Okt 2018 hastuINTERESSE Heft Nr. 80 0

Studieren damals und heute

Früher war alles … besser? Nein. Aber anders, auch das Studium an den Universitäten und Hochschulen. Rüdiger Gland ging von 1960 bis 1965 auf die neu gegründete Hochschule in Merseburg, arbeitete bis zur Rente im Buna-Werk und lebt noch heute im Stadtteil Neustadt. An einem Sommernachmittag im August erzählte er von seinem Studium und dem Alltag mit Frau und Kind.

Foto: Lisa Kollien

Rüdiger Gland, geboren 1939, ist ein wenig geschockt, als er auf dem Wohnheimgelände der Hochschule Merse-burg University of Applied Science (HoMe) steht. Denn das Gebäude, in dem er sich während des Studiums mit zwei weiteren Kommilitonen das Zimmer teilte, steht nicht mehr. Stattdessen ist dort heute eine Wiese. »Von hier aus konnte ich immer sehen, ob im Hauptgebäude das Licht brannte oder nicht. Im letzteren Fall bedeute das, dass wir ausschlafen konnten, denn der Strom war mal wieder ausgefallen.« 1960/61 begann Gland sein Studium an der HoMe, die damals noch »Technische Hochschule für Chemie Leuna-Merseburg Carl Schorlemmer« hieß. Mit circa 240 Kommilitonen und Kommilitoninnen bildeten sie den ersten Studiengang für Verfahrenstechnik mit dem Abschluss Diplomingenieur für Verfahrenstechnik. »Die drei Studienjahre zuvor setzen sich aus Studierenden der Ingenieurschulen Meißen, Köthen und der TU Dresden zusammen. Die hatten schon ein Jahr Ausbildung hinter sich. Aber wir haben von der Pike auf in Merseburg studiert.«

Vom Bezirk Suhl in den Bezirk Halle

»Mit 17 habe ich mein Abitur an der Oberschule in Meiningen absolviert, das war 1957. Und was dann? Weiter in Meiningen bleiben, das kam für mich nicht in Frage. Im damaligen Bezirk Suhl gab es nur Metallberufe, das interessierte mich einfach nicht. Ich habe mich in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität für Pharmazie und Archäologie / Altertumskunde beworben. Ich wollte raus, etwas Neues machen. Ich wurde aber nicht angenommen, da in diesem Jahr eingeführt wurde, dass man nach der Schule in einem Betrieb der sozialistischen Industrie oder Landwirtschaft arbeiten muss. Irgendwann kam ein Brief von meiner Tante, sie schickte eine Zeitungs­annonce mit, in der stand, das Buna-Werk im Bezirk Halle suche ebensolche Arbeitskräfte. Also habe ich die Chance ergriffen und mich dort beworben.«

Foto: Lisa Kollien

Drei Jahre hat Rüdiger Gland im Buna-Werk gearbeitet, hat einen Abschluss als Chemiefacharbeiter gemacht und Lehrlinge angelernt. Das Studium in Jena rückte in den Hintergrund, denn während seiner Arbeit lernte er seine Frau kennen. Doch dann wurde er vom Betrieb aus zum Studium delegiert. »Also bewarb ich mich an der Martin-Luther-Universität für Chemie, passend zu meinem Beruf. Eines Tages kam ein seriös aussehender Herr nach Buna und schwärmte allen, die sich an der Uni für Chemie oder Ähnliches beworben hatten, von den Vorteilen der Verfahrenstechnik in Merseburg, den Karriereaussichten und sogar von einem hochbezahlten Auslandseinsatz vor.«

Doch allgemein war es für Gland keine leichte Entscheidung, ein Studium aufzunehmen. »Ich war mittlerweile verheiratet, und unser Kind war auf dem Weg. Zu studieren bedeutete: Das Gehalt aufgeben und fünf Jahre von vorn beginnen. Doch meine Frau hat mich unterstützt: ›Erst studierst du, dann ich‹, hat sie gesagt. Und so haben wir es dann auch gemacht. Außerdem war ich überzeugt, an einer nicht perfekt funktionierenden neuen Hochschule zu studieren ist besser als an einer alteingesessenen mit hohen Erwartungen.«

