Bei der Kulturbühne Hall und Rauch trifft Planung auf Überraschung. Dabei ent­ste­hen zwi­schen Songs und lyri­schen Momenten Abende, die sich jeder Routine ent­zie­hen und zei­gen, war­um Kultur mehr ist als blo­ße Unterhaltung.

Die Palette in Halle bekommt neu­en lite­ra­risch-musi­ka­li­schen Zuwachs! So kün­digt die Kulturbühne Hall und Rauch im September 2024 ihre ers­te Show an. Seitdem bespie­len sie jeweils am zwei­ten Dienstag des Monats die Bühne des Clubs in der Großen Nikolaistraße. Selbstgeschriebene Songs tref­fen hier auf lite­ra­ri­sche Texte, Lyrik und inter­ak­ti­ve Publikumsspiele. „Es ist ein­fach eine sehr wil­de, viel­fäl­ti­ge Show. Es herrscht das gro­ße Element der Überraschung und ein biss­chen das Chaos, aber auch ein talen­tier­tes Chaos“, so Stephan Brosch, der Teil des Line-Ups ist. Zum Ensemble gehö­ren neben Brosch auch Laura Schaar, Lina Klöpper, Helen of Troy und Leander.

Bei Hall und Rauch wird nicht nur gemein­sam gelacht und geweint, son­dern auch gesungen.
Von der Party zur Kulturbühne

Die Geschichte der Kulturbühne beginnt in gewis­ser Weise auf dem Weg zu einer Party. Stephan und Lina ken­nen sich bereits durch Poetry-Slam-Veranstaltungen. Als sich die bei­den bei den deutsch­spra­chi­gen Meisterschaften in Nürnberg wie­der­se­hen, set­zen sie sich auf dem Weg zu einer weit ent­fern­ten Party kri­tisch mit dem Genre des Poetry-Slams aus­ein­an­der und impro­vi­sie­ren auf dem Weg einen Text. „Das war ganz herr­lich. Da haben wir gemerkt, dass wir uns irgend­wie ganz gut fin­den.“ Im Laufe der Zeit ent­steht die Idee, eine eige­ne Veranstaltung auf die Beine zu stellen.

Dabei soll es jedoch nicht nur um Poetry-Slam-Texte gehen. Geplant ist ein Ort des Experimentierens und Ausprobierens. Sowohl Lina als auch Stephan schrei­ben Texte, die zwi­schen Humor und Melancholie chan­gie­ren. Um das Programm abwechs­lungs­rei­cher zu gestal­ten, bege­ben sie sich auf die Suche nach pas­sen­den Musiker:innen. Fündig wer­den sie bei Helena aus Leipzig, die unter dem Namen Helen of Troy auf­tritt, und Leander aus Halle. Während Helena Singer-Songwriter-Elemente ein­bringt, tritt Leander als Popmusiker auf. Versierten The Voice of Germany Zuschauer:innen könn­te Leander bereits ein Begriff sein, dort nahm er im Jahr 2022 teil. Komplementiert wird das Quintett durch Laura Schaar, die sich vor allem als Lyrikerin auszeichnet.

Zwischen Überraschungen und Überwindungen

Auf der Kulturbühne hat jede:r der fünf Künstler:innen zwei­mal zehn Minuten Zeit, um Songs oder Texte vor dem Publikum zu prä­sen­tie­ren. Was genau auf der Bühne per­formt wird, wis­sen die ande­ren Ensemblemitglieder meist nicht genau. „Mir gefällt es eigent­lich ganz gut, das nicht zu wis­sen“, sagt Stephan. Manchmal kom­me es dadurch zu lus­ti­gen Überraschungen.In einem ihrer Texte griff Lina bei­spiels­wei­se eine Aussage Stephans auf, die die­ser in einer vor­he­ri­gen Ausgabe mach­te. Stephan ant­wor­te in der glei­chen Ausgabe mit einer Replik. „Das war ganz wit­zig. Wir haben uns ein klei­nes Battle gelie­fert“, erzählt Stephan.

Neben den klas­si­schen Shows gibt es jedoch hin und wie­der auch Besonderheiten. „Anfang des Jahres [2025] haben wir eine Sing-mein-Song-und-Lies-mein-Text-Ausgabe gemacht.“ Über die Sommerpause hin­weg soll­te dann ein Beitrag im Stile eines ande­ren Mitglieds ent­wi­ckelt wer­den. Stephan zog Leander und schrieb einen Song. „Ich habe dann gesun­gen. Ich glau­be, ich kann jetzt nicht so rich­tig toll sin­gen, aber es ist okay. Aber nicht auf Bühnen, das ist schon immer ein biss­chen cra­zy.“ Im Jahr 2024 gab es eine Weihnachtsepisode. Im dar­auf­fol­gen­den Jahr ent­schied sich das Line-Up eigent­lich gegen eine weih­nacht­li­che Episode. Auf der Bühne wur­den dann trotz­dem Weihnachtlieder gesun­gen und erraten.

Zwischen den Texten gibt es erns­te und weni­ger erns­te Diskussionen.

