Für bessere Bildung im Land muss der Lehrermangel bekämpft werden. Am schnellsten geht das sicherlich, indem man die Schulpflicht gleich ganz loswird. Diesen und weitere Vorschläge präsentiert die AfD im Bildungsabschnitt ihres Wahlprogramms. Ein Kommentar.
Die AfD fordert bessere Bildung — sicherlich etwas, das den meisten Menschen am Herzen liegt — und will sie erreichen, indem sie die allgemeine Schulpflicht abschafft. Ersetzt werden soll sie durch eine “Bildungspflicht”, konkret: ein Anrecht der Eltern auf Heimunterricht nach US-amerikanischem Vorbild.
Die Überprüfung des Lernfortschritts soll halbjährlich durch zentral koordinierte Leistungsprüfungen erfolgen. Versagt der Heimunterricht, müsse das Kind wieder an seine alte Schule, nur eben mit einem halben Jahr verpassten Unterrichtsstoffs als Gepäck.
Das Programm geht nicht darauf ein, wie sich solche Fälle auf das Leistungsniveau innerhalb einer Klasse auswirken werden. Das ist insofern bemerkenswert, als sich die AfD an anderer Stelle für „möglichst homogene Klassenverbände“ stark macht, nämlich wenn es darum geht, Haupt- und Realschulen wieder einzuführen, einschließlich der verbindlichen Schullaufbahnempfehlung. Auch Kinder von Asylsuchenden mit vorläufigem Aufenthaltsrecht sollen in ihre eigenen Klassen verbannt werden, unter Verweis auf die leichtere Handhabung ohne sprachliche und kulturelle Barrieren (ohne Angabe, woher ausreichend Lehrkräfte mit passenden Sprachkenntnissen kommen sollen). Zur Begründung dieser Reformen werden mangelnde Bildungsstandards in öffentlichen Schulen angeführt. Deren Erhalt solle gleichzeitig gesichert werden, gerade im ländlichen Raum.
Homogenere Lerngruppen machen den Unterricht in der Tat leichter, aber sie fördern im gleichen Maße Segregation: Kinder aus akademischen Elternhäusern erhalten eine Gymnasialempfehlung etwa dreimal häufiger als Kinder aus Arbeiterfamilien. Ihre Laufbahn wird hier frühzeitig zementiert, basierend auf dem Bildungsniveau — und vor allem dem Geldbeutel — ihrer Eltern. Für einige leistungsstarke Schüler:innen wird das wahrscheinlich zu einer Verbesserung der schulischen Leistung führen, für den Rest eher zu einer Verschlechterung. Und wie die Kinder geflüchteter Familien dabei gleichwertig versorgt werden sollen, bleibt auch offen.
Auf der anderen Seite dürfte eine Abschaffung der Schulpflicht mit einem anderen erklärten Ziel helfen, nämlich den Lehrermangel zu bekämpfen. Nur eben nicht durch mehr Lehrer, sondern weniger Bedarf.
Elternrechte statt Kinderrechte
Als Begründung für ihre Bemühungen nennt die AfD wiederholt die „Versuche des Staates, sich in die Erziehung der Kinder einzumischen“. Es sei „Elternrecht“, die Kinder nach eigenem Ermessen zu erziehen, Schulbildung sei lediglich ein „Angebot, das der Staat vorhalten muss, das die Eltern jedoch nicht zwangsläufig annehmen müssen“.

Illustration: Johannes Wingert
Der Begriff der „Elternrechte“ tritt auch an anderer Stelle im Wahlprogramm auf: Die AfD will diese in der Landesverfassung verankern, nämlich als Gegengewicht zu den Kinderrechten. In denen sieht sie laut Wahlprogramm nämlich den „Versuch, staatliche Eingriffe in das Familienleben zu erleichtern und den Eltern die Erziehungshoheit streitig zu machen – bis hin zur Kindesentziehung“. Worauf sich diese Annahme stützt, ist unklar, aber in der Beziehung Eltern-Kind sind sicherlich nicht die Eltern in erster Linie schutzbedürftig. Im Gegenteil: Laut polizeilicher Kriminalstatistik und Angaben der Jugendämter sind die Meldungen von Kindesmisshandlung seit 2020 stark angestiegen. Es lässt sich nicht abschließend feststellen, welcher Anteil dabei auf mehr Fälle zurückzuführen ist und welcher auf eine verbesserte Meldekultur. In jedem Fall stehen Jugendämter, Ärzte und andere Stellen, die Hilfe bieten könnten, bereits vor erheblichen Hürden: Ärzte dürfen Informationen über minderjährige Patienten (beispielsweise Verletzungsmuster, die auf körperliche Misshandlung hindeuten) üblicherweise nur mit Einwilligung der Eltern melden. Eine Entziehung des Kindes ist grundsätzlich nur als äußerstes Mittel auf Gerichtsbeschluss hin zulässig. Beides ist spezialgesetzlich geregelt und ein verfassungsmäßiger Schutz des Kindes führt nicht zu einem direkten Zugriff des Staates, wie es das Programm andeutet.
