Im 18. Jahrhundert kommt Anton Wilhelm Amo als verÂsklavÂtes Kind nach Europa – und wird dort späÂter der ersÂte Schwarze Dozent an einer deutÂschen Universität: (k)ein Wunder, dass ihn kaum wer kennt! Zumindest in Halle, der Stadt seiÂner Alma Mater, bemüht man sich zunehÂmend um seiÂne Würdigung.

Die Universität Halle-Wittenberg ist in den über 500 Jahren ihres Bestehens schon immer eine moderÂne Universität geweÂsen. Das meint zuminÂdest ihre Rektorin, Prof. Dr. Claudia Becker, anlässÂlich der Umbenennung des eheÂmaÂliÂgen „Hörsaals IV“ auf dem Steintor-Campus, der jetzt „Hörsaal Anton Wilhelm Amo“ heißt. Neben dem Pionier-Erfolg des afroÂdeutÂschen Ausnahme-Gelehrten begrünÂdet sie dieÂse Selbstwürdigung mit dem ebenÂfalls in Halle verÂlieÂheÂnen ersÂten Doktortitel an einen jüdiÂschen Studenten (Moses Sobernheim 1724) und an eine Studentin (Dorothea Christiane Erxleben 1754). Das proÂmiÂnenÂte Gedenken an dieÂse Persönlichkeiten und insÂbeÂsonÂdeÂre an Anton Wilhelm Amo betoÂne die Offenheit der Universität für alle Menschen und das Engagement für Demokratie, Toleranz und Freiheit.
Tatsächlich ist der Einsatz für den Schwarzen Alumnus in Halle seit vieÂlen Jahren groß: 2020 grünÂdeÂte sich etwa eine eigeÂne Rektoratskommission mit dem Anliegen, Amo und seiÂne Arbeit sichtÂbaÂrer zu machen. Der Vorsitzende dieÂser Kommission, Prof. Dr. Wolfgang Paul, betont demÂzuÂfolÂge das schweÂre Schicksal Amos, der sein ganÂzes Leben in einer Außenseiter-Rolle habe verÂbrinÂgen müsÂsen. Fremd blieb Amo auch seiÂner Nachwelt, die ihn über ein Jahrhundert lang ignoÂrierÂte. Guter Grund, ihn in der halÂliÂschen Studierendenschaftszeitschrift noch einÂmal vorzustellen.
Herkunft
Anton Wilhelm Amo wird um 1700 im heuÂtiÂgen Ghana, an der westÂafriÂkaÂniÂschen „Goldküste“, geboÂren. Seine genaue ethÂniÂsche Zugehörigkeit und seiÂne famiÂliäÂre Herkunft sind nicht bekannt: als kleiÂnes Kind wird er verÂsklavt und nach Amsterdam entÂführt, von wo aus er an den Hof des Herzogs Anton Ulrich von Wolfenbüttel-Braunschweig überÂgeÂben wird. Dort ist wie an vieÂlen andeÂren Höfen der Besitz von Sklav:innen ein Statussymbol. 1708 wird der Junge auf die Vornamen seiÂner Herren getauft. Ob „Amo“ sein Geburtsname ist, bleibt in der Forschung umstritÂten. Jedenfalls nutzt er späÂter den Namenszusatz „Afer“ (lateiÂnisch für „Afrikaner“), um sich zu seiÂner Herkunft zu bekennen.

Am Hof in Wolfenbüttel dient er als Lakai. Allerdings bekommt er gleichÂzeiÂtig die Möglichkeit einer umfasÂsenÂden Schulbildung, was für seiÂne soziaÂle Stellung außerÂgeÂwöhnÂlich ist. Eine mögÂliÂche Erklärung des Forschers Ottmar Ette: Seine Herren könnÂten ihn als Versuchsobjekt gebraucht haben, gewisÂserÂmaÂßen um die „Bildungsfähigkeit“ eines Schwarzen Menschen zu tesÂten. Anton Wilhelm ergreift die Chance, egal, aus welÂchen Motiven sie ihm geboÂten wird. Er wird vom Objekt zum Subjekt und immaÂtriÂkuÂliert sich 1727 an der Friedrichs-Universität Halle zu einem Studium der Philosophie und Jurisprudenz.
