Okt 2018 hastuUNI Heft Nr. 80 0

»Denn es ist nicht o. k.«

Ein Gespräch mit Sabine Wöller, Koordinatorin der Präventionsstelle Diskriminierung und sexuelle Belästigung.

Foto: Irene Schulz

Beschwerdestelle nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, Sozial- und Konfliktberatung, Gleichstellungsbüro – die Uni Halle scheint gut ausgestattet mit Anlaufstellen, wenn es um Diskriminierung, sexuelle Belästigung und andere Probleme solcher Natur geht. Gerade diese Vielfalt kann aber auch verwirren. Durchblick will die 2018 ins Leben gerufene Präventionsstelle Diskriminierung und sexuelle Belästigung schaffen.

Vielleicht könntest du einleitend ein paar Worte zu dir sagen, zum Beispiel wer du bist und wie du zu dieser Stelle gekommen bist.
Ich bin Sabine Wöller, 31 Jahre alt, und habe hier an der Uni studiert: meinen Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaften/Deutsche Sprache und Literatur und dann den Master Aufklärung – Religion – Wissen. Neben dem Studium habe ich mich im Bereich Antidiskriminierung engagiert. Ich war einige Jahre beim AK que(e)r_einsteigen, bin beim Q [kju_point] aktiv – das ist eine queerfeministische Veranstaltungswoche, die einmal jährlich seit 2013 in Halle stattfindet – und bin bei der »Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt« im Social-Media-Bereich tätig. Das Thema begleitet mich schon eine ganze Weile – und da habe ich mich sehr über die Stellenausschreibung gefreut und darüber, dass es dann gepasst hat.

Wie kam es denn dazu, dass neben den ganzen weiteren Anlaufstellen für Betroffene von Diskriminierung oder Belästigung noch die Präventionsstelle ins Leben gerufen wurde?
Die Idee ist, nicht eine weitere Instanz zu schaffen, die noch mehr verwirrt, sondern eine, die von oben draufguckt. Ich bin Projektkoordinatorin, und meine Aufgabe ist, darauf einzuwirken, dass die Richtlinie, die wir seit 2015 zum Diskriminierungsschutz und Schutz vor Belästigung haben, gut umgesetzt wird. Teilweise ist es ja so, wenn man ganz viele verschiedene Stellen hat, dass die am Ende vergessen, gut miteinander zu kommunizieren. Ich bin die, die von oben schaut und fragt: Können wir das noch besser gestalten – sowohl für die Menschen, die in den Beratungsstellen sitzen als auch für die Ratsuchenden, die kommen und nicht von A nach B nach C geschickt werden sollten?

Foto: Irene Schulz

Im Oktober 2015 ist an der Uni Halle die Richtlinie zum Schutz vor Diskriminierung, sexueller Belästigung und Gewalt in Kraft getreten, die du jetzt gerade angesprochen hast. Wird diese deiner Meinung nach gewissenhaft umgesetzt?
Ich glaube, das Problem an einer Uni ist generell, dass es viele Stellen gibt und die Personen zum Teil oft wechseln. 2015 war die Richtlinie noch recht bekannt, und dann ist vieles ein bisschen in Vergessenheit geraten. Daher ist es auch meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle wissen, dass es diese Richtlinie gibt, und dass das Thema präsent bleibt.

Wer kann mit welchen Fragen und Problemen zu dir kommen?
Man kann mich kontaktieren, wenn man sich fragt: »Wo soll ich denn jetzt eigentlich hin?« Ich kann über die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten informieren. Ich freue mich über Vernetzung mit Projekten, die es schon gibt – ich möchte gerne ein Knotenpunkt sein, der die ganzen bereits bestehenden Initiativen an zentraler Stelle sichtbar macht. Ich bin auch dafür zuständig, wenn jemand sagt: »Ich sehe ein Problem, einen Handlungsbedarf; ich finde, das funktioniert hier nicht richtig; mein Thema passt nirgendwo hin« – damit ich überlegen kann: Was kann man da machen? Und auch, wenn Leute sich Weiterbildung oder Sensibilisierung wünschen. Quasi alles, um das System gut am Laufen zu halten, Fehler zu finden und zu beheben.

Wie oft wurdest du bereits kontaktiert?
Konkrete Fälle, in denen Leute auf mich zukommen, gibt es bisher eher vereinzelt; das wird aber mehr in den letzten Wochen. Öfter höre ich Andeutungen, wenn ich meine Stelle vorstelle, und spüre bei meinem Gegenüber eine Unsicherheit: Möchte ich jetzt offiziell darüber reden oder nicht? Meine Aufgabe ist dann, darauf hinzuarbeiten, dass die Person das berechtigte Vertrauen haben kann zu sagen: »O. k., ich spreche das jetzt mal an.« Man muss immer mit einer hohen Dunkelziffer rechnen. Es geht auch viel um Sensibilisierung, um das Thema einfach präsent zu setzen, denn die Uni ist ja nichts anderes als ein Teil der Gesellschaft, und in der Gesamtgesellschaft passiert ganz viel in dem Bereich, und zu viele Leute sagen: Ist doch alles normal.

Weißt du, ob es an anderen Hochschulen deutschlandweit auch schon solche Präventionsstellen gibt?
Es ist immer die Frage, wie man es nennt. Gleichstellungsbeauftragte gibt es zum Beispiel an jeder Uni. Die sind unterschiedlich breit aufgestellt, was die Themenbereiche angeht. An manchen Unis gibt es auch zusätzlich Stellen wie meine. Es passiert, glaube ich, sehr viel in den letzten Jahren, auch dass gesagt wird: »Wir wollen nicht nur diskriminierende Benachteiligung zwischen Männern und Frauen thematisieren, sondern auch andere Arten von Diskriminierung.« Das Problembewusstsein ist gewachsen.

