Unendliche Regression

Nach einem her­aus­for­dern­den und anstren­gen­den 2025 sehnt sich die glo­ba­le Menschheit nach einem ent­spann­te­ren 2026. Ein Unternehmen hat dafür ein Angebot parat, wel­ches die Basis für das pas­sen­de Mindset lie­fert. Eine Glosse.

Das pseu­do-säku­la­ri­sier­te 21. Jahrhundert hat sich eine eso­te­risch-reli­giö­se Tradition bis heu­te erhal­ten – das Horoskop. Jede Woche schau­en die Leser:innen von diver­sen Zeitschriften wiss­be­gie­rig auf die ent­schei­den­den Seiten und rich­ten ihr Leben für sie­ben Tage nach der Konstellation der Sterne aus. Menschen mit dem Sternzeichen Stier soll­ten dann kei­ne lebens­ver­än­dern­den Entscheidungen tref­fen, Krebse soll­ten mög­lichst wenig Auto fah­ren, et cete­ra – das Vorgehen ist bekannt.

Die modern-ängst­li­che Menschheit hebt die­se archa­isch anmu­ten­de Sternenleserei mitt­ler­wei­le auf ein neu­es Level. Nicht nur das Firmament kann für die Deutung des eige­nen Lebens hilf­reich sein, auch ande­re Erscheinungen der ding­lich-mate­ri­el­len Welt kön­nen als Werkzeug die­nen. So gibt es dann den Vogel des Jahres, den Baum des Jahres, das Tier des Jahres, … Die Liste lässt sich erweitern.

Wo die­se Deutungshorizonte noch einen prak­ti­schen Sinn haben, schießt eine Kategorie des Pseudo-Horoskopes den Vogel ab: die Pantone-Farbe des Jahres.

So wird Dein 2026

Kurzer Input für alle, die sich nicht zu 100 Prozent im Color-Universum aus­ken­nen: Pantone ist ein Unternehmen zur Herstellung von Farbkarten, basie­rend auf dem Pantone Matching System (PMS), wel­ches sie 1963 ent­wi­ckelt haben – die­se wer­den in der Grafik- und Druckindustrie ein­ge­setzt. Rund 12 807 Töne wer­den ange­bo­ten. Für nur schlap­pe 238 Euro kön­nen inter­es­sier­te Farbfreund:innen das Sortiment als hand­li­chen Fächer kau­fen und dann gezielt „farb­lich kommunizieren“.

Wem das hier zu bunt wird, kann beru­higt sein – eigent­lich braucht es für die basa­len Nutzer:innen nicht das gesam­te Sortiment, um ein erfüll­tes Leben zu füh­ren. Wichtiger ist, wie bereits ein­gangs erwähnt, die Farbe des Jahres. Und für 2026 hat die Pantone LLC eine wirk­lich knal­li­ge Auswahl parat – die­ses Jahr steht unter dem Zeichen von PANTONE 11–4201. Schnell den Farbfächer raus­ge­holt und nach­ge­schla­gen: 11–4201 ist das sagen­um­wo­be­ne Cloud Dancer.

Für alle, die ihren Farbfächer gera­de ver­legt haben: Cloud Dancer ist Weiß. Kein schnö­des, ein­fa­ches, lang­wei­li­ges Weiß, nein: „PANTONE 11–4201 Cloud Dancer ist ein wogen­des Weiß, das von Gelassenheit durch­drun­gen ist.“ Sollte klar sein.

Und wei­ter: „Es sorgt für ech­te Entspannung und Fokus und schenkt Raum für gedank­li­che Weite, damit Kreativität atmen kann und Innovation ent­ste­hen kann.“ Die per­fek­te Farbe für die nächs­te Jahresausstellung der Burg.

