Macht als strukturierende Waffe

Wer sich in unbe­kann­ten Räumen bewegt, ist beson­ders vor­sich­tig.
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Machtgefälle sind an Universitäten nicht weg­zu­den­ken. Damit steigt auch die Gefahr von Machtmissbrauch. Wie schwer des­sen Aufarbeitung ist, zeigt sich in Interviews mit Sabine Wöller von der Präventions- und Beratungsstelle Antidiskriminierung und Lukas Pöhl, Referent für äuße­re Hochschul- und Bildungspolitik, die bei­de in der AG Machtmissbrauch tätig sind.

Während sich die Nacht über dem Campus aus­brei­tet, häuft sich die Arbeit auf dem Schreibtisch. Für die stu­den­ti­sche Hilfskraft bedeu­tet sie nicht nur wich­ti­ge Forschung, son­dern auch den Zugang zu einer mög­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Zukunft. Der prü­fen­de Blick des:r Betreuenden kann die­sen Zugang begüns­ti­gen oder erschwe­ren. Was als harm­lo­se und nöti­ge Arbeitszuweisung beginnt, ufert in akti­ver Kontrolle aus: Die Arbeit wird nicht mehr als Notwendigkeit gefor­dert, son­dern aus insti­tu­tio­nel­ler Überlegenheit. Für die stu­die­ren­de Person erscheint der Weg erschwert. Sie glaubt, jede Arbeit, jede Überstunde, jede Kritik hin­neh­men zu müs­sen, um ihre Position nicht zu ver­lie­ren. Widerspruch wirkt wie ein Risiko, wie eine Hürde auf dem Weg, an der sie selbst schuld wäre. Die Demonstration und Ausbeutung der pro­fes­so­ra­len Macht erschei­nen ihr legi­tim, denn sie erkennt die­se weder ein­deu­tig als das, was sie sind, noch kann sie dem ohne Konsequenzen ent­ge­gen­tre­ten: Machtmissbrauch.

An sich wirkt Macht wie ein neu­tra­les Werkzeug. In den Händen der Benutzer:innen kann es posi­ti­ve Veränderung schaf­fen. Nicht sel­ten wird sie jedoch in eine Waffe umfunk­tio­niert, wie im vor­an­ge­gan­ge­nen Beispiel.

Im Hochschulkontext sta­bi­li­siert sie die Universitätsstruktur, trennt Professor:innen von Studierenden. Hier kann sie zu Machtmissbrauch füh­ren. In Interviews mit Sabine Wöller, Leiterin der Präventions- und Beratungsstelle Antidiskriminierung, und Lukas Pöhl, Referent für äuße­re Hochschul- und Bildungspolitik beim Stura, wird sicht­bar, wie Macht in uni­ver­si­tä­ren Strukturen ver­an­kert ist. Beide sind Mitglieder im Arbeitskreis Machtmissbrauch der MLU. Machtgefälle sind Bestandteil der uni­ver­si­tä­ren Funktionsfähigkeit, erklärt Wöller: Sie ermög­li­chen durch Prüfungen Lehre und Wissenserwerb. „Machtmissbrauch fin­det dann statt, wenn eine Person ihre Macht für ande­re Zwecke nutzt als die, für wel­che sie die­se erhal­ten hat – zu ihrem eige­nen Nutzen und auf Kosten ande­rer“, so Wöller.

Diese Aussage deu­tet dar­auf hin, dass Machtmissbrauch ein brei­tes Spektrum besitzt: Von Diskriminierungen und sexu­el­ler Nötigung reicht es zu Datenmanipulation oder wis­sen­schaft­li­chem Fehlverhalten bei Autor:innenschaften. Strukturell betrach­tet las­sen sich auch absicht­li­ches Misgendern, Überstunden, zu schwe­re Klausuren oder unnach­gie­bi­ge Bewertungen als Formen von Machtmissbrauch defi­nie­ren. Diese wer­den, anders als die ers­ten bei­den Arten, stär­ker als natür­lich wahrgenommen.

