Im Oktober eröffÂneÂte die Konsum Leipzig eG unter dem Namen „Konsum Halle“ eine Filiale in der Großen Steinstraße – der ersÂte Konsum in der Saalestadt seit über 25 Jahren. Ein Blick auf die wechÂselÂvolÂle Geschichte eines ganz besonÂdeÂren Ladens.
„Bumm bumm bumm, der Tod geht um – wieÂder einer tot vom Konsumbrot“. Hörte man zu DDR-Zeiten dieÂsen Satz, so wussÂte man schon: Die Backwaren der Konsum-Handelskette (gesproÂchen: Konnsumm) hatÂten auch diesÂmal entÂgeÂgen aller Hoffnungen das Wochenende überÂlebt und sich zurück an die Verkaufstheke gemoÂgelt. Doch was ist eigentÂlich das Besondere an dieÂser „einÂgeÂtraÂgeÂnen Genossenschaft“?
Oft hört man, dass „ja nicht alles schlecht war, in der DDR“. Zu dieÂsen weniÂger schlechÂten Aspekten des Arbeiter- und Bauernstaates zählÂten die Konsumgenossenschaften, auch wenn das Wort zunächst einÂmal Erinnerungen an Zwangskollektivierung und Planwirtschaft weckt. Allerdings sind auch andeÂre Einzelhandelsketten wie Edeka oder Rewe Genossenschaften – freiÂwilÂliÂge Assoziationen von Supermarktbetreibern, die sich, getreu dem Prinzip „Gemeinsam ist man stärÂker“, zusamÂmenÂgeÂschlosÂsen haben. Die im Verband „Zentralkonsum eG“ orgaÂniÂsierÂten Vereinigungen in Berlin, Dresden und eben Leipzig unterÂscheiÂden sich von dieÂsen Einzelhandelsriesen jedoch in einem wesentÂliÂchen Punkt: Hier sind nicht die Ladenbetreiber die Teilhaber, sonÂdern die Kunden.

Foto: Paul Thiemicke
Genosse Kunde
Als 1884 der „Consum-Verein für Plagwitz und Umgegend“ im indusÂtriÂelÂlen Westen Leipzigs gegrünÂdet wurÂde, stand vor allem ein Ziel im Vordergrund: Möglichst vieÂlen Menschen quaÂliÂtaÂtiv hochÂwerÂtiÂge Lebensmittel zu faiÂren Preisen zugängÂlich zu machen. Wer einen Geschäftsanteil zu 50 Mark erwarb, wurÂde zum Genossen, zum Miteigentümer des Unternehmens. Getreu dem Genossenschaftsprinzip wurÂde das Unternehmen demoÂkraÂtisch durch seiÂne Mitglieder (und Kapitalgeber) gelenkt, die, anders als Aktionäre, oft selbst die Kunden waren. Bald begann man zu expanÂdieÂren, eröffÂneÂte neben einÂfaÂchen Kaufmannsläden auch groÂße Warenhäuser. Überall in Deutschland entÂstanÂden nun in schnelÂler Folge Konsumgenossenschaften. 1894 schlosÂsen sich vieÂle von ihnen, so auch die Leipziger Assoziation, in der „Groß-Einkaufsgesellschaft deutÂscher Consumvereine“, kurz GEG, zusamÂmen. Der Verband begann schon bald damit, Zentrallager und eigeÂne Fabriken für Lebensmittel und andeÂre Gebrauchsgüter wie Waschmittel oder Seife zu errichÂten. Auf dieÂse, für sie bedrohÂliÂche, Expansion reagierÂten die Einzelhandelskaufleute vier Jahre späÂter mit der Gründung ihrer eigeÂnen Vereinigung, der „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“ (E.d.K., die heuÂtiÂge Edeka).
Doch das Wachstum der GEG war kaum aufÂzuÂhalÂten – mit über 1.000 Konsumvereinen, 50 Fabriken und mehr als einer Milliarde Reichsmark Jahresumsatz war sie 1932 zum größÂten deutÂschen Handels- und Produktionsunternehmen aufÂgeÂstieÂgen. Allein die Leipziger Abteilung hatÂte über 60.000 Mitglieder und beschäfÂtigÂte 1.900 Angestellte. Auf dieÂsen Höhepunkt folgÂte jedoch kurz darÂauf der Absturz: Von den Nationalsozialisten wurÂden die Genossenschaften ab 1934 gleichÂgeÂschalÂtet, schließÂlich 1941 aufÂgeÂlöst und ihre Vermögenswerte einÂgeÂzoÂgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machÂte man sich an ihren müheÂvolÂlen Wiederaufbau; nur langÂsam ging es wieÂder aufÂwärts. In der östÂliÂchen Zone wurÂden die Genossenschaften sogar von der sowjeÂtiÂschen Besatzungsmacht geförÂdert – nur um nach Gründung der DDR erneut verÂeinÂnahmt und gleichÂgeÂschalÂtet zu werden.

