Angst, Sachsen-Anhalt?

Kaum ein Thema hat das Bundesland in den ver­gan­ge­nen Monaten so in Atem gehal­ten wie die Landtagswahl. Viele Menschen haben Angst davor, was nun kom­men könn­te. Doch sich davon ein­schüch­tern zu las­sen, kann nicht die Lösung sein. Ein Kommentar.

Bereits am Vorabend vor der Wahl mach­ten Bürger:innen in Halle ihren Unmut über die AfD laut. Foto: Tom Roeloffzen

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stellt in vie­ler­lei Hinsicht ein Novum dar: Während die CDU hier mit 17,2 Prozent weni­ger Stimmen als jemals zuvor ein­ge­fah­ren hat, konn­te Bündnis 90/Die Grünen mit 8,9 Prozent einen neu­en Stimmenrekord im Land ver­zeich­nen. Doch all das rückt in den Hintergrund – ja wirkt fast neben­säch­lich – betrach­tet man das Ergebnis der AfD. Mit 43,8 Prozent hat die vom Landesamt für Verfassungsschutz als gesi­chert rechts­extre­mis­tisch ein­ge­stuf­te Partei mehr Stimmen erhal­ten als jemals zuvor in einer Landtagswahl. Sie ist somit die kla­re Siegerin, wenn­gleich sie knapp an einer abso­lu­ten Mehrheit vorbeischrammt.

Mit 5,3 Prozent aller Zweitstimmen schafft auch das BSW knapp den Sprung über die 5‑Prozent-Hürde und kann somit erst­mals in den Landtag Sachsen-Anhalts ein­zie­hen. Werden AfD und BSW nun koalie­ren? Wird die Wagenknecht-Partei eine Minderheitsregierung unter Ulrich Siegmund dul­den? Oder kommt es womög­lich zu den vom AfD-Spitzenkandidaten beschwo­re­nen Neuwahlen? All das sind Fragen, die nun die deut­sche wie inter­na­tio­na­le Presse umtrei­ben. „Germany’s Far Right Tops Key State Race, but Falls Short of Power“ titelt die New York Times noch am Wahlabend. Auch der BBC, Le Monde und die pol­ni­sche Gazeta Wyborcza berich­ten über den Ausgang der Wahl in einem Bundesland, das ansons­ten nur sel­ten Schlagzeilen macht.

Für die Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern ist der Wahlsonntag ein „schwar­zer Tag für Sachsen-Anhalt,“ wie sie gegen­über der ARD angibt. Bundeskanzler Friedrich Merz zeigt sich in einer Pressekonferenz am nach­fol­gen­den Montagmittag „zutiefst scho­ckiert“ über die Ergebnisse und die FDP-Landesvorsitzende und Digitalministerin Lydia Hüskens kün­digt prompt ihren Rücktritt an. Die AfD hin­ge­gen jubelt auf Landes- und Bundesebene. Ein „Traumergebnis“ nennt die Bundesvorsitzende Alice Weidel den Wahlausgang. Für vie­le Menschen in Sachsen-Anhalt bedeu­tet der gan­ze Trubel aber beson­ders eins: Angst. Angst um die eige­ne Zukunft, um die Kinder, um mar­gi­na­li­sier­te Gruppen, um das Bundesland. Angst vor rechts­extre­mer Politik und Repressionen gegen grund­le­gen­de Menschenrechte.

Das stu­den­ti­sche Zuhörtelefon Nightline ist mitt­wochs und sonn­tags zwi­schen 20 und 24 Uhr unter 0152 251 323 65 erreichbar.

Unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123 erreicht ihr rund um die Uhr die öku­me­ni­sche Telefonseelsorge.

Die Mehrsprachige Telefonseelsorge von LAMSA erreicht ihr täg­lich von 8 bis 16 Uhr unter 0176 879 62 742.

Die LAMSA-Hotline für Betroffene von Diskriminierung und Rassismus ist zu den glei­chen Zeiten unter 0152 560 34 747 erreichbar.

In aku­ten psy­chi­schen Ausnahmesituationen wen­det euch direkt an den Notruf 112.

Die Angst ist real

Und die­se Furcht kommt nicht von irgend­wo. An Schulen will die AfD Regenbogenflaggen ver­bie­ten und statt­des­sen ein Familienbild aus Vater, Mutter und mög­lichst vie­len Kindern als ein­zig „nor­ma­les“ Konzept pro­pa­gie­ren. Sie spricht in ihrem Wahlprogramm offen von einer ver­meint­li­chen „Translobby“ und „Regenbogenideologie“. Begriffe, die laut Vera Baryshnikov vom Verband Queere Vielfalt (LSVD+) dazu die­nen, „Feindbilder zu schaf­fen und gesell­schaft­li­che Konflikte bewusst zu ver­schär­fen. So wird ein ver­meint­li­cher ‚Kulturkampf‘ kon­stru­iert, der auf dem Rücken quee­rer* Menschen aus­ge­tra­gen wird“, wie sie in einem Interview mit dem Online-Magazin KUKKSI vor der Wahl erklärt. Die Folgen wären, so führt sie aus, ein­ge­schränk­te Rechte und eine gefähr­de­te Sicherheit quee­rer* Menschen.

