
Sie trösten, ohne zu sprechen und schenken Nähe, wo Worte nicht reichen. Therapiehunde begleiten Kinder durch Ängste, Traumata und Unsicherheiten. Doch was bewirken sie wirklich und wie sieht ihre Arbeit in der Praxis aus? Ein Besuch beim Verein „Therapiehunde für Kinder e. V.“
Wer schon einmal mit einem Haustier zusammengelebt hat, kennt es: das warme Fell unter der Hand, der wedelnde Schwanz an der Tür oder das leise Schnurren auf dem Schoß. Diese tierischen Gefährten sind für viele Menschen weit mehr als nur Mitbewohner, sie sind Freunde, Trostspender, Ruhepole.

Ihre Anwesenheit wirkt oft beruhigend, ihr Verhalten intuitiv und wertfrei. Genau diese Qualitäten machen sie auch in der therapeutischen Arbeit so wertvoll. In der tiergestützten Therapie kommen speziell ausgebildete Tiere zum Einsatz. Dabei können verschiedene Arten, je nach Zielgruppe, eingesetzt werden – von Pferden bis hin zu Alpakas. Dieses therapeutische Verfahren wird unterstützend in Pädagogik, Psychologie oder Medizin eingesetzt, um emotionale, soziale oder motorische Entwicklungsziele zu fördern. Besonders verbreitet ist die Arbeit mit Hunden. Durch ihre unvoreingenommene und beruhigende Präsenz eröffnen sie häufig den ersten Schritt zu einer vertrauensvollen Beziehung.
Wirkung und Geschichte der tiergestützten Therapie
Die Wirkung des Einsatzes von Tieren zu therapeutischen Zwecken ist nicht nur emotional spürbar, sondern auch biologisch messbar: der Kontakt mit ihnen kann die Ausschüttung von Cortisol verringern und gleichzeitig die Ausschüttung von Oxytocin, dem sogenannten Bindungs- oder Kuschelhormon, fördern. Dies unterstützt emotionale Nähe, Vertrauen und Entspannung – zentrale Voraussetzungen für therapeutische Prozesse. In einer Untersuchung mit Kindern, die unter Unsicherheiten in der Bindungsentwicklung litten, konnte ein Therapiehund nachweislich eine stressreduzierende Wirkung entfalten – stärker sogar als vertraute Bezugspersonen oder Kuscheltiere.
Doch die Wirkung der Hunde geht über biochemische Prozesse hinaus. Kinder reagieren auch auf die Ausstrahlung und das Verhalten des Tieres ganz intuitiv. Durch bestimmte Nervenzellen im Gehirn, die Spiegelneuronen, ahmen sie unbewusst das ruhige, freundliche Wesen der Vierbeiner nach. Allein schon das Beobachten eines gelassenen Hundes kann helfen, sich selbst zu beruhigen.
Schon im 18. Jahrhundert schrieb man Tieren eine besänftigende Wirkung auf Menschen zu. Der erste dokumentierte Einsatz von Hunden in der Therapie stammt aus den 1960er Jahren in den USA. Heute sind sie auch in Deutschland in Kliniken, Schulen und Pflegeeinrichtungen aktiv im Dienst.
Abgrenzung von Therapie‑, Assistenz- und Begleithund
Therapiehunde werden gezielt in der medizinischen oder psychotherapeutischen Arbeit eingesetzt und sind meist Teil eines professionellen Therapieprogramms. Assistenz- und Begleithunde hingegen unterstützen ihre Besitzer im Alltag, etwa Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie einer Sehbehinderung. Im Gegensatz zu Assistenzhunden werden Therapiehunde rechtlich nicht als Hilfsmittel anerkannt, ihre Finanzierung erfolgt daher meist rein privat oder über Spenden. Besuchshunde kommen mit ihren Begleitpersonen in Einrichtungen wie Altenheime, wo sie durch Streicheln oder Spielen eine sozialfördernde Rolle finden. Kretzschmar erzählt von einem konkreten Fall aus einem Mutter-Kind-Heim, der ihm besonders in Erinnerung geblieben ist: ein Hund besuchte dort jede Woche zwei Kinder und brachte damit regelmäßig Freude und Abwechslung in ihren Alltag. „Für die Kinder bedeutete dieser Tag unglaublich viel und ganz nebenbei lernten sie dabei auch, wie man mit anderen umgeht“, erzählt er.
Einblicke in die Praxis: Arbeit eines Therapiehundvereins
Eine Einrichtung, die sich besonders auf die Arbeit mit Therapie- und Assistenzhunden für Kinder und Jugendliche spezialisiert hat, ist der Verein Therapiehunde für Kinder e. V. in Petersberg in der Nähe von Halle. In einem Gespräch mit einem der Mitarbeiter, Torsten Kretzschmar, wird schnell deutlich, mit wie viel Leidenschaft die Menschen im Verein arbeiten. Sie bilden Hunde mit großem Engagement zu Therapiehunden aus, mit dem Ziel Kindern und Jugendlichen zu helfen. Doch bei aller Begeisterung für die Arbeit mit den Vierbeinern wird auch klar, dass damit ein großer Aufwand verbunden ist.