Studium in Halle
In Halle steÂhen sich zu dieÂser Zeit zwei Denkschulen gegenÂüber: einerÂseits der säkuÂlar geprägÂte Rationalismus der Frühaufklärung, der maßÂgebÂlich durch den 1723 aus der Stadt gejagÂten Christian Wolff entÂwiÂckelt wurÂde, andeÂrerÂseits die Pietisten, die die Religiosität wieÂderÂbeÂleÂben und zu einer Innerlichkeit des Glaubens finÂden wollÂten. Der Hauptvertreter des halÂliÂschen Pietismus ist August Hermann Francke.
| Schwarz und weiß Wenn von „Schwarzen Menschen“ die Rede ist, hanÂdelt es sich bei dem Adjektiv „Schwarz“ nicht um die Beschreibung einer (Haut-) Farbe, sonÂdern um eine Selbstbezeichnung von Menschen, die aufÂgrund bestimmÂter äußerÂliÂcher Merkmale Rassismus erleÂben. Um „Schwarz“ in dieÂsem Zusammenhang von der Farbe „schwarz“ zu unterÂscheiÂden, wird es oft großÂgeÂschrieÂben. Gleiches gilt für den Begriff „weiÂße Menschen“: hier macht die Kursivschreibung deutÂlich, dass es sich um eine poliÂtisch-soziaÂle Konstruktion hanÂdelt, die auf eine priÂviÂleÂgierÂte Position in einer rasÂsisÂtisch geprägÂten Gesellschaft verweist. |
Anton Wilhelm Amo posiÂtioÂniert sich in dieÂsem akaÂdeÂmiÂschen Widerstreit nicht einÂdeuÂtig; obwohl er als Aufklärer einÂzuÂordÂnen ist, stellt er sich nicht offen gegen den Pietismus. Auch schreibt der polyÂglotÂte Amo, anders als die Aufklärer:innen, nicht auf Deutsch, sonÂdern auf Latein, womit er ein potenÂziÂell überÂreÂgioÂnaÂles akaÂdeÂmiÂsches Lesepublikum erreiÂchen kann. 1729 hält er seiÂne ersÂte Disputation (einen Vortrag mit Diskussion im Anschluss), die seiÂne ersÂten zwei Studienjahre abschließt: Unter dem Titel „De iure Maurorum in Europa“ widÂmet er sich der Rechtsstellung der Schwarzen in Europa. Mit der Erfahrung seiÂner eigeÂnen Unterdrückung und den Argumenten seiÂnes Fachs entÂtarnt er, wie seiÂne Zeit ihre aufÂkläÂreÂriÂschen Prinzipien nicht auf alle Menschen anwenÂdeÂte. Diese Disputation ist bis auf Rahmendaten leiÂder nicht erhalÂten geblieben.
Weiter verÂfolgt Amo dieÂses Thema nicht: Um im akaÂdeÂmiÂschen Feld zu überÂleÂben, widÂmet er sich fortÂan „typiÂscheÂren“ Themen der Frühaufklärung, womit er die Anerkennung von Kollegen und Förderern gewinnt.
Weitere Stationen: Wittenberg, Jena, und zurück nach Afrika
1730 verÂlässt der junÂge Wissenschaftler Halle gen Wittenberg, um an der dorÂtiÂgen Universität naturÂwisÂsenÂschaftÂliÂche Studien aufÂzuÂnehÂmen, darÂunÂter Physiologie und Medizin. Im gleiÂchen Jahr erlangt er einen Magister in Philosophie und einen weiÂteÂren drei Jahre späÂter in Naturwissenschaften. 1734 wird er zum Doktor der Philosophie proÂmoÂviert. 1735 kehrt er nach Halle zurück, wo ihn die Einreichung seiÂner Schrift „Tractatus de arte sobrie et accuÂraÂte phiÂloÂsoÂpÂhanÂdi“, die seiÂne zenÂtraÂlen phiÂloÂsoÂphiÂschen Überlegungen entÂhält, zu selbÂstänÂdiÂger Lehrtätigkeit berechÂtigt. Vier Jahre späÂter geht er nach Jena, wo sich seiÂne Spuren bald verlieren.
Erst für 1746 gibt es den Beleg, dass er mit einem Schiff Europa verÂlässt, um in seiÂne Geburtsregion an der afriÂkaÂniÂschen Westküste zurückÂzuÂkehÂren. Dieser Schritt zeugt von der schwieÂriÂgen Lebenssituation Amos in Europa und der Suche nach seiÂnen Wurzeln. Ob er dort, wo noch ein Teil seiÂner Familie lebt, mehr Heimat finÂdet als in Deutschland, ist fragÂlich, ist ihm doch die dorÂtiÂge Sprache und Lebensweise fremd. Zeugnisse über seiÂnen letzÂten Lebensabschnitt gibt es kaum, wesÂhalb die Spekulationen über dieÂse Zeit vielÂfälÂtig sind. Zuletzt lebt Amo in Shama in einem Fort der nieÂderÂlänÂdiÂschen KolonialÂgesellschaft, die für seiÂne Versklavung als Kind verÂantÂwortÂlich war. Dort steht heuÂte sein Grabstein.
