Herzlichen Glückwunsch, die AfD hat die 1950er wieÂderÂentÂdeckt! Frauen solÂlen weniÂger selbstÂbeÂstimmÂte Bürgerinnen sein und ihrem Land vor allem als Mütter in traÂdiÂtioÂnelÂlen Familien dieÂnen. Die Partei verÂspricht Frauen Schutz, vor allem vor ihrer eigeÂnen Freiheit. Ein Kommentar.
Das Wahlprogramm der AfD richÂtet sich gegen so vieÂle marÂgiÂnaÂliÂsierÂte Gruppen, dass die Hindernisse, die sie mir als Frau in den Weg stelÂlen wolÂlen, fast in meiÂnen Sorgen unterÂgeÂhen. Es kommt nicht überÂraÂschend, dass die Partei frauÂenÂfeindÂlich ist, im Gegenteil: Wenn ich mir ihr Wahlprogramm durchÂleÂse, wirkt es fast selbstverständlich.
Natürlich setzt sie sich laut Wahlprogramm gegen die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches ein. Selbstredend forÂdert sie dort auch die Rückkehr traÂdiÂtioÂnelÂler Geschlechterrollen und erkennt nur zwei Geschlechter an. Und klar steht dort, dass Gender-Forschung keiÂne seriöÂse Wissenschaft sei und Mittel für dieÂse einÂgeÂstellt gehören.
Ich möchÂte natürÂlich nicht sagen, dass alle Frauen davon abseÂhen sollÂten, Kinder zu bekomÂmen, nur um die Gesellschaft zu straÂfen. Genauso wenig möchÂte ich sagen, dass alle Frauen grundÂsätzÂlich traÂdiÂtioÂnelÂle Geschlechterrollen von sich weiÂsen müsÂsen. Wie immer soll es heiÂßen: Ihre Entscheidung. Eine Frau sollÂte sich frei entÂscheiÂden könÂnen, einen Schwangerschaftsabbruch vorÂzuÂnehÂmen. Eine Frau sollÂte selbst bestimÂmen, als Mutter und Hausfrau zu arbeiÂten oder eben einem Beruf nachÂzuÂgeÂhen. Das Ziel der AfD ist es, uns dieÂse Entscheidungsfreiheit zu nehÂmen und in ein System zu dränÂgen, welÂches dieÂse Entscheidungen Menschen überÂlässt, denen unser Körper und unser Leben nicht gehört. Dabei ist Selbstbestimmung kein ideoÂloÂgiÂsches Projekt, sonÂdern die Grundlage, frei in unseÂrem Land zu leben.

Illustration: Franziska Ripke
Warum sehe ich es als so selbstÂverÂständÂlich an, dass mir eine Partei, die scheinÂbar fast jede:r zweiÂte Wahlberechtigte:r in Sachsen-Anhalt wählt, Rechte verÂwehÂren möchÂte, die mir eigentÂlich schon längst gegeÂben sein sollÂten? Wie hat die AfD es geschafft, so gesellÂschaftsÂfäÂhig zu werÂden, dass Menschen sich nicht mehr schäÂmen, eine Partei zu wähÂlen, die offen davon spricht, uns zurück an den Herd zu dränÂgen? Vielleicht weil die AfD ihre frauÂenÂfeindÂliÂchen Forderungen unter dem Deckmantel der „Fürsorge“ verÂsteckt: Sie verÂkauft „Familienförderung“, meint aber die Rückabwicklung unseÂrer Rechte. Sie tarnt ihren Rassismus als „Schutz unseÂrer Frauen“ und meint damit die menÂschenÂverÂachÂtenÂde Abschiebung Geflüchteter.
Die Tatsache, dass unseÂre patriÂarÂchal gestützÂte Gesellschaft immer wieÂder verÂsucht, uns Frauen zu unterÂdrüÂcken, ist altÂbeÂkannt. Weiblich geleÂseÂne Personen werÂden dazu erzoÂgen, bestimmÂte Erwartungen zu entÂwiÂckeln, wenn sie aus dem Haus gehen. Dein Chef in der Gastro wird sich minÂdesÂtens einÂmal unanÂgeÂmesÂsen über deiÂne Kleidung ausÂlasÂsen, von den männÂliÂchen Gästen mit drei Bier intus ganz zu schweiÂgen. Der Mann in der Straßenbahn dir gegenÂüber wird die Beine so weit spreiÂzen, dass er eigentÂlich einen Leistenriss erleiÂden müssÂte. Unter deiÂnen Freundinnen wird es keiÂne geben, die keiÂne überÂgrifÂfiÂgen Erfahrungen mit (Ex-)Partnern gemacht hat. Und Menschen werÂden dein Geschlecht und deiÂnen Körper als poliÂtiÂsches Schlachtfeld missÂbrauÂchen, ohne dir oder andeÂren Frauen, die nicht in ihr perÂsönÂliÂches Weltbild pasÂsen, zuzuhören.
