Immer mehr Prüfungen werÂden als „Open-Book-Klausuren“ geschrieÂben. Ist das die Zukunft der Wissensüberprüfung?
In Zeiten der Pandemie ist es nicht mögÂlich, Klausuren mit teilÂweiÂse hunÂderÂten Studierenden in einem Saal zu verÂanÂstalÂten. „Alles online“ lauÂtet die Devise. Während das für mündÂliÂche Prüfungen als Einzelgespräch mit Webcam und Mikrofon noch verÂhältÂnisÂmäÂßig leicht umzuÂsetÂzen ist, sieht es bei schriftÂliÂchen Klausuren schon schwieÂriÂger aus. Wie soll man so vieÂle Prüflinge gleichÂzeiÂtig überÂwaÂchen und sicherÂgeÂhen, dass nicht – außerÂhalb des von der Kamera einÂgeÂfanÂgeÂnen Bereichs – Möglichkeiten zum Betrug verÂborÂgen sind? Quasi unmögÂlich. Immer häuÂfiÂger fällt daher der Begriff „Open Book“.
Spicken erwünscht
Die als Open-Book- oder Kofferklausur bezeichÂneÂte Prüfungsform ist eine Variante schriftÂliÂcher Klausuren, bei der so ziemÂlich jedes papierÂne Hilfsmittel – seiÂen es Mitschriften, Skripte oder Lehrbücher – zugeÂlasÂsen ist. Das ist keiÂne neue Idee, späÂtesÂtens seit der Prüfungsphase unter Pandemiebedingungen aber in aller Munde.
Das Spicken nicht mehr zu verÂbieÂten ist natürÂlich eine sehr effekÂtiÂve Methode, Betrugsversuche zu verÂmeiÂden. Aber steht das nicht der Essenz einer Prüfung – gelernÂtes Wissen abzuÂruÂfen – entÂgeÂgen? Die Antwort ist, wie bei vieÂlen Fragen: Es kommt darÂauf an. Offensichtlich ergibt eine Vokabelkontrolle, bei der man jederÂzeit ins Wörterbuch schauÂen kann, wenig Sinn. Besonders auf Hochschulniveau und erst recht in der Arbeitswelt ist jedoch häuÂfig Anwendung und Erweiterung eher gefragt als Replikation. Solche Transferaufgaben erforÂdern es, den gelernÂten Stoff neu zu verÂknüpÂfen und über ihn hinÂausÂzuÂdenÂken – Lösungen dafür finÂdet man also nicht im Vorlesungsskript. Demnach wäre es unerÂhebÂlich, ob man wähÂrend der Prüfung Zugang dazu hat. Ja, es ist sogar erwünscht, auf die blanÂke Information zurückÂzuÂgreiÂfen, um seiÂne geisÂtigen Kapazitäten auf die tatÂsächÂliÂche Denkleistung zu fokussieren.

Der Status quo
Das Stichwort „Prüfungsphase“ ruft bei vieÂlen wohl das Bild des Studierenden in den Kopf, der über Mitschriften und Büchern hängt, um das darÂin Geschriebene mögÂlichst gut in seiÂnen Kopf zu banÂnen. Doch wäre es nicht weitÂaus effekÂtiÂver und nachÂhalÂtiÂger, Konzepte verÂsteÂhen zu wolÂlen, statt Informationen zu speiÂchern? Diese bleiÂben nämÂlich nicht nur länÂger im Gedächtnis, sonÂdern könÂnen auch auf verÂwandÂte Themen erweiÂtert und angeÂwandt werÂden. Zudem ist es reaÂliÂtätsÂnäÂher: Welcher Arbeitgeber würÂde es verÂbieÂten, irgendÂetÂwas noch einÂmal nachÂzuÂschlaÂgen? Für Selbstständige gäbe es nicht einÂmal jemanÂden, der sie darÂan hindert.
