Dez 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 69 0

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. Nachdem wir in den letzten Ausgaben schon Anton Wilhelm Amo und Dorothea Erxleben präsentiert haben, geht es heute um den langjährigen Leopoldina-Präsidenten Kurt Mothes.

Illustration: Katja Elena Karras

Die Position des Wissenschaftlers ist schwierig, denn zu allen Zeiten ist er Einflüssen von Politik, Militär und Wirtschaft ausgesetzt, immerzu muss er fremde und persönliche Interessen und Ansichten gegen die wissenschaftliche Wahrheit abwägen. Eine erfolgreiche Karriere als Forscher ist immer auch eine Gratwanderung zwischen verschiedenen Welten, ein stetiges Ringen um Anerkennung, Zustimmung und Verständnis. So mancher ist dabei schon gestolpert, und allzu oft erlag die Wissenschaft dem Einfluss von Macht und Geld. Doch gerade in schwierigen Zeiten sind diejenigen, die mit Beharrlichkeit und Einsatz ans Werk gehen, oft erfolgreicher als Mitmacher und Zögerliche. Mögen sie vielleicht manche Fehler und Verfehlungen haben, so haben sie jedoch die unschätzbare Fähigkeit, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun.
Einer dieser Menschen war Kurt Mothes, Professor, Biochemiker und Wissenschaftsdiplomat, Ex-NSDAP-Mitglied und Sanitäter, DDR-Nationalpreisträger und Feind Walter Ulbrichts. Ein Professor aus Halle, der die deutsche Naturwissenschaft in einer schwierigen Zeit zusammenhielt.
Mothes wird 1900 im sächsischen Plauen als Sohn eines Ratsoberinspektors geboren. 1918 legt er sein Notabitur ab, am Krieg muss er aber nicht mehr teilnehmen. Danach beginnt er eine Lehre zum Apotheker, die er 1920 abschließt. Es folgt bis 1925 das Studium der Pharmazie, Pharmakologie, Chemie und Humanphysiologie an der Universität Leipzig und eine anschließende akademische Karriere in Leipzig und Halle. Schon 1928 wird Mothes an der hallischen Friedrichs-Universität habilitiert.
Nach diesem glänzenden akademischen Aufstieg folgt jedoch eines der dunkelsten Kapitel in Mothes« Lebenslauf: Bereits am 1. Mai 1933 wird er Mitglied der NSDAP, später auch der SA. Mothes« genaue Beweggründe lassen sich nicht mehr nachvollziehen, eins jedoch ist sicher: Auch wenn die Wissenschaft die Oberhand über die Politik behielt und der eher unpolitische Akademiker nie durch besonderen Fanatismus auffiel, so bleibt doch ein Fleck auf seiner sonst sauberen Weste.
Trotz zahlreicher Angebote aus Wissenschaft und Wirtschaft bleibt Mothes bis 1934 in Halle, danach wird er Leiter des botanischen Institutes der Albertus-Universität Königsberg. Obwohl Parteimitglied, wird er in dieser Zeit von der Gestapo überwacht; seinen wissenschaftlichen Eifer kann das jedoch nicht bremsen. Neben zahlreichen Expeditionen in ganz Europa beschäftigt er sich in dieser Zeit vor allem mit Pflanzenuntersuchungen und Naturschutz. Am Zweiten Weltkrieg nimmt er zeitweise als Stabsapotheker teil und bleibt, auch nach den Bombardements von 1944, ohne seine Familie im bedrohten Königsberg. Während der sowjetischen Belagerung ist Mothes der letzte Apotheker und Sanitätsverantwortliche der Stadt; 1945 gerät er schließlich in sowjetische Gefangenschaft.
Nach dem Krieg beginnt für ganz Deutschland und auch für Mothes das langsame Werk des Wiederaufbaus. Seit 1949 Staatsbürger der DDR, ist er bis 1957 Abteilungsleiter des Instituts für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben. Dem kleinen Ort bleibt er Zeit seines Lebens verbunden; vom Preisgeld des 1953 an ihn verliehenen Nationalpreises der DDR bezahlt er zwei Glocken für die örtliche Kirche.
Ein Wendepunkt in Mothes« wissenschaftlicher Karriere ist schließlich die erneute Berufung nach Halle. 1958 erhält er die Leitung des Instituts für allgemeine Botanik an der MLU, 1963 wird er der erste deutsche Professor für Pflanzenbiochemie. Um seine Mitarbeiter kümmert er sich dabei mit besonderem Einsatz, sogar für die Putzfrauen gibt es zu Weihnachten ein Huhn. An dem von ihm aufgebauten Institut erforscht er mit seinen Mitarbeitern unter anderem Pflanzenhormone und die Mutationen von Kulturpflanzen durch Gifte wie etwa das in der Herbstzeitlosen vorkommende Colchicin.
Sein mit Abstand wichtigstes Verdienst hat jedoch nichts mit Botanik oder Biochemie zu tun, sondern mit dem Kampf gegen ein wissenschaftlich geteiltes Deutschland. 1954 wird er der zwölfte Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Diese altehrwürdige Institution ist als das Zentrum deutscher Naturwissenschaften bekannt und hat als weltweit älteste Akademie dieser Art einen exzellenten Ruf. Nun jedoch ist ihre Existenz durch die deutsche Teilung gefährdet, und vonseiten der SED droht die endgültige Unterdrückung unabhängigen Forschens. Für Mothes kommt Nachgeben jedoch nicht infrage: Öffentlich und scharf greift er Ulbrichts Politik an und fordert zusammen mit anderen hallischen Professoren die Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaften gegenüber dem Staatsapparat. Dies ist keine ungefährliche Verhaltensweise: Die Stasi versucht in der »Operation Vorgang Komet« ihm und einigen Kollegen Hochverrat nachzuweisen – was unter Umständen die Todesstrafe für den parteifernen Professor hätte bedeuten können. Doch am Ende siegt Mothes« Beharrlichkeit; durch die Einbeziehung von westdeutschen Wissenschaftlern sichert er die Akademie gegenüber dem Regime ab. Dadurch ist die Leopoldina weitgehend frei vom Einfluss der SED. Mehr noch: Durch Mothes« Engagement bleibt die Akademie eine gesamtdeutsche und internationale Gesellschaft, die über den Eisernen Vorhang hinweg wissenschaftlichen Austausch und Kooperation ermöglicht.
Kurt Mothes wird 1966 als Professor emeritiert, Präsident der Leopoldina bleibt er bis 1974. 1983 stirbt er bei einem Spaziergang im vorpommerischen Ahrenshoop, wo er auch begraben liegt. Was bleibt, ist eine in Halle fest verwurzelte Biochemie, ein wissenschaftlich geeintes Deutschland – und das Bild eines Mannes, der trotz mancher Widersprüche und dunkler Flecken Beharrlichkeit, Ausdauer und Mut bewies – ein Wissenschaftler, der den Grat bezwang.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 17.12. 2016 | Bearbeitet: 03.01. 2017 18:58