Am Domplatz in Halle findet man die zoologische Sammlung der MLU mit allerlei Präparaten aus dem Reich der Tiere. Diese dienen nicht mehr nur der biologischen Forschung, sondern auch Künstler:innen als Modell.
In einer Zeit vor dem Internet konnten Studierende der Zoologie nicht jederzeit abrufen, wie welches Geschöpf der Natur aussieht, mit welcher Größe es vor einem steht oder wie sein Fell, seine Federn oder Schuppen beschaffen sind. Dazu war es nötig, eine Sammlung zu besuchen, die eine möglichst ausführliche Aufstellung von Präparaten zusammentrug.

Auch die MLU hat eine solche Kollektion, das Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen oder kurz ZNS. Am Domplatz, zu Fuß nur fünf Minuten vom Markt entfernt, heißt das Gebäude auch heute noch Studierende, zum Beispiel für Bestimmungsübungen, willkommen. Aber auch allgemeine Gäste, die die Exponate ansehen wollen, können sich zu Führungen anmelden. Einmal monatlich gibt es zudem einen besonderen Programmpunkt: den Zeichenclub, ins Leben gerufen von Sarah Kaufhold. Sie studiert Geographie an der MLU, ist aber auch gelernte Tierpräparatorin. „Ganz egoistisch betrachtet, wollte ich einen Grund haben, um selbst mehr zu zeichnen. Aber ich wollte auch einen Ort der Begegnung schaffen [und] die Präparate und Objektgruppen der Sammlung den Interessierten erklären“, schildert sie.
Für Kunstschaffende bietet sich damit die Möglichkeit, ihr Wissen über tierische Anatomie zu vertiefen. In jeder Stunde wird eine neue Ebene der Tiere betrachtet, so wie sie auch ein Präparator durchgehen würde. Angefangen bei den Skeletten, über die Muskulatur, die durch einen Hartschaumkörper dargestellt wird, bis hin zum Fell, das zum Schluss darüber gespannt wird. Durch diesen Blick in das Innere der Tiere erhalte man ein besseres Verständnis, wie Bewegung, Pose und Form zusammenhängen, sagt eine der Teilnehmenden.
Begegnung für Gleichgesinnte

Jede Zeichenstunde würde in der Regel von circa zehn Teilnehmenden besucht, erzählt Sarah, die einzelnen Menschen wechselten dabei aber durch. Die WhatsApp-Gruppe, in der sie sich austauschen, habe über vierzig Mitglieder. „Ich bin im Lockdown zugezogen und hatte hier wenig Kontakte. Da hat [der Club] sich dann, wie ein Selbstläufer, über die Burg verbreitet. Es ist Zufall, dass es da Kontakte gab und noch mehr entstanden sind“, erzählt Sarah von den Anfängen des Zeichenclubs im Oktober 2023: „Ich hatte wirklich nur eine Handvoll Personen, die ich kontaktieren konnte, und dann ist es einfach größer geworden.“ Dabei kommen allerdings nicht nur Studierende der Kunsthochschule in die Zeichenstunden, sondern Zeichner:innen unterschiedlichster Hintergründe. Die Stunden seien allgemein ein „Ort der Begegnung für Gleichgesinnte“.
„Am Anfang haben wir uns einfach in die Sammlung gesetzt“, erinnert sich Sarah, und auch wenn sich weiterhin einzelne in die Hallen mit den Vitrinen begeben, um die Exponate hinter Glas zu zeichnen, grenzt das die Möglichkeiten ein: „Man ist limitiert auf die drei Ebenen der Regale, und die Sachen, die weiter oben stehen, sind dann perspektivisch verzerrt. Und die Spiegelung nervt auch.“ So hat sich das gemeinsame Zeichnen in einen extra Raum verlagert, in dem auch jedes Mal ein Kuchen für die Teilnehmenden bereitsteht.

Ein Unterrichtskurs sei die Zeichenstunde nicht, stellt Sarah klar, künstlerische Techniken könne sie nicht vermitteln. Stattdessen zeigt sie die Ausstellungsstücke, Totenmasken und Abgüsse und gibt weitere Einblicke in die Arbeit der Präparator:innen. „Ich beschäftige mich, wegen meines beruflichen Hintergrunds, schon lange mit der Sammlung und Präparation und wollte das Bild, wie das Präparat, von innen nach außen aufbauen. Dazu gab es dann eine Kooperation mit dem Kustos der Sammlung, Dr. Hendrik Müller. Da haben wir uns erst Skelette angeguckt und heute sind die Formen dran, die die Präparate dann ausfüllen. Das entspricht ja ein bisschen der Muskulatur“, sagt sie. Diese reduzierte Form der Anatomie mache es leichter zu verstehen, was man eigentlich sieht. Durch das Studieren des Inneren verstehe man, warum das Tier von außen so aussieht, wie es aussieht.

