Was haben die Tomatensuppe Toscana von Knorr, Maybelline Mascara und Vitalis-Müsli gemeinsam? Laut Greenpeace und WWF beinhaltet jedes zweite Produkt im deutschen Supermarkt Palmöl. Von Nachhaltigkeitsmythen, politischen Dimensionen und Erlebnissen der MLU-Studentin Senta Hollmann aus Indonesien. 

Das indonesische Dorf Patas Lawang
Foto: Senta Hollmann

„Um fünf Uhr morgens ist Antritt vor dem Firmengebäude in Patas Lawang. Nach einer eher wenig motivierenden Ansprache des Managers des Dorfes werden die ID-Karten gescannt und sämtliche Arbeiter auf die unterschiedlichen Sektoren verteilt.“ So beschreibt Senta Hollmann, eine Studentin der Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Martin-Luther Universität einen Tag auf einer Palmölplantage. Weiterhin erzählt sie, dass die Aufgabe der Arbeiter:innen zunächst darin besteht, die Palmwedel, die sich unter den reifen Trauben befinden, mit einem sichelförmigen Messer abzuschneiden, das an einem bis zu 16 Meter langem, verstellbaren Metallstab befestigt ist. „Das benötigt nicht nur enormen Kraftaufwand, sondern auch Geschick und eine spezielle Technik.“, erklärt Senta Hollmann. Sind die Trauben freigelegt, müssen diese mit dem Messer aus verschiedenen Winkeln angesägt werden, bis sie herunterfallen. Dabei ist große Vorsicht geboten, denn die Dornen an den Wedeln und Früchten sind äußerst giftig. Das vorgeschriebene Minimum während einer Arbeitsschicht liegt bei 35 Ölpalmtrauben, die geerntet werden müssen. Eine Traube wiegt dabei je nach Reifegrad bis zu 60 Kilogramm. „Sind alle reifen Früchte einer Ölpalme geerntet, müssen diese mit einem spitzen Metallstab aufgespießt und über der Schulter zum Hauptweg getragen werden. Andere Arbeiter laden diese am Nachmittag auf LKWs.“ Als Senta Hollmann nach Bukit Lawang (Sumatra) kam, verliebte sie sich sofort in das magische Dschungeldorf, das sich am Rande des Dschungels an einem glasklaren Fluss entlang schlängelt und ist seitdem öfter dort. Während der Monate in der Provinz Nord-Sumatra kam sie mit vielen Personen in Kontakt und erhielt persönliche Einblicke in die Arbeit der Menschen vor Ort. Bei den folgenden indonesischen Namen handelt es sich um Pseudonyme, um die Personen und ihre Anstellung auf der Plantage zu schützen. 

Weiblicher Orang-Utan
Foto: Senta Hollmann
Eine grüne Oase 

In dem kleinen Dorf Patas Lawang, das sich an Bukit Lawang anschließt, leben etwa 55 Familien, die für den malaysischen Palmölkonzern Kuala Lumpur Kepong Berhard (KLK) arbeiten. Nur wenige Kilometer entfernt befinden sich vier weitere Dörfer, die genau wie Patas Lawang ausschließlich für die Arbeiter:innen des Konzerns errichtet wurden. Direkt hinter den Ölpalmen ragen zum Greifen nah die dunkelgrün bewaldeten Berge des Dschungels auf. Sie gehören zum Gunung-Leuser-Nationalpark, einem der größten Naturschutzgebiete Indonesiens.  

Der Regenwald ist aufgrund seiner weltweit einmaligen Artenvielfalt geschützt und beheimatet neben dem vom Aussterben bedrohten Sumatra-Tiger die ebenso gefährdeten Sumatra-Nashörner, Waldelefanten, Siamangs, Makaken, Sumatra-Fasane und Nashornvögel. Aufgrund seiner Flora und Fauna gehört Indonesien zu den Megadiversitätsländern der Erde. Für die Sumatra-Orang Utans ist der Regenwald im Norden der Insel der wichtigste Zufluchtsort. 2004 wurde der Nationalpark daher zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Bereits seit 2011 steht dieses Gebiet auf der Liste der gefährdeten Erben der Welt.  

