
Foto: Jonne Pietryas
Steht man vor ihr, könnte man meinen, es sei nur ein großer Haufen Dreck. Doch in der Halde Krügershall steckt noch so viel mehr. Was könnten uns Halden erzählen, wenn man nur fragt?
Nahezu abgegrenzt vom Rest der Gemeinde liegt der liebevoll „Teutschenthal Bahnhof“ genannte Teil der Gemeinde Teutschenthal. Hier gibt es einen Bäcker, einen Fußballplatz und einen Wertstoffhof. „Touristisches Niemandsland“, so Ansässige. Doch über diesen Fleck ragt eine 105 Meter hohe Abraumhalde, der aufgehäufte Schutt der Vergangenheit.
„Gleich kommt die Halde“, hören wir im Zug eine Frau zu ihrer Begleitung sagen. Vom Hauptbahnhof in Halle waren es 20 Minuten mit der S 7 Richtung Eisleben. Heute ist sie nahezu komplett in Schnee gehüllt; ihr Hang dieselbe Farbe wie der Himmel. Schwarze Rillen aus Erde erscheinen dunkel und kratzig am Fuß des künstlichen Berges. Auf der Tür des nahe liegenden Geräte- und Mannschaftshauses beim Sportplatz präsentiert sich die lokale Dartgruppe „Kalimandscharo’s“, darüber aufgetürmt die Kalihalde Krügershall.
Vor der Halde befindet sich ein Fischteich, nur getrennt durch die Merkelstraße, welche mehr ein Weg zu sein scheint. Auf diesem kommt man der Halde am nächsten. Hinter einem grünen Zaun befindet sich die Anhäufung von Abraum, die Halde, und der kleine Grüne Laugensee sowie ein ausgeblichenes Schild mit den Lettern: „Haldengelände, Betreten verboten“ (weiß auf weiß).
Aus dem langen Rücken der Halde ragen dicke Metallstäbe. Sie lassen den Weg eines alten Förderbands vermuten, mit dem das taube, also nicht verwendbare Gestein auf die Halde befördert wurde. Der Rest der Landschaft verschwindet unter dem Schnee. Es bleiben die Kleingärten und Wohnhäuser Teutschenthals. In der Ferne sieht man, wie sich Windräder drehen, ähnlich weiß wie der Himmel. Dreht man sich von der Halde weg, schaut man auf das Wohngebiet und einen modernen Förderturm der GTS, eines Sanierungsdienstleistungsunternehmens. Man sieht auch eine weitere kleine Halde. Sie ist chaotischer geformt, besitzt aber die gleiche Entstehungsgeschichte. Diese sogenannte Osthalde befindet sich unerreichbar auf heutigem Privatgelände.

Foto: Jonne Pietryas
Geschichte und Geschichten
Es ist ein „Kalimandscharo“ von vielen in Deutschland. Lara Almarcegui und die Geologen der Mansfelder Regionalgesellschaft für Bildung, Forschung und Kompetenzentwicklung haben zwanzig Kalihalden in Deutschland festgestellt. Umgangssprachlich werden diese auch Kalimandscharo, Monte Kali oder Kaliberg genannt. Der Kaliberg in Teutschenthal besteht aus den grauen Abfällen des Untertagebaus des Kaliwerkes Krügershall.
Seit 1906 wurden nördlich des Bahnhofs über 80 Jahre hinweg Kalisalz gefördert.
Die Geschichte des Kalisalzes beginnt allerdings vor 650 Millionen Jahren, als Nord- und Mitteldeutschland noch von einem salzhaltigen Urmeer bedeckt waren. Als dieses dann austrocknete, ließ es das Salz zurück. Dieses lagerte sich in Schichten ab und wurde von Mineralien, wie Sulfiten, durchsetzt, bevor es unter der Erde verschwand.

Foto: Jonne Pietryas
Kali ist nicht das einzige, was rund um Teutschenthal Bahnhof abgebaut wurde. Ein ganzes Jahrhundert lang wurde auch Braunkohle gefördert. Das Gebiet wurde kohlebergbautechnisch erschlossen und ist seit 1924 ausgekohlt. Die ehemaligen Kohlegruben sind heute überwachsen.
