Dez 2017 hastuUNI Heft Nr. 75 0

Die Gesichter des Stura

Emanuel Stuve stammt aus Braunschweig, ist Mitglied bei der FDP sowie Ansprechpartner der Friedrich-Naumann-Stiftung in Halle. Außerdem studiert er im 3. Semester Jura und nahm am 30.10.2017 an seiner ersten Stura-Sitzung als eines von vier gewählten Mitgliedern der Liberalen Hochschulgruppe teil. Nach der ersten Sitzung haben wir ihn zum Gespräch eingeladen.

Foto: Jonas Leonhardt

Wie hat es dich nach Halle verschlagen?
Zum einen, weil mich Berlin nicht genommen hat (herzliches Lachen)  und weil das Juridicum meiner Meinung nach eines der bestausgestatteten in Deutschland ist, und man wohnt hier natürlich auch sehr günstig. Ich wohne hier in der Nähe der Uni, in anderen Städten müsste ich bestimmt eine Weile mit der Bahn zum Campus fahren.

Warum studierst du Jura?
Gute Frage. Ich glaube, die einfachste Antwort ist, dass ich gerne diskutiere, und das ist es auch, was mir an der Politik gefällt.

Ist das also der Grund, warum du dich in den Stura hast wählen lassen?
Das war auf jeden Fall eine Motivation, aber auch um die Qualität des Studiums für mich und alle Studenten insgesamt zu verbessern.

Wie konkret möchtest du die Qualität verbessern?
Die Absprache der Vertreter innerhalb der LHG ist noch nicht abgeschlossen, die größten Punkte sind aber Dinge, welche die Studenten im Alltag bemerken, vor allem die Mensa, Vorlesungsqualität, Internet in den Bibliotheken, aber auch Themen wie Chancengerechtigkeit unter den Studierenden.

Wie war denn deine erste Stura-Sitzung?
Man muss sich erst mal eingewöhnen, am Anfang war mir nicht ganz klar, wann über was abgestimmt wird oder dass, wenn man eine Abstimmung starten möchte, man einfach »FORMAL« reinbrüllen muss. Das war mir aus der Satzung nicht ersichtlich.

Bei vielen Abstimmungen warst du in der Minderheit, teilweise auch ganz alleine, und warum war das so?
Ich finde es zum einen komisch, dass ich da oft der Einzige war. Gerade wenn so viele verschiedene Hochschulgruppen existieren, müsste mehr Diskurs herrschen und dementsprechend auch Gegenstimmen entstehen. Ich habe das Gefühl, manche Leute wollen eigentlich dagegen stimmen, aber trauen sich nicht so richtig. Einige Anträge waren nicht wirklich begründet, da wurde gesagt, wir brauchen hier und da nochmal Geld, aber es wurde nicht genau gesagt, warum. Ich war nicht gegen die Veranstaltungen an sich, es war mir aber nicht genügend begründet. Viele Anträge waren auch in Rechtschreibung und Grammatik so fehlerhaft, dass es peinlich wäre, so etwas zu veröffentlichen.

Findest du, der Stura hat zu viel Geld?
Je mehr Geld die Studenten persönlich zur Verfügung haben, desto besser ist die Qualität des Studiums. Wenn man sich den Haushalt vom letzten Jahr anschaut: 33 000 Euro (von der Redaktion nachgetragen) gehen für ehrenamtliche Arbeit drauf, für die Referatsleiter. Warum muss die ehrenamtliche Arbeit bezahlt werden? Für Sachausgaben Interna wurden auch 46 000 Euro (von der Redaktion nachgetragen) ausgegeben. Da denkt man, der Stura zieht Beiträge der Studenten ein, vor allem, um sich selbst zu verwalten.