Ein riesiges Geschäftsmodell 

Bis 2009 wurde das Land rund um Patas Lawang von der Regierung für den gemischten Anbau von Kautschuk, Kakao und Palmöl genutzt. Seit der Pachtung des Landes durch KLK im selben Jahr wachsen jedoch ausschließlich Ölpalmen in dieser Region. KLK ist mittlerweile der fünftgrößte Palmölkonzern der Welt. 220 Arbeiter:innen sind offiziell auf der Plantage beschäftigt, die Zahl der Selbstständigen dürfte jedoch um einiges höher sein. 

Nord-Sumatra war die erste indonesische Provinz, die 1911 mit dem Anbau von Ölpalmen begann, die ursprünglich aus Westafrika stammen und ausschließlich in tropischen Regionen gedeihen können. Genau 100 Jahre später ist Indonesien der weltweit größte Produzent, Exporteur und Konsument von Palmöl. Die in Indonesien als Entwicklungsmotor angepriesene Palmölindustrie spielt neben dem Handel mit tropischen Hölzern und Gold eine bedeutende Rolle für das Bruttoinlandsprodukt. Aktuell geht die Umweltorganisation “Rettet den Regenwald” weltweit von einer etwa 27 Millionen Hektar großen Anbaufläche für Ölpalm-Monokulturen aus. Genaue Angaben sind nicht auffindbar, da es keine stabile Datenbasis gibt. Etwa ein Viertel des artenreichsten Regenwaldgebietes der Erde musste bislang dafür weichen. 

Früchte der Ölpalme
Foto: Senta Hollmann
Wundermittel? 

Für die großflächigen Rodungen des Regenwaldes spricht vor allem eins: Palmöl ist das mit Abstand billigste und am meisten produzierte Pflanzenöl auf dem Weltmarkt. Es ist so gefragt, da das geruchs- und geschmacksneutrale Öl vielseitig einsetzbar und lange haltbar ist. Diese Eigenschaften machen das Öl zum idealen Rohstoff für die Herstellung von billiger Massenware. Hauptabnehmer sind unter anderem Fabriken der Lebensmittel- und Chemie-Industrie und Wärmeerzeuger. Zu den bekanntesten zählen multinationale Unternehmen wie Unilever, PepsiCo, Ferrero, Nestlé, McDonalds und Colgate-Palmolive. Neben China und der Europäischen Union stehen Indonesien und Indien an oberster Stelle der Konsumenten. Palmöl versteckt sich nicht nur in Nutella und Tiefkühlpizza, sondern ist unter anderem auch in Brotaufstrichen, Margarine, Kosmetik, Reinigungsmitteln und vor allem als Biosprit in Dieselkraftstoff. Ein bedeutender und oftmals nicht beachteter Anteil fließt außerdem in das Futtermittel für Tiere, das besonders in der Massentierhaltung zu riesigen Verbrauchsmengen führt. 

Maßgeblich verantwortlich für den massenhaften Einsatz ist der geringe Flächenverbrauch: Die Ölpalme ist die mit Abstand ertragreichste und damit effizienteste Ölpflanze. Während der Ertrag von Kokospalmen, Sonnenblumen und Raps bei knapp 0,8 Tonnen Öl pro Hektar und der von Soja bei nur 0,5 Tonnen Öl pro Hektar liegt, erbringt die Ölpalme im Durchschnitt 3,8 Tonnen Öl auf gleicher Fläche. Des Weiteren ist sie äußerst robust und daher nicht sehr anfällig für Schädlinge. 

Teufelszeug? 

Aus ernährungsphysiologischer Perspektive hebt Professorin Gabriele Stangl die negativen Wirkungen der Inhaltsstoffe hervor. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls Humanernährung am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität. „Palmöl besteht zu über 50% aus gesättigten Fettsäuren, welche den Blutfett- und Cholesterinspiegel ungünstig beeinflussen.“ Bei dem industriellen Verarbeitungsschritt der Raffination wird das Öl auf über 265 Grad erhitzt, um beispielsweise unerwünschte Aromastoffe aus dem Öl zu bringen. Dabei entstehen weitere schädliche Substanzen, wie Professorin Stangl erklärt: „Der Stoff Glycidol steht beispielsweise in Verdacht, krebserregend zu sein. Bis heute gibt es allerdings wenig Daten über die Exposition in der Bevölkerung.  

