Ein Großer macht das Licht aus

Der ein­fluss­rei­che Denker Jürgen Habermas ist tot. Egal ob sie ihn ver­eh­ren oder ver­flu­chen, Studierende der Geisteswissenschaften kom­men um ihn nicht her­um. Ein Nachruf.

Seit dem 14. März ist klar: der „bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Hegel“, wie ihn der Biograph Philipp Felsch nann­te, lebt nicht mehr. Jürgen Habermas wur­de 96 Jahre alt und war der viel­leicht letz­te ganz, ganz gro­ße deut­sche Denker der Gegenwart. Ein Grund dafür ist die Vielschichtigkeit sei­ner Arbeiten. Obwohl er vor­nehm­lich als Soziologe und Philosoph bezeich­net wird, reicht sein Werk in etli­che Zweige der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Universitärer Dauerbrenner

Es ver­wun­dert nicht, dass sei­ne Texte bei vie­len Studierenden auf der Liste der Pflichtlektüre ste­hen. Philosophie (Theorie und Praxis), Soziologie (Strukturwandel der Öffentlichkeit), Politikwissenschaft (Faktizität und Geltung), Geschichte (Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus), Germanistik bezie­hungs­wei­se Linguistik (Theorie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Handelns), Medien- und Kommunikationswissenschaften (Technik und Wissenschaft als „Ideologie“), Theologie (Dialektik der Säkularisierung). Wer das eige­ne Fach hier fin­det, hat stets gute Chancen, Bekanntschaft mit den oft schwer ver­ständ­li­chen Werken Habermas’ zu machen.

Jürgen Habermas 2007 an der Hochschule für Philosophie München
Foto: Wolfram Huke (CC BY-SA 3.0)

Als mar­xis­tisch gepräg­ter Philosoph war er der Auffassung, dass die gesam­te Menschheitsgeschichte von einem bestimm­ten Merkmal, in sei­nem Fall dem der Kommunikation, durch­zo­gen war. Nur über den inten­si­ven gemein­sa­men Diskurs, an des­sen Ende stets das ver­nünf­tigs­te Ergebnis („der zwang­lo­se Zwang des bes­se­ren Arguments“) ste­hen müs­se, kön­ne eine Demokratisierung ver­wirk­licht werden.

Habermas, der auf­grund sei­ner ange­bo­re­nen Gaumenspalte Mobbing erfah­ren hat­te, erkann­te, wie wich­tig Kommunikation für die Gesellschaft ist. Umso erstaun­li­cher, dass gera­de die­ser Mann wegen sei­ner dich­ten Schachtelsätze für vie­le äußerst unver­ständ­lich ist. So wird aus der wich­ti­gen Auseinandersetzung mit „kom­mu­ni­ka­ti­vem Handeln“ und „deli­be­ra­ti­ver Ethik“ für vie­le Studierende eher ein Lesen ohne Verstehen. Andererseits muss ein­ge­wen­det wer­den, dass gera­de in der Herausforderung, kom­ple­xen Texten in inten­si­ver Auseinandersetzung zu begeg­nen, der Kern des Erkenntnisgewinnes liegt. Wer nur liest, was er schon ver­steht, ver­passt viel­leicht etwas.

Jürgen Habermas schrieb nicht nur inter­dis­zi­pli­när, er ver­öf­fent­lich­te ins­ge­samt auch eine unge­heu­re Menge Literatur. Allein die Anzahl der bekann­tes­ten Titel über­schrei­tet das Dutzend. Doch die­se Arbeiten blei­ben nicht für sich allein bestehen. Über 14 000 Sekundärwerke gibt es zu ihm. Das „ha:lit“ der MLU führt immer­hin etwa 3000 Suchergebnisse auf. Die phy­sisch vor­han­de­nen Bücher zum Stichwort „Habermas“ fül­len in den hal­li­schen Bibliotheken gan­ze Regale.

Vordenker und Gegner

Wie es zu jener Zeit üblich war, stu­dier­te Habermas Mitte des vori­gen Jahrhunderts kreuz und quer durch ver­schie­de­ne Fächer und an unter­schied­li­chen Universitäten. Fünf Jahre lang besuch­te er in Göttingen, Zürich und Bern Veranstaltungen in den Bereichen Philosophie, Geschichte, Psychologie, deut­scher Literatur und Ökonomie. 1954 wur­de er dann mit einer Arbeit zu Schelling pro­mo­viert. Das dama­li­ge Studium war wesent­lich fle­xi­bler und weni­ger auf eine unmit­tel­ba­re Berufswahl aus­ge­legt, in den meis­ten Fällen aber aus finan­zi­el­ler Sicht nicht für die brei­te Masse zugängig.