»Kopf runter und durch«

»Viele meiner Mitstudenten hatten es nicht so leicht. Die Hochschule war neu, es gab keine Traditionen, die Merseburger lachten über uns Studierende von der ›roten Hochschule Carl Schorlemmer‹. Den Namen kannte damals von uns doch keiner. Ich habe mir nur gedacht: Kopf runter und durch. Ich habe Familie, also muss ich in der Regelzeit, in 11 Semestern, fertig werden.«

Am 17. September 1960 wurde Gland immatrikuliert. Er wohnte damals in Schkopau, in der Halleschen Straße. Das Haus steht heute leer, aber er erinnert sich noch immer an jedes Detail. »Die Miete lag bei ungefähr 40 Mark, inklusive kaltem Wasser. Strom kostete pro Kilowattstunde 8 Pfennig. Das Wasser mussten wir mit einem Tauchsieder erhitzen – oder im Topf kochen.«

Foto: Lisa Kollien

»Mit dem Rad bin ich circa 20 Minuten zur Hochschule gefahren, ab und an habe ich im Wohnheim gewohnt. Dass ich ein Zimmer bekommen habe, war reines Glück, da ich ja in der Nähe eine Wohnung hatte. Je nachdem, wie die Prüfungen waren, blieb ich mal hier, mal dort. Die Miete im Heim hat damals 8 Mark pro Person gekostet.« Zu dritt haben sie in dem Zimmer gewohnt, mit dem Blick auf das Hochschulgebäude. Essen gab es in der Mensa, welche heute im Hauptgebäude untergebracht ist. Früher stand sie separat, der sternförmig angeordnete Eingeschosser steht jedoch heute leer. »Bier gab es erst abends im Kiosk, wenn der Unterricht beendet war. Manchmal haben wir uns eingedeckt und das Bier dann gewinnbringend an die Kommilitonen weiterverkauft.« Das bedeutete ein paar Pfennig Aufschlag für Transport und Lagerung.

Vollzeitstudium und Freizeit

Das Studium der Verfahrenstechnik war kein Zuckerschlecken. »Wir hatten viel zu tun. Vorlesungen, Seminare, Übungen, dazu Hausaufgaben und am Ende des Studienjahres Praktika. Da kam einiges zusammen.« Im ersten Studiensemester hatte Rüdiger Gland 33 Wochenstunden Unterricht; dazu gehörten Mathematik, Technisches Zeichnen, Vorlesung zur Mechanik mit passender Übung, Englisch, Russisch, Darstellende Geometrie und natürlich Marxistische Lehren. Im zweiten waren es schon 35 Wochenstunden. Sport war damals noch ein Pflichtfach, es kamen Physik und Wertstoffkunde hinzu. »Und noch immer keine Chemie, genau das, was mich ja interessierte. Dafür Mechanik, was ich schon nach dem Abitur nicht wollte. Aber abbrechen kam nicht in Frage.« Jedes Jahr gab es Zwischenprüfungen mit ganzen Noten. »Entweder man hatte eine 2 oder eben nicht. Da gab es keine Kommastellen, so wie heute. Da bekam man bei 2,4 eben die 2 und bei 2,6 eine 3. So einfach war das.« Im dritten Jahr kam dann endlich die Chemie, ab dem vierten Jahr sanken auch die Wochenstunden auf 27. Das war auch nötig, denn nebenbei wurde schon an der Diplomarbeit geschrieben.

Finanzierung – woher kam das Geld für das Studium?

