In Medien, Politik und Gesellschaft wird Ostdeutschland als nicht eben­bür­tig behan­delt. Im Rahmen der Projektwo­che „In Verteidigung der Demokratie“ wer­den jedoch Beispiele für posi­ti­ve, hoff­nungs­vol­le Erzählungen über Demokratie in Deutschland und spe­zi­ell in den neu­en Bundesländern verbreitet.

Der Hörsaal 2 am Steintorcampus der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist am  Dienstag, den 04. 11. 2025, bis auf den letz­ten Platz belegt. Es riecht nach Männerschweiß, ver­schie­de­nen Parfüms und zusätz­li­che Stühle müs­sen besorgt wer­den, denn der Andrang und das Interesse sind groß. Der Lehrstuhl für Systemanalyse und Vergleichende Politikwissenschaft hat zu einer Veranstaltung mit der Überschrift „Hoffnung Ost“ gela­den. Ein Thema, das auch mit Blick auf die anste­hen­de Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im kom­men­den Jahr offen­sicht­lich vie­le Menschen beschäftigt.

Werbeplakat für die Projektwoche “In Verteidigung der Demokratie”

Wie kön­nen wir posi­ti­ve Zukunftsvisionen für die Demokratie und die Gesellschaft in Ostdeutschland ent­wi­ckeln oder sogar wei­ter­den­ken? Was kön­nen und sol­len Politik, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft tun, um die Demokratie in den neu­en Bundesländern zu stär­ken und dem wach­sen­den Unmut vie­ler Menschen über den Staat ent­ge­gen­zu­wir­ken? Nachdem Jan Niklas Reiche (stu­den­ti­sche Hilfskraft) und Björn Fiebelkorn (wis­sen­schaft­li­cher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systemanalyse und Vergleichende Politikwissenschaft) die Veranstaltung mit eini­gen theo­re­ti­schen Vorbemerkungen zu Hoffnung und deren posi­ti­ven Auswirkungen für Zivilgesellschaft und Politik eröff­net hat­ten, ent­brann­te über die­se und wei­te­re Fragen im Laufe des Abends eine inten­si­ve, teils lei­den­schaft­li­che Debatte. Ziel der Veranstaltung sei es, posi­ti­ve­re Erzählungen über Ostdeutschland zu ver­brei­ten und Wege zur Stärkung der ost­deut­schen Zivilgesellschaft aufzuzeigen.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut aus­geht, son­dern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es aus­geht.“ Diese Worte des ehe­ma­li­gen tsche­chi­schen Staatspräsidenten und Schriftstellers Václav Havel wur­den nicht nur in der Veranstaltung von den bei­den oben genann­ten Rednern beschwo­ren. Sie zei­gen auch, dass Hoffnung nicht nur Mittel, son­dern eben­so Voraussetzung für poli­ti­sches Handeln sein kann, ja sogar sein muss. Die fried­li­che Revolution 1989 wäre sicher­lich kein so gro­ßer Erfolg gewor­den, wenn die Menschen nicht die Hoffnung gehabt hät­ten, dass sie etwas ver­än­dern können.

Auch heut­zu­ta­ge kann Hoffnung ein Antrieb sein, Dinge zum Besseren zu ver­än­dern. Ein Beispiel für die­ses Phänomen ist die thü­rin­gi­sche Kreisstadt Nordhausen. Wie in der Veranstaltung berich­tet wur­de, war es dort infol­ge der schwä­cheln­den deut­schen Wirtschaft, einer Krise des loka­len Parteiensystems und des gene­rell schwach vor­han­de­nen „öko­no­mi­schen und sozia­len Kapitals“ (Jan Niklas Reiche) im September 2023 zur Stichwahl zwi­schen einem Kandidaten der AfD und dem par­tei­lo­sen Amtsinhaber um das Amt des Oberbürgermeisters gekom­men. Zwar lehn­te ein Großteil der Bevölkerung den AfD-Kandidaten als Oberbürgermeister ab, doch nach der Wahl kam es in der städ­ti­schen Zivilgesellschaft zu Diskussionen, wie man die demo­kra­ti­schen Institutionen in Nordhausen stär­ken könn­te, um auch der wach­sen­den Hoffnungslosigkeit und Resignation ent­ge­gen­wir­ken zu können.

Wie die Demokratie wieder attraktiver wird.

