Am 15.10.2026 hat die Staatskapelle Halle mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Burg Giebichenstein, das Publikum im Volkspark, auf eine wundersame und mystische klangliche Reise mitgenommen.

Wunderbar, wundersam, wunderlich. All diese Wörter beinhalten das Wort „Wunder“. Doch was ist eigentlich ein Wunder? Ob kleine Überraschungen im Alltag oder ungewöhnliche Phänomene, all dies sind kleine Ereignisse, die unser Leben einzigartig machen. Besonders, weil sie individuell und nicht immer vorhersehbar sind.
Das StudiLab, der Musikwissenschaft und die Schmuckklasse der Burg Giebichenstein haben sich mit der Staatskapelle Halle zusammengetan, um eine neue Form des klassischen Konzerts zu entwickeln. Unter dem Titel „Aurora Borealis — Eine musikalische Reise in die wundersame Welt der Polarlichter“ wird das Publikum auf einen Ausflug in die nördlichen Polarlichtregionen mitgenommen, um dieses Naturwunder auf eine ganz besondere Art und Weise zu erleben.
Bei diesem Konzert wird bewusst auf eine feste Bestuhlung verzichtet. Die Stuhlreihen sind in einem Halbkreis angeordnet, davor befinden sich Sitzkissen. Somit bleibt es dem Publikum überlassen, aus welcher Perspektive es das Konzert erleben möchte. Ob nun von den Stühlen oder heraufschauend von den Sitzkissen aus.
Die Musik steht in einer engen Verbindung mit dem Raum und dem Licht, denn das Orchester wird von verschiedenen Lichteffekten begleitet, die Assoziationen mit dem hohen Norden wecken sollen. Von der Decke des Volksparks hängen Mobiles der Schmuckklasse der Burg. Jedes von ihnen ist unterschiedlich gestaltet. Neben Tieren wie verschiedenen Raubkatzen gibt es auch einfache Gegenstände wie Stühle oder Fahrräder. Sie schmücken den Saal und drehen sich langsam und still um ihre eigene Achse.
Musik, die Landschaften erzählt
Das Konzert beginnt mit Jean Sibelius‘ Tapiola Opus 112, seiner letzten großen Orchesterkomposition, die von den mythischen finnischen Wäldern inspiriert ist. Das Stück entspricht einem vierstrophigen Gedicht, das sowohl die düsteren Wälder des Nordens als auch den Waldgott Tapio beschreibt. Das Werk wird von einem warmen orange-roten Licht untermalt, das einen leichten Gegensatz zu den beinahe düsteren Klängen des Orchesters darstellt.
Abenteuerlich geht es mit Sibelius‘ Cassazione weiter. Sie nimmt jedoch einen ruhigen Lauf und verwandelt das warme rote Licht in ein kaltes Blau. Während des Stücks werden zwei der Mobiles mit einem weißen, von der Decke ausgehenden Licht, angestrahlt und drehen sich langsam zum Rhythmus der Musik.

Die Rhapsodie Opus 5 Nummer 1 von Robert Kajanus folgt darauf. Das Werk verarbeitet traditionelle finnische Volksmelodien und ist ein wichtiger Grundstein für den finnischen musikalischen Nationalismus.
Der Raum erstrahlt in einem warmen Pink und es beginnt das Stück Absence von Magnus Lindberg. Dieser hat sich bei diesem Werk von Beethovens abrupten Stimmungswechseln, der plötzliche Wechsel von einer musikalischen Emotion in eine völlig andere, inspirieren lassen und zeichnet sie mit besonders dunklen Klängen nach. Diese Töne tauchen den Raum in ein kräftiges Grün und verändern die Stimmung im Saal vollständig.
Schrill hingegen erklingt Herman Rechbergers Kaamos (Polar Night). Dieses Werk unterscheidet sich durch seine grellen Klänge und der unheilvollen Melodie der Streicher deutlich von den vorherigen Stücken. Wer hier nach oben blickt, sieht, wie die Decke durch reflektierende silberne Folie blau beleuchtet wird. Dadurch entsteht ein magischer Effekt, der den Eindruck erweckt, als würde das Licht im Rhythmus der Melodie tanzen.
Der Abschluss des Konzerts bildet Jean Sibelius‘ Sinfonie Nummer 5 in Es-Dur Opus 82, 3. Satz in Allegro molto (italienisch: „sehr schnell“). Das Werk ist geprägt durch ein schwingendes Streichermotiv, das an einen Flügelschlag erinnert. Zum Ende des Abends werden die silbernen Folien bunt beleuchtet und erzeugen an der Decke eigene Polarlichter, die sich passend zu den Klängen bewegen. Das Finale der Sinfonie ist von den berühmtesten Akkord-Schlüssen in der Musikgeschichte geprägt. Nach einem schnellen Satz folgen sechs wuchtige Akkorde in der Grundtonart Es-Dur, die durch klare Pausen voneinander getrennt sind. Bei jedem einzelnen Akkord wird jeweils eins der Mobile noch einmal separat beleuchtet. Die letzte Note des Konzerts klingt aus, das Licht wird gedimmt und das Publikum bricht in lauten Beifall aus.
Wundertausch
Das Konzert endet jedoch nicht mit dem Verstummen des Orchesters, sondern mit einer Bitte an das Publikum. Im Programmheft des Abends befinden sich vier verschiedenfarbige Zettel, auf denen das Publikum dazu aufgefordert wird, eigene Wunder aufzuschreiben. Jeder Zettel soll dabei ein anderes darstellen. So kann auf den orangen geschrieben werden, welches Wunder einem heute begegnet ist und auf den roten Zettel, eines, das man gerne jemand anderem schenken möchte. Diese Zettel können anschließend an Pinnwänden angebracht werden, die sich im Hof vor der Konzertmuschel befinden. Auf diese Weise entsteht eine Sammlung persönlicher Wunder. Jeder kann mit dem Wunder eines anderen nach Hause gehen. Denn man weiß nie, welches Wunder als Nächstes auf einen wartet. Genau das soll dem Publikum vermittelt werden: Selbst die kleinsten Dinge, die für den einen alltäglich sind, können für den anderen bereits ein ganz besonderes Wunder sein.