Jürgen Habermas 2014 im Európa Pont in Budapest
Foto: Europäische Kommission/ Szabolcs Dudás (CC BY 2.0)

Über Stipendien kam Habermas 1956 zu einer Assistenzstelle in Frankfurt am Main und schon 1961, im Alter von gera­de ein­mal 32 Jahren, zur Habilitation (mit dem berühm­ten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“). Eine stei­le Karriere, wie sie heu­te kaum vor­stell­bar ist.

Spannend wird das aka­de­mi­sche Leben des Adorno-Schülers aus stu­den­ti­scher Perspektive wie­der 1964. Er trat die Nachfolge von Max Horkheimer am Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an und arbei­te­te inten­siv an sei­nen eige­nen Theorien und am Institut für Sozialforschung. Horkheimer hat­te sich vom Gedanken der Revolution ent­fernt und glaub­te, sein jun­ger Nachfolger ver­fäl­sche das Selbstverständnis der Kritischen Theorie. Auch die vor­he­ri­ge Assistenzstelle hat­te Habermas sei­nem Förderer Adorno zu ver­dan­ken, der sich gegen Horkheimers Animositäten durchsetzte.

Rund um die 68er-Bewegung wur­den Habermas’ Veranstaltungen sehr attrak­tiv für all die jun­gen Menschen, die in den Ideologien des Marxismus und Materialismus einen Weg sahen, die star­re bür­ger­li­che Gesellschaft auf­zu­rüt­teln und Veränderungen anzu­stre­ben. Er selbst hat­te schon zuvor für eine Demokratisierung der Universitäten plädiert.

Der Professor hat­te aller­dings ande­re Vorstellungen als etwa der berühm­te Rudi Dutschke, mit dem er sich 1967 in Hannover ein legen­dä­res Wortgefecht lie­fer­te, für das Habermas sogar noch­mal vom Parkplatz in den Hörsaal zurück­kehr­te. Dutschke hat­te mit einem Beitrag zur radi­ka­len Demokratisierung der Unis vor­ge­legt. Habermas kri­ti­sier­te die stu­den­ti­sche Bewegung, mahn­te vor der „Scheinrevolution“ und einem „Linksfaschismus“. Beide Seiten wand­ten sich von­ein­an­der ab.

1971 ging Habermas das ers­te Mal nach Starnberg, um am Max-Planck-Institut wei­ter zu for­schen und zu publi­zie­ren. Ab 1981 lehr­te er noch ein­mal in Frankfurt und wur­de schließ­lich 1994 emeritiert.

Das Vorbild

Das Wirken die­ses deut­schen Denkers ist ohne Zweifel beein­dru­ckend und sein Lebenswerk ein­zig­ar­tig. Davon zeu­gen Quantität und Qualität sei­ner Arbeiten sowie die Tatsache, dass sich noch lan­ge regel­mä­ßig damit in Forschung und Lehre aus­ein­an­der­ge­setzt wer­den wird.

Nach der Bekanntgabe des Todes wur­de von deut­schen Politiker:innen und Feuilletons ein regel­rech­ter Überbietungswettbewerb betrie­ben, wer Habermas nun am stärks­ten por­trä­tie­ren und die bes­te Anekdote erzäh­len kön­ne. Wer als „deut­scher Staats­philosoph“ gilt, der wird wohl zwangs­läu­fig schnell glorifiziert.

Dabei wäre es ihm sicher auch recht, wenn sein Denken eben­so kri­tisch bear­bei­tet wür­de, wie er es bei ande­ren tat. In der Sache des Ukrainekrieges sprach er sich gegen Waffenlieferungen aus, zu Beginn des Gazakrieges 2024 beton­te er, Israels Krieg sei „prin­zi­pi­ell gerecht­fer­tigt.“ Diese Stellungnahmen waren für vie­le Grund, sich noch ein­mal mit die­sem Mann aus­ein­an­der­zu­set­zen. Vielleicht gelingt es uns eines Tages wie­der bes­ser, die hei­ßen poli­ti­schen Debatten nach habermas’schem Vorbild zu füh­ren: mit­ein­an­der, klar gere­gelt, lösungsorientiert.

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