Nicht alle Tage bekommt man die Chance, hinter die Kulissen des Studierendentheaters zu blicken, aber an einem kalten Dezemberabend darf ich es bei einer Probe begleiten. Ein Einblick in das Theaterleben und ein Ausblick auf das neue Stück.
Die Szene beginnt. Jesus segnet seine Jünger, bevor sich eine von ihnen auf das Besaufen beim Junggesellinnenabschied freut, die nächste mit dick aufgetragenem bayerischen Dialekt vom Oktoberfest schwärmt und der letzte das kommende Silvester mit 500g-Batterien kaum erwarten kann. Ich denke mir: das muss Theater sein.
Ein Ort zum Ankommen
Während die Temperatur draußen gerade so an den Plusgraden kratzt und der Wind versucht, unter die Jacken zu kriechen, dreht Renée Marie Russo die Heizungen des Probenraums im Künstlerhaus 188 auf. Der große Probensaal mit dunklen Vorhängen und Decken auf den Stühlen lädt zum Warmwerden ein. Gemeinsam mit Renée und Fanny Schöneich, Teil der Leitung des Studierendentheaters, finde ich mich in einer gemütlichen Sitzecke wieder.
„Das Studi-Theater, das ist, finde ich, ein ganz besonderer Ort. Die beste Beschreibung ist künstlerische Arbeit für alle, die Bock darauf haben“, meint Renée, selber Studentin und Regie- und Produktionsassistentin des Theaters. „Sei es spielerisch, mit Textarbeit, musikalisch, es gibt Leute, die singen, Leute, die tanzen. Da sind alle Sparten besetzt.“
Die Menschen auf und hinter der Bühne
Das Ensemble besteht aus über dreißig Studierenden, die aus allen Studiengängen auf die Bühne finden. Sie kommen aus den Sprach- und Naturwissenschaften, Jura, Medien- und Kommunikationswissenschaften.
Seit 2013 entwickelte das Studi-Theater mittlerweile über 25 Produktionen in enger Zusammenarbeit mit dem WUK-Theater. „Es ist ein sehr offener Prozess zwischen [der Unterstützung aus dem WUK] und den Studierenden“ sagt Fanny. Durch dieses Zusammenwirken sei es den Studierenden möglich, ihren hohen künstlerischen Anspruch umzusetzen.

Die Nähe zum WUK-Theater sorgt auch dafür, dass sich beide Bühnen Veränderungen anpassen müssen. Im April 2025 hatte das WUK und somit auch das Studierendentheater den Verlust von Tom Wolter, künstlerischer Leiter beider Theater, zu beklagen.
Wenn Fanny und Renée über ihn reden, schwingen Trauer und vertraute Erinnerungen mit. „Ihm ging es um die Haltung. Es war egal, ob man gut singen konnte oder nicht. Hauptsache, man hat es ernst gemeint und gesagt: ‚Ich stell mich jetzt hin und singe, als wäre ich eine Opernsängerin.‘ Alles, was man spielt, muss man ernst meinen, und daraus entsteht Kunst“, erzählt Renée mit einem Lächeln auf den Lippen, und Fanny stimmt ihr zu. „Tom Wolter hat es immer aus einem herausgekitzelt und viel Mut gemacht, sich in verschiedene Kunstrichtungen zu trauen.“
Gerade in dieser Zeit der Neuformierung ist es Fanny wichtig, Input von Studierenden aufzunehmen und gemeinsam ein rundes Bild zu erschaffen. Hinter den Momenten muss Konzentration und Aufmerksamkeit stecken, um das Publikum mit dem Stück abzuholen.
Proben heißt Suchen

