Viel Spekulation über Hürden und Umfragen. Die Kampagne„Taktisch Wählen“ will die absolute Mehrheit der AfD bei den kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt verhindern. Doch hat sie mehr zu bieten als Widersprüche und leere Versprechungen? Ein Kommentar.
„Taktisch Wählen“ ist eine seit Juli laufende Kampagne, die Menschen davon überzeugen soll, bei den kommenden Landtagswahlen am 6. September die SPD oder die Grünen zu wählen. Sie will so eine AfD-Regierung verhindern. Denn während die AfD in den letzten Umfragen bei über 40 Prozent steht, liegen hingegen die Grünen (4 bis 6 Prozent) und die SPD (6 bis 9 Prozent) nah an der Fünfprozenthürde. Die Argumentation von „Taktisch Wählen“: Würden diese beiden Parteien es nicht in den Landtag schaffen, macht es eine absolute Mehrheit für die AfD wahrscheinlicher. Denn reißen Parteien die Fünfprozenthürde, werden ihre Stimmen nicht für die Sitzverteilung im Parlament berücksichtigt. Die Stimmen haben so keinen Einfluss mehr auf die Zusammensetzung und die Sitze werden nur unter den Parteien verteilt, die es ihrerseits ins Parlament geschafft haben. Dadurch könnte die AfD mehr als 50 Prozent der Vertreter:innen im Landtag stellen und alleine regieren, auch wenn sie gar nicht die Hälfte aller Stimmen erhalten hat.
Erster Eindruck
„Sachsen-Anhalt – aber demokratisch.“ ist das Erste, was eine:n anlacht, wenn man die Website der Kampagne aufruft. Um das Ziel zu erreichen, eine Regierung der rechtsextremen AfD zu verhindern, solle man beide Stimmen „taktisch klug“ einsetzen. Man macht eine kurze Suche mit der Postleitzahl und erhält dann eine Empfehlung für die Erststimme, die meist zwischen CDU und Linken-Kandidat:innen variiert. Es wird aber schnell deutlich, dass es darum nicht geht: „Der Hebel, um eine AfD-Mehrheit zu verhindern, ist allerdings deine Zweitstimme.“
Für die Zweitstimme werden immer SPD und die Grünen empfohlen – logisch, denn die Zweitstimme ist nicht abhängig vom Wahlkreis. Nur suggeriert die Kampagne, es gäbe dort eine personalisierte, „taktisch kluge“ Wahlempfehlungen, und lockt Menschen genau damit. Dadurch wirkt die Website, wenn man es gut meint, etwas undurchdacht.

Foto: Johannes Wingert
Nutznießer
Aus einem Beitrag des MDR geht hervor, dass keine Partei außer den Grünen diese Kampagne befürwortet – nicht einmal die SPD, die auch von „Taktisch Wählen“ profitieren könnte. Schließlich drohen die Grünen am ehesten aus dem Landtag zu fliegen. Sie gaben gegenüber dem MDR an, dass „der Ausgang dieser Wahl […] an der Fünfprozenthürde entschieden [wird]: Mit Grünen im Landtag wird es keine AfD-Regierung geben, ohne Grüne droht eine Alleinregierung.“ Nun trifft der erste Teil aus grüner Sicht sicherlich zu. Zum zweiten Teil muss gesagt werden, dass es zum Verhindern einer AfD-Alleinregierung schon reichen könnte, wenn es die SPD in den Landtag schafft. Auffällig ist auch, dass besonders den Grünen nahestehende Influencer, wie Magdalena Hess (eine Initiatorin von „Taktisch Wählen“) und Lorenz Seeger, für die Kampagne werben. Alles zusammen wirkt eher wie weitere Wahlwerbung für die Grünen, auch wenn das von der „überparteilichen“ Kampagne „Taktisch Wählen“ nicht beabsichtigt gewesen sein sollte.
Taktisch gewählt – und dann?
Schafft es die Kampagne, ihr Ziel zu erreichen, gäbe es mindestens fünf Parteien im Landtag: AfD, CDU, SPD, Grüne und die Linke. Kämen alle Parteien zusammen, außer der AfD, auf mehr als 50 Prozent der Sitze, hieße das bei weitem nicht, dass eine stabile und handlungsfähige Regierung ohne die AfD zu Stande käme. Fragwürdig bleibt auch, ob ein solches hypothetisches Regierungsszenario überhaupt irgendwie das Leben der Menschen hier in Sachsen-Anhalt verbessern könnte und nicht eher dazu führen würde, dass bei der nächsten Wahl noch mehr ihre Stimme bei der AfD lassen. Bestätigt doch die Kampagne „Taktisch wählen“ als auch dieses Regierungsszenario eher das Vorurteil eines „Altparteien-Einheitsbreis“. Oder um es mit „Taktisch Wählen“ zu sagen: „Als Demokraten haben wir oft verschiedene Meinungen. Aber in einem Punkt sind wir uns einig: Sachsen-Anhalt braucht eine stabile Regierung, die verlässlich auf dem Boden unseres Grundgesetzes steht.“ Der Inhalt: alles außer AfD. Das Verhindern einer AfD-Regierung würde wahrscheinlich nur etwas Zeit kaufen. Zeit in denen es den meisten hier im Land nicht besser gehen wird. Wenn gleich auf kurze Sicht definitiv Schlimmeres verhindert wird. Denn verbessert sich nichts an der Lebensrealität der Menschen, kann man nicht erwarten, dass es bei den nächsten Landtagswahlen in fünf Jahren anders aussähe. Wobei die Entwicklung im Bund ihren Anteil haben wird.
Wen soll man da eigentlich wählen?
Zwei Parteien, die den Sozialabbau – eine davon gerade aktiv – vorantreiben und und nichts für Arme und Migranten übrighaben? Zwei Parteien, die massiv auf Militarisierung setzen und den Genozid in Gaza durch Waffenexporte unterstützt haben? Zwei Parteien, die Massenüberwachung und den autoritären Staatsumbau in erster Reihe mittragen? Zwei Parteien, die keine konsequente Antwort auf die Klimakatastrophe haben? Zwei Parteien, deren Politik – ihr eigener Rechtsruck– ein Erstarken der AfD erst ermöglicht hat? Diesen Parteien soll man eine Stimme geben?
„Taktisch zu wählen schützt deine eigenen Interessen“, heißt es auf der Website. Doch wie kann das sein, wenn man seine Überzeugungen über den Haufen werfen soll, um eine der beiden Parteien zu wählen? Wozu braucht es dann noch so viele unterschiedliche Parteien, wenn man sich alleinig darüber definiert, gegen die AfD zu sein? Der Rest ist egal – Geschmackssache. Aus demokratischer Sicht ist dieser beschworene Einheitsbrei zutiefst schädlich. Genauso die Aussage auf der Kampagnenwebsite, dass man doch die eigene „Lieblingspartei“ hinten anstellen solle. Als wären all die anfangs genannten Gründe zweitrangig. All das soll über Bord geworfen werden, nur damit vielleicht eine AfD-Alleinregierung verhindert wird? „Taktisch Wählen“ ist inkonsequent, zu kurz gedacht und wirkt eher wie verzweifelter Wahlkampf – so wie immer, so normal.
