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| Hinweis Der folgende Text beinhaltet toxische Schönheitsideale, gestörtes Essverhalten und die Weitergabe von Körperhass und ‑kritik innerhalb der Familie. |
Meine Mutter hat mir viel beigebracht: wie man Saucen aus der Tüte anrührt, wie man die Zeit beim Zähneputzen sportlich produktiv nutzt und vor allem, wie man den eigenen Körper mit der Präzision einer Chirurgin hasst.

Foto: Michelle Ehrhardt
Mütter sind meist schon früh prägende Figuren im Leben ihrer Töchter. Sie sind nicht selten Vorbilder, auch ohne das zu wollen oder zu bemerken. Was durchaus problematisch werden kann: Zum Beispiel dann, wenn von klein auf zugesehen wird, wie Mütter ihre Portionen absichtlich am kleinsten halten, oder wenn schlecht über den eigenen Körper und viel über Kalorien sowie Fett gesprochen wird. Essen wird zu etwas, das man sich durch Sport, Disziplin, aber vor allem Leid verdienen muss und das stets kommentiert wird.
Wie viele Frauen habe auch ich diese schwierige Beziehung zum Essen und dem eigenen Körper von meiner Mutter geerbt. Dem strengen Blick und den kritischen Kommentaren meiner Mutter war und ist noch immer nicht zu entkommen. Sätze wie „Muss der Nachtisch noch sein?“, „Pass ein bisschen auf!“ oder „Du hast ganz schön zugelegt!“ lassen sich nur schwer wieder abschütteln und hallen lange nach. Regelmäßig wird Kate Moss‘ berühmtester Satz „Nichts schmeckt so gut wie das Gefühl, dünn zu sein“ zitiert oder eine neue Diät ausprobiert, die man als Kind einfach mitmachen musste.
Groß werden, aber bloß nicht dick
Ich bin in einem paradoxen Zustand zwischen Binge Eating, Diäten und Bewegungswahn aufgewachsen. Schon früh wurde mein Körper kommentiert. Das erste Mal mit neun oder zehn, als ich nach einem ausgiebigen Mittagessen von meiner Oma wieder nach Hause kam. Ich hatte mein liebstes dunkelblaues T‑Shirt an, das um den Bauch etwas enger saß. Meine Mutter sah hoch, als ich sie begrüßte, und machte sofort große Augen. „Du hast aber ganz schön zugegriffen! Du musst aufpassen!“ kritisierte sie und berührte dabei meinen Bauch. Der vorwurfsvolle Blick auf meinem Körper traf wie eine Ohrfeige. Ein Tippen auf den Kinder-Bauch, ein Satz, und das geliebte dunkelblaue T‑Shirt wurde vom Kleidungsstück zum Beweismittel meiner Maßlosigkeit. Es wanderte in die hinterste Ecke meines Schrankes und verschwand für immer in seinen Tiefen – mein Selbstbewusstsein gleich mit.
Der eigene Körper meiner Mutter stand auch ständig in ihrer Kritik. Jeden Morgen wurde sich auf die Waage gestellt und das Ergebnis minutiös auf Millimeterpapier am Kühlschrank verewigt. Wellenförmig wurden die Punkte zu einem Graph des eigenen Versagens verbunden. Auf einen Blick konnte nachverfolgt werden, wie sich das Gewicht veränderte und wann wieder die nächste Diät anstand. Intervallfasten, kalorienarm oder nichts außer übelriechende Kohlsuppe, die laut meiner Mutter der ganzen Familie gut täte – eine kulinarische Drohung, die über dem Herd schwebte wie ein schlechtes Omen. Wenn Kate Moss’ Mantra vom Dünnsein zum Tischgebet wird, schmeckt die klare Brühe plötzlich nach moralischer Überlegenheit.

Foto: Michelle Ehrhardt
Doch wie genau gesunde und ausgewogene Ernährung funktioniert, kann man so nicht lernen. Meine Eltern haben nie großen Wert auf selbstgekochtes Essen gelegt. Neben ihrer Arbeit wurde schnelles, praktisches und oft fertiges Essen priorisiert. Peinlich spät habe ich gelernt, dass Bolognese- oder Tomatensauce auch selbstgemacht werden kann und nicht aus der Tüte kommen muss. Noch immer ertappe ich mich, wie ich hilflos „gesunde Rezepte“ in die Google-Suchzeile eintippe.
Der Hunger ist weg, aber der Teller noch voll? Man könnte meinen, das sollte ganz nach dem Geschmack meiner Mutter sein. Dem ist aber natürlich nicht so. Das wäre zu einfach und gar nicht widersprüchlich. Der Teller muss leer sein! Wer nicht aufisst, darf nicht vom Tisch aufstehen. Es wird sitzengeblieben, bis kein Krümel mehr übrig ist. Notfalls wird so viel über den Hunger gegessen, dass die Pasta à la Fertig-Sauce kurze Zeit später wieder ausgekotzt wird.
Sollte man aber nach einer Portion klarer Brühe mit Kohlgeschmack wenig überraschend noch Hunger haben, wird geraten, ein Glas Leitungswasser zu trinken. Danach gleich Zähneputzen und dabei im besten Fall noch Sportübungen im Stehen machen. Dann sollte der Hunger laut meiner Mutter gleich verflogen sein. Bloß nicht die Kontrolle verlieren. Hunger ist kein Bedürfnis, sondern ein Charakterfehler.
Dünne Teenagerinnen-Körper

