Zwischen Kulturwundern und App-gesteuÂerÂten Feldern erlebÂten Geographiestudierende eine Reise volÂler Überraschungen, Gastfreundschaft und kleiÂner Abenteuer, die zeiÂgen, dass Indonesien mehr ist als nur Instagram-Strände und Nasi Goreng. Ein Gastbeitrag.
„Liebe Studierende, gerÂne möchÂten wir Sie darÂauf aufÂmerkÂsam machen, dass in der Geländeübung ‚Indonesien 2025‘, die unter Leitung von Prof. Everts und Dr. Bös im September 2025 stattÂfinÂden wird, noch freie Plätze verÂfügÂbar sind.“

Eigentlich eine Mail, die man als Geo-Studi öfter bekommt. Klingt ja auch erst mal fetÂzig – aber bei Indonesien macht bei mir, ehrÂlich gesagt, nicht allÂzu viel Klick. Klar, von Bali und schöÂnen Strandbuchten habe ich dank Instagram-Reels schon genug geseÂhen, aber keiÂne Ahnung, was dort sonst noch so abgeht. Doch da ich beim Erhalten dieÂser Mail ohneÂhin Fernweh verÂspürÂte – ich wollÂte einÂfach so weit wie mögÂlich weg von Deutschland – und zudem grundÂsätzÂliÂches Interesse an Südostasien bestand, fiel die Entscheidung schließÂlich leicht: Okay, ich bin dabei.
Einmal in der Raucher-Lounge in Doha
Konkrete Gedanken habe ich mir auch nach einer ersÂten Seminar-Kennenlern-Sitzung in Halle noch nicht gemacht – was man vielÂleicht auch an dem Umstand festÂmaÂchen kann, dass ich meiÂne Mutter panisch zwei Tage vor der Abreise angeÂruÂfen habe, um zu fraÂgen, was ich überÂhaupt mitÂnehÂmen muss, weil ich dachÂte, es ginÂge schon am nächsÂten Tag los. Lang gefloÂgen sind sicher einiÂge der hier Lesenden – für mich war es bei dieÂser Exkursion das ersÂte Mal so viel. Ich denÂke, es besteht ein gewisÂser Konsens, wenn ich festÂstelÂle: kein allÂzu groÂßer Kracher, aber bei Reisen ist wohl das Ziel das Ziel und nicht der Weg dortÂhin. Die Raucher-Lounge in Doha kann ich aber nur wärmsÂtens empÂfehÂlen, falls man mal wieÂder Lust auf uriÂge Raucherkneipenvibes hat.
Nach dem Ankommen bin ich erst einÂmal von der hier herrÂschenÂden Kombination aus Luftfeuchtigkeit und Temperatur erschlaÂgen worÂden und halb im wirkÂlich äußerst kliÂmaÂtiÂsierÂten Taxi erfroÂren. Schließlich das Ziel – irgendÂeiÂne Hotellobby in Jakarta – erreicht. Wow, wie schön so ein Hotelbett ausÂseÂhen kann, nach 26 Stunden Anreise! Dann endÂlich mit andeÂren deutÂschen Teilnehmer:innen conÂnecÂted – insÂgeÂsamt waren wir ein bunÂter Mix aus 15 Bachelor‑, Master- und Lehramtsstudis – und direkt die „golÂdeÂne Regel“, die mir von diverÂsen Personen vor der Reise einÂgeÂtrichÂtert wurÂde: „kein Streetfood essen!“, gebroÂchen (ohne Folgen).