Nach einer kleinen Einführung zu den Tierformen, die in dieser Zeichenstunde im Fokus stehen, verstreut sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden. Einige hören weiter Sarahs Erklärungen zu oder stellen vertiefende Fragen und genießen Kuchen, Kekse und Gemeinschaft. Die meisten verteilen sich an den Tischen um die Tierformen oder Abgüsse, um sie als Vorlage zu nutzen. Fertige Präparate verbleiben in den Vitrinen, um die empfindlichen und teils sehr alten Exponate vor Beschädigung durch Laienhände zu schützen. Die Modelle, die für die Zeichenstunde herausgesucht wurden, können dagegen berührt, gedreht und aus allen Winkeln betrachtet werden. Ein breites Spektrum von Materialien und Stilen ist vertreten: von Bleistift bis iPad, von Aquarell bis Zeichenkohle. Manche bilden ihre Vorlagen realistisch ab und studieren jeden Schattenfall, andere abstrahieren die Tiere zu Comicfiguren.
Vitrinen voller Motive

Einzelne spalten sich mit ihrem Skizzenbuch doch in die Vitrinensammlung ab. Die Perspektive mag dort eingeschränkt sein, aber dafür hat man die Möglichkeit, die buntesten Vögel aus der Nähe vor sich zu betrachten, ohne dass sie wegfliegen. „Wenn ich zuhause rumsitze, weiß ich nicht, was ich zeichnen soll, finde keine Motive“, sagt Hanno, während er vor einer Vitrine im Säugetiersaal steht. Hier wendet sich sein Blick gar nicht von seinem Motiv ab, während seine Hand die Umrisse eines Nashorns skizziert: „Es gibt Leute, die sich auf ein Präparat fixieren und da den ganzen Tag dran sitzen. Ich renne durch die Gegend und versuche so viele wie möglich zu zeichnen, auch mit ganz verschiedenen Stiften, damit man immer ein bisschen eingeschränkt ist.“ Ebenso vertieft sitzt Helene zwischen Bären und Dachsen: „Ich finde Menschen und Tiere einfach interessant zu zeichnen. Dabei kann ich das gar nicht so gut, weil so viel Leben drin steckt“, sagt sie.
Velozee und die Viecher
Eine weitere häufige Gästin ist Sandra Hähle. Sie ist Grafikerin und Illustratorin aus Leipzig und hat sich unter dem Namen Velozee auf Wissensvermittlung und wissenschaftliches Zeichnen spezialisiert, besonders auf, in ihren eigenen Worten: „Viecher“.

Dieses Leben mit einzufangen, sei die Aufgabe guter Präparator:innen, erzählt Sarah bei einem Rundgang durch die Säle. Auf die Frage nach ihrem Lieblingspräparat zeigt sie in fast jedem Regal auf eines, bevor sie sich selbst in ihrer Begeisterung stoppt. „Das hier ist ein ganz fantastisches“, zeigt sie bei zwei Wildpferden: „Da hat der Präparator Wert darauf gelegt, die Falten an den Nüstern zu modellieren, hier die Ader, das Auge ist so wach.“ Vor allem ältere Präparate sind dagegen manchmal verzerrt und grotesk. „In solchen Fällen wurde nicht bedacht, dass die Haut noch bis zu 20 Prozent schrumpft“, erklärt Sarah als gelernte Tierpräparatorin. Aber auch solche Ausstellungsstücke finden Anklang. „Sieht fast ein bisschen Meme-mäßig aus. Der hier hat zum Beispiel immer eine Existenzkrise“, sagt Sarah, und auch Hanno freut sich besonders über die cartoonartig verzerrten Gesichtsausdrücke einer Schwimmratte.
Sarah und den Zeichenclub kennt sie aus Seminaren über Wissenschaftskommunikation. Mit ihrer Reichweite als Künstlerin half sie anfangs den Club bekannter zu machen: „Man hat ja dann doch ein paar Künstler-Connections […] und gerade, wenn Leute keine klassische Kunstausbildung haben, ist es eine ziemlich einmalige Chance, an solche Sache hier heranzukommen und vor allem auch Fragen stellen zu können.“ Natürlich kann man auch viel in Büchern oder dem Internet finden, aber die Objekte tatsächlich vor sich zu haben, speziell in Form von Präparationen, sei doch noch etwas anderes.

Vor allem betont Sandra noch einmal die einzigartige Gelegenheit, die sich hier bietet. Zwar öffnen auch andere Sammlungen ihre Türen für Kunstschaffende, aber der Fokus sei dann meistens ein anderer: „In London gibt es zum Beispiel Sammlungen […], da kann man als Student reingehen und sich Sachen rausgeben lassen, weil das Zeichnen zum Studium der Naturwissenschaften gehört. In anderen Kursen ist es nicht so, dass man sich das auf eine wissenschaftliche Weise erarbeitet, sondern das sind Kurse, die sich an Hobbymaler richten. Das merkt man dann schon daran, dass sie mehrere hundert Euro kosten.“ Entsprechend begeistert ist sie, hier in einer Lehrsammlung frei zeichnen zu können, während Expert:innen wie Sarah dabei sind, um Fragen zu beantworten.
Mehr als eine Sammlung
Durch Sarahs Vision des Zeichenclubs ist das ZNS nicht mehr nur eine Sammlung von Exponaten in Vitrinen und eine Zeitkapsel für Zoolog:innen. Ihr Engagement, Wissen und Kuchen haben es zu einem Ort für Begegnungen und kreative Impulse erweitert. Monatlich zieht es neue Menschen an, die die Gelegenheit nutzen wollen und diesen Raum zum Zeichnen in Anspruch nehmen.

Allerdings neigt sich Sarahs Geographiestudium dem Ende, und die Zukunft des Zeichenclubs ist damit ungewiss. Nicht nur ist es ein organisatorischer Aufwand, die Stunden vorzubereiten und zum Beispiel die Modelle herauszustellen, sondern es müsste sich das vor allem auch jemand aufbürden, der die nötigen Berechtigungen und Schlüssel in der Sammlung hat und auch weiß, wie man die Präparate behandeln muss.
Es wäre schade, wenn sich die Gelegenheit, im zoologischen Sammlungssaal Inspiration zu sammeln, wieder schlösse. Doch dann gilt es, sie auszukosten, solange die Türen offenstehen.
Text: Stefan Kranz