Hinter den Kulissen der fünften Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch durch das akademische Orchester und Daniel Spogis. Ein Werk, das zugleich jubelt und zerbricht.
Das Deckenlicht ist grell und scheint auf die Leute, die überfordert durch die freie Sitzplatzwahl den Platz mit der besten Sicht suchen. Kurz vor Beginn des Konzertes um 18.00 Uhr erklingt ein Gong. Die letzten eintreffenden Personen nehmen auf den noch übrigen Stühlen Platz und das Licht wird gedimmt, sodass nur noch die Bühne beleuchtet wird und das Publikum in eine erwartungsvolle Stille verfällt. Von links und rechts betreten erst die Streicher, dann die Bläser und zuletzt das Schlagwerk die Bühne. Nach lautem Beifall betritt auch Dirigent Daniel Spogis das Podium. Er und das akademische Orchester haben es sich an diesem Abend zur Aufgabe gemacht, beim jährlichen Werkstattkonzert in der Georg-Friedrich-Händel Halle die fünfte Sinfonie des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch publikumsnah zu inszenieren. Ziel dieser Werkstattkonzerte ist es, Kenner und Neulinge abzuholen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Musik nicht nur zu hören und zu erleben, sondern auch zu verstehen. Dabei erklärt Daniel Spogis dem Publikum immer wieder kleine Abschnitte der gespielten Sätze und versucht, den musikalischen Ausdruck Schostakowitschs sprachlich näherzubringen.
Bevor der Abend musikalisch losgeht, gibt es noch eine ausführliche Einführung zum Komponisten und zu den Hintergründen der Sinfonie. Dmitri Schostakowitsch war ein Komponist, Pianist und Pädagoge aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, ließ sich 1943 in Moskau nieder und verweilte dort den Rest seines Lebens. Zur Zeit des Stalinismus litten er und viele andere Komponisten unter dem Druck des stalinistischen Terrors, der viele Menschen das Leben kostete. In das Visier gerieten Menschen, die aus Stalins Sicht „politisch unzuverlässig“, „nicht volksnah“ oder „formalistisch“ waren.

Foto: Alia Knospe
1936 geriet Schostakowitsch selbst unter Verdacht, nachdem Stalin seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ sah und die staatliche Zeitung Prawda diese kritisierte. Nach Stalins Vorstellungen sollte Musik „artig“ sein und einen triumphierenden Charakter haben. Die Kritik an seiner Oper und die Forderungen Stalins setzten Schostakowitsch stark unter Druck, da nun auch er Angst haben musste, deportiert und ermordet zu werden. Aus Furcht und Verzweiflung vor dem eigenen Tod entstand somit die fünfte Sinfonie, in der er versteckt über Stalins Terror-System klagt.
Monumentalität und Ironie
Nach dieser Einleitung macht sich Spannung unter den Zuschauern breit und das Orchester beginnt, einen Teil des ersten Satzes im Moderato (ital.: „mäßig“, „gemäßigt“) zu spielen. Der Satz ist von einer tiefen Spannung geprägt und versucht, den inneren Widerstand gegen das Regime auszudrücken. Laut beginnen die Cellos, dazu kommen die Geigen und spielen im Kanon. Es wird ruhiger und man bekommt das Gefühl, das Ganze würde eine positive Auflösung erhalten.

Foto: Renate und Roger Rössing (Deutsche Fotothek für Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Plötzlich wird es sehr laut, die Zartheit verwandelt sich in einen brutalen Marsch. Eine ganz entscheidende Rolle spielt hier das Klavier, das zur Zeit des Komponisten eigentlich ein sehr untypisches Instrument in einem Orchester war. Hier dient die Klaviermusik jedoch als ein immer wiederkehrendes Angstmotiv, das von weiteren Instrumenten variiert und unterstützt wird. Das Orchester spielt kämpferisch gegeneinander und die innere Unruhe, die Dmitri Schostakowitsch empfindet, wird hier hörbar.
Der zweite Satz im Allegretto (ital.: „etwas schnell“ oder „mäßig schnell“) ist das genaue Gegenteil des ersten Satzes. Er ist schwungvoll, mitreißend und fast schon feierlich. Dmitri Schostakowitsch war jedoch überhaupt nicht zum Feiern zumute, weswegen diese fröhliche Stimmung von Daniel Spogis als Satire interpretiert wird. Dieser vergleicht die feierliche Atmosphäre mit einem von Stalins Parteifesten, wo das laute Gelächter der Oberschicht in dem Stück von den Violinen mit einem Glissando (ital.: „Gleiten“) nachgeäfft wird, welches durch das Rutschen der Finger auf dem Griffbrett über den Saiten erzeugt wird. Trotz der Festlaune ist an einigen Stellen eine gewisse Unruhe zu spüren, da immer wieder das Muster des Marsches auftaucht. Der zweite Satz endet mit Jubel, der von den Streichern und Holzbläsern dargestellt wird und der Feier ein abruptes Ende setzt.
Beide Sätze werden zum Schluss des Konzertes noch einmal zusammen gespielt, sodass das Konzert mit dem Gelächter der Violinen und dem Jubel abrupt endet. Das Publikum ist begeistert und verfällt in lauten Beifall. Alle Hörer hatten an diesem Abend nicht nur die Chance, die stark dramatische Sinfonie zu erleben, sondern mit der Hilfe von Daniel Spogis und dem akademischen Orchester auch die dahinter verborgene Sprache zu verstehen.
Schostakowitschs fünfte Sinfonie ist geprägt von Spannung, inneren Widerständen, Satire und existenzieller Angst. Mit dem triumphalen Ende bleibt die Frage offen, ob der Jubel wirklich ironisch gemeint ist oder nicht vielmehr seine letzte Hoffnung widerspiegelt, denn Dmitri Schostakowitsch hat diese Sinfonie nicht zum Spaß geschrieben, sondern für das eigene Überleben. Nach der Uraufführung 1937, bei der Stalin selbst anwesend war, konnte Schostakowitsch seine Angst vor dem Tod endlich zurücklassen, da das Publikum sowie die Parteiführung positiv auf die fünfte Sinfonie reagierten. Somit geriet er aus dem Visier Stalins und konnte seinen Überlebenskampf beenden.