Foto: Michelle Ehrhardt
Besonders hart war diese Philosophie als Teenagerin; die mütterliche Neurose wurde als Fürsorge getarnt, während ich all die Schwierigkeiten meiner Mutter bereits verinnerlicht hatte und zu meinen eigenen machte. So auch meine Freundinnen. Wir Teenager-Mädchen saßen in den Kinderzimmern und verglichen nicht unsere Hausaufgaben, sondern die Schlankheit unserer Unterarme und Oberschenkel. Wer am wenigsten aß, gewann die Bewunderung und Achtung aller Mütter. Die anderen sollten sich von ihr eine Scheibe abschneiden, auch wenn kaum noch etwas von dem Teenagerinnen-Körper übrig war. Das einzige Hobby, das wir hatten, war dünner werden.
Dass wir uns damit kollektiv in den Abgrund stürzen, ist keine subjektive Wahrnehmung, sondern messbares Leid. Studien zeigen, dass die Zahl der Behandlungen wegen Essstörungen bei Jugendlichen in den letzten Jahren drastisch gestiegen ist – zwischen 2019 und 2023 um knapp 50 Prozent. Wir sprechen hier nicht von einer „Phase“, sondern von einer Epidemie der Selbstverleugnung. Wenn fast jedes dritte Mädchen im Alter von 14 Jahren ein auffälliges Essverhalten zeigt, dann ist das kein individuelles Problem mehr. Dann ist das strukturelles Versagen.
Die Mutter einer Freundin schwatzte ihr mit 16 eine Nasen-OP auf. Oder es wird unter dem Deckmantel der mütterlichen Fürsorge eine absurd teure Saft-Diät neben Designertaschen zum Geburtstag verschenkt. Eine andere Teenagerin ließ sich auf mütterlichen Rat hin die Brüste machen und gutartige Muttermale weglasern. Der Rest, der sich das nicht leisten konnte, aß einfach immer weniger und kotzte häufiger. Unsere Mütter waren stolz und wir versuchten um jeden Preis, schlank zu sein. Die Ängste unserer Mütter, die schnell unsere eigenen wurden, formten uns immer dünner.
Wenn das Hungergefühl nicht mehr ertragbar war, folgte die Kapitulation. Der Wille brach. Es wurde gefressen. Die Leere musste gefüllt werden. Auch das lebte mir meine Mutter vor. Ein volles Glas Nutella, die ganze Schokoladentafel, immer mehr und größere Tortenstücke und dann noch eine Packung Gummibären. Einmal angefangen gab es kein Halten mehr. Es wurde Binge Eating wie aus dem Lehrbuch praktiziert. Man belohnte sich. Man bestrafte sich. Bis alle Gefühle verschwammen und nur noch der Hass auf den eigenen Körper blieb. Ich erreichte den Punkt, an dem ich an nichts und niemanden mehr glaubte als an die Tafel Schokolade.

Foto: Michelle Ehrhardt
Nach den Fressanfällen fühlte ich mich krank, aufgebläht, als wäre ich von oben bis unten gefüllt mit einer klebrigen Masse. Ich war kaum noch Mensch, ich war eher ein Gefäß für industrielle Zuckerfette. Anstelle von Blut floss zähflüssiger Schleim durch meine Adern.
Patriarchale Gehirnwäsche

Foto: Michelle Ehrhardt
Man könnte meinen, unsere Mütter wären einfach nur grausam, aber die Wahrheit ist trauriger: Sie sind die fleißigen Soldatinnen eines grausamen Systems, das Frauen seit Jahrhunderten einflüstert, ihr „Marktwert“ steige proportional zur Sichtbarkeit ihrer Rippen. Das Patriarchat liebt hungernde Frauen, denn wer hungert, hat keine Energie für Revolutionen. Die gesellschaftliche Fixierung auf schlanke weibliche Körper ist keine Obsession der Ästhetik, sondern des Gehorsams. Wer damit beschäftigt ist, alles zu tun, um den Schönheitsstandards zu entsprechen, hat keine Zeit, sich zu widersetzen. Unsere Mütter haben uns folglich nicht aus Bosheit kontrolliert, sondern weil sie gelernt haben, dass ein disziplinierter Körper die einzige Währung ist, die einer Frau in dieser misogynen Welt Anerkennung verschafft. Sie haben versucht, uns das Überleben in einer Welt beizubringen, die uns am liebsten bis zur Unsichtbarkeit schrumpfen sehen würde.
Wahrscheinlich ist der erste Schritt in Richtung Heilung nicht die Selbstliebe – das wäre nach all den Jahren der Gehirnwäsche viel zu viel verlangt. Eher ist der erste Schritt die Wut. Wut auf ein System, das uns das Essen schlechtredet, um uns klein zu halten. Ich versuche mich zu weigern, das schwere Erbe meiner Mutter weiterzutragen. Ich will nicht unsichtbar sein! Ich will satt sein!