Das Gelände der ehemaligen Kaliwerke ist von der Halde fußläufig in zehn Minuten zu erreichen. Das größte Kalisalzvorkommen der Region wurde mithilfe von mehreren Testbohrungen in einer Teufe (sogenannte Bergmannstiefe) von 635 bis 650 Metern entdeckt. Die Prognose: Hundertjährige Förderung des bitteren Salzes. Diese Zukunftsvision wurde wahrgenommen von Kaufmann Friedrich H. Krüger. Er und seine Geschäftspartner kauften folglich Land im Umfang von zehn preußischen Normalfeldern (umgerechnet 25 Quadratmeter) von der Internationalen Bohrgesellschaft zu Erkelenz. Ausgehend vom Teutschenthaler Bahnhof rief die neugegründete Krügershall AG eine Bergmannssiedlung ins Leben. Der Untertagebau erreichte bereits 1907 eine Teufe von 674 Metern und brachte dem Ort schnell Wohlstand.
In Folge von langwierigen Konkurrenzkämpfen wurde die Krügershall AG von der Burbach Kaliwerke AG 1929 aufgekauft. Der Abbau erfolgte weiterhin in einem Kammer-Pfeiler-Verfahren. Das heißt, dass Pfeiler aus Mineral stehen gelassen wurden, um den Rest der Grube zu stützen. Zur zusätzlichen Entlastung der Pfeiler wurden die vom Raubbau hinterbliebenen Löcher mit Industrierückständen versetzt.
Am Abend des 24. Mai 1940 verunglückten 42 Bergleute aufgrund eines Gebirgsschlages in 610 bis 650 Metern Teufe. Mit dem Bruch von mehreren hundert Pfeilern brach das gesamte östliche Abbaufeld zusammen und riss die Arbeiter mit in den sogenannten Bergmannstod. Die Folge war ein Erdbeben von 4,3 auf der Richterskala und zehn Wochen Betriebsruhe. Die damalige Vermutung war ein natürliches Beben, heute weiß man, dass die Pfeiler zu dünn und der Versatzstoff zu feucht waren. Ein Gedenkstein erinnert heute in Teutschenthal Bahnhof an die Verschütteten.
Zwangsarbeit in Teutschenthal
Während des Zweiten Weltkriegs begann das Werk, Kriegsgefangene einzusetzen, um die durch den Krieg entstandenen Personallücken zu füllen. Die Werke waren bemüht, ihre eingearbeitete Belegschaft zu erhalten, doch 1943 waren 176 von 323 Personen untertage ausländische Zwangsarbeiter. Ein achtwöchiges Anlernen sollte die Kriegsgefangenen ausbilden. Vom Werk wurde das als unzureichend gesehen, doch wurden sie trotzdem eingesetzt. Insgesamt kam es zu 159 Unfällen zwischen 1943 und 1945, darunter Quetschungen, Fleischwunden, Abschürfungen, Brüche, Prellungen, Verbrennungen, aber auch tödliche Unfälle.
In Teutschenthal befanden sich mindestens zwei Lager sowie ein Außenlager Buchenwalds im nahe liegenden Ort Wansleben am See. US-Ermittler stellten aus Zeugenaussagen nach Kriegsende den Entzug von medizinischer Versorgung, den Entzug von Essen, Drohungen, Zwang zur Arbeit unter körperlicher Gewalt, körperliche Gewalt, Mord und den Zwang zum Suizid im Zusammenhang mit der Krügershall AG, dem KZ Wansleben am See und den Lagern in Teutschenthal fest. Auch wenn Teile der Lager noch stehen, erinnert in Teutschenthal Bahnhof heute nichts mehr an sie und ihre Opfer.
Neue Höhen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch die Kaliwerke Teil der Vereinigung Volkseigener Betriebe, kurz VVB, Kali und Salze in Halle zusammen mit sechs weiteren Kaliwerken. Ein Name, der nicht lange halten sollte: mehrfach kam es in der DDR zu Namensänderungen durch Übernahmen, Zusammenlegungen und später auch die Gründung des Kombinats Kali. Der Abbau von entsprechenden Salzen wurde rasch in neuen Tiefen fortgesetzt. Der technische Fortschritt, der Einsatz eines neuen Höhenförderers, löste 1960 die alte Seilbahn ab. Die Westhalde erreichte schnell eine Höhe von 39,7 Metern. Der Höhenförderer, ein unermüdliches Metallgerüst, das sich wie eine lange Raupe an sie schmiegte, trug taube Erde aus der Tiefe hinauf. In den kommenden Jahren sollte sich die Höhe der Halde mehr als verdoppeln.
