Bretter, die die Welt bedeu­ten. Wer dar­auf ste­hen will, hat einen har­ten Kampf vor sich. Auf etwa acht bis zehn Studienplätze an staat­li­chen Schulen im Bereich Schauspiel kom­men cir­ca 1000 Bewerber:innen. Nicht sel­ten stellt man sich die Frage, was man machen soll, wenn man es nicht schafft. Ich habe es geschafft – bei mei­nem letz­ten Versuch nach ins­ge­samt 21 Vorsprechen.

„Danke, das reicht. Wir mel­den uns“, sagt der Mann mitt­le­ren Alters. In der Hand hält er eine Stoppuhr. Zwei Minuten hat­te ich Zeit, die Jury von mir zu über­zeu­gen. Dass mei­ne heu­ti­ge schau­spie­le­ri­sche Leistung nicht gereicht hat­te, wuss­te ich jetzt schon. Ich bin nicht rich­tig rein­ge­kom­men. Dann heißt es war­ten. Ich unter­hal­te mich mit den ande­ren Bewerber:innen und erfah­re, dass man­che schon über 30 Mal vor­ge­spro­chen haben. Ich schlu­cke. Vorsprechen kos­te­te nicht nur Nerven, son­dern auch eine Menge Geld. Nicht nur, dass man anrei­sen muss, fast jede Schauspielschule ver­langt eine Bearbeitungsgebühr von 50 Euro. Das wird mit der Zeit ganz schön teu­er, denn zwölf Vorsprechen bis zur end­gül­ti­gen Aufnahme sind kei­ne Seltenheit. Und von Mal zu Mal wird man unge­dul­di­ger, zwei­felt an sich und denkt sogar ans Aufgeben. Vielleicht wünscht man sich ins­ge­heim, doch lie­ber einen ganz nor­ma­len Beruf zu ergrei­fen. Die Krux: Viele begin­nen ein ande­res Studium und stel­len schließ­lich fest, dass die Schauspielerei im Hinterkopf immer noch da ist. Und dann gehen sie erneut vorsprechen.

Szenenfoto aus „Familie Schroffenstein“ an der Akademie für Darstellende Kunst Bayern. Foto: Fritz Barth

Am Anfang hat mir das Vorsprechen Spaß gemacht. Zwei Monologe, ein Lied – easy. Ich war schon immer in ver­schie­de­nen Theaterclubs und habe mich auf der Bühne aus­ge­tobt. Aber in den Spielclubs war das anders, da ging es nicht um die beruf­li­che Zukunft. Jetzt ste­he ich plötz­lich vor Theaterleuten, die ich über­zeu­gen muss­te, weil sie über mei­ne Existenz ent­schei­den. Und Bühnenmenschen sind sowohl anspruchs­voll als auch unbe­re­chen­bar. Ich erin­ne­re mich an ein Vorsprechen, da haben sie zu einem ande­ren Bewerber gesagt: „Sehen Sie die Bäckerei da drü­ben auf der ande­ren Straßenseite? Versuchen Sie es doch mal dort.“

Oder: „Am Anfang ist es ganz inter­es­sant, was Sie machen, aber dann wird es ner­vig.“ Zu mir waren sie nie so gemein. Einmal frag­te aller­dings ein Kommissionsmitglied in die Runde der ande­ren Bewerber:innen, ob das Gefühl, dass ich trans­por­tie­ren woll­te, auch bei ihnen nicht ange­kom­men wäre. Aber sol­che Rückmeldungen müs­sen sich die meis­ten anhö­ren. Bei der nächs­ten oder über­nächs­ten Schule wer­den sie für ihr Können mit­un­ter gelobt oder im bes­ten Fall sogar mit einer Aufnahme belohnt.

„In ist, wer drin ist“ – oder glücklich

Vorsprechen sind in drei bis vier Etappen unter­teilt. In der ers­ten Runde spricht man einen Monolog, wobei man jeder­zeit von den Dozierenden unter­bro­chen wer­den kann. Manchmal stop­pen sie schon nach 30 Sekunden, weil sie Talent gewit­tert haben oder das Gegenteil. Wenn man die ers­te Runde über- bezie­hungs­wei­se bestan­den hat, arbei­ten die Dozierenden nor­ma­ler­wei­se in der nächs­ten mit den Vorsprechenden. Meistens stel­len sie die ande­ren Studierenden des ers­ten Jahres zur Verfügung und man muss an und mit ihnen das eige­ne Können unter Beweis stel­len. Das kann zum Beispiel so aus­se­hen, dass man aus den mit­ge­brach­ten Monologtexten etwas Neues kre­ieren soll und sich plötz­lich in der Rolle des:der Liebenden wie­der­fin­det, obwohl der Text eigent­lich von Mord und Totschlag han­delt. Oft ist die­se zwei­te Runde abends, nach­dem man zwi­schen­durch fünf Stunden gewar­tet hat und die Energie am Boden ist. Wenn man sich aber noch ein­mal auf­raf­fen und die Dozierenden über­zeu­gen kann, dann war­tet die Endrunde.