Lukas Pöhl kri­ti­siert auch die feh­len­de Aufklärung von Studierenden über ihre Rechte und Pflichten: Wenn Studierende die­se nicht ken­nen, fehlt ihnen auch das Gespür, die unsicht­ba­re Bandbreite von Missbrauch zu erfas­sen. In der unten bereit­ge­stell­ten Infobox kön­nen ers­te Hilfestellungen und Kontakte nach­ge­le­sen werden.

Missbrauch im Schutz des Systems

Pöhls Aussage zeigt sich in der Konsequenz: Ungemeldete Fälle; Machtmissbrauch, der sich aus­brei­tet, ohne Folgen zu befürch­ten. Oftmals auch, so Wöller, weil Abhängigkeitsverhältnisse bestehen blei­ben und Betroffene nega­ti­ve Folgen befürch­ten. Sie berich­tet: „Die Anzahl der ver­trau­li­chen Beratungsfälle ist deut­lich höher als die der offi­zi­el­len Beschwerden, die zu einer Sanktion füh­ren können.”

Strukturell betrach­tet gibt es im Kontext der Universität zahl­rei­che Mechanismen, die Machtmissbrauch erleich­tern, sta­bi­li­sie­ren und wirk­li­che Konsequenzen ein­däm­men. „Nicht sel­ten ist im Arbeitsbereich bekannt, dass eine Person ‚schwie­rig’ ist. Doch aus Angst vor nega­ti­ven Konsequenzen traut sich nie­mand, etwas zu sagen. Wenn die aus­üben­de Person kein Korrektiv zu ihrem Verhalten erhält, ist es wahr­schein­lich, dass sie es fort­füh­ren und inten­si­vie­ren wird”, erklärt Wöller. Sie gibt an, dass das Arbeitsumfeld Machtmissbrauch sta­bi­li­siert, indem das Verhalten als nor­mal dekla­riert wird. Durch die­sen Mechanismus nimmt Wöller wahr, dass Hilfe im Arbeitsumfeld nur schwer zugäng­lich ist.

Die Strukturen sind fest ver­an­kert – wie soll man mit ihnen umge­hen?
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Ihre Schilderung zeigt: Die betrof­fe­ne Person bleibt mit der sich ver­stär­ken­den Angst vor nega­ti­ven Folgen allein, wäh­rend der:die Ausübende kei­ne Konsequenzen erfährt.

Die AG Machtmissbrauch als Regulierungsversuch

Hinter die­sen Mechanismen erscheint die Problematik undurch­dring­lich. Die im Frühling 2024 gegrün­de­te Arbeitsgruppe Machtmissbrauch ver­spricht einen umfas­sen­den Eindämmungsversuch. Bereits eta­blier­te Richtlinien, Maßnahmen und Prozesse sol­len durch ihn opti­miert wer­den. Die Leitung hat Kanzler Alfred Funk inne.

Nach Pöhl sind ver­schie­de­ne Mitgliedergruppen, Beratungsstellen und die Personalabteilung ver­tre­ten, die gemein­sam an einem Konzept arbei­ten, das dem Senat 2026 vor­ge­stellt wer­den soll. Die dar­in ent­hal­te­nen Forderungen sol­len Machtmissbrauch künf­tig ein­däm­men, gibt Pöhl an: Konkrete Ziele sind, die Zugänglichkeit zu Informationen ein­fa­cher zu gestal­ten, zustän­di­ge Stellen bes­ser zu ver­net­zen und betrof­fe­nen Personen den Weg zu ver­trau­li­cher Unterstützung zu erleich­tern. Auch mehr Präventionsmaßnahmen und kla­re Verfahrenswege wer­den in Angriff genommen.