Auch wenn Kali ein Exportschlager der DDR war, wurde am 22. Dezember 1982 die Kalirohsalzförderung in der Grube aus Kostengründen eingestellt. Insgesamt wurde ein Fördervolumen von 38 Millionen Tonnen Salz erreicht. Was blieb, war der chemische Betrieb für die Landwirtschafts- und Lebensmittelindustrie. Mit der Verordnung des Ministerrats der DDR zur Umwandlung der volkseigenen Betriebe in Kapitalgesellschaften 1990 fielen das Kaliwerk Teutschenthal und somit auch beide Halden in die Hände der Treuhandanstalt.
Die GTS
Auf dem Gebiet der ehemaligen Kaliwerke Krügershall steht nun die Sicherungsgesellschaft GTS der Geigergruppe, oder noch länger die Grube Teutschenthal Sicherungs-GmbH. Hier werden die unterirdischen Hohlräume des Kaliabbaus mit „geeigneten“ belasteten Bergbauabfällen gestopft. Die nur kurzzeitig bestehende Nachfolgerfirma Kalimag GmbH wurde 1992 von der GTS zu Teilen gekauft und der Rest liquidiert. Alte Betriebsgebäude wurden abgerissen und schnell überformt.
In der Geschichte der Grube spielt der Versatz der Abbaukammern, der geschaffenen neuen Hohlräume unterhalb der Erde, immer wieder eine Rolle. Bei einem Übertagebau sieht man Abbau und Aufhaldung im Wechselspiel. Untertage erstreckt sich jedoch ein für Außenstehende kaum überschaubares Netz an Tunneln und Hohlräumen. Die Sicherung und der Erhalt dieser Tunnel schützt, was obendrüber liegt. Unter Teutschenthal ist es hohl. Der unterirdische Abbau versteckte, was es zur Entstehung einer Halde braucht: ein Loch.

Foto: Jonne Pietryas
Am 11. September 1996 kommt es um 5.36 Uhr zu einem weiteren Gebirgsschlag von ähnlicher Stärke wie bereits 1940, hundert Kilometer weit spürbar. In nicht einmal 20 Sekunden sackte das gesamte Ostfeld der Grube Teutschenthal einen halben Meter in die Tiefe. Es gab weder Verletzte noch Tote, doch kam es zu Sachschäden in Höhe von zwei Millionen Euro. Das Gebiet der Ostfelds galt vorher als besonders gefährdet, nun gilt es als vollkommen zerstört.
Was genau für Abfälle unter Teutschenthal verwahrt werden, ist schwer nachzuvollziehen. Versatzstoffe werden angeliefert, getestet, gegebenenfalls aufgearbeitet und behandelt und dann unter der Erde versetzt. Es handelt sich seitens der GTS um Stäube aus Verbrennungsanlagen, Schlacke, „kontaminierte Bauabfälle“, Produktionsabfälle und auch Schlämme. Immer wieder macht die GTS Schlagzeilen. Anwohner:innen beschrieben es als „Höllentor“, dessen Gestank bis in die Zimmer krieche. Die Sicherungsgesellschaft bleibt allerdings bestehen. Der Boden der Region gilt durch Bergbau heute als instabil, die Deponie als notwendiges Geschäftsmodell, um die Sünden der vergangenen Versatzfehler auszugleichen.
Die Halde allerdings bleibt bestehen – ruhig und unbewegt. Höher als der neue Förderturm der GTS steht sie schweigend zwischen Kleingärten und Einfamilienhäusern. Sie ist ein Produkt und eine Zeugin dessen, was diesen Ort ausgemacht hat, und könnte diesen überdauern. Auf ihr finden nur wenig Pflanzen eine Heimat, von Begrünung kann man nicht sprechen. Aus ihr lässt sich nicht mehr ziehen als die Frage, wieso sie hier ist. Eine Frage, die man kurz, aber auch lang beantworten kann.

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| Kommentar: Faszination Halde Ich liebe Halden. Wenn Fans von Taylor Swift Swifties sind, dann bin ich ein Haldi! Halden sind Müll aus der Vergangenheit, so hoch gehäuft, dass sie Berge wurden. Von Untertage auf Übertage gedreht, ist dort nun ein Haufen, der unter der Erde sein sollte. Halden sind ein Teil dessen, was vom vergangenen Extraktivismus, dem Herausziehen von Mineralien aus der Erde für wirtschaftliche Zwecke, übrigbleibt. Halden sind geschichtsträchtige Mahnmäler, Anhäufungen von Lokalgeschichte. Es sind Berge aus Erinnerungen, Kummerhaufen, die uns überdauern werden, Zeuginnen, welche Masse an Zerstörung nötig war. Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich mir wünschen, irgendwann alle Halden gesehen zu haben und zu wissen, dass es keine weiteren geben wird. Kommentar: Jonne Pietryas |