Einen konkreten ernährungsphysiologischen Verzehrhinweis kann die Professorin jedoch nicht aussprechen, da die schädlichen Stoffe graduell wirken und es zu wenig Forschung auf dem Gebiet gibt. „Was ich aber allgemein raten kann: Nur 10% der Fettaufnahme sollte aus gesättigten Fettsäuren stammen. Da kann sich jeder selbst ausrechnen, wie viel das bei Palmöl ist, das zu mehr als 50 Prozent aus gesättigten Fettsäuren besteht.“ 

Foto: Senta Hollmann

Einen großen Nachteil des Öls stellen auch die Folgen des Anbaus dar: In den Plantagen herrscht kein tropisches Regenwaldklima mehr. Stattdessen entwickeln sich Savannen-Landschaften, da die Ölpalmen sämtliches Grundwasser entziehen und die Böden auslaugen. Ein enormer Temperaturanstieg findet statt. Zusätzlich vergiften Pestizide und Kunstdünger das Grundwasser. Hier können nur wenige Tier- und Pflanzenarten überleben. 

Die weltweite Entwaldungsrate von jährlich 3.770.000 Hektar tropischer Regenwälder entspricht einer Fläche von etwa 10 Fußballfeldern, die jede Minute verloren geht. Laut der Weltbank nutzt nur ein Drittel der Palmölkonzerne Land, das zuvor anderweitig kultiviert wurde oder brach lag. Demzufolge steht der Großteil aller Plantagen auf zuvor bewaldeten Flächen oder Torfböden, die als kostbare Kohlenstoffdioxidspeicher gelten.  

Ein großes Problem stellen auch die Brandrodungen dar: Oft greift das Feuer dabei auch auf angrenzende Regenwaldgebiete über. 2015 starben etwa 100.000 Menschen an den Folgen des schädlichen Rauches, der sich über ganz Südostasien ausbreitete. Auch Senta Hollmann hat die Folgen 2019 miterlebt: „Auf Sumatra, Borneo und in Kalimantan waren ganze Regionen in eine dicke, giftige Rauchwolke gehüllt, die bis nach Singapur und Kuala Lumpur zog. Tagelang war auch in Bukit Lawang kein direktes Sonnenlicht zu sehen und die Sicht auf etwa 50 Meter beschränkt.“  

Auch das Jahr 2020 brachte keine Besserung – durch das Coronavirus und die damit zusammenhängende wirtschaftliche Notlage kam es weltweit zu massiveren Rodungen als je zuvor. Für den Anbau, die Bodenbearbeitung, Düngemittel, Pestizide, Ernte, Transport und Verarbeitung des Palmöls wird zudem sehr viel fossile Energie eingesetzt. Seit 2019 gilt Indonesien dadurch als zehntgrößter CO2-Emittent der Erde.  

Folgen für den Menschen 

Doch nicht nur die Umwelt in den artenreichsten Ökosystemen unserer Erde und das Klima leiden unter dem expandierenden Anbau von Ölpalmen, sondern vor allem auch die Menschen, die auf den Plantagen arbeiten oder ihr Land dafür verlassen müssen. Oftmals geschehen diese Landübergaben nicht freiwillig, sondern durch gewaltsame Vertreibungen oder Verhaftungen. Kein anderer Wirtschaftssektor in Indonesien hat bisher so viele Landrechtsstreitigkeiten verursacht wie die Palmölindustrie mit mehr als 700 Landkonflikten. Dieser Kahlschlag bedroht massiv den Lebensraum, die Wirtschaftsweise und Identität der rund 300 indigenen Völker die in und von Indonesiens Regenwald leben. Selbst friedliche Proteste werden gewaltsam beendet. Eine Verbesserung ihrer Lebenssituation ist auch dann nicht gewährleistet, wenn die lokale Bevölkerung Arbeit auf den Palmölplantagen findet. Viele der Arbeiter:innen sind nicht fest angestellt, sondern verdingen sich als Selbständige, sogenannte „BHLs“, auf den Plantagen – eine weitverbreitete Form der Ausbeutung in der Palmölindustrie. Ohne Mindestlohn und Sozialversicherung müssen die Baru Harian Lepas (BHL), was so viel bedeutet wie „täglich neuer Tagelöhner“, Tag für Tag die harte und durchaus gefährliche Arbeit ausführen, für die sie nach Quoten und nicht nach Stunden bezahlt werden. Da es keinen Arbeitsvertrag gibt, handelt es sich mehr oder weniger um eine Art legale Schwarzarbeit.  