Studierendenschaft zwischen Unsichtbarkeit und Mitbestimmung

Für Lukas Pöhl, einen der zwei männ­li­chen Studierenden in die­sem Arbeitskreis, wird die Rolle der Student:innen in der Organisation oft­mals nicht hin­rei­chend in den Vordergrund gestellt. Dies lie­ge ins­be­son­de­re an der Fokussierung auf die Angestellten der Universität. Er fin­det, dass die Realisierung wirk­lich prak­ti­scher Lösungen für Studierende noch zu wenig aus­ge­reift ist, da sich bis jetzt nur mit Struktur und Ideenfindung beschäf­tigt wur­de. Das Ende von Machtmissbrauch ist für Pöhl nur mög­lich, wenn „die Macht bes­ser ver­teilt wird, um so ihre Mechanismen aufzubrechen”.

Als Referent des Sturas möch­te Pöhl die Perspektive der Studierenden im Arbeitskreis stär­ken: Mit einem Link über eine Rundmail will der Stura Betroffene ermu­ti­gen, sich (anonym) zu äußern. Darin sind auch die Formen von Missbrauch auf­ge­zählt: Neben sexu­el­ler Belästigung, Einschüchterungen und Überstunden, wer­den unter ande­rem auch das feh­len­de Eintragen von erbrach­ten Leistungen, die feh­len­de Anerkennung von Nachteilsausgleichen, das Vorgeben einer Anwesenheitspflicht, die will­kür­li­che Verschiebung von Deadlines und feh­len­de Erwähnungen von Mitarbeit in Publikationen auf­ge­führt. Das Ziel, erklärt Pöhl, sei es, durch die her­an­ge­tra­ge­nen Fälle Lösungen adäquat zu for­mu­lie­ren und Schwerpunkte im Papier her­aus­zu­stel­len. Dies ist für ihn auch wich­tig, weil zu weni­ge Betroffene an den Stura herantreten.

Verantwortungsvolle Aufgaben in herausfordernden Strukturen

Die Interviews ver­deut­li­chen, dass Macht kom­plex, oft­mals unsicht­bar agiert. Im Universitätskontext kann sie sowohl sta­bi­li­sie­ren als auch neue Probleme ver­ur­sa­chen. Wirkliche Lösungen erschei­nen schwer und lang­wie­rig. Der Arbeitskreis Machtmissbrauch ist ein bedeut­sa­mer Schritt, der sei­ne Effektivität jedoch erst bewei­sen muss. Derzeit steht er einem Netz aus Macht gegen­über, des­sen wirk­li­che Größe noch ermes­sen wer­den muss.
Für Studierende sta­bi­li­siert die Bandbreite von Missbrauch vor­wie­gend ein nega­ti­ves System. Eines, bei dem ihre Lautstärke auf Gehör tref­fen muss, damit die Macht wie­der in ein posi­ti­ves Werkzeug ver­wan­delt wer­den kann. Nur wenn sich Studierende und Betroffene im unsicht­ba­ren Netz der uni­ver­si­tä­ren Macht zurecht­fin­den und dabei selbst gese­hen wer­den, kön­nen die Mächtigen ent­waff­net werden.

Informationen und Hilfe
Du möch­test Dich über Deine Rechte infor­mie­ren? Diese sind unter ande­rem in der Satzung der Studierendenschaft, dem Hochschulgesetz sowie in den jewei­li­gen Studien- und Prüfungsordnungen nach­zu­le­sen. Der Stura kann bei Unsicherheiten hel­fen und bie­tet ers­te (Rechts-) Beratungen: vor Ort am Universitätsplatz 7 sowie per E‑Mail unter bue­ro [at] stu­ra [dot] uni-hal­le [dot] de
Du hast Machtmissbrauch erlebt oder bist Dir unsi­cher, was dar­un­ter fällt? Unterstützung (auch anonym) erhältst Du beim Gleichstellungsbüro, bei der Präventions- und Beratungsstelle Antidiskriminierung sowie beim Stura.
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