Das Museum am Ohr

Ein kos­ten­frei­er Museumsbesuch, bei dem die Räume leer blei­ben. Das Projekt „Bei Anruf Kultur“ macht Kulturveranstaltungen für vie­le Menschen zugäng­lich und zeigt, wie Kunst bar­rie­re­frei ver­mit­telt wer­den kann.

Ein tele­fo­ni­scher Besuch im Kunstmuseum Moritzburg. Foto: Tom Roeloffzen

Es ist Punkt 17.00 Uhr, als die Führung durch die Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck. Ewig mensch­lich“ im Kunstmuseum Moritzburg beginnt. Doch in den Ausstellungsräumen sind weder eine Gruppe an Menschen noch ein Guide zu sehen. Vielleicht sit­zen die Teilnehmer:innen der heu­ti­gen Führung auf ihren Sofas oder auf dem Balkon und genie­ßen dort das gute Wetter. Was sie jedoch auf alle Fälle bei sich haben, sind ihre Telefone. Rebecca Relius, die die Museumsführung heu­te über­nimmt, sitzt hin­ge­gen in ihrem Büro, den Hörer in der Hand, vor ihr Bilder ein­zel­ner Exponate der Sonderausstellung. Über das Telefon führt sie die ange­mel­de­ten Teilnehmer:innen durch die Räumlichkeiten des Museums.

„Wir gehen gedank­lich in den ers­ten Ausstellungsraum her­ein.“ Die Wände sind in gedeck­ten Farben gestri­chen, man hat sich gegen ein klas­si­sches Museumsweiß ent­schie­den, die Kunstwerke wer­den ein­zeln ange­leuch­tet, beschreibt Relius. „Das ers­te Kunstwerk, das uns begeg­net, ist der ‚Emporsteigende Jüngling‘.“ Es han­delt sich dabei um einen Bronzeguss, eine Aktdarstellung eines jun­gen Menschen. Das lin­ke Bein ist ange­win­kelt, der Körper vol­ler Spannung, jeder ein­zel­ne Muskel tritt klar her­vor. Relius beschreibt das Exponat detail­liert. Die Zuhörer:innen am ande­ren Ende des Telefons sol­len sich das Kunstwerk vor­stel­len kön­nen, ohne es selbst gese­hen zu haben. „Wenn wir uns jetzt wei­ter im Raum bewe­gen, sehen wir an den Wänden ver­schie­de­ne Bilder. Wir schau­en uns eine der Kohlezeichnungen an.“ Die Zeichnung heißt „Helfende Schwester“. Es ist ein cir­ca A4 gro­ßes Bild mit brei­tem Rahmen, das eine Krankenschwester mit einem ver­wun­de­ten Soldaten zeigt. Indem Relius kon­se­quent im Wir spricht, nimmt sie die Zuhörer:innen vir­tu­ell mit, wäh­rend sie die Proportionen der Werke beschreibt und ihre Interpretationen teilt.

Kunst, Kultur und Teilhabe

Die tele­fo­ni­sche Kulturführung fin­det in Kooperation mit dem deutsch­land­wei­ten Projekt „Bei Anruf Kultur“ statt, das kul­tu­rel­le Orte für alle Menschen zugäng­lich machen will. „Ursprünglich war es schon gedacht für Menschen, die eben nicht sehen oder nur ein­ge­schränkt sehen kön­nen, und dass die eben gera­de durch Audiodeskriptionen an Kunst und Kultur teil­ha­ben kön­nen“, erklärt Felix Zühlsdorf, der als Referatsleiter in der Kunstvermittlung am Museum tätig ist. Schnell stell­te sich jedoch her­aus, dass inklu­si­ve Angebote viel mehr Menschen nüt­zen als anfangs gedacht. „Das nut­zen auch Menschen, die sich nicht so ein­fach bewe­gen kön­nen, oder ande­re, die sagen, ich kann mir das nicht leisten.“

