Jul 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 79 0

Geschichten aus dem HAVAG-Land

Schienengebunden, mit elektrischer Energie betrieben, dient als öffentliches Personennahverkehrsmittel – die Rede ist von der Straßenbahn. In Halle gestalten sich Fahrten mit dieser regelmäßig als modernes Reiseabenteuer. Eine Kolumne über Fahrten rot-weiß.

Illustration: Sophie Ritter

Alle reden heutzutage davon, dass sie mal entschleunigen wollen, mal runterkommen vom Alltag. Was es dafür nicht alles gibt – das Angebot reicht von Yoga über Meditation bis hin zu autogenem Training. Kann teuer werden. Dabei gibt es eine kostengünstige Alternative: den Franckeplatz. Oder besser gesagt: eine Fahrt mit der Straßenbahn über diesen. Wobei Fahrt vermutlich das falsche Wort ist, die Straßenbahn steht an dieser Stelle nämlich mehr, als dass sie fährt. Und dabei ist es ganz egal, aus welcher Himmelsrichtung man kommt oder wohin man will. Früher oder später wird die Bahn immer langsamer, der eben noch einströmende Fahrtwind wird zu einer kaum wahrnehmbaren Brise, und schließlich: Halt auf freier Strecke. Das, Freunde der Entspannungstechniken, nenne ich mal gelebte Entschleunigung.

Die Zeit, die ich bisher schon auf die Weiterfahrt wartend in einer Bahn am Franckeplatz verbracht habe, hätte vermutlich locker ausgereicht, um mir die 99 Kapitel der DSGVO durchzulesen – ach was, ich hätte schon längst mit meiner Bachelorarbeit fertig sein können. Hochrechnungen, wie lange der durchschnittliche Deutsche in seinem Leben schläft (24 Jahre und 4 Monate), putzt (16 Monate) oder auf der Toilette sitzt (6 Monate), interessieren doch keinen. Viel wertvoller wäre es zu wissen, wie viele Stunden seines Lebens der durchschnittliche Hallenser beziehungsweise Hallunke beziehungsweise Hallore in einer Bahn am Franckeplatz verbringt.

Illustration: Sophie Ritter

Liegt das wirklich nur an der komplizierten Verkehrslage dort? Oder sind wir Teil eines Experiments: Wie verhalten sich zum Warten gezwungene Homo Sapiens der Unterordnung Haplorrhini aus der Familie der Hominidae? Vermutlich sitzt in jeder Bahn ein getarnter Versuchsleiter, der das Benehmen der Insassen protokolliert. Das sieht dann wahrscheinlich so aus:

Protokoll Anfang. Bahn steht seit einer halben Minute: bisher Starren. Aus dem Fenster oder aufs Handy. Eine Minute Wartezeit: Drei Exemplare haben bereits mit der Zunge geschnalzt. Eine Person fängt an, sich selbst Luft zuzufächeln. Weitere 30 Sekunden sind vorüber: Ein älterer Herr schnaubt verächtlich und schüttelt den Kopf. Die Population, die bisher noch kein Handy in der Hand hatte, wühlt in den Taschen danach. Erste Anzeichen kognitiver und motorischer Unruhe werden sichtbar. Zwei Minuten: Einige Forschungsobjekte stehen auf. Vermutete Intention: Fahrt beschleunigen. Natürlich aussichtslos. Auf lautes Hupen vorbeidrängelnder Autos folgt kollektives Aufstöhnen. 17 Sekunden später: Die Bahn setzt sich in Gang. Sämtliche Insassen stimmen im Chor den Messias von Händel an. Protokoll Ende.

Die Ergebnisse dieser (rein hypothetischen) Studie würden keine schönen Erkenntnisse zutage fördern. Warten nervt – man wird wütend, ungeduldig, rastlos. Am Schlimmsten ist vermutlich das Gefühl, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein – man kann schlecht mal eben das Fahrerhäuschen entern und Gas geben. Also, ginge schon, aber birgt das große Risiko eines lebenslangen Fahrverbots für Straßenbahnen. Stattdessen übt man sich in Geduld, während man merkt, wie einem selbst und sämtlichen anderen Fahrgästen im Sommer der Schweiß rinnt und dass die Versprechen von Deos, 48 Stunden Schutz zu bieten, nichts weiter als alternative Fakten sind. Dabei sollten doch alle Passagiere dankbar sein: In einer Welt, die sich immer schneller dreht, dürfen wir innehalten, tief den Mief der auf 42 Grad erhitzten Bahn einatmen und uns auf das Wesentliche konzentrieren: Warum zum Teufel habe ich nicht endlich mal das Fahrrad repariert?!

Über Sophie Ritter

Erstellt: 05.07. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 14:40