Aufgrund meiÂner guten Erziehung ist mir bewusst, dass es sich nicht ziemt, andeÂre Menschen (zufälÂlig) zu belauÂschen. Doch wie jeder von uns im Laufe seiÂnes Lebens herÂausÂfinÂdet, besteht zwiÂschen dem Wissen um Regeln und ihrer tatÂsächÂliÂchen Befolgung in manÂchen Situationen eine nicht zu überÂbrüÂckenÂde Diskrepanz. Ebenjene ließ mich vor nicht allÂzu lanÂger Zeit mit sämtÂliÂchen Konventionen rückÂsichtsÂvolÂlen Benehmens breÂchen – zu schaÂde wäre es geweÂsen, dem Gespräch nicht zu lauÂschen, Jahre der Reue und volÂler Selbstvorwürfe hätÂten gedroht!
Ich saß also in einer Straßenbahn, welÂche die Merseburger Straße gedulÂdiÂger entÂlang kroch als das Kondenswasser an den Fensterscheiben, wenn ich Nudeln koche. Da begann vor meiÂnen Augen und Ohren ein Gespräch zwiÂschen zwei Damen im besÂten Alter, welÂches sich genau so und nicht anders zugeÂtraÂgen hat: Die brüÂnetÂte Dame beschwerÂte sich im schönsÂten halÂliÂschen Dialekt über die Hitze in der Bahn. »Ach, mit meiÂne Wechseljahren, das ist so furchtÂbar, nur fünf Minuten in einer Bahn lasÂsen dich schwitÂzen wie so ne Sau!« Hierzu sei gesagt, dass es bereits Winter und die Bahn an jenem Tag tatÂsächÂlich sehr stark beheizt war. »Ja, das kannsÂte laut saren, Meine! Im Sommer Hitze, weil se hier keiÂne Klimaanlage haben, und jetÂze im Winter dreÂhen se die Heizung auf! Na kein Wunder, dass man da ins Schwitzen gommt!«, setzÂte die zweiÂte Dame mit blondÂgeÂfärbÂten Haaren nach.

Mein Innerstes wurÂde bei dieÂsen Worten von einer Vielzahl intenÂsivsÂter Empfindungen erfasst: Mitleid mit den beiÂden Damen wegen ihrer Leiden in den Wechseljahren, Verständnis für ihren Kummer über die HAVAG – und masÂsiÂve Belustigung, als ich merkÂte, dass ich nicht die einÂziÂge Person war, die zuhörÂte: Ein Mitarbeiter ebenÂjeÂner Verkehrsgesellschaft schien ebenÂfalls gesellÂschaftÂliÂche Konventionen bezügÂlich des Belauschens von Gesprächen verÂgesÂsen zu haben und an der Konversation mit säuÂerÂliÂcher Miene Anteil zu nehÂmen. Es war mir, als würÂde aus seiÂnen Ohren- und Nasenlöchern Dampf entÂweiÂchen, vielÂleicht war es aber auch nur der Dunst seiÂnes Schweißes in der allÂgeÂmeiÂnen Hitze dank der auf volÂle Pulle aufÂgeÂdrehÂten Heizung. Seine Augen suchÂten indes einen Fixpunkt in der vorÂbeiÂzieÂhenÂden Stadtlandschaft, um sich von der verÂbaÂlen Schmach abzuÂlenÂken. Doch keiÂne Chance – die Scheiben waren zu stark beschlaÂgen. Hatten auch die Damen (»Ischen«, wie der Hallenser sagen würÂde) es bemerkt, wer da hinÂter ihnen saß? Ich glauÂbe nicht. Vielleicht war es ihnen aber auch einÂfach egal, denn in regem Tonfall und mit noch lauÂteÂren Stimmen setzÂten die beiÂden ihr Gespräch fort. »In Leipzig, sare ich dir, da ist es kühl im Sommer, nicht so ne Sauna wie hier immer, das ist ja furchtÂbar! Da denksÂte ja, du stirbst! Gerade die alten Leutchens, ich will mich das überÂhaupt jar nicht vorÂstelÂlen! Und mit’n Kinnors, na!«, so die brüÂnetÂte Dame. Die Antwort der Blonden ließ nicht lanÂge auf sich warÂten: »Ach, komm mich mal nicht mit Leipzig! Da fahÂren se wenigsÂtens pünktÂlich, nicht so wie hier immer zwei Minuten zu früh, was soll’n das!« Mit einem resiÂgnierÂten Kopfschütteln und einem empörÂten Schnauben hakÂte die brüÂnetÂte Dame das überÂaus ergieÂbiÂge Gesprächsthema ab und wedelÂte sich hekÂtisch Luft zu.
Meine Aufmerksamkeit wandÂte sich erneut dem HAVAG-Menschen zu: Nun völÂlig in sich zusamÂmenÂgeÂsackt und mit gesenkÂtem Kopf saß er da, ein Häufchen Elend; endÂgülÂtig gebroÂchen von dieÂsem unfaiÂren Vergleich mit Leipzig. So viel Kummer, solch ein Leid – und das alles nur wegen fehÂlenÂden Klimaanlagen! Möge also die HAVAG das Problem 2019 endÂlich ernst nehÂmen und dies das Jahr der Ventilation in den halÂliÂschen Straßenbahnen werÂden. Denn es verÂspricht einÂzig und allein dann ein froÂhes Neues für Hallenser, Hallunken und Halloren zu werÂden, wenn man beim Bahnfahren nur ins Schwitzen gerät, weil geraÂde Fahrkartenkontrolleure zugeÂstieÂgen sind und man selbst kein Ticket dabeiÂhat. Einen weiÂsen Spruch will ich hierÂzu fürs neue Jahr noch mit auf den Weg geben, frei nach dem Talmud: »Wer auch nur eine einÂziÂge Klimaanlage instalÂliert, retÂtet die ganÂze Welt.«
