Der einflussreiche Denker Jürgen Habermas ist tot. Egal ob sie ihn verehren oder verfluchen, Studierende der Geisteswissenschaften kommen um ihn nicht herum. Ein Nachruf.
Seit dem 14. März ist klar: der „bundesrepublikanische Hegel“, wie ihn der Biograph Philipp Felsch nannte, lebt nicht mehr. Jürgen Habermas wurde 96 Jahre alt und war der vielleicht letzte ganz, ganz große deutsche Denker der Gegenwart. Ein Grund dafür ist die Vielschichtigkeit seiner Arbeiten. Obwohl er vornehmlich als Soziologe und Philosoph bezeichnet wird, reicht sein Werk in etliche Zweige der Geistes- und Sozialwissenschaften.
Universitärer Dauerbrenner
Es verwundert nicht, dass seine Texte bei vielen Studierenden auf der Liste der Pflichtlektüre stehen. Philosophie (Theorie und Praxis), Soziologie (Strukturwandel der Öffentlichkeit), Politikwissenschaft (Faktizität und Geltung), Geschichte (Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus), Germanistik beziehungsweise Linguistik (Theorie des kommunikativen Handelns), Medien- und Kommunikationswissenschaften (Technik und Wissenschaft als „Ideologie“), Theologie (Dialektik der Säkularisierung). Wer das eigene Fach hier findet, hat stets gute Chancen, Bekanntschaft mit den oft schwer verständlichen Werken Habermas’ zu machen.

Foto: Wolfram Huke (CC BY-SA 3.0)
Als marxistisch geprägter Philosoph war er der Auffassung, dass die gesamte Menschheitsgeschichte von einem bestimmten Merkmal, in seinem Fall dem der Kommunikation, durchzogen war. Nur über den intensiven gemeinsamen Diskurs, an dessen Ende stets das vernünftigste Ergebnis („der zwanglose Zwang des besseren Arguments“) stehen müsse, könne eine Demokratisierung verwirklicht werden.
Habermas, der aufgrund seiner angeborenen Gaumenspalte Mobbing erfahren hatte, erkannte, wie wichtig Kommunikation für die Gesellschaft ist. Umso erstaunlicher, dass gerade dieser Mann wegen seiner dichten Schachtelsätze für viele äußerst unverständlich ist. So wird aus der wichtigen Auseinandersetzung mit „kommunikativem Handeln“ und „deliberativer Ethik“ für viele Studierende eher ein Lesen ohne Verstehen. Andererseits muss eingewendet werden, dass gerade in der Herausforderung, komplexen Texten in intensiver Auseinandersetzung zu begegnen, der Kern des Erkenntnisgewinnes liegt. Wer nur liest, was er schon versteht, verpasst vielleicht etwas.
Jürgen Habermas schrieb nicht nur interdisziplinär, er veröffentlichte insgesamt auch eine ungeheure Menge Literatur. Allein die Anzahl der bekanntesten Titel überschreitet das Dutzend. Doch diese Arbeiten bleiben nicht für sich allein bestehen. Über 14 000 Sekundärwerke gibt es zu ihm. Das „ha:lit“ der MLU führt immerhin etwa 3000 Suchergebnisse auf. Die physisch vorhandenen Bücher zum Stichwort „Habermas“ füllen in den hallischen Bibliotheken ganze Regale.
Vordenker und Gegner
Wie es zu jener Zeit üblich war, studierte Habermas Mitte des vorigen Jahrhunderts kreuz und quer durch verschiedene Fächer und an unterschiedlichen Universitäten. Fünf Jahre lang besuchte er in Göttingen, Zürich und Bern Veranstaltungen in den Bereichen Philosophie, Geschichte, Psychologie, deutscher Literatur und Ökonomie. 1954 wurde er dann mit einer Arbeit zu Schelling promoviert. Das damalige Studium war wesentlich flexibler und weniger auf eine unmittelbare Berufswahl ausgelegt, in den meisten Fällen aber aus finanzieller Sicht nicht für die breite Masse zugängig.

Foto: Europäische Kommission/ Szabolcs Dudás (CC BY 2.0)
Über Stipendien kam Habermas 1956 zu einer Assistenzstelle in Frankfurt am Main und schon 1961, im Alter von gerade einmal 32 Jahren, zur Habilitation (mit dem berühmten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“). Eine steile Karriere, wie sie heute kaum vorstellbar ist.
Spannend wird das akademische Leben des Adorno-Schülers aus studentischer Perspektive wieder 1964. Er trat die Nachfolge von Max Horkheimer am Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an und arbeitete intensiv an seinen eigenen Theorien und am Institut für Sozialforschung. Horkheimer hatte sich vom Gedanken der Revolution entfernt und glaubte, sein junger Nachfolger verfälsche das Selbstverständnis der Kritischen Theorie. Auch die vorherige Assistenzstelle hatte Habermas seinem Förderer Adorno zu verdanken, der sich gegen Horkheimers Animositäten durchsetzte.
Rund um die 68er-Bewegung wurden Habermas’ Veranstaltungen sehr attraktiv für all die jungen Menschen, die in den Ideologien des Marxismus und Materialismus einen Weg sahen, die starre bürgerliche Gesellschaft aufzurütteln und Veränderungen anzustreben. Er selbst hatte schon zuvor für eine Demokratisierung der Universitäten plädiert.
Der Professor hatte allerdings andere Vorstellungen als etwa der berühmte Rudi Dutschke, mit dem er sich 1967 in Hannover ein legendäres Wortgefecht lieferte, für das Habermas sogar nochmal vom Parkplatz in den Hörsaal zurückkehrte. Dutschke hatte mit einem Beitrag zur radikalen Demokratisierung der Unis vorgelegt. Habermas kritisierte die studentische Bewegung, mahnte vor der „Scheinrevolution“ und einem „Linksfaschismus“. Beide Seiten wandten sich voneinander ab.
1971 ging Habermas das erste Mal nach Starnberg, um am Max-Planck-Institut weiter zu forschen und zu publizieren. Ab 1981 lehrte er noch einmal in Frankfurt und wurde schließlich 1994 emeritiert.
Das Vorbild
Das Wirken dieses deutschen Denkers ist ohne Zweifel beeindruckend und sein Lebenswerk einzigartig. Davon zeugen Quantität und Qualität seiner Arbeiten sowie die Tatsache, dass sich noch lange regelmäßig damit in Forschung und Lehre auseinandergesetzt werden wird.
Nach der Bekanntgabe des Todes wurde von deutschen Politiker:innen und Feuilletons ein regelrechter Überbietungswettbewerb betrieben, wer Habermas nun am stärksten porträtieren und die beste Anekdote erzählen könne. Wer als „deutscher Staatsphilosoph“ gilt, der wird wohl zwangsläufig schnell glorifiziert.
Dabei wäre es ihm sicher auch recht, wenn sein Denken ebenso kritisch bearbeitet würde, wie er es bei anderen tat. In der Sache des Ukrainekrieges sprach er sich gegen Waffenlieferungen aus, zu Beginn des Gazakrieges 2024 betonte er, Israels Krieg sei „prinzipiell gerechtfertigt.“ Diese Stellungnahmen waren für viele Grund, sich noch einmal mit diesem Mann auseinanderzusetzen. Vielleicht gelingt es uns eines Tages wieder besser, die heißen politischen Debatten nach habermas’schem Vorbild zu führen: miteinander, klar geregelt, lösungsorientiert.