Foto: Rüdiger Gland

»Wie bei vielen Studierenden heute hatte ich damals Glück, dass uns mein Vater mit 200 Mark monatlich unterstützte, bis meine Frau wieder arbeiten ging. Als ich das Studium begann, wurde ich mit einem Stipendium gefördert. Das waren zunächst 140 Mark, da ich aus einer Akademikerfamilie kam, denn im Arbeiter- und Bauernstaat wurden Arbeiterkinder mehr gefördert. Der Parteisekretär der Hochschule hat sich aber für mich eingesetzt, da ich schon drei Jahre gearbeitet hatte, und so bekam ich später etwa 190 Mark monatlich, was dem Stipendium für Kinder aus Arbeiterfamilien entsprach.« Staatliches Kindergeld gab es damals nicht. Seine Frau blieb mit dem Kind zu Hause. »Das Geld hat gereicht, aber knapp war es dennoch. Viel haben wir für Einrichtung und die Ausstattung für unseren Sohn ausgegeben. Also bin ich in jeder freien Minute arbeiten gegangen. Ich blieb im Werk, meldete mich vor allem für die Feiertage freiwillig, da gab es immer ein bisschen mehr Lohn.« Als sein Sohn drei Jahre alt war, gaben sie ihn zur Betreuung zu Glands Eltern nach Meiningen. »Das kann sich heute kaum noch jemand vorstellen, dass das Kind jahrelang von den Großeltern betreut wird und man selbst arbeitet und studiert.« Seine Frau ging wieder arbeiten; da sie aus dem Westen in die DDR emigriert war, hatte sie es nicht leicht. Das Abitur durfte sie nicht machen, und damit war ihr der akademische Weg versperrt. Also fing sie als Schaffnerin bei der Straßenbahn an. »Später hat sie sich dort noch hochgearbeitet. Aber 1963, da war das nicht leicht für uns.«

Nach dem Studium

Ein Jahr vor seiner Diplomarbeit bekam er sein Thema zugeteilt. »Der Plan war, im Herbst 1965, also im 11. Semester, meinen Abschluss zu erhalten. Doch leider hat sich alles etwas verschoben.« Glands Diplomvater starb, während er seine Arbeit schrieb. »Sonst kannte sich niemand mit dem Thema aus, also musste ich alles allein ausarbeiten. Aus diesem Grund bekam ich mein Zeugnis erst 1966.« Das Thema seiner Arbeit lautete »Ermittlung und kritische Einschätzung des Standes der Versuche an der Lunn-Maschine«, »also einfach gesagt: wie sich Schwefel auf Schmieröl auswirkt.« Sie wurde mit »befriedigend« bewertet, nachdem er sie im Frühjahr 1966, während er wieder in Buna arbeitete, verteidigt hatte. Schlussendlich bekam er aber das Gesamturteil »gut bestanden«. »Das hat gereicht. Ich hatte mein Diplom in der Tasche, wechselte im Buna-Werk von der Lohn- in die Gehaltsklasse und konnte wieder arbeiten und endlich meinerseits meine Frau unterstützen.«

Im Februar 1968 zogen sie nach Halle-Neustadt um, ein Jahr, nachdem aus der Chemiearbeiterstadt Halle-West die unabhängige Stadt Halle-Neustadt wurde. Die Nachbarstadt Halle traf man bei der Saline, damals wurde dort das Centrum-Warenhaus errichtet, heute findet man in den Räumlichkeiten unter anderen Lührmann und das UniFit.

Foto: Lisa Kollien

»Ich war selten in Halle unterwegs, denn wir hatten in Neustadt alles: Treffpunkte, Kindergärten, Cafés, Kino, Restaurants, Ärzte und einen eigenen Bürgermeister. Eben alles, was man als eigenständige Stadt braucht.« In Buna arbeitete er bis zur Rente. Da Halle-West speziell für die Chemiearbeiter konzipiert wurde, fuhr die S-Bahn von der Haltestelle Zscherbener Straße bis nach Schkopau; von dort gab es einen Shuttle­bus, der bis zum Werk fuhr. »Bequemer ging es schon gar nicht mehr.«

Und dort wohnt er heute noch, im gleichen Mehrfamilienhochhaus wie vor 50 Jahren, nur dass Halle-Neustadt seit 1990 wieder ein Stadtteil von Halle ist. Doch zum Lernen fährt er heute nichts mehr nach Merseburg. »Vorlesungen und Seminare besuche ich jetzt an der Martin-Luther-Universität. Ganz ohne Notendruck und Nebenjob. Aber das Studieren, das kann ich nicht lassen.«

Über Lisa Kollien

Erstellt: 31.10. 2018 | Bearbeitet: 31.10. 2018 23:29