Propaganda statt Wissenschaft

This arti­cle has been trans­la­ted! Read the English ver­si­on here.

Am 6. September sind in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen und die AfD liegt in den aktu­el­len Umfragen bei fast vier­zig Prozent. Sollte sie an der nächs­ten Regierung betei­ligt sein, wäre das auch eine Gefahr für die MLU. Ein Kommentar.

Es sieht nicht gut aus für den Osten. Wenn im Herbst die­ses Jahres unter ande­rem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Landtagswahlen statt­fin­den, dann droht zum ers­ten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Landesregierung unter Beteiligung, gar Führung, einer erwie­se­ner­ma­ßen rechts­ex­tre­men Partei. Fast über­all in Ostdeutschland (aus­ge­nom­men Berlin) ver­zeich­net die selbst­er­nann­te „Alternative für Deutschland“ Zustimmungswerte jen­seits der drei­ßig Prozent. Wie es dazu kom­men konn­te und viel­leicht auch wie es hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen, das wird schon lan­ge breit dis­ku­tiert. Solche Debatten müs­sen selbst­ver­ständ­lich wei­ter­ge­führt wer­den. Doch wäre es jetzt Zeit, sich klar­zu­ma­chen, wel­che Veränderungen in der Wissenschaft ab dem kom­men­den Herbst auf uns zukom­men könn­ten. Die dafür betrach­te­ten Äußerungen ent­stam­men dem „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt.

Geballte Ahnungslosigkeit

Wie sowie­so alles in die­sem Land sei auch die Wissenschaft im abso­lu­ten Niedergang. Wenn es nach der AfD geht, begann die­ser Absturz zur Zeit der 68er-Revolten. Deren Akteur:innen hät­ten mit ihren Forderungen nach Demokratisierung die Universitäten gleich­zei­tig zu einer mas­si­ven Bürokratisierung geführt. Demokratie und Bürokratie hän­gen in der heu­ti­gen Zeit eng zusam­men, doch die dama­li­ge Studierendenbewegung hat­te in ihrem Anliegen einen voll­kom­men ande­ren Fokus. Im natio­na­lis­ti­schen Kahlschlag sol­len laut AfD die Bologna-Reform, der „Genderismus“ und die „Ideologisierung der Wissenschaft“ besei­tigt wer­den. Nur so kön­ne die deut­sche Wissenschaft zu alter Stärke und Freiheit zurückfinden.

Beschädigtes Wahlplakat der AfD zur Bundestagswahl 2025
Foto: Tom Roeloffzen

Echte Gleichberechtigung müs­se her. An den Unis wür­den Männer mitt­ler­wei­le dis­kri­mi­niert und vom Verfolgen einer aka­de­mi­schen Karriere gar ent­mu­tigt wer­den. Laut Statistischem Bundesamt lag der Frauenanteil in der Forschung in Deutschland vor fünf Jahren bei nicht ein­mal drei­ßig Prozent. Und erst kürz­lich ver­öf­fent­lich­te „ntv“ eine Recherche, nach der nur etwa 36,7 Prozent der Habilitierten in Sachsen-Anhalt Frauen sei­en. So viel zur Unterdrückung der Männer.

Die Rückkehr zum Magister/Diplom-System sei drin­gend not­wen­dig, um die „Verschulung“ der Universitäten zu been­den und Deutschland als Ziel aus­län­di­scher Studierender attrak­ti­ver zu machen. Der OECD-Bildungsbericht des letz­ten Jahres legt nahe, dass Deutschland mit sei­nem Anteil an inter­na­tio­na­len Studierenden zwar kein Vorreiter ist, aber doch bes­ser als etli­che ande­re euro­päi­sche Länder abschnei­det. Auch leuch­tet nicht ein, was aus­län­di­sche Studierende bei­spiels­wei­se mit einem Diplomabschluss machen sol­len, wenn die­ser im Zweifelsfall in ande­ren EU-Staaten gar nicht aner­kannt wird. Weiterhin erscheint es selt­sam, dass aus­ge­rech­net eine offen aus­län­der­feind­li­che Partei Bestrebungen hat, den Zuwachs an Nichtdeutschen im Lande zu steigern.

Gefährliche Halbwahrheiten

Die fol­gen­den drei Themen sind gera­de des­halb von Interesse, weil die Kritiken, die die AfD dar­in äußert, in Teilen sogar berech­tigt sein mögen, doch deren Lösungsansätze jed­we­den Sinnes für die Realität entbehren.