Die Teilnahme an den Telefonführungen ist bewusst nied­rig­schwel­lig und kos­ten­los. Angemeldet wer­den kann sich sowohl online als auch tele­fo­nisch. Kurz vor Führungsbeginn wäh­len sich die Teilnehmenden ein. „Dass das wirk­lich alles übers Telefon geht, das ist für vie­le Menschen eine gute Möglichkeit, die gera­de mit dem Technischen nicht so ver­traut sind“, meint Zühlsdorf. An den Veranstaltungen kön­nen maxi­mal 25 Personen teil­neh­men. „Man könn­te natür­lich sagen, es könn­ten auch 100 dabei sein, aber es geht schon dar­um, dass man zumin­dest teil­wei­se ins Gespräch kommt“, erklärt Zühlsdorf.

Max Schüler: Junge Frau am Telefon. Öl auf Leinwand, 1912. Museumsstiftung Post und Telekommunikation (CC BY-SA 4.0) onlinesammlung.museumsstiftung.de/detail/collection/d99528ea-a70a-44db-b35d-a90e11b87c59

Austausch und Auswahl

Nachdem Relius die Zuhörer:innen durch den nächs­ten Ausstellungsraum geführt hat, ergibt sich die ers­te Möglichkeit zum Austausch. Bisher waren die Telefone der Teilnehmer:innen stumm­ge­schal­tet, um die Führung nicht zu stö­ren. Erst durch die exter­ne Moderatorin, die vom Projekt „Bei Anruf Kultur“ gestellt wird, wer­den die­se wie­der frei­ge­ge­ben. Es gibt Nachfragen zum Ausschnitt der beschrie­be­nen Kohlezeichnungen, aber auch zur Beziehung zwi­schen Wilhelm Lehmbruck und Käthe Kollwitz.

Die Führung durch die Ausstellung ist auf eine Stunde ange­setzt. „Bei einer Telefonführung ist es schon so, dass man sich vier, maxi­mal fünf Werke aus­wählt, auf die man näher ein­ge­hen will.“ Wie man die aus­ge­wähl­ten Exponate beschreibt, ist dabei nicht ganz einfach.

Gemälde mit Figuren und Gesichtern erzeu­gen schnel­ler Bilder in den Köpfen der Zuhörer:innen als sol­che mit abs­trak­ten Formen. In der Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck“ fin­den sich neben Malerei und Grafiken auch Plastiken. „Wenn ich jetzt eine Plastik vor mir habe, ist ja die Idee, dass ich drum her­um gehe und dass ich sie von unter­schied­li­chen Perspektiven betrach­ten kann“, erklärt Zühlsdorf. In der Vorbereitung müs­se man sich des­halb genau über­le­gen, wie man die ver­schie­de­nen Perspektiven ver­mit­teln kann.

Dankbarkeit und ungewisse Zukunft

Als Relius das letz­te Exponat beschrie­ben hat und die Telefonleitungen erneut geöff­net wer­den, gibt es noch ver­ein­zel­te Fragen und viel posi­ti­ves Feedback. Ein Mann erzählt, dass er blind sei und sich durch die detail­lier­ten Beschreibungen vie­les gut vor­stel­len kön­ne. Eine ande­re Person stimmt ein: „Sie beschrei­ben wirk­lich gut.“ Den Stimmen zufol­ge neh­men an die­sem Tag vor allem älte­re Menschen an der Führung teil. Woher sie kom­men, bleibt unge­wiss. Nur ein Mann erzählt, dass er in Würzburg wohne.

„Bei Anruf Kultur“ ermög­licht Teilhabe unab­hän­gig vom Wohnort, Gesundheitszustand und Budget. Doch gera­de die eige­ne Finanzierungsfrage bedroht die Zukunft des Projekts. Bisher wird das Projekt durch Aktion Mensch, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg sowie die DFB-Kulturstiftung finan­ziert. Ende Oktober 2026 läuft die Förderung der Aktion Mensch jedoch aus. Wie es danach wei­ter­ge­hen soll, ist bis­lang nicht bekannt. Aktuell steht „Bei Anruf Kultur“ des­halb vor dem Aus.

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