Die Kunst der alten Meister – Martial Arts Edition

Die alten Meister genie­ßen, das heißt: Literatur und Malerei, in Ruhe und Frieden, oder? Pustekuchen! Danach schmerzt jeder Knochen im Leib!

Beim Verein „INDES – Historische Fecht­kuens­te Halle a. d. Saale e. V.“ wird HEMA gelehrt und trai­niert. Vom lan­gen Schwert über das lan­ge Messer bis hin zum gesel­li­gen Ringen und sogar der Sense (ja, das Erntegerät) ist hier für fast alles Platz, was sich auf den Schlachtfeldern des Mittelalters getum­melt hat. Andreas Hansen vom Vereinsvorstand berich­tet über die his­to­ri­schen Ansprüche, aber auch die beschei­de­nen Anfänge des Vereins: Der Verein wur­de 2006 von einer Gruppe Mittelalter-Enthusiast:innen gegrün­det und dien­te einer Vielzahl unter­schied­li­cher Hobby-Aktivitäten, vom gemein­sa­men Kochen nach mit­tel­al­ter­li­chen Rezepten über his­to­ri­sche Schneiderei, bis schließ­lich das Fechten hin­zu­kam – mit damals noch klar impro­vi­sier­ter Ausrüstung. „Heutzutage gibt es hun­der­te Fechtausstatter, aber damals gab es das halt nicht – wir haben aus­ge­mus­ter­te Splitterschutzwesten von der Bundeswehr genutzt.“ Hinzu kamen Schutzmasken aus dem olym­pi­schen Fechten und Gartenhandschuhe aus dem Baumarkt. Anstelle von Schwertern (oder genau­er: Trainingsfedern) ver­wen­de­te man japa­ni­sche Bambusschwerter aus dem Kendo oder Holzschwerter vom Schreiner. Auch vie­le der anfäng­li­chen Impulse kamen ihrer­seits aus den Sportarten, die die Mitglieder selbst bereits prak­ti­zier­ten, etwa dem Judo oder Schaukampf.

HEMA (Historic European Martial Arts) bezeich­net Kampfkünste des euro­päi­schen Mittelalters und der Neuzeit (cir­ca 1300 — 1800), die seit­her teil­wei­se in Vergessenheit gera­ten sind oder sich in moder­nen Kampfsportarten nur noch stark ver­än­dert wie­der­fin­den (etwa im olym­pi­schen Ringen oder Fechten). Anders als in asia­ti­schen Kampfsportarten, wie etwa Karate, Kung Fu oder Muay Thai, besteht in der HEMA-Ausübung kei­ne his­to­ri­sche Kontinuität. Der Fokus liegt auf der Rekonstruktion his­to­ri­scher Techniken unter Berücksichtigung von Ausrüstung und Bewaffnung. Anders als moder­ne Selbstverteidigung wird HEMA auch kaum nach moder­nen Gefechtsansprüchen tech­nisch weiterentwickelt.

Später kamen Gruppen aus dem Unisport hin­zu: Neben einem Zustrom an Interessierten – bis zu 30 Teilnehmer:innen über ein Semester hin­weg – führ­te das rasch zu per­so­nel­len Engpässen: Zahlreiche Neulinge für jeweils ein Semester, die Bindung an die Unisport-Plattform und deren Turnus sowie ein hoher Aufwand in der Betreuung immer wech­seln­der Zusammensetzungen mach­ten das uni­ver­si­tä­re Angebot zuneh­mend pro­ble­matisch. 2011 wur­de schließ­lich offi­zi­ell der Verein „INDES – Historische Fecht­kuens­te Halle a. d. Saale e. V.“gegründet und trat auch in den Stadtsportbund ein. Seither fin­det das Training in städ­ti­schen Sporthallen statt, anfangs noch mit zwei, mitt­ler­wei­le mit vier Trainingseinheiten pro Woche. Inzwischen hat sich INDES zu einer fes­ten Größe der hal­li­schen Vereinslandschaft gemau­sert und ist auch regel­mä­ßig auf der Oberburg Giebichenstein zu sehen: Jeweils um Ostern sowie Ende Oktober prä­sen­tie­ren die Mitglieder dort bei his­to­ri­schem Essen ihre Fechtkünste, zusam­men mit ande­ren Vereinen aus der Gegend. Zuletzt stan­den die­se Veranstaltungen im Zeichen des Bauernkriegs, anläss­lich des­sen 500. Jubiläums.