Hier wird noch ein­mal alles auf den Prüfstand gestellt: die Monologe und Improvisationsfähigkeiten, die Stimme und das Zusammenspiel mit ande­ren. Am Ende des Tages oder Wochenende, so auch bei mir, bekommt man das Ergebnis. Die Namen wer­den vor­ge­le­sen und man kann es sich viel­leicht vor­stel­len: Für die Angenommenen war es wie Weihnachten, Geburtstag und noch­mal Weihnachten zusam­men. Auch wenn das für die ande­ren Bewerbenden bedeu­te­te, für den eige­nen Traum wie­der von Schule zu Schule zu zie­hen zu müs­sen. Natürlich kann man auch eine Ausbildung an einer pri­va­ten Schauspielschule machen, aber die Möglichkeiten danach sind begrenzt. Nicht nur, weil die Ausbildungskosten von cir­ca 500 Euro oder mehr pro Monat immens sind, son­dern da sich vie­le Theater oder Filmemacher:innen die Abschlusszeugnisse von Privatschulen gar nicht erst anschau­en. Der Grund dafür ist, dass die Studierenden dort oft schon nach einem Monolog auf­ge­nom­men wer­den und dass sie – unab­hän­gig davon, ob sie talen­tiert sind oder nicht – die Schule und ihre Angestellten finan­zie­ren. Auch dort gibt es dort gute Schauspieler:innen, aber wenn ein Theater die Wahl zwi­schen staat­li­chen und pri­va­ten Absolvent:innen hat, wird es in der Regel immer ers­te­re vor­zie­hen. Und das Business ist auch als Alumni einer renom­mier­ten Schauspielschule hart.

Ich spreche, also bin ich

Szenenfoto aus „Max und Moritz“. Foto: Werner Hofbauer

Jede Schauspielschule ist unter­schied­lich und setzt ande­re Schwerpunkte, aber eini­ge Fächer sind ähn­lich. An mei­ner Schauspielschule wur­de zum Beispiel viel Wert auf das Sprechen gelegt. So hat­ten wir schon im ers­ten Jahr Gruppen- und Kleingruppensprechen und im zwei­ten Jahr mehr­mals in der Woche Einzelsprechen. Das war den Lehrenden wich­tig, damit wir am Ende alle die Bühnensprache beherrsch­ten. Im Sprechunterricht geht es dar­um, gut arti­ku­lie­ren zu kön­nen und auf der Bühne prä­sent, authen­tisch und stimm­lich fit zu sein. Da immer mehr Theater Wert auf musi­ka­li­sche Fähigkeiten legen, wur­den wir auch im Gesang aus­ge­bil­det. Wer mehr als das woll­te, hat­te die Möglichkeit, das Wahlfach Musical zu bele­gen. Diejenigen, die ger­ne Texte ver­fass­ten, beleg­ten Szenisches Schreiben und ver­such­ten sich am Kreieren eige­ner Theaterstücke.

Außerdem hat­ten wir eini­ge Bewegungsfächer wie Tanztheater, Fechten oder zeit­ge­nös­si­schen Tanz.

Da auch die Theorie nicht zu kurz kom­men soll­te, wur­den wir in Theatergeschichte sowie der Stanislawski- und Brecht-Methode unter­rich­tet. Doch das Klischee, dass Schauspieler:innen eher pra­xis­na­he Menschen sind und sich ger­ne von der Theorie fern­hal­ten, kann ich bestä­ti­gen. Drei Stunden Theatergeschichte an einem Freitagnachmittag kön­nen aber auch wirk­lich anstren­gend sein!