Warum das Unternehmen genau die­se Farbe aus­wählt, las­sen uns die Chefinnen vom „Marktführer im Segment der Farbkommunikation“ wis­sen. Für Leatrice Eiseman, Executive Director des Pantone Color Institute, ist Cloud Dancer „ein Versprechen von Klarheit.“ In einer Welt, die sich im Wandel befin­det, die auf­ge­regt ist, bie­tet Cloud Dancer „ein bewuss­tes Bekenntnis zur Simplizität, schärft unse­re Aufmerksamkeit und befreit uns von ablen­ken­den äuße­ren Einflüssen.“ 

Wie prak­tisch, Selbsthilfe per Farbe.

Der Soundtrack zur Farbe des Jahres
Screenshot: Website pantone.com

Für Laurie Pressman, Vice President des Pantone Color Institute, ist Cloud Dancer ein „Wunsch nach einem Neubeginn“, die „Öffnung für neue Perspektiven“, eine Farbe, die nicht nur eine Farbe ist, son­dern auch epis­te­mo­lo­gi­schen Wert hat: „Der Farbton lädt unse­re Vorstellungskraft ein, zu schwei­fen, damit neue Erkenntnisse und muti­ge Ideen entstehen.“

Material Girl in a Cloud Dancer World

Fassen wir das kurz zusam­men: Weiß – Entschuldigung, Cloud Dancer natür­lich – ist jetzt nicht nur die Farbe von Whiteboards, Wänden von Bürogebäuden, IKEA-Kallax-Regalen, clean girls, … Nein, es ist die Farbe für neue Perspektiven, Hoffnung und Achtsamkeit in auf­wüh­len­den, lau­ten Zeiten.

Doch nicht nur spi­ri­tu­el­le Hilfe leis­tet Pantone mit­hil­fe der Farbe des Jahres. Natürlich gibt es auch eine brei­te Produktpalette, wel­che mit­hil­fe von Cloud Dancer das ganz mate­ri­el­le Leben der Farbfreund:innen auf­wer­tet. Eine klei­ne Auswahl:

  • Die offi­zi­el­le Cloud-Dancer-Tasse zum Beispiel – für schlap­pe 33,32 Euro gelingt der Start in den Tag damit äußerst achtsam.
  • Das Cloud-Dancer-Schlüsselband – für einen schma­len Taler von 12,42 Euro bekom­men geneig­te Konsument:innen hier ein … Schlüsselband. Nein, Entschuldigung: „Eine schlich­te, lei­se Erinnerung an Klarheit und Konzentration, ganz gleich, wohin Sie gehen.“
  • Die offi­zi­el­le Cloud-Dancer-Play-Doh-Knete – mit die­sem Spielzeug ohne Preis­angabe las­sen sich sicher­lich hoff­nungs­vol­le Gesellschaftsalternativen abseits des hyper­kon­su­mis­tisch-kapi­ta­lis­ti­schen Systems modellieren.
Achtsame Produkte
Screenshot: Website pantone.com

Feuilleton im Farbenwahn

Wie man in den Wald schreit, so schallt es auch wie­der hin­aus: natür­lich rief Cloud Dancer diver­se Feuilletons auf den Plan, schlau­er Senf muss dazu­ge­ge­ben wer­den. Dabei reicht die Spanne von wohl­wol­len­der Stilkritik bis kul­tur­kämp­fe­ri­schem Verriss. In der Süddeutschen Zeitung ist Cloud Dancer ein Gegenentwurf zur „Neonhölle der glo­bal digi­ta­li­sier­ten Wirklichkeit“, die Zeit wür­digt die lyrisch anmu­ten­den Beschreibungen des Farbtons und im NDR kommt mit Timo Rieke ein Professor für Farbgestaltung zu Wort, der meint: Das Ding haben wir eh schon alle an den Wänden.