Foto: Irene Schulz

Können sich auch Personen an dich wenden, die keine sexualisierte Diskriminierung erleben, sondern zum Beispiel rassistische Diskriminierung?
Auf jeden Fall. In der Richtlinie zum Schutz vor Diskriminierung, sexueller Belästigung und Gewalt sind alle Diskriminierungsmerkmale nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz genannt – das auch sehr bewusst. Es werden sich vermutlich Leute mit Behinderung nicht zuerst an mich
wenden, sondern an den Behindertenbeauftragten. Da haben wir bereits sehr gute Strukturen. Bei rassistischer Diskriminierung ist es schon schwieriger. Wir haben den Ausländerbeauftragten – da muss man aber bedenken, dass nicht jede*r von Rassismus Betroffene ausländisch ist und sich dann nicht angesprochen fühlt. Es fängt immer damit an, erst einmal zu zeigen, dass es Bedarf gibt zu dem Thema, bevor eine Stelle geschaffen wird. Ich glaube, dass hier auch geschaut werden muss, wie es an anderen Fakultäten aussieht. Wo gibt es Probleme? Wenn man dann Probleme findet, muss man überlegen, wie man diese lösen kann – im Zweifel auch durch aufgestellte Stellen.

Sind bereits konkret Projekte oder Weiterbildungen zur Antidiskriminierung von deiner Seite aus geplant?
Es gab im September eine Weiterbildung für Mitarbeitende, gerade auch für Mitarbeitende in den Ansprechstellen, um noch einmal zu klären: Wie funktioniert Diskriminierungsberatung?
Wie kann ich Betroffenen helfen? Wie gehe ich mit Vertraulichkeit um?
Ich war jetzt auch in der juristischen Fakultät mit wissenschaftlichen Mitarbeitenden zu ein paar Austauschgesprächen und Workshops, um für die Themenbereiche Diskriminierung und sexuelle Belästigung zu sensibilisieren. Das wird natürlich nicht nur in der juristischen Fakultät bleiben – die waren halt die ersten, die mich entdeckt und gesagt haben: »Können Sie was machen? Das wäre schön!« Da wird es noch mehr geben. Das Ziel ist – ich bin ja jetzt mindestens drei Jahre da – dass ich überall mal war. Es gibt im nächsten Jahr bestimmt einiges, nicht nur für die Mitarbeiter*innen, auch für die Studierenden.
Ansonsten bin ich gerade hauptsächlich dabei, einen neuen Internetauftritt zu den Themenbereichen Diskriminierungsschutz und Schutz vor sexueller Belästigung zu konzipieren. Es kennen ja alle das Phänomen an der Uniseite – man versucht, bei Google oder einer anderen Suchmaschine
irgendeine Info zu finden, und denkt sich: »Ah, verdammt, wo lande ich hier?!« – und dann sind die Infos manchmal veraltet. Da schaffe ich zentral eine Website, auf der zu dem Themenbereich alle Ansprechpartner*innen, alle Projekte, alle Maßnahmen gesammelt werden und auch Infos zu finden sind – zum Beispiel: Was ist denn jetzt eigentlich sexuelle Belästigung? Geplant ist, dass die Seite zum Start des Wintersemesters unter der Adresse diskriminierungsschutz.uni-halle.de erreichbar sein wird.

Foto: Irene Schulz

Ich habe auch den Eindruck, man klickt sich irgendwie so von Seite zu Seite …

… ins Nirgendwo und denkt im schlimmsten Fall: »Nee, dann ist es vielleicht doch nicht so wichtig« – und das soll ja nicht so sein.

Was muss in deinen Augen an der Uni Halle noch getan werden, um gegen Diskriminierung vorzugehen?
Zum einen müssen alle an der Uni wissen, dass es Maßnahmen zum Diskriminierungsschutz gibt, denn ich kann sie nur wahrnehmen, wenn ich davon weiß. Im allerbesten Fall müsste eine Kultur geschaffen werden, in der alle über solche Themen reden können. Oft kommt ja so ein Abwehrreflex, wenn das Thema angesprochen wird: »Nee, du bist zu empfindlich« oder »Quatsch, ich bin doch kein Rassist oder Sexist oder so.« Wir leben in einer Gesellschaft, die nun mal von diskriminierenden Verhältnissen durchdrungen ist – deswegen sind auch wir alle durchdrungen. Selbst ich kann ja diskriminieren, ohne das mitzukriegen. Ich denke, davor ist niemand gefeit.
Und wenn man eine Einstellung hat, das zu reflektieren, kann man darüber sehr konstruktiv ins Gespräch kommen und gucken, wie ich mein Verhalten ändern kann und wie wir miteinander Strukturen ändern können. Da muss auch von vielen Personen erst einmal eine Bereitschaft da sein, die man durch Sensibilisierung erreichen kann, und dann müssen alle von den Anlaufstellen wissen und zu diesen kommen, wenn sie von Diskriminierung oder sexueller Belästigung betroffen sind. Man muss einfach auch den Betroffenen das Vertrauen geben, dass sie den Mut haben, zu sagen: »Nee, ich schluck«s jetzt nicht runter, sondern gehe irgendwohin und sage: Das fand ich nicht o. k.« Denn es ist nicht o. k. Und ist hier auch nicht erwünscht.

Mehr Informationen: beschwerdestelle-agg.uni-halle.de/praeventionsstelle/

Über Irene Schulz

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Erstellt: 31.10. 2018 | Bearbeitet: 31.10. 2018 23:49