Kunst ist Luxus, nicht wahr? Sie ist für Menschen, die ver­sorgt sind und nun Raum haben, sich den schö­nen Dingen im Leben zu wid­men. Zumindest behaup­ten das jene, die Kunst auch ger­ne als „brot­los“ bezeich­nen. Dass sie vor allem Nahrung für die Seele ist, wird da ger­ne unter den Tisch gekehrt. Diese Filme fei­ern die uner­schüt­ter­li­che Liebe für die Kunst, auch wenn der finan­zi­el­le Erfolg erst ein­mal auf sich war­ten lässt.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht (2021)

von Tom McCarthy

US / 140 min / FSK 16

Mid-Budget-Filme zu dre­hen, ver­kommt in Hollywood auch immer mehr zur brot­lo­sen Kunst. Dazu ist ein Kinostart wäh­rend der Covid-Pandemie auch nicht gera­de hilf­reich. „Stillwater“ gehört in die­se Kategorie Film und ist eine wah­re Perle.

Bill Baker aus Stillwater, Oklahoma ist ein Witwer, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, sich um sei­ne kran­ke Schwiegermutter küm­mert und auf den ers­ten Blick ein durch­schnitt­li­ches Leben führt. Doch alle paar Monate packt er sei­ne Sachen und reist nach Marseille. Seine Tochter Allison stu­dier­te dort. Jetzt sitzt sie im Gefängnis, weil sie ihre Freundin Lina ermor­det haben soll. Bill glaubt an die Unschuld sei­ner Tochter, und als ein Hinweis auf den wah­ren Mörder auf­taucht, macht er sich auf die Suche …

Was wie der Plot eines knall­har­ten Action­thrillers klingt, ent­puppt sich in ers­ter Linie als ein­fühl­sa­mes Drama. Bills Monate in Marseille prä­gen die Beziehung zu Allison, aber vor allem sei­nen Blick auf die Welt. Er wird hier Freundschaften knüp­fen und kommt schein­bar wie­der im Leben an. Gleichzeitig bleibt ihm immer das Bild sei­ner Tochter vor Augen, wie ihre Jugend und Freiheit hin­ter Gitterstäben zer­rinnt. Der Film beglei­tet Bill bei die­ser inne­ren Zerrissenheit und por­trä­tiert einen lie­ben­den Vater, aber auch einen Mann, der nach eini­gen Umwegen in der Vergangenheit ver­sucht, das Richtige zu tun.

Sing Street (2016)

von John Carney

IR, UK, US / 106 min / FSK 12

In den 1980ern steckt Irland tief in einer wirt­schaft­li­chen Krise. Die Arbeitslosenquote schnellt hoch auf 20 Prozent, 1 Prozent der Gesamtbevölkerung emi­griert. Auch die Familie des 15-jäh­ri­gen Connor bleibt davon nicht unbe­rührt. Um Geld zu spa­ren, schi­cken sei­ne Eltern ihn auf eine neue Schule. Hier ist er Außenseiter. Doch auf der Treppe gegen­über des Schulhofes sieht er regel­mä­ßig Raphina sit­zen. Sie sei Model, heißt es. Als Connor sie anspricht, fragt er sie spon­tan, ob sie in einem Musikvideo sei­ner Band mit­spie­len wol­le. Und als sie über­ra­schend zusagt, bleibt Connor nichts ande­res übrig, als eine Band zu gründen.

Was mit der Hoffnung beginnt, ein Mädchen zu beein­dru­cken, wird für Connor und sei­ne Bandkollegen eine Flucht vor der Realität. Während um sie her­um ein gan­zes Land zuneh­mend in Perspektivlosigkeit ver­sumpft, fin­den die Jungs mit der Musik einen Antrieb und jede Menge Motivation. Ihr Elan und ihr Auftreten wer­den zur Provokation im kon­ser­va­ti­ven, gebeu­tel­ten Irland. Sich in die­sem gesell­schaft­li­chen Klima der bun­ten Musikwelt der 80er zu ver­schrei­ben, emp­fin­den vie­le als uner­hört. Kunst ist Luxus für gute Zeiten, kei­ne Notwendigkeit. Gleichzeitig ist das, was die Jungs von „Sing Street“ da machen, ver­dammt gut. Denn ja: Der Film hat einen wirk­lich fan­tas­ti­schen Soundtrack!

Kohlhaas oder die Verhältnis­mäßigkeit der Mittel (2013)

von Aron Lehmann

DE / 90 min / FSK 6

Der ers­te Drehtag ist um, die auf­wen­digs­ten Szenen direkt zu Anfang geschafft. Regisseur und Crew sind rund­um zufrie­den und bli­cken zuver­sicht­lich auf die nächs­ten Wochen. Dann kommt der Anruf – die Finanzierung für das Filmprojekt ist gestri­chen. Doch der Regisseur denkt gar nicht dar­an, sei­nen gro­ßen Traum einer epi­schen „Kohlhaas“-Verfilmung auf­zu­ge­ben. „Ein frei­er, den­ken­der Mensch bleibt da nicht ste­hen, wo das Schicksal ihn hin­stößt“, zitiert er Heinrich von Kleist und über­re­det einen Teil der Crew, unent­gelt­lich die Produktion wei­ter­zu­füh­ren. Unterstützung bekom­men sie von den Bewohner:innen eines klei­nen Dorfes, das als Location geplant war, und so begin­nen sie, den Film mit rudi­men­tä­ren Mitteln wei­ter zu ver­wirk­li­chen. Während da Kühe als Reitpferde die­nen und Regen mit dem Equipment der frei­wil­li­gen Feuerwehr erzeugt wird, kämpft der Regisseur mit sei­nem uner­schüt­ter­li­chen Glauben an die Unendlichkeit der Vorstellungskraft gegen die auf­kom­men­den Zweifel der Crew. Eine urko­mi­sche Hommage an das Geschichtenerzählen und eine Hymne auf all jene, die zu spin­nen und zu träu­men wagen!

Text: Ronja Hähnlein

Illustrationen: Marlene Nötzold

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