Fliegend auf einem Hexenbesen, mit zot­te­li­gem Haar und Warzen. So sind uns die Hexen aus Märchen und Sagen beschrie­ben worden, doch heu­te sehen sie ganz anders aus. Aber was genau sind moder­ne Hexen und war­um ist der Hype dahin­ter so groß?

Das Image der guten Hexe

Der Begriff Hexe ist bereits seit Jahrhunderten in den Köpfen von Menschen, begin­nend bei den Märchen der Gebrüder Grimm bis zu den heu­ti­gen Figuren wie Bibi Blocksberg oder Hermine Granger. Hexen waren immer die Bösewichte in den Geschichten, aber ihr Image wan­del­te sich in den letz­ten Jahren um. Vor allem för­dert die Popkultur das posi­ti­ve Bild. Die Filmindustrie hat die jun­ge Halbhexe Sabrina mit ihrem Kater Salem mehr­fach ver­filmt und ani­miert. Insbesondere die Serie „Chilling Adventures of Sabrina“ aus 2018 war ein vol­ler Erfolg. Zudem soll­te man auch nicht die Verfilmung des Musicals Wicked ver­ges­sen. Hierbei wird deut­lich, dass das Bild der Hexe sich mit dem/der Erzähler:inn der Geschichte ändert. Neben der Filmindustrie spielt auch die Musikbranche beim Imagewandel eine Rolle. Das Trendlied von Lana Del Rey „Season of the Witch“ nimmt jedes Jahr zum Oktober die sozia­len Netzwerke ein. Hexen wer­den in Film und Musik vor allem als star­ke, muti­ge Frauen dargestellt.

Und wel­che Jahreszeit könn­te nicht bes­ser sein als der Herbst, um ein wenig Magie zu ver­brei­ten. Vor allem der Oktober wird in den Netzwerken wie Instagram und TikTok mit den Worten von Lana Del Rey als die Zeit der Hexen beti­telt. Alles dreht sich nur um Themen wie Magie, Horror und natür­lich Hexen. Unter #witch­tok wird User:innen erklärt, wie man Tarotkarten lesen kann, wel­che Kräuter für wel­che Rituale nütz­lich sind, wie Manifestation funk­tio­niert (also durch rei­ne Willenskraft und posi­ti­ves Denken, das gewünsch­te Ergebnis erhal­ten) und wie der Alltag einer moder­nen Hexe aussieht.

Wicca und Etsy-Hexen

Für vie­le bedeu­tet die Hexerei, sich auf die ursprüng­li­che Kraft zu besin­nen und die bes­te Version von sei­ner selbst zu errei­chen. Naturverbundenheit und Mythologie steht hier­bei im Vordergrund. Wicca ist eine aner­kann­te Naturreligion in Großbritannien und den USA. Sie bil­det eine Alternative zu den Weltreligionen und ist aus dem heid­ni­schen Glauben gebo­ren. Wichtig ist hier­bei noch­mal die Unterscheidung zwi­schen dem Hexentum und den Satanismus. Wicca ist eine poly­the­is­ti­sche Religion, die sich auf die Natur und die Verehrung der ver­schie­de­nen Gottheiten konzentriert.

Der Satanismus in der heu­ti­gen Zeit beschreibt eine Philosophie der Selbstbestimmung, wobei Satan als Symbol für die Weisheit ange­se­hen wird. Wicca-Anhänger:innen sind in Hexenzirkeln orga­ni­siert, die meis­tens aus 13 Personen besteht, weil die Zahl als magisch gilt. Die Mitglieder eines Zirkels tref­fen sich zu den acht Jahreskreisfesten wie zum Beispiel Samhain (auch bekannt als Halloween) oder wäh­rend des Vollmonds.

Die drei­fa­che Mondgöttin (Symbolbild)

Die Hexenzirkel kön­nen unter­schied­li­che Auffassungen und Glaubensrichtungen haben. Es kön­nen unter­schied­li­che Mythologien ver­wen­det wer­den. Im Allgemeinen wird mit zwei gro­ßen Gottheiten gear­bei­tet, je nach­dem mit wel­cher man sich am Besten iden­ti­fi­zie­ren kann. Dabei gibt es eine weib­li­che und männ­li­che Gottheit. Die drei­fa­che Mondgöttin steht häu­fig im Mittelpunkt. Sie ver­kör­pert die drei Lebensphasen mit der Jungfrau, Mutter und Weisen (was auch als Hekate aus der grie­chi­schen Mythologie bekannt ist). Ebenso kann sie auch als die drei Mondphasen inter­pre­tiert wer­den. Die männ­li­che Gottheit wird oft­mals als gehörn­ter Gott oder als der Grüne Mann (vor­christ­li­cher Ursprung) per­so­ni­fi­ziert. Andere Götterpaare kön­nen Freyja und Odin (nor­di­sche Mythologie) oder Isis und Osiris (ägyp­tisch) sein. 