Nachwirken
Anton Wilhelm Amo wirkÂte als Philosoph, Denker und Hochschullehrer am Diskurs der vielÂleicht wichÂtigsÂten intelÂlekÂtuÂelÂlen Epoche Europas – der Aufklärung – mit. Nach der Zeit seiÂnes aktiÂven Wirkens verÂschwanÂden seiÂne Beiträge jedoch bald aus der euroÂpäiÂschen Aufklärungsrezeption, ebenÂso wie bioÂgraÂphiÂsche Lexikoneinträge zu seiÂner Person. Schließlich widerÂsprach das Beispiel seiÂnes herÂausÂraÂgenÂden Intellekts zu offenÂsichtÂlich der aufÂkomÂmenÂden Rassenideologie seiÂner Nachwelt.

Dabei kann Amo eine Schlüsselfigur für ein adäquaÂtes Verständnis der Aufklärung und der Moderne sein, die seit ihren Anfängen noch lanÂge mit der Sklaverei und Diskriminierung Nicht-Weißer ihren eigeÂnen Prinzipien widersprach.
Inhaltlich sind Amos Beiträge vor allem dadurch releÂvant, dass er sich nicht nur zwiÂschen den „Frontlinien“ der Denkschulen seiÂner Zeit bewegÂte, sonÂdern außerÂdem – geprägt durch euroÂpäiÂsche Sozialisation und afriÂkanische Herkunft – viel mehr interÂkulÂtuÂrell und uniÂverÂsell dachÂte als die meisÂten seiÂner Kollegen. Einige seiÂner Überlegungen finÂden sich späÂter bei bekannÂten Philosophen wie Kant, ohne dass dieÂse expliÂzit auf ihn Bezug nehÂmen. Erst die afriÂkaÂniÂsche Philosophie der letzÂten Jahrzehnte hat das Werk Amos neu entdeckt.
Würdigung in Halle
In Halle holÂte 1916 der Bibliothekar Wolfram Suchier die Person Amos mit einem Artikel in der „Akademischen Rundschau“ aus der Vergessenheit. Etwa 50 Jahre späÂter bekam dann das Gedenken an Amo einen echÂten Schub, als der halÂliÂsche Archäologieprofessor Burchard Brentjes Studien zum „Schwarzen Philosophen“ in Halle verÂöfÂfentÂlichÂte. Brentjes war mit dem damaÂliÂgen ghaÂnaiÂschen Staatspräsidenten Kwame Nkrumah befreunÂdet, der sich auf Amo berief. 1975 wurÂde am Universitätsring eine Gedenktafel für Anton Wilhelm Amo aufÂgeÂstellt, deren zusamÂmenÂhangÂloÂse räumÂliÂche Nähe zu einer Plastik eines Schwarzen Menschenpaars vielÂfach Kritik herÂvorÂgeÂruÂfen hat.
Seit 1994 verÂleiht die MLU den Amo-Lehrpreis für herÂvorÂraÂgenÂde Abschlussarbeiten.
Die seit 2013 stattÂfinÂdenÂden „Amo-Lectures“ widÂmen sich Forschungen zu „Gesellschaft und Kultur in Bewegung“ sowie „Aufklärung, Religion, Wissen“ und knüpÂfen damit an das Werk des bedeuÂtenÂden Philosophen an. In den letzÂten Jahren nahm die Zahl an Ausstellungen, Workshops und Konferenzen zu, die sich Amo und seiÂnem Vermächtnis widmen.
Neben der Rektoratskommission setzt sich in Halle das „Anton Wilhelm Amo Bündnis“ für eine kriÂtiÂsche Auseinandersetzung mit der aktuÂelÂlen Erinnerungspraxis ein, die vieÂle Personen unsichtÂbar mache. Auf ihren Impuls hin beschloss im letzÂten Jahr der halÂliÂsche Stadtrat trotz Widerstands aus der Bevölkerung die Umbenennung eines Abschnitts des Universitätsrings nach Anton Wilhelm Amo.

Die vieÂlerÂorts konÂtroÂvers geführÂten Debatten um die Benennungen nach hisÂtoÂriÂschen Persönlichkeiten sind neben der Sache immer auch legiÂtiÂme Auseinandersetzungen über Weltbilder, Werte und Orientierung: Die Diskussion um den Namen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, den sie übriÂgens erst im letzÂten Jahrhundert bekam, ist in dieÂsem Sinn voll im Gange.
Mindestens so wichÂtig wie symÂboÂliÂsche Repräsentativität im öffentÂliÂchen Raum ist die Wiederentdeckung der Arbeiten von Menschen, die wir bis heuÂte (unwisÂsentÂlich) ignoÂrieÂren. Das ist nichts, wofür Dank gebührt, wie ihn die ghaÂnaiÂsche Botschafterin Gina Ama Blay bei der Umbenennungszeremonie des Hörsaals ausÂdrückt, sonÂdern eine Möglichkeit der Bereicherung, die „moderÂne“ Menschen nicht ausÂlasÂsen sollten.
Text und Fotos: Benjamin Elsholz