Was denkst du über die Beschlüsse des Sturas, die einen Shitstorm erhalten haben, siehe Entenpatenschaft und Squatty Potty?
Dazu muss ich ein Randthema aufmachen: Der Stura hat ein Präsenz- und Öffentlichkeitsproblem, denn viele Studierende hatten mich gefragt, was ich denn da gemacht hätte, so einen Scheiß beschlossen habe, aber hatten gar nicht mitbekommen, dass ich noch gar nicht im Stura war, als das beschlossen wurde. Ich glaube, dass ganz viele Beschlüsse, die der Stura tätigt, gar nicht an die Öffentlichkeit kommen. Viele wissen auch gar nicht, wer im Stura sitzt.
Ich bin dagegen, solchen Quatsch zu machen, es untergräbt die Autorität des Studierendenrates. Es nimmt die Zeit von Dingen, über die wirklich diskutiert werden sollte.

Wie stehst du zur Martin-Luther-Namensänderung?*
Das ist eine Frage: Wie geht man mit Antisemitismus um? Die Juristen haben eine ähnliche Diskussion mit dem Palandt- Kommentar*. Auf der einen Seite kann man argumentieren: Wenn der Name geändert wird, ist die Geschichte ausgelöscht, und neue Studenten haben nicht die Möglichkeit, mit der Geschichte konfrontiert zu werden und diese kritisch zu beleuchten. Man könnte den Namen beibehalten und auf seinen antisemitischen Hintergrund hinweisen. Man könnte auch sagen, der Name einer Universität ist eine Art Ehrerbringung, welche diese Person nicht verdient hat. Dies sollte auf jeden Fall diskutiert und abgewägt werden.

Mal was anderes: Gefällt dir Christian Lindner?
Den Lindner mag ich nicht, das ist natürlich keine persönliche Sache, aber ich teile seine politische Auffassung nicht. Ich glaube nicht, dass der freie Markt und Privatisierung die Lösung ist. Das hat auch die letzte Finanzkrise gezeigt. Außerdem will er die junge Generation ansprechen, ist aber gegen Umweltschutz. Auch die Wichtigkeit von Startups ist mir unklar: Wenn Banken dieses Risiko nicht eingehen wollen, warum sollte das denn dann der Staat? Worüber ich mich auch immer aufrege, sind neuerdings die rechtspopulistischen Tendenzen, die ich bei Lindner sehe.

Warum bist du denn dann in der FDP?
Ich war mit 14 bei den Jungen Liberalen und bin mit 16 frühestmöglich in die FDP eingetreten. Ich hatte dann Kant gelesen, der den weltbürgerlichen Liberalismus vertritt, und dieser hatte mir gefallen. Habe das damals vielleicht auch als Berufsmöglichkeit gesehen. In der Schule hatten wir dann auch die verschiedenen Wirtschaftstheorien kennengelernt; ich war dem Liberalismus zugetan und bin dann der FDP beigetreten. Ich habe dann auch schnell gemerkt, dass es egal ist, in welcher Partei man sich engagiert, Hauptsache, man hat sich eingebracht. Vermutlich hätte ich genauso auch den Grünen beitreten können.

Möchtest du unseren Lesern noch etwas mitteilen?
Mir ist aufgefallen, dass im Stura Mitglieder mit vielen Amtsperioden dabei sind. Das bedeutet, dass der Stura in seinen demokratischen Prozessen eingeschlafen ist und die Konkurrenz für den Stura zu niedrig ist. Ich glaube auch nicht, dass wir reingekommen sind, weil wir die besten und geeignetsten sind, sondern weil sich zu wenige dafür interessieren.

*Luther und Palandt
Anfang 2016 debattierte der Stura der Martin-Luther-Universität über eine mögliche Umbenennung der Uni, weil der Reformator sich in mehreren Schriften mit derben Worten judenfeindlich geäußert hat. Anfang 2017 verabschiedete der Stura eine kritische Stellungnahme zum Lutherjahr.
Otto Palandt ist Namensgeber eines der wichtigsten Handbücher der juristischen Praxis. Seine Rolle als Funktionär der NSDAP führte zu Kontroversen um die Umbenennung dieses Buches. Der herausgebende Beck-Verlag hat eine Namensänderung bisher ausgeschlossen.

Über Jonas Leonhardt

Jonas Leonhardt
Mensch, welcher lernt.

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 28.01. 2018 11:27