Zwei Städte, ein Studium – und ein Zug, der sie ver­bin­det. Seit Beginn mei­nes Studiums spielt sich mein Alltag zwi­schen Leipzig und Halle ab. Die Strecke ist längst Routine, aber sie­f­risst Zeit, Kraft und manch­mal auch Nerven. Oft fra­ge ich mich unter­wegs, war­um ich mir dasei­gent­lich antue. Und trotz­dem ste­he ich jeden Morgen wie­der am Bahnsteig.

Kurz nach sie­ben steht Leipzig für mich noch im Dämmerzustand. Oben auf den Straßen erwacht erst das Leben. Ich ste­he unten im Bahnhof. Ein Ort, der zu jeder Jahreszeit die­sel­be Mischung aus Kälte, Zugluft und künst­li­chem Licht trägt. Um 6.45 Uhr gehe ich los, damit ich die S5X um 7.23 Uhr erwi­sche. Das ist die ein­zi­ge Verbindung, die mich halb­wegs pünkt­lich in die Vorlesung bringt.

Am Gleis: müde Gesichter, Kaffeebecher, Kopfhörer. Dann die Durchsage, die jede:r Pendler:in kennt: „Information zu S5X Halle(Saale) Hauptbahnhof, ursprüng­lich 07.23 Uhr, heu­te cir­ca 10 Minuten spä­ter. Grund dafür sind Gleisbauarbeiten auf der Strecke.“ Ein kol­lek­ti­ves Seufzen. Ich weiß inzwi­schen genau, wie schnell die­se fünf Minuten mei­nen gesam­ten Tag ins Wanken brin­gen. Die Bahn fährt ein, alle drän­gen hin­ein. Sitzplätze? Meistens nicht.

Also ste­he ich, ein­ge­quetscht zwi­schen Rucksäcken und Jacken. Vieles wäre leich­ter, wenn ich ein­fach in Halle woh­nen wür­de. Aber Leipzig ist eben Zuhause – mei­ne Freunde, mei­ne Routine, mei­ne Stadt. Und für die­ses Zuhause neh­me ich den täg­li­chen Stress in Kauf.

Der Rhythmus des Pendelns

Mit der Zeit wird Pendeln zu einem eige­nen Fach im Stundenplan – eines ohne Credits, aber mit viel Organisation. Ich weiß inzwi­schen genau, wo ich ste­hen muss, damit ich wenigs­tens bequem ein­stei­gen kann. Wenn ich doch mal einen Sitzplatz erwi­sche, fühlt es sich an wie ein klei­ner Triumph: Endlich lesen, end­lich ein biss­chen Uni schaf­fen, end­lich kurz run­ter­kom­men. An ande­ren Tagen gelingt gar nichts.

Mittlerweile höre ich Sätze, dass sich Züge ver­spä­ten oder sogar aus­fal­len, ohne mich auf­zu­re­gen. Vielleicht wer­de ich gelas­se­ner, viel­leicht aber ein­fach müde.

Manchmal, wenn ich halb ein­ge­schla­fen im Gang ste­he und mein Rücken weh­tut, wird mir bewusst, wie viel Energie die­ses Pendeln kos­tet. Warten wird irgend­wann Teil des Musters. Ich ste­he am Gleis und öff­ne die App, nur um nach­zu­se­hen, wie lan­ge es dies­mal noch dauert. 

Man teilt generv­te Blicke mit Fremden, mur­melt ein paar Worte, lächelt kurz – und ver­schwin­det wie­der in der Masse. Eine Gemeinschaft auf Zeit.

Im Winter ste­he ich im kal­ten, zugi­gen S‑Bahnhof, der sich selbst mit Jacke nie rich­tig warm anfühlt. Im Sommer wird der Zug zur Sauna. Im Frühling scheint manch­mal die Sonne durchs Fenster, als wäre die Strecke für einen Moment erträg­li­cher. Und im Herbst riecht alles nach nas­sen Jacken und Laub. Die Jahreszeiten zie­hen an mir vor­bei wie Haltestellen – egal, wie das Wetter ist, ich ste­he trotz­dem jeden Tag hier.

Der Rückweg ist sel­ten leich­ter. Oft fühlt er sich an wie die Verlängerung eines ohne­hin lan­gen Tages. Halle wirkt am Nachmittag wie ein Startblock, aus dem alle gleich­zei­tig los­ren­nen. Wenn die Straßenbahn pünkt­lich kommt, passt es gera­de so. Wenn nicht, ren­ne ich wie­der, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Und genau das ist ein Teil der Frustration: Das Gefühl, stän­dig auf die Uhr zu schau­en. Keine Spontaneität. Kein „Bleib doch noch kurz“. Mein Tagesablauf hängt am Takt der S5(X) – und ich muss mich fügen.

Trotzdem gibt es Momente, die alles leich­ter machen: ein über­ra­schend frei­er Sitzplatz, ein bei­läu­fi­ges Gespräch dar­über, wie der Tag so lief, ein Blick aus dem Fenster, wenn die Landschaft an mir vor­bei­zieht. Man erkennt die ande­ren irgendwann. 

Die Frau mit dem Buch, der Typ, der immer zu spät los­läuft, Studierende, die im Stehen Skripte durch­ge­hen. Wir spre­chen sel­ten, aber wir tei­len den­sel­ben Rhythmus.

Manchmal sehe ich die­sel­ben Gesichter spä­ter im Seminar oder in der Übung wie­der – erst im Zug Fremde, dann Kommiliton:innen. Eine selt­sa­me Vertrautheit ent­steht, die das Pendeln weni­ger anonym macht.

Zwischen zwei Welten: Ankommen und Aufbrechen

Leipzig ist mein Zuhause, Halle ist Uni – Seminare, Campus, Mensa. Ich bewe­ge mich zwi­schen die­sen bei­den Welten und gehö­re gleich­zei­tig zu bei­den und zu kei­ner. Andere lau­fen nach den Vorlesungen ein­fach nach Hause, wäh­rend ich mich wie­der auf den Weg zur S‑Bahn mache. Trotzdem wür­de ich nicht tau­schen. Ich pend­le, weil ich bei­des will: das Studium in Halle und das Leben in Leipzig. Ein Kompromiss, ja – aber einer, der sich für­mich rich­tig anfühlt.

Drei Stunden am Tag ver­brin­ge ich im Zug. Zeit, die ich pro­duk­tiv nut­zen könn­te, die aber oft ein­fach vor­bei­zieht. Trotzdem ent­steht dar­in ein selt­sa­mer Zwischenraum – eine Zone, die weder Uni noch Zuhause ist. Ein Ort, an dem ich den­ke, run­ter­kom­me, manch­mal ein­fach nur atme. Vielleicht ist der wich­tigs­te Campus mei­nes Studiums nicht in Halle und nicht in Leipzig, son­dern irgend­wo dazwi­schen. Die S5(X) als drit­ter Ort: laut und unbe­re­chen­bar – aber ein Stück Alltag, das mich strukturiert.

Wieder Leipzig Hauptbahnhof, dies­mal abends. Die Menschen strö­men aus­ein­an­der, die Türen schlie­ßen. Pendeln gibt mei­nem Tag einen Takt. Ich ärge­re mich weni­ger, pla­ne genau­er, las­se mich sel­te­ner aus der Ruhe brin­gen. Vielleicht ist das die eigent­li­che Lektion des Pendelns: Geduld in einem chao­ti­schen Studium. Vielleicht misst sich die­ses Studium nicht in Semestern, son­dern in Zugfahrten – zwi­schen Ankommen, Warten und Aufbrechen.

Fotos: Tom Roeloffzen

0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments