Hinweis: Dieser Artikel thematisiert sexuelle Gewalt
Reicht ein „Nein“ nicht aus? Immer mehr EU‑Länder ändern ihre Gesetzeslage. Sexueller Konsens soll nun auch in Frankreich durch ein klares „Ja“ gelten. Symbolpolitik oder braucht es tatsächlich mehr, um „unsere Töchter“ zu schützen?
Während in Frankreich nun die explizite Zustimmung zu sexuellen Handlungen ins Strafgesetzbuch aufgenommen werden soll, kann bei uns Schweigen als Einverständnis gewertet werden. Die Vergewaltigung in der Ehe ist, auch ohne Zustimmung unseres Kanzlers, strafbar. In allen Beziehungskontexten gilt jedoch: Wer keinen Sex möchte, muss ablehnen — zumindest aus juristischer Sicht. Prinzipiell zählt auch eine nonverbale Ablehnung, stellt jedoch für konkrete Verurteilungen immer noch eine Hürde dar.
Da wir Menschen auch durch Beobachtung lernen, lohnt sich ein Blick über die Grenze. Sollten wir das aufgreifen? Um beurteilen zu können, ob sich unsere französischen Nachbar:innen was dabei gedacht haben, liegt es nahe, genauer hinzuschauen.
Hinterfragen wir also den Status Quo: Damit ein Nein seinen Zweck erfüllt, muss es ausgesprochen werden können. Ist das denn so? Die Soziologie sagt: Eher nicht. Sozialisation spielt dabei eine zentrale Rolle: Mädchen sollen nicht nerven, nörgeln oder „nein“ sagen. Dieselben Mädchen machen laut Bundeskriminalamt (2024) im Erwachsenenalter hierzulande 94 Prozent der Vergewaltigungsopfer aus. Erlernte Verhaltensmuster bleiben dennoch bestehen. Anpassung statt Widerstand. Studien zeigen, dass viele weiblich sozialisierte Personen ihre sexuellen Grenzen häufig zugunsten eventueller Bindung oder aus Angst vor Zurückweisung aufweichen. Sie übernehmen Verantwortung für das Wohlbefinden der Partnerperson, selbst wenn es auf Kosten ihres eigenen geht. Im schlimmsten Fall übernehmen sie sogar Verantwortung für sexuelle Grenzüberschreitungen: Sie schämt sich und er ist ja sonst nicht so.

Neben der sozialen Prägung mischt hier auch die Biologie mit. Schon in der Steinzeit verfügten wir über automatisierte Muster, die keiner kognitiven Kontrolle bedurften. Sie sicherten unser Überleben und greifen bei existenziellen Bedrohungen immer noch: Bären oder Männer, zum Beispiel. Das bekannte „fight-or-flight“-Prinzip beschreibt, dass ein Lebewesen bei Gefahr automatisiert auf „kämpfen“ (fight) oder „fliehen“ (flight) schaltet. Bei sexuellen Übergriffen treten jedoch viel häufiger zwei weitere Reaktionen auf: fawn und freeze. Fawn bedeutet Überanpassung – das Bemühen, die Situation durch Anpassung oder Beschwichtigung zu entschärfen. Besonders in Beziehungen, in denen emotionale oder physische Gewalt vorkommt, kann dieses Verhalten überlebenswichtig sein. Freeze hingegen beschreibt ein völliges Erstarren des Körpers – eine Reaktion auf extreme emotionale Überforderung. In beiden Fällen ist es Betroffenen kaum möglich, ein klares „Nein“ zu artikulieren oder sich gar körperlich zu wehren. Was evolutiv sinnvoll war, ist juristisch eine Grauzone.
Genug des Negativen. Ein klares „Ja“ kommt mit einigen Vorteilen. So bestätigen Studien, dass eine explizite verbale Zustimmung nicht nur Missverständnisse verhindert, sondern auch mit einem höheren Sicherheitsgefühl und mehr gegenseitigem Vertrauen einhergeht. Paare, die offen über sexuelle Zustimmung sprechen, berichten zudem von höherem Wohlbefinden und einer besseren Beziehungsqualität.
Auch auf gesellschaftlicher Ebene lassen sich Effekte beobachten: Seit Schweden 2018 das Konsensprinzip gesetzlich verankerte, stiegen die Verurteilungen wegen Vergewaltigung deutlich an. Schweden steht nun an der Spitze der EU-weiten Statistik verurteilter Sexualstraftäter:innen. Nicht, weil plötzlich mehr Täter:innen hinzugekommen wären, sondern weil Delikte verfolgbar wurden, bei denen keine körperliche Gewalt nachweisbar war — im freeze oder fawn Kontextbeispielsweise.
Gesetz ist Gesetz und ersetzt keine soziale Norm. Es formt sie jedoch mit. Es zwingt nicht nur Gerichte, sondern auch Gesellschaften, über Macht und Intimität zu sprechen. Dennoch müssen wir uns an der Stelle auch eingestehen: Macht und Intimität sind solange nicht trennscharf, wie wir Mädchen beibringen, still, und Jungs, stark zu sein.
Für mich ist Schweigen kein Einverständnis. Ganz ehrlich: Wer denkt sich denn auch: Ja, richtig hot, dass du das über dich ergehen lassen hast? Sex ist nichts, was ausgehalten werden sollte. Aushalten müssen wir genug: Prüfungsphasen, Kriege und Merz’ Kanzlerschaft beispielsweise. Sex sollte den Beteiligten nur Spaß machen.
