Keine Funkstille bei Corax

Die AfD möch­te dem Radio Corax laut Wahlprogramm „den Geldhahn zudre­hen“. Die Öffentliche Förderung soll unter­bun­den und eine Überprüfung des Vereins durch­ge­führt wer­den. Lena Ulrich, Vorstandsmitglied des Corax, spricht über das Radio, ihre Sorgen, Pläne und Hoffnungen.

Könnten Sie das Radio Corax kurz vor­stel­len? Welche Rolle spielt der Verein für die Radio- und Medienlandschaft in Halle?

Radio Corax ist ein frei­es, nicht­kom­mer­zi­el­les Radio, das in und um Halle (Saale) per UKW hör­bar ist. In Sachsen-Anhalt, aber auch bun­des­weit ist es – gemes­sen an der Zahl der­je­ni­gen, die sich ein­brin­gen, und an der Fülle des (Live-)Programms – ziem­lich ein­zig­ar­tig. Es berei­chert die Medienlandschaft der Region, die ansons­ten von öffent­lich- recht­li­chen und von pri­va­ten Sendern geprägt ist, um eine von Marktmechanismen unab­hän­gi­ge Perspektive. Hier wird gesen­det, was Menschen inter­es­siert, und nicht, was sich gut klickt. 

Welche Stimmen und Themen bekom­men bei Corax Raum, die in ande­ren Medien weni­ger vorkommen?

Das Besondere an Radio Corax ist, dass hier weni­ger die poli­ti­schen Entscheider:innen zu Wort kom­men, son­dern viel­mehr die­je­ni­gen, die unter den Entscheidungen zu leben haben – Menschen also, die in Flüchtlingsunterkünften woh­nen und von Abschiebung bedroht sind, die mit der Bezahlkarte aus­kom­men müs­sen oder von Diskriminierung betrof­fen sind auf­grund ihrer Hautfarbe, sexu­el­len Orientierung und Identität, ihrer Krankheit usw. Corax ver­schafft den­je­ni­gen Gehör, die Kritik an den Verhältnissen haben, aber auch Ideen, wie es bes­ser lau­fen könnte.

Bei Corax wird auf­ge­dreht.
Illustration: Franziska Ripke

Wie wür­den Sie Ihre aktu­el­le Situation weni­ge Wochen vor der Landtagswahl beschrei­ben?Die AfD Sachsen-Anhalt nennt Radio Corax aus­drück­lich als Institution, der sie die Förderung ent­zie­hen möch­te. Was bedeu­tet die­se Ankündigung für das Radio im Alltag?

Viele Coraxe bli­cken natür­lich mit Anspannung auf die Wahl, da sich hier in Sachsen- Anhalt so dras­tisch wie in kei­nem ande­ren Bundesland bis­her ein Zuspruch zur rechts­ex­tre­men AfD abzeich­net. Wir las­sen uns dabei aber nicht in unse­rer Arbeit und unse­rem jour­na­lis­ti­schen Anliegen beir­ren. Es gibt nur gera­de beson­ders viel zu tun, da wir – erfreu­li­cher­wei­se – vie­le Presseanfragen erhalten.

Welche kon­kre­ten Folgen hät­te ein Wegfall öffent­li­cher Förderung für den Sender? Wäre der Sendebetrieb als sol­cher gefähr­det, oder wür­de es klei­ne­re Bereiche Eurer Arbeit betreffen?

Im Moment wird cir­ca ein Drittel unse­res Haushalts von der Landesmedienanstalt (MSA) finan­ziert, das betrifft die teils lang­jäh­ri­gen Projekte wie das Kinder- und Jugendradio zum Beispiel. Würden die Fördermittel der MSA kom­plett weg­fal­len, könn­ten etwa die Kosten fürs – pro­fes­sio­nel­le, medi­en­päd­ago­gi­sche – Personal nicht mehr garan­tiert wer­den. Daher bemü­hen wir uns gera­de um grö­ße­re finan­zi­el­le Unabhängigkeit, unter ande­rem durch die Vergrößerung unse­res Förder- und Freundeskreises. Der Sendebetrieb als sol­cher wäre aber nicht direkt gefähr­det, immer­hin wur­de erst letz­tes Jahr unse­re Sendelizenz um wei­te­re zehn Jahre ver­län­gert, und glück­li­cher­wei­se ist der Kreis der ehren­amt­li­chen Radiomacher:innen mit ca. 400 Leuten recht groß.

MSA:
Die Medienanstalt Sachsen-Anhalt ist die zustän­di­ge Behörde für die Zulassung, Lizenzierung und Beaufsichtigung pri­va­ter Hörfunk- und Fernsehveranstalter. Die Behörde wird aus den Rundfunkgebühren finanziert.