Ein Kratersee, acht neue Gesichter und der HSV
Am nächsÂten Morgen ging es dann endÂlich los und wir haben unseÂre indoÂneÂsiÂschen Mitstudierenden kenÂnenÂgeÂlernt, denn der Clou der Exkursion war, dass wir perÂmaÂnent mit einer Dozentin und sieÂben Studis unseÂrer indoÂneÂsiÂschen Partneruni unterÂwegs waren. Natürlich war die ersÂte Kennenlernphase wie bei Seminaren in der ersÂten Uniwoche: vieÂle Namen und Gesichter, die man sich erst einÂmal merÂken muss, was nicht geraÂde meiÂne Kernkompetenz ist. Dann wurÂden wir in drei kleiÂneÂre Reisebusse verÂfrachÂtet und los ging es mit unseÂrem Field-Trip Richtung Bandung. Mit ihren 2,5 Millionen Einwohner:innen gilt die Stadt als ruhiÂger Gegenpol zum 34 Millionen Menschen umfasÂsenÂden Ballungsraum Jakarta. In Indonesien stellt Bandung einen verÂgleichsÂweiÂse ruhiÂgen Ort zum Leben, Arbeiten und Studieren dar. Dass wir dieÂsen Fakt ausÂgeÂrechÂnet unter einer vierÂspuÂriÂgen Überführung hörÂten – bei so viel Lärm, dass wir unseÂren indoÂneÂsiÂschen Guide kaum verÂsteÂhen konnÂten – hatÂte dann aber schon eine gewisÂse Ironie.


Als ersÂtes Highlight auf dem Weg besuchÂten wir einen vulÂkaÂniÂschen Kratersee. Als uns der steÂchenÂde Schwefelgeruch entÂgeÂgenÂwehÂte und wir auf den grünÂlich schimÂmernÂden See mit seiÂnen aufÂsteiÂgenÂden Rauchschwaden blickÂten, kamen zum ersÂten Mal auch ernstÂhafÂte Gespräche zwiÂschen den deutÂschen und indoÂneÂsiÂschen Studierenden zustanÂde. In meiÂnem Fall habe ich in einem Dialog hinÂter mir das magiÂsche Wort Fußball verÂnomÂmen und direkt mit Halim, einem der Geostudis unseÂrer Partneruni, ein gemeinÂsaÂmes Interesse entÂdeckt: den zugeÂgeÂben nicht allÂzu glorÂreiÂchen Hamburger Sportverein. Bis heuÂte wunÂdert mich der Umstand, dass Halim durch ein Fußballmanagerspiel Sympathisant meiÂnes so geliebÂten Fußballvereins geworÂden ist.
Doch natürÂlich drehÂten sich – und da spreÂche ich wohl für alle Teilnehmenden der Exkursion – nur die ersÂten Gespräche um gemeinÂsaÂme Nenner wie Musik, Sport oder Uni. Im Laufe der nächsÂten Tage wurÂden wir alle immer wärÂmer mitÂeinÂanÂder und hatÂten bei dieÂsem rund 1000 Kilometer lanÂgen Roadtrip in unseÂren Bussen auch masÂsig Zeit, mitÂeinÂanÂder in Dialog zu komÂmen oder einÂfach gemeinÂsam Karaoke zu sinÂgen. Dabei habe ich mich noch nie so wenig selbst bewegt wie in den zwölf Tagen der Exkursion. Wir wurÂden wirkÂlich jede Strecke, ob 300 Kilometer oder 250 Meter, gefahÂren, ohne Wenn und Aber.
Zwischen Apps und Kulturwundern