Moderne Hexen müs­sen sich jedoch nicht direkt zur Wicca-Religion beken­nen. Die meis­ten tei­len sich selbst in Kategorien wie „Kräuterhexen“, die sich auf die Natur und Kräuter kon­zen­trie­ren, oder „kos­mi­sche Hexen“, die sich auf die Planeten oder Sterne kon­zen­trie­ren, ein. Mittlerweile bie­ten sie  ihre Dienste auch online an, wobei man sich Zaubertränke oder Vorhersagen aus der Kristallkugel auf Etsy kau­fen kann . Allein zum Stichwort Zaubertränke erschei­nen auf Etsy über tau­send rele­van­te Ergebnisse. Es beginnt bei Erfolgszaubersprüchen für ein paar Euro, über aphro­di­sie­ren­de Zauber, bis hin zu Rachesprüchen, wobei die Preise in den drei­stel­li­gen Bereich stei­gen. Solche Dienstleistungen bezie­hungs­wei­se Waren sind mit Vorsicht zu behan­deln, da die­se nicht nur poten­ti­el­le oder schäd­li­che Absichten ver­fol­gen kön­nen- etwa Zauber, die ande­ren Schaden zufü­gen sol­len, son­dern auch Teil einer Betrugsmache sein kön­nen. Zudem wer­den lei­den­den Menschen gegen eine Menge Geld – und teil­wei­se gegen die  Preisgabe sen­si­bler per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten – eine ver­meint­lich schnel­le  Heilung ver­spro­chen. Ob nun das Produkt funk­tio­niert hat oder nicht, bleibt der Interpretation des jewei­li­gen Käufers über­las­sen. Dennoch sam­meln sich Berichte über den Betrug der soge­nann­ten Etsy-Hexen.

Warum ist jetzt der Hype so groß?

Ob sie nun Wicca-Anhänger sind oder YouTube-Hexen, eins ver­bin­det sie alle: das Hexentum hängt mit dem spi­ri­tu­el­len Feminismus zusam­men. Es geht hier­bei um die Wahl über das eige­ne Leben und Selbstbestimmung. In femi­nis­ti­schen Kreisen wird die Hexe als eigen­stän­di­ge und unab­hän­gi­ge Frau zele­briert, die kei­nen Schönheitsidealen unter­liegt. Unterstüzt wird dies vor allem dadurch, dass die Weiblichkeit ver­ehrt wird in Form der oben beschrie­be­nen weib­li­chen Gottheit, aber auch durch die Würdigung der weib­li­chen Körperrhytmen. Rituale im Hexentum ori­en­tie­ren sich oft an den Mondphasen oder an den Menstruationszyklen. Somit wird Scham mit der Rückeroberung des Weiblichen als Quelle von Macht und Spiritualität ersetzt. 

Beispielbild: Das Angebot einer Etsy-Hexe

Zudem wird die Hexe als Symbol des Widerstandes gegen die Unterdrückung der Frauen gese­hen. Durch die Heiligsprechung der Natur bil­det die Bewegung einen Gegensatz von der patri­ar­cha­len Vorstellungen der Herrschaft über die Natur.

Bei femi­nis­ti­schen Demos wird oft der Spruch gele­sen: „We are the grand­d­augh­ters of the wit­ches you couldn’t burn”. Eine Aussage um den wei­ter andau­ern­den Kampf des Feminismus zu beto­nen. Die dama­li­gen Hexen wur­den ver­brannt, weil sie laut ihre Meinung sag­ten und ver­such­ten Bildung auch für Frauen zu ermög­li­chen. Sie for­der­ten eine gleich­be­rech­tig­te Stellung neben den Männern. Die Töchter und Enkel, der Frauen, die nicht das glei­che Schicksal mit ihren Mitstreiterinnen teil­ten, lern­ten von ihnen und ver­su­chen das patri­ar­chia­le System um zuwan­deln. Die Hexe ist dem­entspre­chend nicht nur ein moder­ner Trend, son­dern eine femi­nis­ti­sche Kämpferfigur.

Soziale Netzwerke spie­len eine wich­ti­ge Rolle in der Verbreitung des Hexentums. Vor allem anti­fe­mi­nis­ti­sche Bewegungen und der auf­t­ret­tenen Trade-Wife Kontent im Internet bestärkt die femi­nis­ti­schen Anischten der Hexenkultur.

Das öffent­li­che Auftreten von Anhängern nimmt vor allem in Krisenzeiten zu, wie zur jet­zi­gen Klimakrise oder in der ver­gan­ge­nen Coronakrise. Da stellt das Hexentum einen alter­na­ti­ven Rückzugsort dar zu den klas­si­schen Weltreligionen. Der Gedanke, dass klei­ne­re Probleme durch das Manifestieren gelöst wer­den kön­nen, erscheint für vie­le eine Erleichterung zu sein. Zudem sind Religionen nicht immer skan­dal­frei und haben oft­mals ein Image-Problem, wie das Christentum mit ihren Missbrauchskandalen. Aber Wicca brach­te auch Schlagzeilen auf­grund sys­te­mi­schen Rassismus oder Kommerzialisierung auf. Es hat sich bereits gezeigt, dass sol­che spi­ri­tu­el­len Booms auch bereits in frü­he­ren Jahren auf­ge­tre­ten sind, wie zum Beispiel in den sech­zi­ger Jahren mit den natur­ver­bun­de­nen Hippies. Mit dem Beginn des “New Age“ Denkens wur­de die Spiritualität in der Gesellschaft popu­lär. Sie glaub­ten an Energie, Schwingungen und Astrologie. Viele der heu­ti­gen spi­ri­tu­el­len Trends fan­den ihren Ursprung in die­sem Boom, wie Heilsteine und Esoterische Messen.

Hippies brach­ten die west­li­che Spiritualität in die Gesellschaft, wel­che bis heu­te anhält und durch die moder­nen Hexen über­nom­men wird. Besonders im Herbst, die Zeit des Wandels wird das Gefühl nach Magie und Verbundenheit mit der Natur stär­ker und die Season der Hexen beginnt.

Text und Bebilderung: Emely Gude

0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments