Opfer ist man nicht, man wird dazu gemacht – von einer Gesellschaft und daraus erwachsenen Strukturen, die wenig Raum für Empathie lassen oder diese bewusst an bestimmte Bedingungen knüpfen. Es gibt Wege, sich dagegen zu wehren und einzustehen für den universellen Respekt, der jedem Menschen gebührt. Manchmal ist der beste Weg dafür eben die Filmkunst.

Pride (2014) von Matthew Warchus GB / 120 min / FSK 12
Es ist Sommer 1984 und in Großbritannien streiken seit März die Bergarbeiter:innen gegen die geplanten radikalen Einsparungen unter Premierministerin Margaret Thatcher. Das Geld in den Communities ist knapp, denn die Regierung hat sämtliche solidarischen Spenden an die Gewerkschaft beschlagnahmt. Da klingelt im kleinen walisischen Dorf Onllwyn das Telefon: Eine Gruppe aus London mit dem Namen LGSM hat Gelder gesammelt, um die Streikenden zu unterstützen. Hocherfreut werden sie eingeladen. Was das Dorf jedoch da nicht ahnt: LGSM steht für „Lesbians and Gays Support the Miners“ … Die Idee zu LGSM stammt von dem queeren Aktivisten Mark Ashton. Es war eine spontane Aktion zum Pride-Marsch, bei der er das erste Mal mit ein paar Freund:innen Geld für die Bergleute sammelt. Seine Begründung: Unsere beiden Gruppen werden doch von der gleichen Regierung zusammengeknüppelt. In der queeren Szene Londons stößt er auf großes Unverständnis, viele der Menschen sind selbst aus der ländlichen Heimat in die Stadt gezogen, um dort zumindest ein bisschen Freiheit von Vorurteilen genießen zu können. Und ebenso sind viele Bergleute aufgrund queerfeindlicher Haltungen gegen eine Zusammenarbeit mit LGSM; das bekommen auch die Mitglieder bei ihrer Ankunft in Wales zu spüren. Doch sind eben auch nicht alle so starrköpfig und genau an diesem Punkt entspinnt sich dann etwas ganz Zauberhaftes.
Der Film zeigt eine Begegnung zweier Gruppen, die beide nachhaltig prägen wird. Es ist die komische wie dramatische Geschichte einer Zusammenarbeit, welche bis heute ein Beispiel setzt für die Macht der Freundschaft und Solidarität. Verbündete finden sich manchmal an unerwarteten Orten, doch sie sind unentbehrlich im Kampf gegen Tyrannei und Unterdrückung.

Im Labyrinth des Schweigens (2014) von Giulio Ricciarelli DE / 123 min / FSK 12
BRD, Ende der 1950er. Johann Radmann steht am Anfang seine Karriere als Staatsanwalt und verhandelt fleißig Verkehrsdelikte – bis eines Tages der Journalist Thomas Gnielka im Gerichtsflur erscheint. Er will eine Anzeige aufgeben, doch die Polizei hatte ihn bereits weggeschickt. Sie zeigen wenig Interesse an der Tatsache, dass ein Freund Gnielkas einen ehemaligen KZ-Aufseher identifizierte, der inzwischen als Lehrer arbeitet. Auch die Staatsanwälte kümmert es nicht, Radmann jedoch lässt der in seinen Augen seltsame Besuch nicht los. Er beginnt zu recherchieren und wird dabei das erste Mal über den Namen Auschwitz stolpern. Und so wird der junge Mann begreifen lernen, was es heißt, im Land der Täter:innen des größten Menschheitsverbrechens zu leben.
Der Film zeichnet einen fiktionalisierten Weg hin zu den großen Auschwitzprozessen Mitte der 1960er. Diese waren ein Wendepunkt in der westdeutschen Erinnerungskultur, deren 50er Jahre so stark von Verdrängung und Totschweigen geprägt waren. Mit dem jungen Anwalt Radmann bekommt das Publikum eine Figur an die Seite gestellt, deren allmähliches Begreifen und Entsetzen den Naziverbrechen noch einmal einen ganz neuen Nachdruck verleiht. Gleichzeitig zeigt der Film die Kontinuitäten nazistischer Weltbilder über 1945 hinaus und entlarvt damit das Label „entnazifiziert“ einmal mehr als absolute Farce. Der Hass war nicht einfach weg – und er ist es bis heute nicht.

Ich Capitano (2023) von Matteo Garrone IT, BE / 121 min / FSK 12
Viel will ich gar nicht verraten. Dieser Film ist die Geschichte zweier Cousins, Seydou und Moussa, und ihres Wegs von Dakar an die Mittelmeerküste. Die beiden Jugendlichen wollen ein besseres Leben in Europa suchen. Ob sie es finden, steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.
Während auf unserem Kontinent über Obergrenzen, Abschiebungen und Abschottung diskutiert wird, und so aus Individuen Belastung und Zahlen werden, geht der Film andere Wege. Er zeigt die Menschen, die hinter solch empathielosen und verachtenden Narrativen zu verschwinden drohen. Das Schicksal der Cousins steht stellvertretend für das von Millionen von Hoffnung und Verzweiflung Getriebener, die sich vor allem eins wünschen: ein sicheres Leben. Die Debatten über sie entgleisen und wenden sich immer offener von Menschenrechten ab. „Ich Capitano“ mag ein Spielfilm sein, aber er schafft einen einfühlsamen Zugang, wie ihn unsere Welt viel öfter braucht. Denn während wir diskutieren, sterben täglich vor unserer Haustür Menschen.