Auch Studierende pro­tes­tier­ten gegen die AfD. Foto: Tom Roeloffzen

Inklusion an Schulen soll nach dem Willen der AfD abge­schafft wer­den, sowohl für geflüch­te­te Kinder als auch für Kinder mit Behinderungen. Stattdessen sol­len seg­re­gier­te Sonderklassen ein­ge­führt wer­den. Auf Schulhöfen könn­te es nach dem Willen der AfD zusätz­lich bald pri­va­te Wachdienste geben. Zu die­sen und wei­te­ren Maßnahmen aus dem Programm der Partei wird im Auftrag des Bundesverbandes der Freien Alternativschulen (BFAS) aktu­ell ein recht­li­ches Gutachten erstellt. Aus der Sicht des Vereins greift die AfD mit ihren Vorschlägen näm­lich „in die schul­ver­fas­sungs­recht­li­che Demokratie ein“, wie es in einer Stellungnahme heißt. Eine Abschaffung der Inklusion in Schulen hält der Verein dem­nach für „ekla­tant rechtswidrig“.

Nur eini­ge Auszüge aus einem Programm, das bei vie­len vul­ner­ablen Gruppen, Eltern und Angehörigen Angst aus­löst. Und sie zei­gen, dass nicht unbe­grün­det ist, son­dern von einer tie­fen Menschlichkeit und Empathie zeugt. 

Die AfD und ihr „Klima der Angst“

„Seit Sonntagabend [06.09.] klin­geln unse­re Telefone unun­ter­bro­chen,“ erklärt Undra Dreßler, die Geschäftsführerin des Landesnetzwerkes der Migrantenorganisationen (LAMSA) auf der Landespressekonferenz vom 15. September. Das Netzwerk habe nun eine Telefonhotline und Seelsorge ein­ge­rich­tet, um Menschen mit Ängsten zu begeg­nen. Auch die Gewerkschaft ver.di erhal­te vie­le Anrufe von besorg­ten Arbeitnehmer:innen mit Migrationsbiografie, die nun Angst um ihren Aufenthaltstitel haben, wie Annett Flachshaar, die stell­ver­tre­ten­de Geschäftsführerin des Bezirks Sachsen-Anhalt Nord hinzufügt.

Doch ein Rückzug aus Angst wäre für die AfD ein Erfolg, den sie sich nicht erst erkämp­fen müss­te. Bereits 2018 warf ein brei­tes Bündnis aus gesell­schaft­li­chen Akteur:innen in Sachsen-Anhalt der AfD vor, ganz bewusst ein „Klima der Angst“ zu schü­ren und so demo­kra­ti­sche Werte anzu­grei­fen. Und nun – acht Jahre spä­ter – wird die­ser Begriff erneut auf­ge­grif­fen. In einem gemein­sa­men Schreiben weni­ge Tage nach der Wahl kri­ti­sie­ren die Linken-Landesvorsitzenden Janina Böttger und Hendrik Lange, die AfD spal­te die Gesellschaft und befeue­re ein „Klima der Angst“.

Aber sehen wir aus Angst vor rech­ten Gegenprotesten und Diskreditierung durch die AfD davon ab, CSDs zu besu­chen und Flagge zu zei­gen, dann ent­zie­hen wir so einer mar­gi­na­li­sier­ten Gruppe ihre Sichtbarkeit. Stellen wir uns aus Angst nicht auf die Seite von Menschen mit Migrationsbiografie, dann akzep­tie­ren wir, dass die AfD sie aktiv aus der Gesellschaft und dem öffent­li­chen Leben ver­drän­gen will. Und hören wir aus Angst vor der AfD auf, uns poli­tisch zu äußern und ein­zu­brin­gen, über­las­sen wir die Politik den Rechtsextremen.

Sicherlich ist ein­zu­wen­den, dass das Ergebnis nicht bedeu­tet, dass 43,8 Prozent aller Wähler:innen in Sachsen-Anhalt tat­säch­lich Rechtsextreme sind. Wie eine Erhebung von infra­test dimap zeigt, sind vie­le AfD-Wähler:innen selbst von ver­schie­de­nen Ängsten betrof­fen – etwa vor dem sozia­len Abstieg, stei­gen­den Lebenshaltungskosten oder vor Migration. Der Soziologe Andreas Hövermann schil­dert dazu in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung, dass die AfD selbst mit die­sen Ängsten spie­le. Konkret beschwö­re sie die­se bei poten­zi­el­len Wähler:innen und bie­te ver­meint­li­che Lösungsangebote an. „Trotz ihrer zuneh­men­den Radikalisierung steh[t] die Partei aus Sicht ihrer Wählerinnen und Wähler [daher] für einen ech­ten poli­ti­schen Wandel und nicht für eine Gefahr für die Demokratie“, so der Soziologe. Die Wähler:innen der AfD zu dämo­ni­sie­ren, löst also nichts. Doch ein Programm, das vul­nerable Gruppen aus­grenzt, wird nicht harm­los, nur weil es vie­le wählen.

Angst zu haben ist nicht falsch und wer Sachsen-Anhalt ver­lässt, um sich selbst oder die eige­nen Kinder zu schüt­zen, trifft kei­ne fei­ge Entscheidung. Aber wer blei­ben kann und will, wird gebraucht. Denn las­sen wir uns durch die Angst kampf­los aus dem öffent­li­chen Leben ver­drän­gen, dann pro­fi­tiert davon nur die AfD. Gerade jetzt ist es des­we­gen ent­schei­dend, sich nicht ein­schüch­tern zu las­sen, son­dern die eige­ne Angst als Katalysator zu nut­zen, um so berech­tig­te Wut, Unzufriedenheit und Sorgen kund­zu­tun. Laut zu sein, auf die Straße zu gehen, sich zu ver­net­zen und schüt­zend vor all jene zu stel­len, die von rechts­extre­mer Politik bedroht werden.

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