BAföG – „das dauert halt“

BAföG soll Studierende finan­zi­ell absi­chern – in der Praxis bedeu­tet es für vie­le jedoch vor allem eines: warten.

Grafik: Ellen Helmecke

Für vie­le beginnt der BAföG-Prozess mit Geduld. Selbst bei recht­zei­ti­ger Antragstellung und voll­stän­dig ein­ge­reich­ten Unterlagen kann es Wochen oder sogar Monate dau­ern, bis die ers­te Zahlung erfolgt. Währenddessen lau­fen Miete und Lebenshaltungskosten wei­ter. Offiziell sol­len Anträge inner­halb von etwa zehn Wochen bear­bei­tet wer­den. In der Praxis wird die­se Frist jedoch häu­fig überschritten.

Eine eige­ne Umfrage von über 50 Studierenden in Halle zeigt, dass die Erfahrungen stark vari­ie­ren. Während ein Teil der Befragten die Förderung ohne grö­ße­re Verzögerung erhielt oder die Wartezeit als über­schau­bar beschreibt, berich­ten ande­re von deut­lich län­ge­ren Bearbeitungszeiten. Die Spannweite reicht dabei von weni­gen Wochen bis hin zu meh­re­ren Monaten.

Ähnliche Ergebnisse zeigt auch eine nicht-reprä­sen­ta­ti­ve Befragung von 2698 Studierenden, über die die Tagesschau berich­tet: Demnach war­tet etwa jeder drit­te Studierende bis zu fünf Monate auf einen BAföG-Bescheid, man­che sogar län­ger. Mehr als 60 Prozent der Befragten gaben an, in die­ser Zeit nicht zu wis­sen, wovon sie leben sol­len. Besonders belas­tend ist dabei weni­ger die Dauer selbst als die Ungewissheit: Die Förderung ist zwar zuge­si­chert, doch wann die ers­te Auszahlung erfolgt, bleibt oft unklar. Eine ver­läss­li­che Planung ist so kaum möglich.

In die­ser Zeit wird deut­lich, wie unter­schied­lich die Ausgangslagen sind. Während eini­ge finan­zi­el­le Engpässe zunächst durch Unterstützung aus dem Elternhaus auf­fan­gen konn­ten, ist das für ande­re kei­ne Option. Dass fami­liä­re Unterstützung für vie­le Studierende eine wich­ti­ge Rolle spielt, zei­gen auch Daten des Deutschen Studierendenwerks: In Unterlagen zur 21. Sozialerhebung ist von 86 Prozent der Fokus-Studierenden die Rede, die von ihren Eltern unter­stützt wer­den. Fehlt die­se Unterstützung, wird die Verzögerung schnell zu einem exis­ten­zi­el­len Problem.

„Ziel ist es, allen jun­gen Menschen die Möglichkeit zu geben, unab­hän­gig von ihrer sozia­len und wirt­schaft­li­chen Situation eine Ausbildung zu absol­vie­ren, die ihren Fähigkeiten und Interessen ent­spricht“, heißt es auf der offi­zi­el­len Website der Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die­ses Ziel nicht immer erreicht wird. Bleibt die Auszahlung jedoch über Monate aus, wird dar­aus eine Phase stän­di­gen Rechnens und Verschiebens. Viele berich­ten davon, Ausgaben genau abzu­wä­gen oder not­wen­di­ge Anschaffungen aufzuschieben.

Warum dauert es so lange?

BAföG-Anträge wer­den ein­zeln geprüft. Besonders zu Semesterbeginn gehen vie­le Anträge gleich­zei­tig ein, wäh­rend die per­so­nel­len Kapazitäten begrenzt blei­ben. Unterhält man sich mit Mitarbeitenden des Bafög-Amts und Studierendenwerks, so hört man, dass ein zen­tra­ler Grund in der hohen Antragsanzahl liegt. Gleichzeitig feh­len oft die per­so­nel­len Kapazitäten, um die­se zeit­nah zu bear­bei­ten. Ein wei­te­res Problem ist die unvoll­stän­di­ge Digitalisierung des Verfahrens. Viele Anträge wer­den zwar über „BAföG Digital“ ein­ge­reicht, müs­sen vor Ort jedoch wei­ter­hin aus­ge­druckt, bear­bei­tet und anschlie­ßend wie­der digi­tal erfasst wer­den. Dadurch ent­ste­hen zusätz­li­che Arbeitsschritte und teil­wei­se auch tech­ni­sche Abstimmungsprobleme zwi­schen zen­tra­len Systemen und loka­ler Software.

Auch die Komplexität der Antragstellung trägt dazu bei. So berich­te­te der MDR, dass laut BAföG-Amt Halle (Saale) um die 90 Prozent aller Antrage in unvoll­stän­di­gem Zustand ein­reicht wer­den. Als Grund wird unter ande­rem die „gro­ße Komplexität der Formulare“ genannt, die einer klein­tei­li­gen Gesetzeslage geschul­det sei. 

Hinzu kommt, dass der Bearbeitungsstand für Studierende oft nicht trans­pa­rent ist. Zwischen „ein­ge­gan­gen“ und „bewil­ligt“ gibt es kaum nach­voll­zieh­ba­re Zwischenschritte. Die meis­ten Befragten schil­der­ten, dass sie auf Nachfragen ledig­lich die Rückmeldung erhal­ten, ihr Antrag befin­de sich in Bearbeitung – ohne kon­kre­te Einschätzung zur Dauer. In der Praxis bedeu­tet das für vie­le Wartezeiten von meh­re­ren Wochen – häu­fig aber auch von meh­re­ren Monaten. Die lan­gen Wartezeiten sind damit weni­ger ein Einzelfall als ein struk­tu­rel­les Problem.