Foto: Paul Thiemicke
Immerhin bewahrÂte die Konsum-Handelskette eine zuminÂdest forÂmaÂle Eigenständigkeit, da die Mitgliedschaft nicht an eine Parteizugehörigkeit gebunÂden war. Während die Schwestergenossenschaften im Westen auch nach ihrem Zusammenschluss zur „co op AG“ zunehÂmend an Bedeutung verÂloÂren, stieg „der Konsum“ neben der staatÂliÂchen „Handelsorganisation“ (HO) zum zweitÂgrößÂten Handelsunternehmen der DDR auf. Trotz Einbindung in die Planwirtschaft wurÂden noch immer in eigeÂnen Betrieben Verbrauchsgüter proÂduÂziert, verÂfügÂte die Kette über eigeÂne Marken wie „Röstfein“-Kaffee oder die Riesaer Teigwaren. Auch die Idee der Rückvergütung blieb lebenÂdig – ab 1954 über ein System von Rabattmarken, die das Mitglied in speÂziÂelÂle Hefte zu kleÂben hatÂte. In fast jedem Ort gab es einen „Dorf-Konsum“, in den gröÂßeÂren Städten zudem groÂße „Konsument“-Warenhäuser. Die Handelskette war so weit verÂbreiÂtet, dass ihr Name – auf der ersÂten Silbe betont – zum Synonym für Gemischtwarenläden wurde.
Markenkleben und Schokolade
Gerade in etwas abgeÂleÂgeÂnen Orten oder Stadtteilen waren die nach klasÂsiÂschem Kaufmannsladenprinzip mit Theke und Bedienung ausÂgeÂstatÂteÂten Geschäfte neben Bäckerei und Fleischerei nicht nur die einÂziÂge Einkaufsmöglichkeit, sonÂdern auch ein wichÂtiÂger soziaÂler Bezugspunkt. Für Kinder konnÂte sich der Konsum sogar zum Sehnsuchtsort entÂwiÂckeln, waren doch neben Seifenpulver und Grundnahrungsmitteln auch Lakritze, Schokolade und andeÂre Süßigkeiten im Angebot. Auch nachÂdem ab den Sechziger Jahren zunehÂmend Kaufhallen mit Selbstbedienung die alten Läden ersetzÂten und der soziaÂle Aspekt zum Teil verÂloÂren ging, blieb die Konsum-Handelskette weiÂterÂhin ein wichÂtiÂger Teil von Wirtschaft und Alltagsleben. Bis zum Ende der DDR hatÂte sie einen Anteil am Einzelhandel von immerÂhin 31 Prozent.
Allerdings hatÂte der DDR-Konsum nicht nur seiÂne posiÂtiÂven Seiten: Die genosÂsenÂschaftÂliÂche Grundidee der gemeinÂschaftÂliÂchen Mitwirkung, durch die NS-Gleichschaltung bereits schwer beschäÂdigt, geriet im „real exisÂtieÂrenÂden Sozialismus“ endÂgülÂtig unter die Räder. Die basisÂdeÂmoÂkraÂtiÂschen Elemente der Konsumvereine wurÂden zur reiÂnen Fassade; Mitgliederversammlungen hatÂten stelÂlenÂweiÂse den Charakter von poliÂtiÂschen Agitationsveranstaltungen. Dennoch stieg die Mitgliederzahl, wohl vor allem wegen der Rückvergütungen, weiÂterÂhin an. 1989 lag sie bei etwa 4,6 Millionen – was mehr als einem Viertel der DDR-Bevölkerung entÂsprach. Nach der Wende ging es mit dem Konsum jedoch steil bergÂab; vor allem das Fehlen eines eigenÂstänÂdiÂgen Großhandels war unter den Bedingungen der freiÂen Marktwirtschaft verÂheeÂrend. Auch wenn die Genossenschaften als priÂvaÂte Unternehmen nicht von der Abwicklung durch die Treuhandanstalt betrofÂfen waren, überÂlebÂten nur weniÂge von ihnen den wirtÂschaftÂliÂchen Umbruch, etwa in Berlin, Dresden oder Leipzig. Die halÂleÂsche Genossenschaft dageÂgen ging 1992 bankrott.
Es gibt den Konsum also heuÂte noch – auch wenn er ledigÂlich regioÂnal aktiv ist und sich der basisÂdeÂmoÂkraÂtiÂsche, genosÂsenÂschaftÂliÂche Geist nie wieÂder richÂtig erhoÂlen konnÂte. Dennoch: Das Rückvergütungssystem gibt es immer noch – statt Klebemarken und Sammelheftchen wird die indiÂviÂduÂelÂle jährÂliÂche Einkaufsmenge über Mitgliederkarten erfasst und auf dieÂser Grundlage evenÂtuÂelÂle Rückzahlungen berechÂnet. Dazu kommt heutÂzuÂtaÂge noch eine Dividende, die sich am jeweiÂliÂgen Geschäftsanteil oriÂenÂtiert. Auch wenn sie bei weiÂtem nicht mehr zu den groÂßen Einzelhandelsketten Deutschlands gehört – die Genossenschaft hat überÂlebt und beginnt sogar wieÂder vorÂsichÂtig zu expanÂdieÂren, wie etwa in Halle. Das neue Konzept: Kleinere Läden in den Innenstädten mit vielÂfälÂtiÂgem Warensortiment, ohne gröÂßeÂre Parkplätze, dafür aber mit lokaÂler Einbindung. Auf gewisÂse Weise ist der Konsum also wieÂder zu seiÂnen Ursprüngen zurückgekehrt.

Foto: Paul Thiemicke