Jedoch ist das Prinzip der Anwendungs- und Transferaufgaben nicht die Lösung aller Probleme: Zum einen ist es komÂpliÂzierÂter, sie zu erstelÂlen. Eine Frage zu konÂstruÂieÂren erforÂdert ebenÂso viel Denkleistung, wie sie zu beantÂworÂten (was das Formulieren eigeÂner Fragen auch zu einer ausÂgeÂzeichÂneÂten Lernstrategie macht). Zudem wären auch alle Altklausuren Teil von „alle Hilfsmittel“, sodass keiÂne Aufgabe recyÂclet werÂden könnÂte. Open Book bedeuÂtet also einen deutÂliÂchen Mehraufwand für die Prüfer:innen. Ob sie die Zeit dafür nicht haben oder sich nicht nehÂmen wolÂlen, ist irreleÂvant. Schlussendlich könnÂte es ein Grund sein, wesÂhalb manÂcher so innig an seiÂnen seit Jahren mit wenig Varianz aufÂtreÂtenÂden Aufgabensammlungen hängt.

Auch nicht jeder Studierende ist beÂgeistert. Je mehr Hilfsmittel erlaubt sind, desÂto schwieÂriÂger seiÂen die Aufgaben, heißt es manchÂmal. Mathematisch betrachÂtet wären Aufgaben in Open-Book-Klausuren demÂnach unendÂlich schwer – die KorÂrelation hinkt also. Die Annahme kommt aber natürÂlich nicht von ungeÂfähr. Auswendig zu lerÂnen und zu reproÂduÂzieÂren erforÂdert quaÂsi keiÂne Denkleistung. Aus dem Gelernten muss nicht Neues abgeÂleiÂtet, keiÂne Zusammenhänge herÂgeÂstellt werÂden. Nur ein bissÂchen Fleiß ist nötig. Das ist allerÂdings auch der größÂte Kontrast zu „moderÂneÂren“ Aufgabentypen. Lange LernÂsessions, bis man von Karteikarten träumt, sind nicht nötig. Verständnisfragen haben von Vornherein ein andeÂres Ziel. Sie dieÂnen nicht dazu zu überÂprüÂfen, ob eine reiÂne Information gespeiÂchert wurÂde – im Computerzeitalter haben wir dafür zuverÂläsÂsiÂgeÂre Wege als das menschÂliÂche Gehirn –, sonÂdern ob aus den Informationen ein Konzept erschlosÂsen wurÂde, das modiÂfiÂziert, erweiÂtert und in der Realität angeÂwandt werÂden kann. Das ist anstrenÂgend – und soll es auch sein –, denn so müsÂsen die Studierenden etwas Eigenes schaffen.
Was lernen wir daraus?
Sollen jetzt also nur noch Open-Book-Klausuren geschrieÂben werÂden, soll kein:e Studierende:r jemals wieÂder Karteikarten schreiÂben? Die Antwort ist ein klaÂres Nein. Es spart Zeit, Dinge im Gedächtnis zu haben. Was man weiß, muss man nicht nachÂschlaÂgen. Viel wichÂtiÂger: Was man nicht kennt, kann man auch nicht in einen Zusammenhang brinÂgen. Zumindest grob sollÂte man sich also die wichÂtigsÂten Punkte einÂpräÂgen; der Fokus sollÂte allerÂdings nicht zu sehr auf den Details liegen.
Schlussendlich muss ein Mittelweg gefunÂden werÂden. Professor:innen müsÂsen kreaÂtiÂver bei der Erstellung ihrer Klausuren werÂden und Studierende wilÂliÂger, ihren Kopf anzuÂstrenÂgen. Auswendig gelernÂtes Wissen sollÂte als Werkzeug wahrÂgeÂnomÂmen werÂden. Eine Prüfung sollÂte keiÂne Inventur desÂsen sein, sonÂdern ein Probelauf, es anzuwenden.
Open-Book-Klausuren sind dabei ein Schritt in die richÂtiÂge Richtung. Das allerÂdings nur, wenn sie als die Chance zu eigeÂner Kreativität und Denkleistung verÂstanÂden werÂden, die sie sind.