Über jaulende Hunde und zu wenig Rückzugsräume

Die größ­te Hürde war wahr­schein­lich Corona. Das Schauspielstudium vor den Bildschirmen statt­fin­den zu las­sen, war für die Dozierenden als auch die Studierenden in vie­ler­lei Hinsicht eine Qual. Ich weiß noch, wie ich kurz vor dem ers­ten Lockdown scherz­haft zu mei­ner Dozentin sag­te: „Wir sehen uns dann auf Skype“. Eine Woche spä­ter saßen wir uns wie­der gegen­über – online. In den fol­gen­den Monaten pro­bier­te, tanz­te, sang und blub­ber­te ich in mei­nen LaxVox vor dem Bildschirm. Noch dazu bin ich wäh­rend des ers­ten Lockdowns umge­zo­gen und muss­te die Zeit zwi­schen­drin bei mei­ner Familie über­brü­cken. Besonders unan­ge­nehm: Als ich mei­ne Gesangsübungen machen soll­te und mei­ne Dozentin mich mit „Ein biss­chen lau­ter“ ermu­tig­te, das bis dato fried­li­ches Haus aus sei­ner har­mo­ni­schen Ruhe zu rei­ßen, fand mein Hund das damals so unbe­hag­lich, dass er ein Stockwerk höher enthu­si­as­tisch mit­jaul­te. Während ich bei mei­ner Familie immer­hin genü­gend Platz zum Tanzen hat­te, durf­te ich mich wäh­rend des zwei­ten Lockdowns mit deut­lich weni­ger Platz in mei­ner eige­nen Wohnung begnü­gen. Die Not macht aller­dings erfin­de­risch und so wur­den Ofen, Schränke und Ablageflächen zweck­ent­frem­det und in die ein oder ande­re Performance miteingebaut.

Die unendliche Reise

Wer denkt, dass man nach der Aufnahme an einer Schauspielschule nie wie­der vor­spre­chen muss, der irrt. Denn kurz vor dem Abschluss geht es wie­der los und man bewirbt sich an ver­schie­de­nen Theatern. Alternativ kann man sich auch bei Agenturen vor­stel­len oder Bewerbungen für Film und Fernsehen ver­schi­cken. Und wenn sich Theater für die Absolvierenden inter­es­sie­ren, dann sind sie mit ihrem Repertoire an Monologen und Liedern wie­der unter­wegs. Einen Grund zum Aufatmen gibt es sel­ten, denn die Verträge sind meist auf zwei Jahre befris­tet und die Unkündbarkeit greift erst nach 15 Jahren am sel­ben Haus. Das klingt zunächst hart, aber es gibt Intendant:innen, die die­sen Umstand aus­nut­zen. Viele wol­len sich ver­ewi­gen oder das Ensemble ihres ehe­ma­li­gen Hauses mit­brin­gen und kün­di­gen bei Antritt dann eben auch mal das hal­be Ensemble. Für die Gekündigten bedeu­tet das, dass sie sich nach einem neu­en Theater bezie­hungs­wei­se Wohnort umschau­en müs­sen. Für Alleinstehende kann das eine Chance bedeu­ten, aber für Schauspieler:innen mit Familie ist das eine enor­me Herausforderung. Abgesehen davon sind auch die Arbeitszeiten nicht unbe­dingt fami­li­en­freund­lich: Tagsüber arbei­tet man in zwei Blöcken von 10.00 bis 14.00 und 18.00 bis 22.00 Uhr. Hinzu kom­men Vorstellungen, die größ­ten­teils am Wochenende statt­fin­den. Vor Corona war es üblich, dass sich vie­le Schauspieler:innen auch krank auf die Bühne geschleppt haben, weil Krankheit in der Regel Ausfall bedeu­te­te. Früher hieß es, dass man ein oder zwei Mal krank sein darf, aber dann kann es vor­kom­men, dass auch der Vertrag nicht ver­län­gert wird.

Vor der Schauspielschule | Nach der Schauspielschule. Illustration: Ann-Kathrin Falkenthal

Schauspielen muss man wirk­lich wol­len, denn reich wird man in den sel­tens­ten Fällen. Zumindest nicht durch Geld. Es ist nie ver­kehrt und nicht ver­werf­lich, einen Plan B zu haben. Ich habe schon von Schauspieler:innen gehört, die in der Innenarchitektur oder in der Öffentlichkeitsarbeit ihre neue Leidenschaft gefun­den haben, weil es zudem sicher und mit der Familie ver­ein­bar ist.

Ich stu­die­re heu­te nach mei­nem abge­schlos­se­nen Schauspielstudium Sprechwissenschaft, um dem­nächst zukünf­ti­gen Schauspieler:innen die Bühnensprache und ‑prä­senz näher brin­gen zu kön­nen. Aber wie ich oben schon erwähnt habe – auch bei mir schlum­mert die Schauspielerei noch im Hinterkopf. Wer weiß, ob ich mich in Zukunft nicht doch wie­der mit Monologen, Liedern und einem Pfündchen Hoffnung im Gepäck an Theatern bewer­be. Bisher bin ich aber glück­lich mit mei­ner Entscheidung. Sie fühlt sich für mich auch nicht nach Aufgeben an, son­dern nach Weiterentwickeln.

Text: Ann-Kathrin Falkenthal

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