Moderiert wird der Abend immer von zwei Ensemblemitgliedern, die unter ande­rem durch die Gesprächsblöcke zwi­schen den Auftritten füh­ren. Assoziative Gedanken oder Fragen zur Entstehung des Textes wer­den hier dis­ku­tiert. „Ich fin­de, das macht auch sehr viel Charme aus und das ist gar nicht geplant.“ Über die Zeit hin­weg hat sich her­aus­kris­tal­li­siert, wer mensch­lich beson­ders gut har­mo­niert und zusam­men mode­riert. Da das Publikum Eintritt zahlt, gehe es auch dar­um, dass ein mög­lichst gutes Produkt dabei her­um­kom­me. Trotzdem sei die Kulturbühne auch ein Ort des Ausprobierens. „Und in einem Experimentierraum muss es ja auch irgend­wo Raum geben, dass man­che Sachen nicht so gut funktionieren.“

Schwierigkeiten in Season 2

Dass nicht immer alles rei­bungs­los funk­tio­niert, offen­bar­te sich dem Line-Up auch im zwei­ten Veranstaltungsjahr. Das zwei­te Jahr sei oft här­ter als das ers­te, erzählt Stephan. Als Veranstalter müs­se man dau­er­haft am Ball blei­ben. Während man im ers­ten Jahr extra pla­ka­tiert, ver­mehrt Social-Media-Werbung macht und flei­ßig repos­tet, schleicht sich im zwei­ten Jahr zuneh­mend eine Routine ein. „Dann neh­men wir das so ein biss­chen als gege­ben: Ja, ja, wir haben ja dann ein Stammpublikum. Genau – müs­sen Konzepte nicht über­den­ken. Ich muss dazu sagen, Slam funk­tio­niert wirk­lich fast immer. Aber ja, Lesebühne viel­leicht dann auch nicht.“ Eine Ursache dafür sieht Stephan im gesell­schaft­li­chen Umgang mit Literatur. Im öffent­li­chen Diskurs habe Literatur einen schwie­ri­gen Stand. Es gebe nur weni­ge Autor:innen, die beson­ders popu­lär sei­en.  „Und nach mei­ner Erfahrung und nach allem, was ich ken­ne, so von die­sen abso­lu­ten Leuchttürmen, wie Die drei Fragezeichen oder Fitzek abge­se­hen, füllt kein Literaturformat irgend­ei­nen Raum mit einem Publikum.“ Für Menschen, die nicht im Rampenlicht ste­hen, sei es sehr schwie­rig, ein Publikum zu gene­rie­ren. Zudem könn­ten sich vie­le Menschen nichts unter dem Begriff Kulturbühne vor­stel­len. Dabei spie­le Kultur eine wich­ti­ge Rolle in unse­rem gesell­schaft­li­chen Leben.

„Ich glau­be immer, dass der kul­tu­rel­le Betrieb an sich kein Luxus ist, son­dern wirk­lich ein ele­men­ta­rer Bestandteil von einer Gesellschaft sein soll­te.“ Kultur bie­tet nicht nur Unterhaltung, son­dern auch die Möglichkeit, ande­re Perspektiven zu sehen und aus dem eige­nen Denkprozess aus­zu­bre­chen. Deshalb brau­che es ein brei­tes Kulturangebot, das die Gesellschaft in ihren viel­fäl­ti­gen Aspekten und Ansichten abholt, so Stephan. Zu der Pluralität des kul­tu­rel­len Lebens will auch die Kulturbühne bei­tra­gen. Obwohl das Line-Up rela­tiv jung ist, tref­fen ver­schie­de­ne Generationen auf­ein­an­der. „Wir haben durch­aus ver­schie­de­ne Weltsichten und ver­schie­de­ne Hintergründe und die tref­fen dann natür­lich immer so ein biss­chen auf­ein­an­der und arbei­ten sich auch ein biss­chen anein­an­der ab und das ist, glaub ich, auch gut so und schafft einen span­nen­den Diskursraum.“

Vom ÖRR und den Charts zurück zum Lagerfeuer

In die Zukunft der Kulturbühne blickt Stephan des­halb opti­mis­tisch: Mehr Zuschauer:innen und soli­de gefüll­te Shows, die wei­ter­hin in der Palette statt­fin­den. „Und was ich ger­ne hät­te, wäre, dass das zu einer Art Lagerfeuer gewor­den ist. So eine Campsite. Wir sind alle in der wil­den Wildnis und haben unse­re Sachen, unse­re Projekte. Ich bin erfolg­rei­cher Autor. Leander ist ein rie­si­ger Musikproduzent und hat fünf Chart-Hits plat­ziert. Lina hat eine eige­ne Show im Öffentlich-Rechtlichen. Und die ande­ren sind alle super erfolg­reich. Dass wir ein­fach ab und zu an unser klei­nes Lagerfeuer zurück­kom­men und da wie­der zusam­men­fin­den und eine gute Zeit haben.“ Die Kulturbühne soll ein Ort des Ausprobierens sein und blei­ben. Ein Ort, an den man gern zurückkehrt.

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