Irfan bei der Arbeit
Foto: Senta Hollmann

“Das betrifft auch den 36-jährigen Irfan”, erzählt Senta Hollmann. Sie begleitete ihn und seine Frau Indra auf der Plantage. Sein Vater war Kebon-Arbeiter, genau wie seine zwei Brüder inzwischen auch. Offiziell darf man ab einem Alter von 23 Jahren Kebon werden. Ist man bereits älter als 30, bekommt man nur noch durch Korruption Zugang zu dieser Position. BHLs hingegen sind schon mit 15 Jahren zugelassen. Ist man noch jünger, muss man sich unauffällig im Hintergrund aufhalten. “Arbeiten darf aber jeder, die oder der nur will.”, meint Senta Hollmann augenzwinkernd. Da Irfan zunächst mit seiner Familie in dem Dorf seiner Frau lebte und erst vor etwa vier Jahren gemeinsam mit ihnen wieder in sein Heimatdorf zurückkehrte, ist er nun ein Neuling in der Palmölfirma KLK und kann nicht den Kebon-Status seines Vaters übernehmen. Stattdessen arbeitet er seit seiner Rückkehr als BHL. “Sein muskulöser Körper zeigte, dass er deutlich länger und härter arbeitet als die Kebons.”, erinnert sich Senta Hollmann. Auch die BHL müssen das tägliche Minimum von 35 Trauben erfüllen, doch ihre Bezahlung basiert auf den geernteten Kilogramm an Trauben. Irfan versucht täglich zwischen 100 und 150 Trauben zu ernten, was je nach Höhe der Palmen sieben bis acht Stunden dauert, um wenigstens 100.000 IDR (knapp sechs Euro) am Tag zu verdienen. Bis zu 3.500 Kilogramm schleppt er täglich für diese schlecht bezahlte Arbeit. Doch an manchen Tagen ist selbst das nicht möglich, da nicht genügend Trauben zeitgleich reif sind. In diesem Fall werden nur die Kebon-Arbeiter:innen in die Plantage geschickt, denn diese müssen ohnehin vom Unternehmen bezahlt werden.  

Seine Frau Indra begleitet ihn stets in die Plantage und sammelt alle beim Ernten heruntergefallenen einzelnen Früchte ein. Pro Sack, der ca. 35 bis 40 Kilogramm wiegt erhält sie umgerechnet 23 Cent. Auch wenn ihr theoretisch das doppelte Geld zustände, schreibt der Mandor, der als eine Art Aufpasser fungiert, stets nur 20 Kilogramm auf, um den Rest selbst zu behalten. Aufgrund der hohen internen Korruption lohne es sich nicht, Beschwerde über diese Ungerechtigkeit einzureichen. Verbreitete Arbeit für die Frauen im Dorf ist außerdem das Streuen von Düngemitteln und Pestiziden. Irfans Mutter verbietet Indra jedoch, einen solchen Job anzunehmen, da sie dies selbst als junge Frau tat. Genau wie ihre Kolleg:innen erkrankte sie zeitig an den Folgen des täglichen Kontakts mit den Chemikalien, die sich besonders schädlich auf Lunge und Augen auswirken. Nur gemeinsam verdienen Irfan und Indra im Monat je nach momentanen Wachstumsbedingungen circa 3 Millionen Rupiah, was in etwa 173 Euro entspricht. 

Irfan bei der Arbeit
Foto: Senta Hollmann

Im Gegensatz zu den Kebons erhalten sie keinerlei Unterstützung bei Hausreparaturen, geschweige denn Schutzkleidung, eine Versicherung, das monatliche Reisgeld oder Rente. Dieses Einkommen reicht nicht aus, um eine fünfköpfige Familie zu versorgen. Sie leben stets nach dem Motto „Gali lobang, tutup lobang“, was so viel bedeutet wie: „Grabe ein Loch, schließe ein Loch“. Sobald sie ihren monatlichen Verdienst ausgezahlt bekommen, müssen sie sämtliche bis dahin entstandenen Schulden begleichen, sodass kaum noch genügend Geld für das tägliche Leben der Familie übrigbleibt. So lässt sich kaum etwas für die Zukunft ansparen, geschweige denn so etwas wie einen Helm für die gefährliche Erntearbeit kaufen.  