Hoffnung ist poli­tisch. Ja sie muss es sogar sein: In Zeiten von zuneh­men­der rech­ter wie lin­ker Agitation, wach­sen­dem Hass und Desinformation in und von auto­ri­tä­ren Staaten sowie einer stär­ker wer­den­den Frustration der Bürger über die Politik ist es die­ses Konzept, das den Menschen die Kraft und den Mut ver­leiht, den staat­li­chen Institutionen wei­ter ihr Vertrauen zu schen­ken und die sicher­lich not­wen­di­gen Reformen im Renten‑, Gesundheits- und Bildungssystem mit­zu­ge­stal­ten. Wenn Politik und Gesellschaft kei­ne posi­ti­ven Narrative einer hoff­nungs­vol­len, fried­li­chen Zukunft des Miteinanders und der Verständigung fin­den, wer­den sich Trends des Rückzugs ins Privatleben und der Hinwendung zu den ver­meint­li­chen „ein­fa­chen“ Antworten der Extremisten zuneh­mend verstärken.

Es braucht daher gera­de hier in Ostdeutschland nicht nur eine abs­trak­te Zukunftserzählung sei­tens der Politik und der eta­blier­ten Parteien, son­dern auch kon­kre­te Maßnahmen, um die Demokratie wie­der attrak­tiv zu machen und sie mit neu­em Leben zu fül­len. Beispielweise müs­sen die bestehen­den Partizipationsmöglichkeiten für die Bürger wei­ter aus­ge­baut wer­den. Dazu trägt sicher­lich auch das sich im Aufbau befind­li­che Zukunftszentrum bei, des­sen inhalt­li­che Ausrichtung im Rahmen der Veranstaltung näher erläu­tert wurde.

Es sol­le ein Laboratorium der Partizipation, der Transformation und der Demokratie wer­den, sag­te Andrea Wieloch, die Programmdirektorin des Zukunftszentrums, in einem Kurzvortrag zur Einleitung der anschlie­ßen­den Debatte.

Außenperspektive des Siegerentwurfs für das Zukunftszentrum Halle

Am Ende braucht es aber vor allem eines: mehr poli­ti­sche Bildungsarbeit von der Krabbelgruppe im Kindergarten bis zur Abendschule für Erwachsene. Ansonsten erge­ben weder Forderungen nach mehr Transparenz, noch die grö­ße­re Beteiligung der Bevölkerung an den poli­ti­schen Entscheidungen durch Volksbegehren, Volksentscheide und Bürgerräte kaum einen Sinn. Andererseits müs­sen Regierungschefs und ‑mit­glie­der, Bundes- und Landtagsabgeordnete, Parteiführungen und Kommunalpolitiker wie­der ler­nen, im Wahlkampf wie in der Legislatur mehr Respekt gegen­über dem poli­ti­schen Gegner und den poten­zi­el­len Wählern zu haben. Dies stärkt ers­tens die Glaubwürdigkeit der Regierenden und zwei­tens för­dert es den Zusammenhalt in der demo­kra­ti­schen Mehrheit. Aber auch die Medien haben als „vier­te Gewalt“ in einer Demokratie die Verantwortung, die Bürger aus­ge­wo­gen und mög­lichst objek­tiv zu infor­mie­ren, damit Skandale sowie poten­zi­el­le Triggerpunkte wie die „Stadtbild“-Aussage oder die Syrien-Debatte nicht um der Auflage wil­len grö­ßer gemacht wer­den, als sie in Wirklichkeit sind.

Respekt, Objektivität und gute Bildung: das sind die Punkte, an denen Politik sich zu ori­en­tie­ren hat und wor­an wir als Gesellschaft alle zusam­men arbei­ten müs­sen. Ansätze sind zwar schon lan­ge vor­han­den, aller­dings müs­sen die­se nun kon­se­quent aus­ge­baut und ver­in­ner­licht wer­den. Das geht zwar nicht von heu­te auf mor­gen, aber wenn wir noch län­ger war­ten, dann ist es bald zu spät. Denn was die Rechten noch mehr fürch­ten als die Justiz, sind auf­ge­klär­te und enga­gier­te Bürger!

Darum lasst uns begin­nen, wie­der ein­an­der zu ach­ten und ande­ren gegen­über mit Respekt und Wertschätzung zu begeg­nen. Lasst uns begin­nen, unse­re Zukunft selbst in die Hand zu neh­men. Lasst uns begin­nen, fro­hen Mutes in die Zukunft zu bli­cken und zu sagen: „Wir kön­nen das schaf­fen, wenn wir es gemein­sam machen.“


Autor: Aaron Wohlrab

Bildquellen

Werbeplakat: MLU Halle, Institut für Politikwissenschaft

Siegerentwurf Zukunftszentrum: RICHTER MUSIKOWSKI Architekten PartGmbB

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