Die Schreibtischschublade quillt über von selbstÂgeÂschrieÂbeÂnen Texten. Doch trotzÂdem herrscht Unsicherheit darÂüber, wie gut die Texte wirkÂlich sind. HUNGER bieÂtet einen liteÂraÂriÂschen Austausch in geschützÂter Atmosphäre.
Es ist der letzÂte Mittwoch im November, gegen 19 Uhr. Auf der dunkÂlen Saale spieÂgelt sich das helÂle Licht der auf der Giebichensteinbrücke steÂhenÂden Laternen. An der Saalepromenade lauÂfen nur verÂeinÂzelt Menschen umher. Im WUK-Theater-Schiff herrscht hinÂgeÂgen reges Treiben: Rund 25 Menschen tumÂmeln sich auf den Bänken des Schiffs, um den letzÂten HUNGER-Termin im Jahr 2025 nicht zu verpassen.
Seit August 2023 verÂanÂstalÂten Maja Billert, Lena Magens und Julia Wirtz an jedem letzÂten Mittwoch im Monat den liteÂraÂriÂschen Salon. Das Konzept ist bewusst niedÂrigÂschwelÂlig: Kein Eintrittspreis, keiÂne Bühne, kein Poetry-Slam. Stattdessen brinÂgen drei Menschen, die sich zuvor angeÂmelÂdet haben, ihre selbstÂgeÂschrieÂbeÂnen liteÂraÂriÂschen Texte mit und lesen dieÂse 15 Minuten lang vor. Das Publikum hört aufÂmerkÂsam zu und gibt im Anschluss Feedback zu dem Gelesenen. Von Kurzgeschichten, kleiÂnen liteÂraÂriÂschen Episoden bis hin zum Anfang eines Kinderbuchs ist alles dabei – und erwünscht. „Es ist ein offeÂnes Leseformat, da die Leute eben keiÂne Texte einÂsenÂden müsÂsen, die wir dann kuraÂtieÂren und ausÂwähÂlen“, erklärt Maja.

Feuerprobe und positive Rückmeldungen
Häufig lesen Menschen bei HUNGER zum allerÂersÂten Mal vor Publikum. Auch für die drei Moderatorinnen ist es etwas Besonderes, wenn sich Menschen bei ihnen trauÂen, einen Text das ersÂte Mal öffentÂlich vorÂzuÂleÂsen. „Wir krieÂgen da auch eine posiÂtiÂve Rückmeldung, dass sie sich wohlÂgeÂfühlt haben, dass es hier eine schöÂne Atmosphäre gibt“, erzählt Maja. „Leute machen sich ja sehr vulÂneraÂbel, wenn sie hierÂherÂkomÂmen und ihre Texte lesen“, führt Julia weiÂter aus.
Die Atmosphäre hat auch Raphael überÂzeugt, der im November zum ersÂten Mal bei HUNGER liest. In der Vergangenheit habe er schon häuÂfiÂger im Publikum gesesÂsen und sich da „immer sehr wohlÂgeÂfühlt“. Dank eines Freundes, der ihn dazu drängÂte, es nun endÂlich einÂmal selbst zu proÂbieÂren, habe er sich überÂwunÂden und fürs Lesen angeÂmelÂdet. Wenn es um Feedback zu den eigeÂnen Texten gehe, seiÂen Freunde vielÂleicht nicht immer ganz ehrÂlich, erzählt Raphael. Mit dem Feedback der Zuhörer:innen will er nun an seiÂnem Text weiterarbeiten.
Ein literarischer Snack

Dass die Menschen wieÂderÂkomÂmen, merÂken auch Maja, Lena und Julia. „Es sind schon oft die gleiÂchen Leute im Publikum, die dann auch mal lesen und dann nächsÂtes Mal als Zuhörer:in wieÂderÂkomÂmen“, führt Maja aus. Doch homoÂgen sei das Publikum nicht. „Es komÂmen eben nicht nur junÂge Leute“, ergänzt Julia. Da die drei nur über Instagram Werbung machen, sind sie immer wieÂder überÂrascht, wenn Menschen außerÂhalb ihrer Bubble auf sie aufÂmerkÂsam werden.