Etikettenschwindel? 

Der Plantage rund um Patas Lawang wurde 2014 das Zertifiziersiegel des RSPO verliehen. Der Runde Tisch für Nachhaltiges Palmöl (Roundtable on Sustainable Palm Oil, kurz RSPO) entstand 2008 aus einem Zusammenschluss der großen Palmölerzeuger und -verbraucher. Der WWF hatte zwischenzeitlich den Ausstieg erwogen, entschloss sich dann aber, weiterhin Mitglied im RSPO zu bleiben, um die Mindestanforderungen des Siegels weiterhin zu verbessern. 

Ziel des RSPO ist es, die Produktion und den Absatz von als nachhaltig deklariertem Palmöl zu steigern, um es damit wieder „salonfähig“ zu machen. Klimaschutz ist in den RSPO-Anforderungen bisher kaum bis gar nicht enthalten. Nicht einmal Regenwaldrodungen sind verboten, um das Zertifikat zu erhalten. „Es ist schockierend, dass derartige Standards des RSPO überhaupt erst erarbeitet werden müssen, da die meisten der darin enthaltenen Aspekte zu den allgemeinen Grund- und Menschenrechten zählen.“, kommentiert Senta Hollmann die Zertifizierungsvorgaben, als sie sich im Rahmen ihrer Recherche damit auseinandersetzt. 

Nicht nur die Anforderungen an das Zertifikat sind sehr nachlässig, sondern auch ihre Prüfung und Einhaltung. Die Zertifizierungsstellen werden von den Konzernen selbst beauftragt und bezahlt, wodurch sie käuflich sind. Da trotz des RSPO-Labels Landraub und Rodungen des Regenwaldes meist ohne Konsequenzen stattfinden, steht das Zertifizierungssystem bei Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen stark im Verruf des Greenwashings und Etikettenschwindels, da den Konsument:innen vorgetäuscht wird, dass sie etwas „Gutes“ tun, wenn sie Produkte mit angeblich nachhaltig produziertem Palmöl kaufen. 

Eine Lösung? 

Eine Lösung der Palmölproblematik scheint bisher unauffindbar zu sein. Ein radikaler Boykott ist durch den weltweit stark verbreiteten Einsatz des Palmöls unrealistisch und würde für viele Kleinbauern und -bäuerinnen weitreichende negative soziale und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Laut einer Studie der Universität Göttingen hat der Palmölboom die ländliche Armut in Indonesien und anderen Anbauländern in den letzten Jahren deutlich reduziert.  

Gibt es dennoch eine Chance, etwas gegen den Etikettenschwindel und die Zerstörung der Artenvielfalt unternehmen zu können? Diesen und weiteren Fragen hat sich Ulrike Eichstädt gewidmet. Sie ist Diplombiologin und Erzieherin sowie Bildungsreferentin für globales Lernen im Friedenskreis Halle. Der gemeinnützige Verein organisiert Bildungsveranstaltungen zu Regenwald und Palmöl und ist dafür unter anderem in Berufsschulen, Schulen und Kindergärten präsent. Als Erzieherin erreicht Ulrike Eichstädt somit viele junge Menschen aus Sachsen-Anhalt. Vorwissen und Resonanz differieren dabei deutlich: „Einige kennen sich mit der Thematik aus, die meisten haben jedoch noch nie einen Gedanken daran verschwendet. Es ist uns ein besonders großes Anliegen, auch Personengruppen zu erreichen, die sonst nicht so einen leichten Zugang haben.“ Dabei ist es allerdings oft gar nicht einfach, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. „Viele schalten bei polarisierenden Themen und gewissen Trigger-Begriffen sofort ab.“ Auf die Frage, ob sie eine reale Chance sieht, als kleiner Verein etwas gegen die großflächige Abholzung des Regenwaldes unternehmen zu können, antwortet die Bildungsreferentin schmunzelnd. „Das ist die Frage aller Fragen. Ich glaube fest daran, weiß aber auch, dass es nicht schnell geht. In der Bildungsarbeit konnten wir ein interessantes Phänomen beobachten: Es tut sich eine Lücke auf zwischen Wissen und tatsächlichem Handeln. Gerade dort wollen wir ansetzen“.  