So „schützt“ die AfD uns Frauen beiÂspielsÂweiÂse, indem sie Migrant:innen rigoÂros abschieÂben möchÂte. Sie bezeichÂnet Schutzsuchende pauÂschal als Mörder und Vergewaltiger. Ihre „Remigrationspolitik“, die sie früÂher noch verÂleugÂneÂte und heuÂte namentÂlich im Wahlprogramm steht, begrünÂdet sie mit dem angebÂliÂchen Schutz deutÂscher Frauen Dabei missÂbraucht sie eines der größÂten Probleme Deutschlands für ihre Vorhaben. In Deutschland wird minÂdesÂtens alle zwei Tage ein Femizid beganÂgen. Viele meiÂner Freundinnen gehen nachts nur mit Pfefferspray oder Elektroschocker aus dem Haus. Was wir dazu zu sagen haben, wird gerÂne von der Politik ignoÂriert und auf ein Problem mit der Migration verÂschoÂben. Dabei sind es nicht männÂliÂche Migranten, vor denen sich Frauen nachts auf der Straße fürchÂten. Es sind Männer.

Foto: Tom Roeloffzen
Während die AfD also mit ihrer perÂsönÂliÂchen sachÂsen-anhalÂtiÂschen Abschiebeoffensive durchÂstarÂten möchÂte, sieht sie Migration nicht als eine mögÂliÂche Lösung für den demoÂgraÂphiÂschen Wandel. Diesen will sie nämÂlich durch ihre besonÂders zyniÂsche Familienpolitik aufÂhalÂten. Die Partei plant ein Baby-Begrüßungsgeld, übriÂgens auch nur, wenn minÂdesÂtens ein Elternteil die deutÂsche Staatsbürgerschaft besitzt. Die heteÂroÂseÂxuÂelÂle Kleinfamilie wird zur Geburtenmaschine — oder wie es im Programm steht, zur „Keimzelle“ — erklärt, wähÂrend andeÂren Formen des Elternseins sysÂteÂmaÂtisch ihre Berechtigung entÂzoÂgen wird. Dabei verÂschweigt die AfD natürÂlich gerÂne, dass dieÂse Familienpolitik Unmengen an unbeÂzahlÂter Care-Arbeit für Junge und Alte zurück in den priÂvaÂten Raum, und somit zu Frauen, verÂschiebt, die damit an der Ausübung eines Berufes gehinÂdert werÂden könnten.
Wenn es um die konÂkreÂte Unterstützung bei tatÂsächÂliÂchen Problemen von Frauen geht, bleibt die AfD aufÂfalÂlend still. Maßnahmen gegen sexuaÂliÂsierÂte, häusÂliÂche oder digiÂtaÂle Gewalt — Themen, die überÂproÂporÂtioÂnal Frauen betrefÂfen — sucht man in ihrem Programm vergebens.
Am Ende bleibt die Frage: Warum wird es akzepÂtiert, dass eine Partei, die uns unseÂre Selbstbestimmung nehÂmen will, als „Alternative“ gehanÂdelt wird? Vielleicht, weil sie ihrer Wähler:innenschaft einÂreÂdet, ihre Politik sei zum Schutz der Frauen. Allerdings bedeuÂtet Schutz nicht, uns in ein Modell zu presÂsen, das wir eigentÂlich in den 1950er-Jahren hätÂten zurückÂlasÂsen solÂlen. Schutz bedeuÂtet, Frauen die Freiheit zu geben, selbst zu entÂscheiÂden über ihre Familienkonstellationen und ihre berufÂliÂche Zukunft. Schutz bedeuÂtet, sie bei ihren tatÂsächÂlich droÂhenÂden Gewaltproblemen zu unterÂstütÂzen, anstatt ihn als Ausrede für poliÂtisch motiÂvierÂten Rassismus zu nutÂzen. Alles andeÂre ist kein Schutz. Es ist Kontrolle.