Ulf Poschardts rechts­of­fe­ne Kulturkampfmaschine – am Bahnhofskiosk unter dem Namen Welt sor­tiert – schreibt der Farbe eine eska­pis­ti­sche Tendenz zu. Sie erin­ne­re an kei­ne wahr­haf­ten Realisierungen der poli­ti­schen Wirklichkeit, son­dern eher an „das von Nikotin durch­zo­ge­ne Haar von Gott-hab-ihn-selig-Helmut-Schmidt“ oder „die Wand eines Friedrichshainer Arbeitsverweigerers, der pro Tag zehn Cannabis-Tüten raucht.“ Den Eskapismus kann ich riechen.

Weniger stump­fe Polemik erlau­ben sich Zeitungen links der omi­nö­sen Mitte. In der Jungle World wird die Frage auf­ge­wor­fen, wel­che Farben, in Differenz zum ruhi­gen Cloud Dancer, eigent­lich laut, vul­gär oder chao­tisch sind. Das kunst­sze­nen­in­ter­ne Monopol Magazin bezeich­net 11–4201 als „Ton der Kapitulation“, der sofort einen Konnex zu Hautfarbe und deren Wertigkeit im öffent­li­chen Diskurs her­stellt. Und im Freitag ist die Farbwahl ein Fanal im Zeitalter des „auf­stre­ben­den glo­ba­len Faschismus.“

An dem Punkt lässt sich ein­ha­ken, denn Cloud Dancer ist nicht die ers­te Farbe des Jahres von Pantone. Bis 2000 lässt sich auf der Website recher­chie­ren, wel­che Zahlen-Buchstaben-Kombinationen unser Jahr illus­trie­ren soll­ten. Und tat­säch­lich lässt sich da ein sehr düs­te­res Bild zeich­nen. Der Regress beginnt 2021. Ganze zwei Farben wur­den hier prä­miert: zum einen 13–0647 Illuminating – im Volksmund gelb genannt – zum ande­ren 17–5104 Ultimate Gray – grau! 2022/23 waren ein wenig bun­ter, ab 2024 wur­de der Farbkasten immer faschis­ti­scher. Zuerst wur­de mit Peach Fuzz ein leicht bräun­li­cher Ton gewählt, 2025 schlug man dann mit Mocha Mousse voll­ends auf die rech­te Autobahnspur ein. Jetzt folgt Weiß, nächs­tes Jahr bekom­men wir dann sicher­lich: 19–4003 Black Onyx. Unpolitisch schwarz.

Frühere Pantone-Farben des Jahres. Keine farb­treue Darstellung.

Den Kulturkampf nicht an die Wand malen

Ich muss jetzt doch noch mal kurz auf die Bremse tre­ten, man sieht den Farbkasten ja vor lau­ter Deutungsangeboten nicht mehr. Kulturkampf, rech­ter wie lin­ker Couleur, betritt ein neu­es Spielfeld. Ich fin­de das schlicht uner­träg­lich. Natürlich pas­siert nichts, kei­ne Entscheidung, in einem unpo­li­ti­schen Kontext – nur muss nicht jede Empörungsspirale bedient wer­den. Am Ende ist der gan­ze Trubel ver­mut­lich pri­mär eine cle­ve­re Marketingstrategie für die Pantone LLC, die zu Beginn des Jahres ordent­lich digi­ta­len Traffic gene­rie­ren und ihr(e) Produkt(e) noch bes­ser ins Schaufenster stel­len können.

Jetzt kom­men mei­ne zwei Cent zum Thema, nach wirk­lich absurd lan­ger Bedenkzeit: Cloud Dancer ist eine ziem­lich beschis­se­ne Wahl für die Farbe des Jahres. Weiß macht so gar nichts mit mir. Nicht mal wütend. Es poli­ti­siert mich auch nicht auf einer neu­en Ebene, dafür sind mir dann ande­re Themen doch wich­ti­ger als meta­po­li­ti­sche Farbenspiele. Noch ein feuil­le­to­nis­ti­scher Essay, war­um Pantones Entscheidung den glo­ba­len Faschismus den roten Teppich aus­rollt, ver­hin­dert wohl kei­nen AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt.

Text: Jonas Stephan

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