Am Domplatz in Halle fin­det man die zoo­lo­gi­sche Sammlung der MLU mit aller­lei Präparaten aus dem Reich der Tiere. Diese die­nen nicht mehr nur der bio­lo­gi­schen Forschung, son­dern auch Künstler:innen als Modell.

In einer Zeit vor dem Internet konn­ten Studierende der Zoologie nicht jeder­zeit abru­fen, wie wel­ches Geschöpf der Natur aus­sieht, mit wel­cher Größe es vor einem steht oder wie sein Fell, sei­ne Federn oder Schuppen beschaf­fen sind. Dazu war es nötig, eine Sammlung zu besu­chen, die eine mög­lichst aus­führ­li­che Aufstellung von Präparaten zusammentrug.

Helene zwi­schen Bären und Dachsen. Foto: Stefan Kranz

Auch die MLU hat eine sol­che Kollektion, das Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen oder kurz ZNS. Am Domplatz, zu Fuß nur fünf Minuten vom Markt ent­fernt, heißt das Gebäude auch heu­te noch Studierende, zum Beispiel für Bestimmungsübungen, will­kom­men. Aber auch all­ge­mei­ne Gäste, die die Exponate anse­hen wol­len, kön­nen sich zu Führungen anmel­den. Einmal monat­lich gibt es zudem einen beson­de­ren Programmpunkt: den Zeichenclub, ins Leben geru­fen von Sarah Kaufhold. Sie stu­diert Geographie an der MLU, ist aber auch gelern­te Tierpräparatorin. „Ganz ego­is­tisch betrach­tet, woll­te ich einen Grund haben, um selbst mehr zu zeich­nen. Aber ich woll­te auch einen Ort der Begegnung schaf­fen [und] die Präparate und Objektgruppen der Sammlung den Interessierten erklä­ren“, schil­dert sie.

Für Kunstschaffende bie­tet sich damit die Möglichkeit, ihr Wissen über tie­ri­sche Anatomie zu ver­tie­fen. In jeder Stunde wird eine neue Ebene der Tiere betrach­tet, so wie sie auch ein Präparator durch­ge­hen wür­de. Angefangen bei den Skeletten, über die Muskulatur, die durch einen Hartschaumkörper dar­ge­stellt wird, bis hin zum Fell, das zum Schluss dar­über gespannt wird. Durch die­sen Blick in das Innere der Tiere erhal­te man ein bes­se­res Verständnis, wie Bewegung, Pose und Form zusam­men­hän­gen, sagt eine der Teilnehmenden.

Begegnung für Gleichgesinnte

Sarah Kaufhold, Präparatorin, Geographiestudentin und Begründerin des Zeichenclubs. Foto: Sarah Kaufhold

Jede Zeichenstunde wür­de in der Regel von cir­ca zehn Teilnehmenden besucht, erzählt Sarah, die ein­zel­nen Menschen wech­sel­ten dabei aber durch. Die WhatsApp-Gruppe, in der sie sich aus­tau­schen, habe über vier­zig Mitglieder. „Ich bin im Lockdown zuge­zo­gen und hat­te hier wenig Kontakte. Da hat [der Club] sich dann, wie ein Selbstläufer, über die Burg ver­brei­tet. Es ist Zufall, dass es da Kontakte gab und noch mehr ent­stan­den sind“, erzählt Sarah von den Anfängen des Zeichenclubs im Oktober 2023: „Ich hat­te wirk­lich nur eine Handvoll Personen, die ich kon­tak­tie­ren konn­te, und dann ist es ein­fach grö­ßer gewor­den.“ Dabei kom­men aller­dings nicht nur Studierende der Kunsthochschule in die Zeichenstunden, son­dern Zeichner:innen unter­schied­lichs­ter Hintergründe. Die Stunden sei­en all­ge­mein ein „Ort der Begegnung für Gleichgesinnte“.

„Am Anfang haben wir uns ein­fach in die Sammlung gesetzt“, erin­nert sich Sarah, und auch wenn sich wei­ter­hin ein­zel­ne in die Hallen mit den Vitrinen bege­ben, um die Exponate hin­ter Glas zu zeich­nen, grenzt das die Möglichkeiten ein: „Man ist limi­tiert auf die drei Ebenen der Regale, und die Sachen, die wei­ter oben ste­hen, sind dann per­spek­ti­visch ver­zerrt. Und die Spiegelung nervt auch.“ So hat sich das gemein­sa­me Zeichnen in einen extra Raum ver­la­gert, in dem auch jedes Mal ein Kuchen für die Teilnehmenden bereitsteht.

