung der Wertverdrängung an deutschen Universitäten auch für möglich?
Die USA sind natürlich, was diese Fragen angeht, ein spezieller Fall. Es gibt in den Vereinigten Staaten einen sehr viel breiteren gesellschaftlichen Druck in diese Richtung, weil vor allem die christlichen Nationalisten in den USA sehr viel stärker sind als hier.
| “Hochschulen haben viel Autonomie” |
Würden Sie sagen, dass deutsche Universitäten resilienter sind, beispielsweise durch ihre rechtlichen Rahmenbedingungen?
Deutschland hat gute rechtliche Rahmenbedingungen für die Universitäten. Die Hochschulen haben viel Autonomie und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind durch das Grundgesetz stark geschützt. Wenn es um die Frage der individuellen Wissenschaftsfreiheit geht, ist der Schutz relativ hoch. Auch die existierenden Steuerungsinstrumente, wie etwa Zielvereinbarungen und Hochschulgesetze, sind an die im Grundgesetz fixierte Freiheit von Forschung und Lehre gebunden. Trotzdem würde eine rechtsradikale Regierung versuchen, in die Autonomie der Universitäten einzugreifen – das wird auch recht offen so gesagt. Wie eine solche Strategie genau aussehen würde, müsste man dann sehen. Die Universitäten sind Einrichtungen, in denen Forschungs- und Lehrfreiheit gelebt wird. Als solche müssen sie sich im Konfliktfall auch verstehen.
Interview: Julia Schöpfer