Das BAföG wird für sei­nen unge­rech­ten Verteilungsmechanismus kri­ti­siert. Die AfD for­dert ein Auswahlverfahren zur Unterstützung von Studium und Promotion. Ähnliches gilt auch bei dem „Numerus clau­sus“ (NC). Richtig erkannt wur­de, dass Noten nicht zwin­gend aus­sa­ge­kräf­tig sind, wenn es um die Befähigung zu einem bestimm­ten Studienfach geht. Doch auch hier sol­len Aufnahmeprüfungen statt­fin­den, damit nur ver­meint­lich qua­li­fi­zier­te Menschen das ent­spre­chen­de Fach stu­die­ren. In bei­den Fällen lässt der Hang zur Selektion erah­nen, dass die Kriterien, nach denen dabei geprüft wer­den soll, nicht unab­hän­gig wären. Wer nach­weis­lich ras­sis­tisch, frauen‑, behin­der­ten- und queer­feind­lich ist, dem nimmt nie­mand ab, dass uni­ver­si­tä­re Zulassungen aus­schließ­lich nach Qualifikation erteilt wür­den. Auch argu­men­tiert die Partei im Falle der NC-Frage mit dem Abbau von Bürokratie. Dabei wür­den die Umstrukturierung zu Face-to-face-Befragungen und die Erstellung von Fragebögen bedeu­tend mehr Aufwand schaf­fen, als ein­fach die bis­he­ri­ge digi­ta­li­sier­te Bewerbung bei­zu­be­hal­ten, möge sie auch nicht aus­ge­reift sein.

Warnstreik der Gewerkschaften ver.di und GEW am 3.12.2023, unter ande­rem mit Beschäftigten der Martin-Luther-Universität
Foto: Tom Roeloffzen

Ein wei­te­rer Aspekt, der der Halbwahrheit zum Opfer fällt, ist der Vorwurf, Wissenschaftler:innen wür­den zu häu­fig pre­kär bezahlt. Die AfD führt aus, dass vie­le derer, die in der Wissenschaft arbei­te­ten, schlicht zu unqua­li­fi­ziert für die freie Wirtschaft sei­en und des­halb Platz in der Forschung weg­näh­men. Die ver­meint­li­che Lösung? Bessere Bezahlung bei stär­ke­ren Anforderungen. Ja, vor allem der Mittelbau an den Universitäten lei­det unter dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz und wei­te­ren Problemen. Professor:innen dage­gen sit­zen bei guten Gehältern auf Lehrstühlen, aus denen sie oft auch nicht ohne Weiteres ent­las­sen wer­den kön­nen. Diese kön­nen also bei der Forderung der AfD nicht gemeint sein, zumal sie ohne­hin für die Rechtspopulist:innen das Maß aller Wissenschaft zu sein schei­nen – ein Ausdruck aus­ge­präg­ten Elitismus’. Die stär­ke­re Belastung des Mittelbaus erscheint dabei eben­so wenig fair wie das Gleichsetzen des­sel­ben mit den Professor:innen.

Auch das Thema der Drittmittelförderung gehört hier bespro­chen. Diese sei in ihrem Bestehen zu kri­ti­sie­ren, da hin­ter den Förderern sol­cher Mittel immer auch poli­ti­sche Interessen stün­den bezie­hungs­wei­se ste­hen könn­ten. Das ist rich­tig beob­ach­tet: die Gelder, die nicht von der Universität ver­ge­ben wer­den, stam­men von staat­li­chen oder pri­va­ten Institutionen, Stiftungen und Unternehmen. Dass nicht jede:r sein Geld ein­fach so her­gibt, son­dern mög­li­cher­wei­se Vorgaben macht, zu wel­chen Themen geforscht wer­den soll, ist nicht immer schön, aber auch nicht wei­ter tra­gisch, sofern dabei wis­sen­schaft­li­che Standards gewahrt wer­den. Gleichzeitig wür­de sicher­lich auch die AfD zuse­hen, dass ihre eige­ne frag­wür­di­ge Ideologie als Bedingung für zukünf­ti­ge Drittmittelförderungen durch­ge­setzt wird.

Wider den Pluralismus

Wie die AfD zur Demokratisierung an deut­schen Hochschulen steht, wur­de ein­gangs bereits deut­lich. Verstärkt schießt sie sich auf die­sen Punkt ein, wenn sie moniert, die ver­schie­de­nen Gremien wie Studierendenräte, die maß­geb­lich selbst­ver­wal­tet sind, sei­en in ihrer Existenz kon­trär zur Logik der Wissenschaft. Fakten sei­en Fakten und könn­ten nicht durch Mehrheiten ver­än­dert wer­den. Allein die­se Behauptung ist bereits falsch. Idealerweise obsiegt schlicht das bes­se­re Argument und oft wird die­ses eben von einer Mehrheit der betref­fen­den Forscher:innen getra­gen. Tatsächliche Fakten demo­kra­tisch neu aus­zu­han­deln ist aber auch gar nicht das Ziel sol­cher Strukturen. Vielmehr geht es um Lehrplangestaltung, die Verteilung von Geldern und die Betonung indi­vi­du­el­ler Selbstbestimmung. Generalisierend spricht die Partei bei hoch­schul­po­li­tisch akti­ven Menschen von „hyper­ak­ti­ven Linksextremisten“. Es ist unstrit­tig, dass stu­den­ti­sche Milieus viel­fach durch links-ideo­lo­gi­sche Ansichten geprägt sind. Es wäre jedoch schon lan­ge auf­ge­fal­len, wenn die­se sozia­le Gruppe mehr­heit­lich eine Gefahr für den demo­kra­ti­schen Rechtsstaat darstellte.