Am nächsÂten Tag gab es neben den offiÂziÂelÂlen Programmpunkten – einem Besuch eines Rückhaltebeckens für Flutwasser und einem Gespräch mit dem Chef eines Hochwasserschutz-Vereins in Bandung – ein weiÂteÂres Highlight: die Menschen in Indonesien. Ich weiß, wie unfassÂbar cheeÂsy das als weiÂßer Europäer im gloÂbaÂlen Süden klingt, aber was wir an Gastfreundschaft und intrinsiÂschem Interesse an uns allÂgeÂmein erleÂben durfÂten, war wirkÂlich heftig.
Gerade wenn man aus so einem Grummelland wie Deutschland kommt, ist das schon ein einÂschneiÂdenÂdes Erlebnis. Das Nightlife in Bandung stellÂte die Deutschen dann gleich auf die Probe: Das sehnÂlichst erhoffÂte Feierabendbier in entÂspannÂter Atmosphäre blieb leiÂder aus – in einem Land, in dem fast 90 Prozent der Bevölkerung musÂliÂmisch sind, ist eine lebÂhafÂte Barszene verÂständÂliÂcherÂweiÂse Mangelware.
Unser nächsÂter Stopp führÂte uns nach Yogyakarta, wo wir zunächst ein Dorf besuchÂten, das mit Wasserknappheit in den Trockenphasen des Monsuns zu kämpÂfen hat. Die Lösung des Problems war dann auch der eigentÂliÂche Grund für unseÂren Besuch: Appgesteuerte Bewässerungsanlagen, die den Wasserverbrauch mitÂhilÂfe von Sensoren signiÂfiÂkant verÂrinÂgern. Irgendwie verÂrückt, da ist man – gefühlt zuminÂdest – im tiefsÂten Dschungel im indoÂneÂsiÂschen Nirgendwo und der hieÂsiÂge Bauer steuÂert sein Feld einÂfach per App. Am gleiÂchen Tag durfÂten wir auch noch ein wenig Meeresluft, vulÂkaÂniÂschen Sandstrand und einen Sonnenuntergang genieÂßen. Ich glauÂbe, so vieÂle Fotos wie in dieÂsen zwei Strandstunden habe ich noch nie gemacht. Ein weiÂteÂrer Höhepunkt war für mich ein Tag späÂter der Besuch des Borobudur, der größÂten budÂdhisÂtiÂschen Tempelanlage der Welt. Rückblickend war es schon sportÂlich, bei gefühlÂten 40 Grad mitÂtags ohne Schatten und Sonnenschirm über ein schwarÂzes Vulkansteinmonument zu lauÂfen – aber so ein Tempel, mein ersÂter in dieÂser Größenordnung, hat einÂfach etwas Erdendes – trotz der nicht ganz DIN-konÂforÂmen Treppenstufen.
Unser Besuch in Yogyakarta wurÂde mit einer kleiÂnen Wanderung zu einem troÂpiÂschen Wasserfall abgeÂrunÂdet. Um dortÂhin zu gelanÂgen, durchÂquerÂten wir ein überÂwieÂgend landÂwirtÂschaftÂlich geprägÂtes Tal mit tolÂlen Ausblicken auf die umlieÂgenÂden Terassenfelder. Ich war ehrÂlich gesagt froh, endÂlich auch mal wieÂder eine länÂgeÂre Strecke zu lauÂfen, anstatt schon wieÂder chaufÂfiert zu werÂden. Ganz in der Nähe des Wasserfalls gab es noch Erdbeerfelder zu bestauÂnen, die in dieÂser Umgebung – es wurÂden hier überÂwieÂgend Hülsenfrüchte angeÂbaut – ein wenig fehl am Platz wirkÂten. Doch unseÂre indoÂneÂsiÂschen Freunde klärÂten uns schnell auf: Erdbeeren pflüÂcken à la Karls Erdbeerhof ist in Indonesien tatÂsächÂlich ein Riesending für die einÂheiÂmiÂschen Touristen. Dabei zeigt sich, dass unseÂre beiÂden Herkunftsländer in Sachen lokaÂler Tourismusangebote gar nicht so unterÂschiedÂlich sind, wie ich anfangs gedacht hatte.
Zuckerraffinerie, Zugfahrten und Zwischenmenschlichkeit
Ein zugeÂgeÂben etwas gewöhÂnungsÂbeÂdürfÂtiÂges Highlight warÂteÂte dann auf unseÂren nächsÂten Stopp in Madiun in Form eines Besuchs einer Zuckerraffinerie auf uns. Das klingt erst mal nicht geraÂde spekÂtaÂkuÂlär, was die Raffinerie an sich auch nicht war, aber das Drumherum war dann doch schon spanÂnend. Wir wurÂden wirkÂlich fürstÂlich mit Gebäck und Pokal, der prompt unseÂrem Dozenten überÂreicht wurÂde, empÂfanÂgen. Zusätzlich wurÂden wir auf Schritt und Tritt von zwei filÂmenÂden Mitarbeitern begleiÂtet, die für den Social-Media-Auftritt des Betreibers zustänÂdig waren.

Nach dem Besuch der wirkÂlich unfassÂbar lauÂten und heiÂßen Raffinerie und der Besichtigung der zugeÂhöÂriÂgen Plantagen war der Instagram-Account schnell gefunÂden und wir in einem Reel zu sehen, dem man ein gewisÂses Pathos nicht abspreÂchen kann. Hier waren wieÂder unseÂre indoÂneÂsiÂschen Freunde hilfÂreich, die uns erklärÂten, dass der Besuch der deutÂschen Universität den Umsatz des Betriebs erhöÂhen wird. Trotzdem ist es irgendÂwie ganz lusÂtig, sich plötzÂlich in einem Werbevideo einer indoÂneÂsiÂschen Zuckerraffinerie wieÂderÂzuÂfinÂden – wähÂrend ein Hip-Hop-Freebeat läuft, der nach nicht mal einer Minute schon anfängt, auf die Nerven zu gehen.