Was man bei Vorführungen oder in moder­nen Hollywood-Produktionen nicht sieht, kann man dage­gen jede Woche im Training live erle­ben: Statt abge­spro­che­ner Choreographien steht für den Verein hier der kon­kre­te Versuch im Vordergrund, die Fechttechniken der alten Meister:innen zu erar­bei­ten, zu erpro­ben und zu ver­brei­ten. Man ficht, um sein Gegenüber zu tref­fen, rekon­stru­iert Strategien und Techniken, die sich in einer rea­len Kampfsituation behaup­ten kön­nen – auch wenn man im heu­ti­gen Halle eher sel­ten mit dem Schwert über­fal­len wer­den dürf­te. Und natür­lich misst man sich auch im Sparring – oder wie es hier heißt: frei­es Fechten.

Aus dem „Goliath-Fechtbuch“ (ca. 1535 – 1540)
Georg Lemberger zugeschrieben

Neben dem in HEMA-Vereinen weit ver­brei­te­ten lan­gen Schwert wird auch am Montante trai­niert. Es han­delt sich dabei um ein über­lan­ges Schwert, das im 16. und 17. Jahrhundert auf der ibe­ri­schen Halbinsel ver­brei­tet war und der Verteidigung gegen eine Überzahl dien­te. Es gilt damit, sich in alle Richtungen gleich­zei­tig zu decken und die schwe­re Waffe nie ganz zur Ruhe kom­men zu las­sen, wäh­rend man flie­ßend zwi­schen Angriff und Verteidigung wech­selt. Hier zeigt sich auch, dass der Begriff Langschwert im Sinne einer Taxonomie von Waffen eine moder­ne Erfindung ist. „Es han­del­te sich auch damals schon um eine Fachsprache“, berich­tet Andreas. Im Kontext mit­tel­al­ter­li­chen Fechtens sei­en vie­le Waffen mit Griff und lan­ger Klinge Schwerter, das lan­ge Schwert bezie­he sich viel­mehr auf einen bestimm­ten Führungsstil mit bei­den Händen am Griff – im Unterschied zum hal­ben Schwert, bei dem eine Hand den Griff und die ande­re die Klinge halte.

Die alten Meister

Es geht aber eben nicht allein um sport­li­che Anstrengung oder Ausrüstung. Beim INDES wird Arbeit direkt an his­to­ri­schen Quellen betrie­ben. Die Trainer:innen (und alle, die Interesse haben) durch­fors­ten über­lie­fer­te Schrift- und Bildquellen, um den Meistern ihrer Zeit auf die Spur zu kom­men – und nicht nur den Schwert-Meistern. Die Quellen, aus denen der Verein neue Techniken erar­bei­tet, dien­ten den Fechtern einst häu­fig als Werbeschriften und waren dem­entspre­chend reich bebil­dert. Während des Gesprächs zeigt Andreas eini­ge Auszüge aus ein­schlä­gi­gen Werken mit zeit­ge­nös­si­schen Illustrationen, unter ande­rem von kei­nem Geringeren als Albrecht Dürer. Solche Schriften soll­ten euro­päi­sche Machthabende von den Kenntnissen des Fechtmeisters über­zeu­gen und zu einer Anstellung als Lehrer oder Ausbilder bewe­gen, nicht unähn­lich dem Portfolio moder­ner Freiberufler:innen.