Blick in den Dschungel
Foto: Senta Hollmann

Konkrete Visionen hat auch Alina Brad. Die Politikwissenschaftlerin forscht an der Universität Wien zu den Themen Klima, Umwelt, Ressourcenpolitik und sozialökologische Transformation. „Im Rahmen einer Forschungsarbeit war ich auf einer kleinen Insel in Sumatra. Dort gab es keine Ölpalmen, aber die Bauern vor Ort haben mir erzählt, dass sie am liebsten Ölpalmen anbauen würden. Das hat mich neugierig gemacht.“ Inzwischen hat Alina Brad ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben sowie ein Sachbuch mit dem Titel „Der Palmölboom in Indonesien: Zur Politischen Ökonomie einer umkämpften Ressource“ veröffentlicht. Besonders die Komplexität des Themas und die verschiedenen Interessengruppen faszinieren sie. Alina Brad meint, dass die finanziellen Summen dahinter nur schwer vorstellbar sind. Außerdem sei es unglaublich kompliziert, die Lieferkette nachzuvollziehen. “Deshalb ist es schwierig, gegenzusteuern. Als beispielsweise die EU verbieten wollte, Palmöl im Biodiesel einzusetzen, folgte eine riesige Kampagne des indonesischen Staats und Malaysias.” Vor allem über Social Media wurde propagiert, dass bei Durchsetzung des Vorhabens viele in der Landwirtschaft tätige Personen finanzielle Einbußen zu erleiden hätten. “Das Narrativ, das dadurch erzeugt wurde, ist sehr interessant. Denn eigentlich wären vor allem die Unternehmen davon betroffen gewesen.“  

Alina Brad spricht sich dafür aus, die nachfragenden Unternehmen in die Verantwortung zu nehmen. Die Einführung eines strengeren Lieferkettengesetzes in weiteren Ländern inklusive zivilrechtlicher Klagen wäre dafür notwendig. “Außerdem bin ich für eine Kennzeichnungspflicht. Bei Lebensmitteln lässt sich das gut durchsetzen und hat sich in vielen Restaurants bereits etabliert. Je komplexer die Zusammensetzung eines Produkts, desto komplizierter ist allerdings auch die Kennzeichnungspflicht.“ Alina Brad geht somit davon aus, dass das Freiwilligenkonzept keine Lösung sein kann: „Es braucht einen starken staatlichen Einfluss, anstatt alles dem freien Markt zu überlassen. Auch die Verbraucherländer müssen in die Pflicht genommen werden.“ 

Auch Senta Hollmann stimmt dem zu: „Ohne ein Einschreiten und Verhandeln der Regierungen wird sich die Palmölindustrie stetig weiter ausbreiten. Daher müssen wir als Konsument:innen Druck auf die Politik und Wirtschaft ausüben. Denn solange wir begeistert die billigsten Produkte kaufen, bestätigen wir die ungemeine Nachfrage nach konventionellem Palmöl.” Senta Hollmann schließt ihre Überlegung mit dem Appell: “Die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits spürbar und unser Handeln wird immer dringlicher!“  

Palmöl-Guide für den Alltag 

Inhaltsstoffe, die Palmöl enthalten – oder enthalten können: 

https://www.produkte-ohne-palmoel.de/images/downloads/Deklarationen-Palmoel-2018-WEB.pdf

Firmen, die kein Palmöl verwenden (Reinigungs- und Waschmittel; Kosmetik; Reinigungsmittel):

https://www.produkte-ohne-palmoel.de/index.php/einkaufsfuehrer

Firmen*, die transparent nachvollziehbares Palmöl verwenden: 

– Rapunzel (z.B. Bionella). Dr. Bronner’s, GEPA – diese drei Firmen verwendenfaires Bio-Palmöl von Serendipalm aus Ghana

– Allos, Alnatura, Alsan, Alterra, Barnhouse, Dr. Hauschka, EnerBIO, Hipp,Huober, Sodasan – diese Firmen beziehen ihr Palmöl aus Plantagen, die Öl-palmen teilweise unter biologischen und fairen Bedingungen anbauen. Dazugehören Natural Habitats, Agropalma und Daabon

*kein Anspruch auf Vollständigkeit

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