Welche Unterstützung gibt es?

Im Notfall kann das Sozialdarlehen des Sturas kurz­fris­tig Abhilfe schaf­fen.
Foto: Tom Roeloffzen

Für Studierende, die wäh­rend der Bearbeitung ihres BAföG-Antrags in finan­zi­el­le Schwierigkeiten gera­ten, gibt es ver­schie­de­ne Unterstützungsmöglichkeiten. So kann nach § 51 BAföG ein Vorschuss bean­tragt wer­den, wenn über den Antrag län­ger nicht ent­schie­den wur­de. In der Praxis gilt: Liegt etwa sechs Wochen nach Antragstellung noch kein Bescheid vor, besteht die Möglichkeit, einen sol­chen Vorschuss zu bean­tra­gen. Dieser wird form­los beim zustän­di­gen BAföG-Amt gestellt, etwa per E‑Mail oder schrift­lich. In der Regel wer­den dabei bis zu 80 Prozent der vor­aus­sicht­li­chen Förderung für einen begrenz­ten Zeitraum von maxi­mal vier Monaten ausgezahlt.

Darüber hin­aus bie­ten loka­le Einrichtungen finan­zi­el­le Überbrückungshilfen an. An der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg kön­nen Studierende bei­spiels­wei­se ein zins­lo­ses Sozialdarlehen des Studierendenrats (Stura) in Höhe von bis zu 1500 Euro bean­tra­gen. In der Regel wird der Betrag als ein­ma­li­ge Zahlung zur Überbrückung aus­ge­zahlt, die genaue Ausgestaltung kann jedoch je nach Einzelfall vari­ie­ren. Die Rückzahlung erfolgt in monat­li­chen Raten von 30 Euro, begin­nend drei Monate nach der letz­ten Auszahlung.

Ergänzend dazu bie­tet das Studierendenwerk wei­te­re Unterstützungsmöglichkeiten, etwa in Form kurz­fris­ti­ger Darlehen in aku­ten finan­zi­el­len Notlagen. Voraussetzung ist in der Regel eine ent­spre­chend nach­ge­wie­se­ne finan­zi­el­le Situation. Diese Angebote kön­nen zwar kurz­fris­tig ent­las­ten, ver­schie­ben die finan­zi­el­le Belastung jedoch häu­fig, das das Geld spä­ter, teil­wei­se mit Zinsen, zurück­ge­zahlt wer­den muss. Das kann schnell zur Kostenfalle werden.

In Gesprächen zeig­te sich jedoch, dass vie­le Studierende die­se Möglichkeiten nicht ken­nen. Informationen zu sol­chen Unterstützungsangeboten wer­den im Zusammenhang mit der Antragstellung kaum aktiv kommuniziert.

Folgen der Verzögerung

Der Mental Load finan­zi­el­ler Unsicherheit kann auch nega­ti­ve Auswirkungen aufs Studium haben.
Foto: Tom Roeloffzen

Neben den finan­zi­el­len Auswirkungen ent­ste­hen auch weni­ger sicht­ba­re Belastungen. Die Unsicherheit wäh­rend der Bearbeitung beglei­tet vie­le Studierende im Alltag. Mehrere berich­te­ten, dass die Frage nach dem Zahlungseingang stän­dig prä­sent ist und Planung dadurch erschwert wird.

Auffällig ist dabei, wie unhin­ter­fragt lan­ge Bearbeitungszeiten inzwi­schen wahr­ge­nom­men wer­den. Häufig viel der Satz: „Das dau­ert halt.“ Auch im erwei­ter­ten Umfeld wur­de die­ses Empfinden bestä­tigt. Verzögerungen wer­den damit nicht mehr als Ausnahme, son­dern als Teil des Systems eingeordnet.

Kommentar: Fünf Monate sind nicht normal!

In mei­nem eige­nen Fall zog sich die Bearbeitung trotz recht­zei­ti­ger Antragstellung über fünf Monate hin. Ich bean­trag­te mein BAföG zum Start des Wintersemesters. Die ers­te Zahlung kam erst Mitte Januar – zu einem Zeitpunkt, an dem Miete und Ähnliches längst ange­fal­len waren. Diese Zeit ließ sich nur dank finan­zi­el­ler Unterstützung durch mei­ne Eltern über­brü­cken. Diese Möglichkeit haben jedoch nicht alle und genau dar­in liegt ein zen­tra­les Problem.

Was zusätz­lich irri­tiert: Viele der vor­han­de­nen Unterstützungsmöglichkeiten waren mir in die­ser Situation nicht bekannt. Weder im Antrag noch im Kontakt mit dem Amt wur­de aktiv dar­auf hin­ge­wie­sen. Erst im Nachhinein wur­de deut­lich, dass es durch­aus Wege gibt, sol­che Phasen abzu­fe­dern. Nur eben nicht sicht­bar genug.

Das eigent­li­che Problem ist des­halb nicht nur die Dauer der Bearbeitung, son­dern der Umgang damit. Wenn eine Förderung, auf die man ange­wie­sen ist, über Monate nicht aus­ge­zahlt wird, braucht es zumin­dest Transparenz und kla­re Kommunikation. BAföG soll Planungssicherheit schaf­fen. In der Praxis ent­steht jedoch oft das Gegenteil. Solange sich dar­an wenig ändert, bleibt das Warten Teil des Studiums – und genau das soll­te nicht selbst­ver­ständ­lich sein.


Text: Clemens Linke

Vorschaubild: Tom Roeloffzen

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