Fechten zu Fuß in vol­lem Harnisch mit dem lan­gen Schwert (libr. pict. A 83, ca. 1500)
Albrecht Dürer zugeschrieben

Darin wird in Bild und Text dar­ge­stellt, wie Techniken aus­zu­füh­ren sind, wann sie Anwendung fin­den und wo ihre Stärken lie­gen. Üblicherweise ver­wen­det der Verein heu­te tran­skri­bier­te Versionen, die meis­ten davon ursprüng­lich in Klosterbibliotheken über­lie­fert, in denen sich der his­to­ri­sche Wortlaut noch als Referenz fin­det. Aber auch so sind noch gewis­se Hürden zu bewäl­ti­gen: Was sind denn ledi­ge Hände? Was ist ein Kreuz oder das Ort? Es han­del­te sich schon damals um Fachbegriffe, die ein Grundverständnis der Leser:innen vor­aus­set­zen, das zusam­men mit der Verwendung ver­lo­ren gegan­gen ist. Nicht sel­ten muss man sie heu­te rekon­stru­ie­ren und erpro­ben – und manch­mal eben auch hin­ter­fra­gen, was man sicher zu wis­sen glaub­te: „Man darf da ein­fach nicht mit Stolz ran­ge­hen,“ sagt Andreas, „man muss sich im Klaren sein, dass es Interpretationsarbeit ist, dass wir zum Beispiel von rei­nem Text auf voll­stän­di­ge Bewegungsabläufe von zwei Menschen schlie­ßen, die dyna­misch auf­ein­an­der eingehen.“

Einer der häu­figs­ten Fehler von Laien und Neulingen, so Andreas, lie­ge jedoch dar­in, die Menschen des Mittelalters zu unter­schät­zen: „Man hat immer das Gefühl, dass gene­rell über das Mittelalter gedacht wird, die Leute waren damals dumm.“ Das zie­he sich von der Idee, ein Schwert wie­ge fünf Kilo oder eine Rüstung sei so schwer, dass man sich dar­in nicht bewe­gen kön­ne, bis zum Ablauf eines Kampfes und der Effektivität eines Treffers: Die Annahme, man schlü­ge minu­ten­lang auf­ein­an­der ein, dass die Funken flie­gen, stammt aus Schaukampf und Hollywood – Schwerter klir­ren nur, wenn auch pariert wurde.

Und auch im „fins­te­ren Mittelalter“ war jedem Kämpfer klar, dass eine Rüstung, in der er sich nicht bewe­gen kann, kei­nen Schutz dar­stellt, son­dern einen töd­li­chen Käfig. Man ver­trau­te sei­ner Bewaffnung sein Leben an, und nur was den Träger am Leben gehal­ten hat, konn­te sich durch­set­zen. Der prak­ti­sche Umgang mit Technik und Ausrüstung öff­net einem hier die Augen. „Ich wür­de kei­nen Soldaten mit so einer Ausrüstung irgend­wo­hin schi­cken, und das haben die damals auch nicht gemacht“, so Andreas.

Übrigens stammt auch der Name des Vereins aus einer his­to­ri­schen Quelle: Der Begriff „indes“ bedeu­tet im Mittelhochdeutschen so viel wie „inzwi­schen“ oder „unter­des­sen“ und wird in den Fechtbüchern Johannes Liechtenauers – einer der oben erwähn­ten Fechtmeister:innen des 14. Jahrhunderts – als tak­ti­sches Prinzip ver­stan­den: Das gleich­zei­ti­ge Verteidigen und Vorstoßen ist wesent­lich, um dem geg­ne­ri­schen Angriff zuvor­zu­kom­men und sich selbst zu schützen.