Nicht über Instagram, sonÂdern über eine Kommilitonin haben Lotta und ihr Freund von HUNGER erfahÂren. Die Beiden sitÂzen im November das ersÂte Mal bei der Literaturwerkstatt im Publikum. Auch sie zieÂhen ein posiÂtiÂves Fazit. „Man geht inspiÂriert und motiÂviert zum Selberschreiben“, so Lotta.
„Ich habe es mir nicht ganz so interÂakÂtiv vorÂgeÂstellt“, ergänzt Lottas Freund. Den Anfang eines jeden Abends bilÂdet nämÂlich eine Art Kennenlernspiel. „Das ist jedes Mal unterÂschiedÂlich, hat aber eigentÂlich immer einen kleiÂnen kreaÂtiÂven Anteil von Schreiben oder Zeichnen“, erzählt Maja. Die Idee des Spiels ist, dass alle schon einÂmal gesproÂchen haben und im Anschluss eher dazu geneigt sind, Feedback zu den geleÂseÂnen Texten zu geben. Als Belohnung erhält das Publikum dann den Snack des Abends. Im November ist es pasÂsend zur Jahreszeit Weihnachtsgebäck.
An dieÂsem Abend scheint das Kennenlernspiel seiÂne Funktion zu erfülÂlen: Die Diskussionen nach den geleÂseÂnen Texten sind rege. Sprachliche Bilder, die verÂschieÂdeÂne Ängste in Tiervergleichen darÂstelÂlen, werÂden gelobt. Erörtert werÂden außerÂdem die mögÂliÂchen Vorteile einer Verschiebung der Erzählperspektive und die ganz subÂjekÂtiÂven Gefühle zum Text. Fundierte Einwände steÂhen neben ebenÂso legiÂtiÂmen Gefällt-mir-Eindrücken. „Viele Leute sind mega mutig und extroÂverÂtiert, dass sie dann einÂfach sehr viel sagen und wirkÂlich in eine Diskussion gehen. Das finÂde ich total cool“, so Julia.
Herausforderungen
Das offeÂne Format bringt jedoch auch seiÂne Herausforderungen mit sich. „Einerseits finÂde ich es cool, dass es frei zugängÂlich ist. Andererseits ist es manchÂmal aber auch schwieÂrig, ein Interesse von jemanÂdem, der lesen möchÂte, mit dem Interesse der Leute, die an einem Abend unterÂhalÂten werÂden möchÂten und eine bestimmÂte Qualität erwarÂten, zusamÂmenÂzuÂbrinÂgen“, führt Julia aus.
Auch die Erwartungen, die die Leser:innen an das Publikum stelÂlen, könÂnen ganz unterÂschiedÂlich sein. Einigen gehe es vor allem ums Vorlesen und Sich-Überwinden, denn das ersÂte Mal vor Publikum zu lesen, fällt nicht allen leicht. „Dann muss man sehr empaÂthisch sein und gucken, wie viel Kritik und welÂche Art von Kritik man kriegt“, erklärt Julia. Andere Leser:innen brinÂgen hinÂgeÂgen konÂkreÂte Fragen für das Publikum mit, um späÂter gezielt an den Texten weiÂterÂarÂbeiÂten zu können.
Große Träume
Nicht immer wisÂsen Maja, Lena und Julia, was nach der Literaturwerkstatt mit den Texten geschieht. Einige der bisÂher geleÂseÂnen Texte wurÂden aber bereits vor dem Lesen in verÂschieÂdeÂnen Magazinen abgeÂdruckt und dann bei HUNGER vorÂgeÂstellt. Andere Leser:innen stuÂdieÂren am Literaturinstitut in Leipzig. „Wenn wir irgendÂwann mal einen richÂtig fetÂten Fördertopf an Land zieÂhen könnÂten, fänÂde ich es toll, die Texte in einer kuraÂtierÂten Publikation herÂausÂzuÂgeÂben“, so Lena. Bisher sei so eine Anthologie aber noch ein entÂfernÂter Traum.
Text und Foto: Leonie Brommer