Der Studierendenrat bei einer Abstimmung (Archivbild von 2019)
Foto: Paula Götze

Die Studiengänge und Module, mit denen sich die soge­nann­te Alternative am meis­ten beschäf­tigt, sind all jene, die ihren Fokus auf Genderforschung und Postkolonialismus legen. Das sei alles ohne­hin nur Ideologie und kei­ne Wissenschaft. Dem Deutschen Bildungsserver zufol­ge gibt es in ganz Deutschland über­haupt nur fünf Stiftungen und etwa zwan­zig Zentren, Institute und sons­ti­ge Projekte zu Gender- und Frauenforschung.Zum Postkolonialismus gibt es ver­ein­zel­te Institute, Arbeitsgruppen und Netzwerke. Keine der genann­ten Anlaufstellen sitzt in Sachsen-Anhalt. Der Anteil der Forschung an die­sen Themen steht also in kei­ner­lei Verhältnis zu sämt­li­chen ande­ren Forschungsbereichen. 

Im Studio von Radio Corax, dem nicht­kom­mer­zi­el­len Radio im Raum Halle
Foto: Paolo Schubert (CC BY-SA 3.0)

Besser pas­sen wür­de der AfD ein neu­er Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft, der das „Absterben unse­res Volkes“ auf Ursachen und Wirkungen unter­su­chen sol­le. Der Partei ent­ging offen­sicht­lich, dass der demo­gra­phi­sche Wandel zum Beispiel in Fächern wie Soziologie und Humangeographie durch­aus behan­delt wird.

Zudem sol­le sich die Forschung mehr auf den Islam kon­zen­trie­ren. Dessen der­zei­ti­ge Betrachtung unter­lau­fe einer „unkritische[n], dem Leitkonzept der mul­ti­kul­tu­rel­len Gesellschaft verpflichtete[n]“ Korrektheit und sei nicht rea­lis­tisch. Um das zu ändern, müs­se ein „Landesinstitut für kri­ti­sche Islamforschung“ geschaf­fen wer­den. Gilt die­ser kri­ti­sche Blick dann auch für alle ande­ren Religionen? Damit ist nicht zu rech­nen und das beweist letzt­lich, dass die von den Populist:innen gefor­der­te „Ideologiefreiheit“ von ihnen selbst nie erfüllt wird und lee­res Geschwätz bleibt. Wie Christian Wulff bereits 2010 sag­te: „Der Islam gehört zu Deutschland“ und ein Generalverdacht, wie ihn die AfD hier erhebt, ent­behrt jeder Vernunft.

Der letz­te Punkt, auf den ich hier ein­ge­hen möch­te, ist Radio Corax. Das wird zwar im Bereich „Medien“ ver­han­delt, betrifft aber doch die MLU unmit­tel­bar. Der loka­le Radiosender, der auch von den Studierenden finan­ziert wird, um vor­be­ruf­li­che Arbeitserfahrung zu ermög­li­chen und selbst­stän­di­ge Projekte der Studierendenschaft zu för­dern, müs­se ins­ge­samt abge­schafft wer­den. Eine öffent­li­che Bezuschussung von „anti­deut­schen“ Antifaschist:innen sei eine Zumutung. Wenig über­ra­schend, dass Faschist:innen das so beurteilen.

Es ist ernst

Die Entwicklungen der letz­ten Jahre um die AfD her­um sind beängs­ti­gend. Die Wissenschaft steht wie kein ande­res Feld für Rationalität statt Polarisierung. Doch die­ses so lan­ge sicher geglaub­te Fundament brö­ckelt und das nicht erst seit ges­tern. Wir erle­ben, wie der Aufstieg die­ser Partei all das ins Wanken bringt, von dem vie­le spä­tes­tens seit 1989 glaub­ten, es sei das Ende der Geschichte. Mühsam erkämpf­te Fortschritte wer­den von rele­van­ten Teilen der Gesellschaft in Zweifel gezo­gen, bewähr­te Institutionen sol­len zer­stört werden.

Weiß Gott, Berlin ist nicht Weimar. Aber sind uns die Worte der letz­ten Holocaust-Überlebenden nicht Mahnung genug, dass ein sol­cher Hass, wie ihn der par­la­men­ta­ri­sche Arm des Rechtsextremismus ver­kör­pert, immer nur Katastrophen birgt? Wir wis­sen, was pas­sie­ren kann, wenn ihm freie Hand gewährt wird.

Universitäten sind Orte des frei­en Denkens und Handelns. Gelernt und gelehrt wer­den kann nur, wo kei­ne Gängelung und kein Zwang das Arbeiten beschrän­ken. Es muss auch das Kerninteresse der MLU sein, sich wirk­sam gegen Eingriffe und feind­lich gesinn­te Ideologien zu wapp­nen. Sie soll­te in der ers­ten Reihe ste­hen, wenn es dar­um geht, sich klar für die Demokratie und gegen die AfD einzusetzen.

Scroll to Top