Korrekte Anatomie macht Zeichnungen leben­di­ger. Foto: Stefan Kranz

Ein Unterrichtskurs sei die Zeichenstunde nicht, stellt Sarah klar, künst­le­ri­sche Techniken kön­ne sie nicht ver­mit­teln. Stattdessen zeigt sie die Ausstellungsstücke, Totenmasken und Abgüsse und gibt wei­te­re Einblicke in die Arbeit der Präparator:innen. „Ich beschäf­ti­ge mich, wegen mei­nes beruf­li­chen Hintergrunds, schon lan­ge mit der Sammlung und Präparation und woll­te das Bild, wie das Präparat, von innen nach außen auf­bau­en. Dazu gab es dann eine Kooperation mit dem Kustos der Sammlung, Dr. Hendrik Müller. Da haben wir uns erst Skelette ange­guckt und heu­te sind die Formen dran, die die Präparate dann aus­fül­len. Das ent­spricht ja ein biss­chen der Muskulatur“, sagt sie. Diese redu­zier­te Form der Anatomie mache es leich­ter zu ver­ste­hen, was man eigent­lich sieht. Durch das Studieren des Inneren ver­ste­he man, war­um das Tier von außen so aus­sieht, wie es aussieht.

Gute Präparate fan­gen das Leben ein. Foto: Stefan Kranz

Nach einer klei­nen Einführung zu den Tierformen, die in die­ser Zeichenstunde im Fokus ste­hen, ver­streut sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden. Einige hören wei­ter Sarahs Erklärungen zu oder stel­len ver­tie­fen­de Fragen und genie­ßen Kuchen, Kekse und Gemeinschaft. Die meis­ten ver­tei­len sich an den Tischen um die Tierformen oder Abgüsse, um sie als Vorlage zu nut­zen. Fertige Präparate ver­blei­ben in den Vitrinen, um die emp­find­li­chen und teils sehr alten Exponate vor Beschädigung durch Laienhände zu schüt­zen. Die Modelle, die für die Zeichenstunde her­aus­ge­sucht wur­den, kön­nen dage­gen berührt, gedreht und aus allen Winkeln betrach­tet wer­den. Ein brei­tes Spektrum von Materialien und Stilen ist ver­tre­ten: von Bleistift bis iPad, von Aquarell bis Zeichenkohle. Manche bil­den ihre Vorlagen rea­lis­tisch ab und stu­die­ren jeden Schattenfall, ande­re abs­tra­hie­ren die Tiere zu Comicfiguren.

Vitrinen voller Motive

Hanno stu­diert die Exponate im Säugersaal. Foto: Stefan Kranz

Einzelne spal­ten sich mit ihrem Skizzenbuch doch in die Vitrinensammlung ab. Die Per­spektive mag dort ein­ge­schränkt sein, aber dafür hat man die Möglichkeit, die bun­tes­ten Vögel aus der Nähe vor sich zu betrach­ten, ohne dass sie weg­flie­gen. „Wenn ich zuhau­se rum­sit­ze, weiß ich nicht, was ich zeich­nen soll, fin­de kei­ne Motive“, sagt Hanno, wäh­rend er vor einer Vitrine im Säugetiersaal steht. Hier wen­det sich sein Blick gar nicht von sei­nem Motiv ab, wäh­rend sei­ne Hand die Umrisse eines Nashorns skiz­ziert: „Es gibt Leute, die sich auf ein Präparat fixie­ren und da den gan­zen Tag dran sit­zen. Ich ren­ne durch die Gegend und ver­su­che so vie­le wie mög­lich zu zeich­nen, auch mit ganz ver­schie­de­nen Stiften, damit man immer ein biss­chen ein­ge­schränkt ist.“ Ebenso ver­tieft sitzt Helene zwi­schen Bären und Dachsen: „Ich fin­de Menschen und Tiere ein­fach inter­es­sant zu zeich­nen. Dabei kann ich das gar nicht so gut, weil so viel Leben drin steckt“, sagt sie.

Velozee und die Viecher

Eine wei­te­re häu­fi­ge Gästin ist Sandra Hähle. Sie ist Grafikerin und Illustratorin aus Leipzig und hat sich unter dem Namen Velozee auf Wissensvermittlung und wis­sen­schaft­li­ches Zeichnen spe­zia­li­siert, beson­ders auf, in ihren eige­nen Worten: „Viecher“.