Wie neh­men Sie die aktu­el­le Stimmung unter Studierenden und den Menschen in Halle ange­sichts mög­li­cher Einschränkungen von Wissenschaftsfreiheit, Gleichstellung und Mitbestimmung wahr?

Na klar, das ver­un­si­chert Leute, beson­ders wenn man gera­de erst mit dem Studium begon­nen hat oder neu ist in der Stadt. Andererseits erle­ben wir hier im Radio auch sehr selbst­be­wuss­te, kri­ti­sche und auf­ge­weck­te Stimmen, die zum Beispiel zei­gen, dass man sich als quee­re Person nicht zu ver­ste­cken braucht, dass man nicht aus einem bil­dungs­bür­ger­li­chen Haushalt kom­men muss, um in die Uni oder ins Radio zu gehö­ren, oder dass man gän­gi­gen Forschungsthesen auch wider­spre­chen kann. Die eman­zi­pa­to­ri­schen Errungenschaften der letz­ten Jahrzehnte bil­den einen Wall, hin­ter den man nicht so schnell zurück­fal­len kann. Allerdings hält der nur, wenn kri­ti­sche Positionen sich wei­ter­hin Gehör ver­schaf­fen. Das erfor­dert die­ser Tage sicher mehr Mut als noch vor eini­gen Jahren.

Was kön­nen Hörer:innen und Studierende kon­kret tun, um Radio Corax zu unterstützen?

Zunächst mal: Radio hören. Es ist sehr ver­lo­ckend heut­zu­ta­ge, eta­blier­te Podcasts zu hören, die jeder­zeit und über­all ver­füg­bar sind. Aufs Radio muss man sich gewis­ser­ma­ßen erst ein­las­sen. Aber: Oftmals lohnt es sich, und man wird viel­leicht mit einem Thema oder   Musik über­rascht, mit der man sich sonst gar nicht beschäf­tigt hät­te. Eine gute Hörerfahrung wie­der­um lädt zum Weitererzählen ein, und viel­leicht ja auch dazu, selbst zum Mikrofon zu grei­fen. Kurzgesagt: Du kannst uns unter­stüt­zen, indem du Teil von Corax wirst – als Hörer:in, als Radiomacher:in, als Freund:in.

Corax hat ange­kün­digt, sei­ne Unterstützer:innen-Strukturen aus­zu­bau­en. Kann eine stär­ke­re Finanzierung durch den Freundes- und Förderkreis die öffent­li­che Förderung erset­zen? 

Die öffent­li­che Förderung, wie wir sie jetzt erhal­ten, kom­plett zu erset­zen – das ist noch ein wei­ter Weg. Aber jede Unterstützung, jedes neue Fördermitglied im FFK, hilft enorm! Nicht nur finan­zi­ell, son­dern auch ideell – es ist gut zu wis­sen, dass wir vie­le sind.

Gibt es neben den Sorgen auch Entwicklungen, die Ihnen Mut machen? 

Auf jeden Fall. Als ers­tes fällt mir unser Projekt „Platz der Republik“ ein. Fast jedes Wochenende sind Coraxe der­zeit in Sachsen-Anhalt unter­wegs, um mit Menschen und Initiativen in klei­nen Städten und Dörfern zu spre­chen, über ihre Lebensrealitäten, Sorgen, aber auch ihre Zuversicht. Dafür sind vie­le Corax-„Alumnis“ wie­der zusam­men­ge­kom­men und mit Mikrofonen, Aufnahmegeräten und vie­len Fragen im Kopf unter­wegs. Es ist unheim­lich inter­es­sant, was die Menschen an die­sen Orten bewegt, wie Zusammenhalt gelebt wird, wor­auf es in der Not ankommt und wor­über man hin­weg­se­hen lernt.

Wie soll Radio Corax in Zukunft aus­se­hen, unab­hän­gig vom Ausgang der Landtagswahlen?

Wenn ich mir Zukunfts-Corax vor­stel­le, sehe ich eigent­lich Ähnliches wie bis­her: strah­len­de Gesichter in Gemeinschaft, lus­ti­ge Frisuren und Haarfarben, schwit­zi­ge Hände, die am Flusenteppich auf dem Studiotisch abge­wischt wer­den, stei­gen­der Puls in der Hoffnung, dass die Telefonverbindung zum Interviewpartner hält, Augenrollen bei den immer­glei­chen Pannen, Abkühlung am Getränkeautomaten. Corax ist schon ein beson­de­rer Ort.

Was möch­ten Sie den Menschen in Halle mit Blick auf die Wahl am 6. September mitgeben?

An die hun­dert­tau­send Menschen (vor­aus­sicht­lich, Pi mal Daumen) wer­den am Wahlsonntag in Halle nicht die AfD wäh­len. Also: Nicht unter­krie­gen las­sen, auf das Wesentliche besin­nen, zusam­men­kom­men, zum Beispiel bei Corax abends am 1. September. Alle sind eingeladen!

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