Während die meisten Forderungen im Bereich Bildung zumindest in die Zuständigkeit des Landes fallen, wird die Abwägung der Kinder- gegenüber den Elternrechten in jedem Fall im Sinne des Grundgesetzes entschieden – sofern die AfD überhaupt im Stande sein sollte, die erforderlichen Mehrheiten zur (Landes-)Verfassungsänderung aufzubringen.
Wenn du einen Fall von Kindesmisshandlung vermutest, gibt es eine Reihe konkreter und hilfreicher Schritte, die du unternehmen kannst, aber auch Dinge, die du unbedingt vermeiden solltest:
- Sieh nicht weg, sondern beobachte und dokumentiere deine Beobachtungen sachlich.
- “Ermittle” nichteigenmächtig.
- Bedränge das Kind nicht und versuche nicht, es eigenmächtig mit mutmaßlichen Täter:innen zu konfrontieren. Beides führt häufig zu Verschleierung durch Täter:innen.
- Wende dich an das zuständige Jugendamt oder den Allgemeinen Sozialdienst (ASD) vor Ort. Du unterliegst hierbei keiner Beweispflicht, das Jugendamt ist seinerseits verpflichtet, eine Prüfung einzuleiten.
- Bei akuter Gefährdung von Leib und Leben ist der Notruf (110 oder 112) zuständig.
- Bei Vermutung sexuellen Missbrauchs ist das bundesweite Hilfeportal sexueller Missbrauch eine erste Anlaufstelle, telefonisch unter 0800 22 55 530.
- In anderen Fällen das lokale Jugendamt, außerhalb der Dienstzeiten unterhalten die meisten Städte einen Kinder- und Jugendnotdienst.
Ein Lehrplan mit “Identität” an erster Stelle
Hinsichtlich des Lehrplans fordert das Wahlprogramm einen stärkeren Fokus auf Sport, einschließlich Schwimmen. Im Fokus stehen soll insbesondere eine Wettkampfmentalität, die zu Identitätsstiftung führen soll. In dieselbe Richtung geht auch die Forderung, an Schulen wieder die deutsche Flagge zu hissen und die Nationalhymne zu singen (beides wohl Teil der Bemühung, „Deutsch Denken“ wieder salonfähig zu machen). Zum Vergleich angeführt wird zwar das österreichische Modell (in Bezug auf Heimunterricht), aber es zeigt sich eine weit stärkere Anlehnung an das US-amerikanische Schulwesen — an das Schulwesen eines Landes also, in dem fast sechzig Millionen Erwachsene keine oder nur minimale Lese-Rechtschreibkompetenzen aufweisen, insbesondere im ländlichen Raum, wo überproportional republikanisch gewählt wird.

Illustration: Johannes Wingert
Das besondere Interesse an besserem Schwimmunterricht wird übrigens mit zunehmenden Todesfällen durch Ertrinken begründet. Die Wasserrettungsstatistiken des DLRG bilden diese behauptete Tendenz zwar nicht ab, sie lässt sich jedoch sehr wohl nachweisen, wenn man stattdessen die Zahlen des statistischen Bundesamtes zu Grunde legt: Dort werden Fälle eingerechnet, in denen Personen nicht in öffentlichen Gewässern wie Badeseen ertrinken, sondern zum Beispiel in der Badewanne. Fraglich scheint, ob bessere Schwimmkenntnisse hier helfen würden.
Die AfD fordert auch, den Informatikunterricht an Schulen verpflichtend ab der achten Klasse einzuführen. Im Zeitalter der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz ist zumindest das zweifellos nicht nur zulässig, sondern sogar wünschenswert. Was überrascht, sind die einzig spezifizierten Inhalte des neuen Pflichtfachs: Der Umgang mit “unentbehrlicher Standardsoftware (Word, Excel etc.)”, also Themen, die kein Teil der Informatik sind.
| Auch die Hochschulpolitik will die AfD gründlich umkrempeln: Weg von der „Räterepublik“ und hin zu einem autoritär strukturierten, ideologisch aufgeladenen Ort deutscher Identität. Die dazu formulierten Forderungen werden im Artikel „Propaganda statt Wissenschaft“ ausführlicher betrachtet. |
Ein Programm für Spaltung
Die AfD begründet die Forderungen hinsichtlich Schul- und Erziehungspolitik mit dem Schutz von Eltern und idealer Betreuung der Kinder und Jugendlichen, sowie mit Identitätsstiftung. Tatsächlich erweckt das Konzept in seiner Gesamtheit aber vor allem den Eindruck, einer weitreichenden Segregation nach Bevölkerungsgruppen Vorschub zu leisten: Eltern, die staatlichem Handeln und sozialen Veränderungen gegenüber skeptisch sind, sollen ihre Kinder zu Hause unterrichten, wo sie isoliert bleiben. Schüler werden in jungen Jahren beurteilt und sollen in einer Laufbahn verbleiben, deren nachweislich stärkstes Selektionskriterium das elterliche Einkommen ist. Was an staatlichem Schutz für Kinder und Jugendliche existiert, soll vor zusätzlichen verfassungsrechtlichen Hürden gestellt werden. Vertieft wird hier nicht die Bildung, sondern eine soziale Spaltung, die sicherstellt, dass jede:r an seinem:ihrem Platz bleibt. Und natürlich bleibt die Frage: Welche „Identität“ soll hier eigentlich gefördert werden?
