Ob in der Stadtbibliothek oder der Buchhandlung des Vertrauens, die Auswahl an Neuerscheinungen und Backlisttiteln wächst und wächst. Dass man dabei leicht den Überblick verlieren kann, verwundert nicht. Deshalb gibt es hier nun drei Tipps für den Nachtschrank oder die nächste Bahnfahrt.
Helene Bukowski: Die Kriegerin

Lisbeth hält es in ihrem Leben nicht mehr aus: zu viel Nähe und viel zu wenig Distanz. Hals über Kopf verlässt sie ihren Partner und das gemeinsame Kind und flüchtet sich an die Ostsee. Ein Ort, an dem sie sich als Kind sicher fühlte, an dem ihre starke Neurodermitis zur Ruhe kam. Ein Ort, der Kontrolle bedeutet. Eher zufällig trifft sie dort auf die Kriegerin, die sie während der Grundausbildung bei der Bundeswehr kennenlernte. Kurzum beschließen sie, die Zeit bis zum nächsten Auslandseinsatz der Kriegerin gemeinsam zu verbringen. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Art Freundschaft. Sie können an die Vertrautheit der Vergangenheit anknüpfen, halten über verschiedene Ländergrenzen hinweg Kontakt, erreichen sich jedoch nie vollkommen. In die vertraute Nähe mischt sich immer mehr Distanz, Unerreichbarkeit und Ungewissheit. Aufenthalte in Kriegsgebieten hinterlassen zunehmend Spuren in der Kriegerin, die doch vor allem eins sein will: unverwundbar.
Helene Bukowski erzählt die Geschichte zweier Frauen, die aus gewaltsamen Erfahrungen den Traum einer Unverwundbarkeit gebären und daran zu scheitern drohen. Wenngleich der Roman recht konventionell erzählt ist, lassen surreale Elemente die Grenze zwischen Realität und Traum verschwimmen und an der Glaubwürdigkeit der Protagonistinnen zweifeln. Nicht selten will man die beiden Figuren schütteln, damit sie endlich miteinander reden oder über ihren Schatten springen. Die daraus resultierende Anspannung verleiht der Geschichte einen Sog, der einen unaufhaltsam vorantreibt. Obwohl „Die Kriegerin“ bereits 2022 erschien, verliert der Roman keineswegs an Aktualität, knüpfen die Einblicke in die Bundeswehr und das Leben weiblicher Soldatinnen doch an die aktuellen Debatten rund um die Wehrpflicht an.
| Berlin: Blumenbar 2022 256 Seiten; 23,00 € (E‑Book 4,99 €) |
Betty Boras: Das schönste aller Leben

Welche Rolle spielt Schönheit in unserem Leben und um welchen Preis wollen wir sie beschützen? Wann hilft sie uns und wann steht sie uns im Weg? Auf drei Zeitebenen geht Betty Boras diesen Fragen in ihrem Debütroman „Das schönste aller Leben“ nach. Gemeinsam mit ihren Eltern flieht Vio kurz nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceaușescu aus dem Banat, einer Region, die heute zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn aufgeteilt ist, nach Deutschland. Dort soll vor allem Vio ein besseres Leben haben. Doch immer mehr zeigt sich, dass sie anders ist als ihre Schulkamerad:innen. Zuhause wird anders gekocht, gesprochen und sich gekleidet. Dabei wollen ihre Eltern doch nur eins: Vio soll so sein wie die anderen Mädchen. Jahre später ist sie selbst Mutter, will vieles anders machen als ihre Eltern. Ein schrecklicher Unfall, der das Gesicht ihrer Tochter entstellt, wirft Vio jedoch in ein Loch aus Selbstvorwürfen, Depressionen und dem Gefühl, versagt zu haben. Dabei wollte sie nur eins: das schönste Leben für ihre Tochter.
Dass Schönheit auch ihre Schattenseiten haben kann, erfährt Theresia im 18. Jahrhundert. Aufgrund ihrer äußeren Erscheinung wird sie nicht nur Opfer der Keuschheitskommission, sondern auch zur Strafe in ein Arbeitslager im Banat verschleppt. Dort kämpft sie nicht nur um ihr Leben, sondern auch für eine Zukunft.
Die Verbindung zwischen Vio und Theresia offenbart sich erst gänzlich gegen Ende des Romans. Bis dahin versucht man als Leser:in zu verstehen, in welcher Verbindung die beiden Frauen zueinander stehen, und kommt dabei immer wieder auf das Banat zurück. Das Banat verbindet, lässt nicht los und wirkt bis in die Gegenwart. Trotz der zarten Verknüpfung zeigt sich unweigerlich, wie sehr das Leben weiblicher Personen von anhaltenden Schönheitsidealen geprägt ist. Der Blick von außen auf sich selbst, das harte Urteil über den eigenen Körper, die Frage, was andere Menschen denken könnten, ist dauerhaft spürbar. Die Erzählung changiert dabei zwischen leichtem Humor und einer Melancholie, die nachhallt.
| Berlin: Hanser blau 2026 240 Seiten, 22,00 € (E‑Book 15,99 €) |
Helene Böhlau: Halbtier!

Draußen braut sich ein regelrechtes Unwetter zusammen. Aus ihrem Zimmerfenster heraus beobachtet ein junges Mädchen eine Ausgrabung. Sie geht hinaus, stiehlt einen Totenschädel und betreibt fortan Konversation mit diesem. So beginnt der 1899 erschienene Roman „Halbtier!“ von Helene Böhlau, der aus so manchem literarischen Gedächtnis verschwunden scheint. Zu Unrecht! Erzählt wird von Misogynie, dem harten Kampf der Selbstermächtigung und den noch härteren Strafen des Patriarchats.
Isolde Frey wächst in einer autoritären Familie auf. Der Vater ist ein tyrannischer, cholerischer und erfolgloser Künstler. Ihm nach sollen Frauen Kinder gebären und auf keinen Fall einen Beruf ausüben – egal wie schlecht es um die Familie steht. Doch Isolde will Künstlerin werden. Als sie auf ihr Idol Mengersen trifft, verliebt sie sich sofort. Er heiratet jedoch ihre Schwester Marie. Isolde beginnt zu begreifen, was es bedeutet, als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft zu leben, und welcher Wert weiblicher Kunst zugeschrieben wird.
„Halbtier!“ ist keine leichte Lektüre. Einige Sätze und ganze Passagen müssen zum Teil mehrfach gelesen werden, weil sie so aus- und abschweifend sind, dass man leicht den Anschluss verliert. Immer wieder durchbrechen französische Vokabeln und Floskeln die Dialoge zwischen den Figuren. Doch zugleich schafft diese Sprachgewalt eine Atmosphäre, die von Anfang bis Ende erdrückend ist. Hinzu kommen der anhaltende Hass, die dauerhafte Entwertung der weiblichen Figuren sowie die Ignoranz und Selbstgefälligkeit der männlichen. Erstaunlich modern erscheint der Roman, wenn die Beziehungen zwischen den weiblichen Figuren voller Liebe und fern des Neides sind und Frauen Banden bilden, sich gegenseitig beistehen und ermutigen. „Halbtier!“ ist ein Roman, der wütend macht, der fassungslos zurücklässt und doch auch ein wenig Hoffnung gibt.
| Ditzingen: Reclam 2025 203 Seiten, 20,00 € |
Beitragsbild: Leonie Brommer