Gemeinsames Lernen statt Kräftemessen

Wer sich ange­sichts des his­to­ri­schen Schwerpunkts aller­dings fragt, ob er sich hier auch einen Schmiss zuzie­hen oder einem Corps bei­tre­ten muss, um mit­zu­ma­chen, kann beru­higt auf­at­men: Der Verein ist unpo­li­tisch aus­ge­rich­tet. In der Vergangenheit sei­en zwar auch schon Mitglieder schla­gen­der Studentenverbindungen dabei gewe­sen, so Andreas, aber die Grundhaltung des stu­den­ti­schen Fechtens mit einem engen, klar abge­grenz­ten Technik-Kanon ent­spre­che eben­so wenig der Idee des HEMA wie moder­nes olym­pi­sches Fechten. Insbesondere auch die typi­sche Geschlechtertrennung der Burschenschaften sei ein kla­res Warnsignal für den Verein gewe­sen: „Das war für uns schon so eine Red Flag“, so Andreas. Der Verein hat sich daher sehr früh von den loka­len Corps und Studentenverbindungen distan­ziert. Noch wich­ti­ger aber sei, dass es bei INDES gera­de nicht um ein mar­tia­li­sches Kräftemessen gehen sol­le, son­dern um gemein­sa­mes Lernen. Dies sol­le nicht an Geschlecht oder poli­ti­sche Haltungen von Verbindungen gebun­den sein.

Die Intention liegt nicht in einem Macho-Militarismus oder dem Einschwören auf kon­ser­va­ti­ve Wertegemeinschaften, son­dern in ko­edukativem Training größ­ten­teils ver­ges­se­ner Techniken. Man trai­niert mit­ein­an­der, hilft ein­an­der, geht auf­ein­an­der ein; Verletzungen zu ver­mei­den hat Priorität – nicht zuletzt auf­grund der Vereinsgeschichte und der schmerz­haf­ten Lektionen der Gründungszeit: „Da waren dann öfters mal die Finger blau.“

Heute unter­stützt der Verein Neulinge mit Leihgaben für Schutzausrüstung, um einen mög­lichst rei­bungs- und schmerz­lo­sen Einstieg zu ermög­li­chen. Schutzmaske, Handschuhe, Stichschutz und Gambeson (eine gepols­ter­te Jacke zum Schutz vor Hieben und Stichen) – ganz zu schwei­gen von Trainingsfedern – kön­nen schnell meh­re­re hun­dert Euro kos­ten, wenn man sich lang­fris­tig für das Hobby inter­es­siert oder sogar an Turnieren teil­neh­men will. Inzwischen kann der Verein hier jedoch auch auf einen brei­ten Erfahrungsschatz bei Qualität und Preis zurück­grei­fen und sogar auf Vereinsrabatte bei bestimm­ten Anbietern.

Aber auch mit aller Schutzausrüstung bleibt ein Restrisiko bestehen: Trifft zu viel Kraft auf zu wenig Gewebe, hilft die bes­te Schutz­ausrüstung nicht: „Wenn man einen guten Schnitt macht, also die Klingenführung sau­ber ist, dann geht das durch wie Butter.“ Es ist daher Sache aller Trainierenden, auf sich selbst eben­so auf­zu­pas­sen wie auf die jewei­li­gen Partner:innen.

Schwertkampf nach Augsburger Tradition in: Οπλοδιδασκαλια [Oplodidaskalia] sive Armorvm Tractandorvm Meditatio Alberti Dvreri (MS 26–232, ca. 1512)
Albrecht Dürer zugeschrieben

Leider nicht für jede:n

Offen ist der Verein zwar prin­zi­pi­ell für jede:n, bei aller his­to­ri­schen Faszination ist jedoch ein Wort der Vorsicht gebo­ten: Nicht nur ist das Fechten kör­per­lich for­dernd, es ist auch ein kla­rer Kontaktsport. Es liegt also im Wesen des Trainings, dass man trifft und selbst getrof­fen wird. Wer zur Schreckhaftigkeit oder zu Berührungsängsten neigt, wird mög­li­cher­wei­se nicht glück­lich – auch wenn tat­säch­li­che Verletzungen heu­te weit­aus sel­te­ner sind. Wer aber auf den Geschmack gekom­men ist, kann den Verein im Rahmen eini­ger Probetrainings unver­bind­lich besu­chen und sich selbst ein Bild machen.

Der Autor ist selbst Mitglied im INDES und trai­niert seit Oktober 2025 aktiv in unter­schied­li­chen Disziplinen.
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