Ein kostenfreier Museumsbesuch, bei dem die Räume leer bleiben. Das Projekt „Bei Anruf Kultur“ macht Kulturveranstaltungen für viele Menschen zugänglich und zeigt, wie Kunst barrierefrei vermittelt werden kann.

Es ist Punkt 17.00 Uhr, als die Führung durch die Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck. Ewig menschlich“ im Kunstmuseum Moritzburg beginnt. Doch in den Ausstellungsräumen sind weder eine Gruppe an Menschen noch ein Guide zu sehen. Vielleicht sitzen die Teilnehmer:innen der heutigen Führung auf ihren Sofas oder auf dem Balkon und genießen dort das gute Wetter. Was sie jedoch auf alle Fälle bei sich haben, sind ihre Telefone. Rebecca Relius, die die Museumsführung heute übernimmt, sitzt hingegen in ihrem Büro, den Hörer in der Hand, vor ihr Bilder einzelner Exponate der Sonderausstellung. Über das Telefon führt sie die angemeldeten Teilnehmer:innen durch die Räumlichkeiten des Museums.
„Wir gehen gedanklich in den ersten Ausstellungsraum herein.“ Die Wände sind in gedeckten Farben gestrichen, man hat sich gegen ein klassisches Museumsweiß entschieden, die Kunstwerke werden einzeln angeleuchtet, beschreibt Relius. „Das erste Kunstwerk, das uns begegnet, ist der ‚Emporsteigende Jüngling‘.“ Es handelt sich dabei um einen Bronzeguss, eine Aktdarstellung eines jungen Menschen. Das linke Bein ist angewinkelt, der Körper voller Spannung, jeder einzelne Muskel tritt klar hervor. Relius beschreibt das Exponat detailliert. Die Zuhörer:innen am anderen Ende des Telefons sollen sich das Kunstwerk vorstellen können, ohne es selbst gesehen zu haben. „Wenn wir uns jetzt weiter im Raum bewegen, sehen wir an den Wänden verschiedene Bilder. Wir schauen uns eine der Kohlezeichnungen an.“ Die Zeichnung heißt „Helfende Schwester“. Es ist ein circa A4 großes Bild mit breitem Rahmen, das eine Krankenschwester mit einem verwundeten Soldaten zeigt. Indem Relius konsequent im Wir spricht, nimmt sie die Zuhörer:innen virtuell mit, während sie die Proportionen der Werke beschreibt und ihre Interpretationen teilt.
Kunst, Kultur und Teilhabe
Die telefonische Kulturführung findet in Kooperation mit dem deutschlandweiten Projekt „Bei Anruf Kultur“ statt, das kulturelle Orte für alle Menschen zugänglich machen will. „Ursprünglich war es schon gedacht für Menschen, die eben nicht sehen oder nur eingeschränkt sehen können, und dass die eben gerade durch Audiodeskriptionen an Kunst und Kultur teilhaben können“, erklärt Felix Zühlsdorf, der als Referatsleiter in der Kunstvermittlung am Museum tätig ist. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass inklusive Angebote viel mehr Menschen nützen als anfangs gedacht. „Das nutzen auch Menschen, die sich nicht so einfach bewegen können, oder andere, die sagen, ich kann mir das nicht leisten.“
Die Teilnahme an den Telefonführungen ist bewusst niedrigschwellig und kostenlos. Angemeldet werden kann sich sowohl online als auch telefonisch. Kurz vor Führungsbeginn wählen sich die Teilnehmenden ein. „Dass das wirklich alles übers Telefon geht, das ist für viele Menschen eine gute Möglichkeit, die gerade mit dem Technischen nicht so vertraut sind“, meint Zühlsdorf. An den Veranstaltungen können maximal 25 Personen teilnehmen. „Man könnte natürlich sagen, es könnten auch 100 dabei sein, aber es geht schon darum, dass man zumindest teilweise ins Gespräch kommt“, erklärt Zühlsdorf.

Austausch und Auswahl
Nachdem Relius die Zuhörer:innen durch den nächsten Ausstellungsraum geführt hat, ergibt sich die erste Möglichkeit zum Austausch. Bisher waren die Telefone der Teilnehmer:innen stummgeschaltet, um die Führung nicht zu stören. Erst durch die externe Moderatorin, die vom Projekt „Bei Anruf Kultur“ gestellt wird, werden diese wieder freigegeben. Es gibt Nachfragen zum Ausschnitt der beschriebenen Kohlezeichnungen, aber auch zur Beziehung zwischen Wilhelm Lehmbruck und Käthe Kollwitz.
Die Führung durch die Ausstellung ist auf eine Stunde angesetzt. „Bei einer Telefonführung ist es schon so, dass man sich vier, maximal fünf Werke auswählt, auf die man näher eingehen will.“ Wie man die ausgewählten Exponate beschreibt, ist dabei nicht ganz einfach.
Gemälde mit Figuren und Gesichtern erzeugen schneller Bilder in den Köpfen der Zuhörer:innen als solche mit abstrakten Formen. In der Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck“ finden sich neben Malerei und Grafiken auch Plastiken. „Wenn ich jetzt eine Plastik vor mir habe, ist ja die Idee, dass ich drum herum gehe und dass ich sie von unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann“, erklärt Zühlsdorf. In der Vorbereitung müsse man sich deshalb genau überlegen, wie man die verschiedenen Perspektiven vermitteln kann.
Dankbarkeit und ungewisse Zukunft
Als Relius das letzte Exponat beschrieben hat und die Telefonleitungen erneut geöffnet werden, gibt es noch vereinzelte Fragen und viel positives Feedback. Ein Mann erzählt, dass er blind sei und sich durch die detaillierten Beschreibungen vieles gut vorstellen könne. Eine andere Person stimmt ein: „Sie beschreiben wirklich gut.“ Den Stimmen zufolge nehmen an diesem Tag vor allem ältere Menschen an der Führung teil. Woher sie kommen, bleibt ungewiss. Nur ein Mann erzählt, dass er in Würzburg wohne.
„Bei Anruf Kultur“ ermöglicht Teilhabe unabhängig vom Wohnort, Gesundheitszustand und Budget. Doch gerade die eigene Finanzierungsfrage bedroht die Zukunft des Projekts. Bisher wird das Projekt durch Aktion Mensch, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg sowie die DFB-Kulturstiftung finanziert. Ende Oktober 2026 läuft die Förderung der Aktion Mensch jedoch aus. Wie es danach weitergehen soll, ist bislang nicht bekannt. Aktuell steht „Bei Anruf Kultur“ deshalb vor dem Aus.