Die Stadt Madiun an sich werÂde ich mein Leben lang posiÂtiv in Erinnerung behalÂten. Einfach ein kleiÂneÂrer Ort mit „nur“ 200 000 Einwohner:innen, ohne allÂzu viel Verkehr und Lärm, in dem man geraÂde abends richÂtig gut abschalÂten konnÂte. Der Linksverkehr in Indonesien hat – in Kombination mit dem Harakiri-Fahrstil der Mopedfahrer:innen – meiÂnerÂseits öfter für die ein oder andeÂre Nahtoderfahrung gesorgt, die mir zuminÂdest hier mal erspart blieb.
Von Madiun ging es schließÂlich wieÂder zurück nach Jakarta, diesÂmal per Zug. Der Deutsche-Bahn-Gag schreibt sich hier von selbst, da unser Zug einerÂseits pünktÂlich war und andeÂrerÂseits die Klimaanlage und das WLAN einÂwandÂfrei funkÂtioÂnierÂten. In Jakarta schauÂten wir uns dann noch eine der größÂten Moscheen der Welt an, die per Tunnel mit einer Kirche verÂbunÂden ist, um Einheit trotz unterÂschiedÂliÂcher Konfessionen in Indonesien zu symÂboÂliÂsieÂren. Dabei stellÂten wir einen neuÂen Rekord für Gruppenfotos auf: Unser Guide hat wirkÂlich alle fünf Minuten ein neuÂes Bild von uns geschossen.
Am darÂaufÂfolÂgenÂden Tag, nach einer kurÂzen Tour über den rieÂsiÂgen Campus unseÂrer Partneruni, war es dann schließÂlich Zeit, Abschied zu nehÂmen. Und das tat wirkÂlich allen weh, da wir in den zwölf Exkursionstagen zu einer richÂtig einÂgeÂschweißÂten Truppe zusamÂmenÂgeÂwachÂsen sind. Und hier gilt es wirkÂlich noch einÂmal herÂvorÂzuÂheÂben, wie sehr sich unseÂre indoÂneÂsiÂschen Begleiter:innen um uns Deutsche gekümÂmert haben. Ich konnÂte wirkÂlich jeden löchern mit Fragen zu Essensempfehlungen, Fußballkultur, Schnellübersetzungen und über das Leben als junÂger Mensch in Indonesien und alle wurÂden herzÂlich und ehrÂlich beantÂworÂtet – auch wenn ich das zehnÂte Mal gefragt habe, ob ich das hieÂsiÂge kuliÂnaÂriÂsche Angebot von der Schärfe her vertrage.
Ich verÂmisÂse die Zeit in Indonesien jetzt schon, denn das Land hat es mir wirkÂlich angeÂtan. Es war ein Privileg, im Rahmen des Field-Trips an Orte gekomÂmen zu sein, die man sonst als norÂmaÂler Touri einÂfach verÂpasst. Gleichzeitig war es schön und ein bissÂchen beschäÂmend – Stichwort Willkommenskultur in Deutschland – wie herzÂlich uns wirkÂlich jeder aufÂnahm: vom Geschäftsmann in der Hotellobby über die Krankenschwester eines Gesundheitszentrums bis zu Schüler:innen einer Dorfschule.

Außerdem hat König Fußball dafür gesorgt, dass ich einen Freund fürs Leben gefunÂden habe, mit dem ich mich nach wie vor über die Geschicke des Hamburger Sportvereins ausÂtauÂschen kann.
Hach, Indonesien! Du Land der ein wenig zu kalt einÂgeÂstellÂten Klimaanlage, Land der Motorroller und Land der schrilÂlen Stille. Ich werÂde dich vermissen.
Moritz ist Lehramtsstudent im Fach Geographie an der Uni Halle.
Fotos: Tom Roeloffzen