Zeugin dessen darf ich bei der folgenden Probe werden. Nachdem die Heizungen die Wärme in alle Ecken des Raumes gefegt haben, füllt sich der Saal allmählich mit Menschen.
Sie tragen gemütliche Alltagskleidung und manche ziehen nach Betreten des Raumes gleich die schweren Schuhe aus, um warme Socken zu präsentieren. Die Studis finden sich in kleinen vertrauten Gruppen zusammen, leises und lautes Lachen schallt gegen die Wände und Umarmungen werden geteilt. Es ist ein geradezu familiäres Gefühl, das sich bemerkbar macht.
„Das Studi-Theater ist für mich ein großer Wohlfühlort und ein Ort der Gemeinschaft“, erzählt Anja Barnet, die im Ensemble als Schauspielerin tätig ist, „und natürlich auch ein starker Ausgleich. Hier geht man mit mehr Energie raus, als man reingegangen ist.“
Fanny tritt in die Mitte des Saals und bittet alle, inklusive mich, sich in einen großen Kreis zu setzen. Es ist Zeit für das Check-In, eine neue und doch schon lieb gewonnene Tradition im Studierendentheater. Der Reihe nach erzählt jede Person, mit welcher Stimmung sie heute hergekommen ist. Mir fällt auf, wie aufrichtig alle miteinander umgehen. Schlechte Stimmungen werden nicht versteckt, sondern ausgesprochen und angenommen. Auch ich darf mich in zwei Sätzen äußern, meine Freude und Aufregung loswerden. Danach ziehe ich mich zurück und lasse die Probe ihren Lauf nehmen.
Wie diese Probe beginnt? Mit ausgelassenem Tanzen zu Zauberstaub von Fuffifufzich natürlich. Das ganze Ensemble fängt an, sich zu bewegen. Entspannte Bewegungen und Wippen, lebhafte Sprünge und Wellen. Sogar kleine Choreografien tauchen unter den tanzenden Menschen auf. Es soll helfen, gute Laune zu tanken und überschüssige, unangenehme Energie rauszulassen.
Nachdem die Musik endet, folgt eine kleine Aufwärmung von Gesicht und Körper, bevor es ans Eingemachte geht. In Gruppen verteilt entwerfen die Mitglieder des Ensembles eigene kurze Szenen mit vorgegebenen Themen.
Traditionen brechen
Zur Zeit meines Besuches ist das kommende Stück, welches am 28.01.2026 Premiere feiert, noch in Entwicklung. Unter den Themen Traditionen und Traditionen brechen, Stimmen und Echo begibt sich das Studierendentheater auf die Suche nach seiner Stimme. Auch in der Probe werden Resonanz, Lautstärke und Intensität ausgetestet: „Wir stellen uns die Frage, welche Stimmen noch gehört werden müssen. Welche sind leise und mit welchen Stimmen kann ein Echo erzeugt werden? Für welche Stimmen wollen wir ein Echo sein?“, erzählt Fanny.
Nachdem die Gruppen in separaten Räumen ihre Szenen entworfen haben, treffen wir uns wieder im Probensaal. Während sich die Gruppe Stimmen mit dem Untergehen von leisen Worten in lautem Tumult und Unachtsamkeit beschäftigt, zeigt die Gruppe Echo eine humorvolle Darstellung von gesellschaftlichen Bubbles und die Resonanz zwischen ihnen am Beispiel von veganer und nicht-veganer Ente zu Weihnachten. Die letzte Gruppe, Traditionen brechen,beginnt mit einer Nachstellung des letzten Abendmahls, bevor Einzelne von ihnen über eine veraltete Tradition sprechen und die Aussagen „Das war schon immer so!“ und „Aber warum?“ einen lauten Schall im Raum hinterlassen, der unter allen Anwesenden nachwirkt.

In der Pause habe ich die Gelegenheit, mit Anja und Janek Deußing, ebenfalls Mitglied des Ensembles, zu sprechen: „Gerade bei Improvisation kann ich Emotionen, die ich am Tag habe, einbringen und durcharbeiten“, sagt Anja. „Ich glaube, das passiert auch viel unterbewusst“, fügt Janek hinzu, meint aber auch: „Man kann auch mal seinen eigenen Gegensatz rauslassen, jemanden, der man eigentlich gar nicht ist.“
Als wir von unserem Gespräch zurückkommen, arbeitet das Ensemble an seiner gemeinsamen Stimme. Mit unterschiedlichen Echo-Übungen leiten Fanny und Ronja Strempek, Körper- und Stimmtrainerin am WUK, die Gruppe zu einer kurzen Untersuchung der Sage von Narziss und Echo. Sie soll als Anregung und Denkanstoß dienen, eine kritische Auseinandersetzung mit vorhandenem Material. Es schwingt eine gewisse Melancholie mit, als Ronja zum Ende der Sage kommt: „Nur Stimme ist übrig und Knochen.“
Das Herz der Probe ist ohne Frage die Entdeckung des neuen Stückes. Das ganze Theater arbeitet an einer Beobachtung von Traditionen und Stimmen, die diese weitertragen.
Nach harter Arbeit und vielen neuen Inspirationen für das noch unbekannte Stück verabschiedet sich das Ensemble im Check-Out, das dem Prinzip des Check-Ins gleicht. Die Körper und Köpfe sind geschafft und dennoch macht sich eine gemeinsame Zufriedenheit im Raum breit. Die Aussicht auf das kommende Stück verbreitet Vorfreude.
Was bleibt, ist das Stück

Das Stück mit dem Arbeitstitel „Brechen“ feiert Premiere am 28.01.2026 und die Entwicklung des Inhalts verspricht eine ehrliche Auseinandersetzung mit den verschiedensten Stimmen unserer Gesellschaft und den Traditionen, die sie aufrechterhalten oder zu brechen versuchen. „Da ist der Chor und der hat eine Stimme. Aber einzelne Individuen treten heraus und suchen ihre Eigene“, erklärt Fanny.
„Kommt zur Premiere, kommt ins Theater“, sagt Renée lächelnd, als ich sie nach ein paar letzten Worten frage, „das freie Theater ist ein wichtiger Ort.“ Eines ist mir nach der Probe klar: das Studierendentheater entwickelt ein Stück, das nicht nur gesehen, sondern gehört wird – und das Echo schallt laut.
Wenn ihr Interesse an Karten für das Stück BRECHEN des Studierendentheaters habt, könnt ihr hier welche im Vorverkauf erwerben!
| Das Studierendentheater der Universität Halle ist Teil des Collegium Musicum der Uni und kreiert jedes Semester eine neue Produktion. Ihre Proben finden jeden Donnerstag während der Vorlesungszeit statt. Die Teilnahme kann sogar als ASQ-Modul angerechnet werden! |