Die Schwimmratte, poten­zi­el­ler Protagonist in Hannos nächs­tem Cartoon. Foto: Stefan Kranz

Dieses Leben mit ein­zu­fan­gen, sei die Aufgabe guter Präparator:innen, erzählt Sarah bei einem Rundgang durch die Säle. Auf die Frage nach ihrem Lieblingspräparat zeigt sie in fast jedem Regal auf eines, bevor sie sich selbst in ihrer Begeisterung stoppt. „Das hier ist ein ganz fan­tas­ti­sches“, zeigt sie bei zwei Wild­pferden: „Da hat der Präparator Wert dar­auf gelegt, die Falten an den Nüstern zu model­lie­ren, hier die Ader, das Auge ist so wach.“ Vor allem älte­re Präparate sind dage­gen manch­mal ver­zerrt und gro­tesk. „In sol­chen Fällen wur­de nicht bedacht, dass die Haut noch bis zu 20 Prozent schrumpft“, erklärt Sarah als gelern­te Tierpräparatorin. Aber auch sol­che Ausstellungsstücke fin­den Anklang. „Sieht fast ein biss­chen Meme-mäßig aus. Der hier hat zum Beispiel immer eine Existenz­krise“, sagt Sarah, und auch Hanno freut sich beson­ders über die car­toon­ar­tig ver­zerr­ten Gesichtsausdrücke einer Schwimmratte.

Sarah und den Zeichenclub kennt sie aus Seminaren über Wissenschaftskommunikation. Mit ihrer Reichweite als Künstlerin half sie anfangs den Club bekann­ter zu machen: „Man hat ja dann doch ein paar Künstler-Connections […] und gera­de, wenn Leute kei­ne klas­si­sche Kunstausbildung haben, ist es eine ziem­lich ein­ma­li­ge Chance, an sol­che Sache hier her­an­zu­kom­men und vor allem auch Fragen stel­len zu kön­nen.“ Natürlich kann man auch viel in Büchern oder dem Internet fin­den, aber die Objekte tat­säch­lich vor sich zu haben, spe­zi­ell in Form von Präparationen, sei doch noch etwas anderes.

Sandra „Velozee“ Hähle mit einem ihrer Viecher. Foto: Stefan Kranz

Vor allem betont Sandra noch ein­mal die ein­zig­ar­ti­ge Gelegenheit, die sich hier bie­tet. Zwar öff­nen auch ande­re Sammlungen ihre Türen für Kunstschaffende, aber der Fokus sei dann meis­tens ein ande­rer: „In London gibt es zum Beispiel Sammlungen […], da kann man als Student rein­ge­hen und sich Sachen raus­ge­ben las­sen, weil das Zeichnen zum Studium der Naturwissenschaften gehört. In ande­ren Kursen ist es nicht so, dass man sich das auf eine wis­sen­schaft­li­che Weise erar­bei­tet, son­dern das sind Kurse, die sich an Hobbymaler rich­ten. Das merkt man dann schon dar­an, dass sie meh­re­re hun­dert Euro kos­ten.“ Entsprechend begeis­tert ist sie, hier in einer Lehrsammlung frei zeich­nen zu kön­nen, wäh­rend Expert:innen wie Sarah dabei sind, um Fragen zu beantworten.

Mehr als eine Sammlung

Durch Sarahs Vision des Zeichenclubs ist das ZNS nicht mehr nur eine Sammlung von Exponaten in Vitrinen und eine Zeitkapsel für Zoolog:innen. Ihr Engagement, Wissen und Kuchen haben es zu einem Ort für Begegnungen und krea­ti­ve Impulse erwei­tert. Monatlich zieht es neue Menschen an, die die Gelegenheit nut­zen wol­len und die­sen Raum zum Zeichnen in Anspruch nehmen.

Fern von ein­ge­staub­ten Vitrinen, Kunst und Naturwissenschaft Hand in Hand. Foto: Alex Behrend

Allerdings neigt sich Sarahs Geographiestudium dem Ende, und die Zukunft des Zeichenclubs ist damit unge­wiss. Nicht nur ist es ein orga­ni­sa­to­ri­scher Aufwand, die Stunden vor­zu­be­rei­ten und zum Beispiel die Modelle her­aus­zu­stel­len, son­dern es müss­te sich das vor allem auch jemand auf­bür­den, der die nöti­gen Berechtigungen und Schlüssel in der Sammlung hat und auch weiß, wie man die Präparate behan­deln muss.

Es wäre scha­de, wenn sich die Gelegenheit, im zoo­lo­gi­schen Sammlungssaal Inspiration zu sam­meln, wie­der schlös­se. Doch dann gilt es, sie aus­zu­kos­ten, solan­ge die Türen offenstehen.

Text: Stefan Kranz

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