Kretzschmar erzählt, dass die Anschaffung und Ausbildung eines Therapiehundes mit immensen Kosten verbunden sind, die als Privatperson fast nicht zu stemmen seien. Insgesamt belaufen sich die Kosten für Anschaffung und professionelle Ausbildung auf etwa 4000 bis 10 000 Euro. Aufgrund dessen kam er mit seinem Geschäftspartner 2021 auf die Idee einen Verein zu gründen, der sich auf die Ausbildung spezialisiert hat, jedoch vollständig durch Spenden finanziert wird. Die Schulung der Tiere folgt einem klar strukturierten Konzept, das auf Qualität und Eignung besonderen Wert legt. Doch auch das Wohlergehen der Vierbeiner spielt eine zentrale Rolle, denn nur ein Hund, der sich sicher und wohl fühlt, kann im Einsatz wirklich helfen. Dabei sind verschiedene Fachpersonen beteiligt, darunter Hundeausbilder:innen, Therapiekräfte, Hundesportler:innen und Hundeführer:innen. Für die Ausbildung ist es entscheidend, dass Personen, die mit den Tieren arbeiten, sehr konsequent sind. Schon kleine Ausnahmen, etwa wenn ein Hund etwas vom Tisch bekommt, können problematisch sein.
Die Hunde kommen bereits als Welpen in die Obhut des Vereins, wo sie eine intensive Grundausbildung über einen Zeitraum von etwa neun bis zehn Monaten durchlaufen. Ziel ist es, die Tiere sowohl im Verhalten als auch im Umgang mit Menschen, insbesondere mit Kindern, auf den therapeutischen Einsatz vorzubereiten. Dabei lernen sie unter anderem, sich in Einkaufszentren zurechtzufinden, mit der Straßenbahn zu fahren oder auf Fähren und Booten ruhig zu bleiben. Am Ende der Grundausbildung muss eine Prüfung abgelegt werden, bei der Verhalten, Belastbarkeit und soziale Eignung sorgfältig getestet werden. Bemerkenswert dabei ist, dass nur etwa 20 bis 30 Prozent der Fellnasen die Ausbildung bestehen, denn ob ein Hund sich später wirklich für diese anspruchsvolle Aufgabe eignet, lässt sich im Welpenalter nicht vorhersagen.
Erst nach der neun- bis zehnmonatigen Grundausbildung kommt es zum ersten Kontakt zwischen den Kindern und den Vierbeinern. Oft entsteht dabei, wie mir erzählt wurde, ganz von selbst ein passendes Duo. Kind und Hund scheinen instinktiv zu spüren, ob sie zueinander passen. Diese emotionale Verbindung ist ein wichtiger Teil des Prozesses, trotzdem bleibt der therapeutische Zweck im Blick. Obwohl die tierischen Begleiter anschließend in den Familien leben und dort auch als enge Bezugstiere wahrgenommen werden, bleibt ihre eigentliche Rolle klar definiert: „Es sind Familienhunde, ja. Aber vor allem sind sie ein medizinisches Hilfsmittel für das Kind“, so Kretzschmar.
Bevor es jedoch dazu kommen kann, müssen Familien, die einen solchen Therapiehund in ihrer Familie aufnehmen möchten, sich bei dem Verein anmelden. Außerdem ist es verpflichtend, dass die Eltern eine zweiwöchige Schulung absolvieren. Diese bereitet sie gezielt auf den Umgang mit dem Tier und die besonderen Anforderungen im Alltag vor. Darüber hinaus wird im Vorfeld geprüft, ob das familiäre Umfeld überhaupt geeignet ist. Dabei spielen Fragen, wie ob jemand in der Familie an einer Tierhaarallergie leidet oder Angst vor Hunden hat, eine Rolle.
In der anschließenden Ausbildungsphase, die noch einmal anderthalb Jahre dauert, wird das Training gezielt auf das jeweilige Kind abgestimmt. Dabei spielt die enge Zusammenarbeit mit den Therapeut:innen der Kinder eine zentrale Rolle, um individuelle Bedürfnisse bestmöglich zu berücksichtigen und die Bindung zwischen Kind und Hund zu fördern. Und auch danach bleibt der Verein eng mit den Familien in Kontakt. Da die Tiere offiziell weiterhin zum Verein gehören, stehen die Mitarbeitenden den Familien dauerhaft zur Seite und können sie jederzeit bei Fragen oder Problemen unterstützen.
Geeignete Hunderassen und Charaktereigenschaften
Torsten Kretzschmar erklärt: „Charakter und Wesen, das ist das Ausschlaggebende, nicht das Aussehen des Hundes.“ Allgemein werden Vierbeiner gebraucht, die ruhig und ausgeglichen sind, die entspannt bleiben und sich auch in stressigen Situationen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie müssen es aushalten, wenn Kinder laut sind oder ihnen versehentlich am Fell ziehen. Tiere mit aggressiven Verhalten, mangelnder Geduld oder fehlender Führbarkeit sind für die Therapiearbeit ungeeignet, da sie in herausfordernden Situationen unberechenbar reagieren können und so die Sicherheit der betreffenden Person gefährden würden.
Doch auch wenn nicht das äußere Erscheinungsbild entscheidend ist, zeigen bestimmte Hunderassen dennoch häufiger Eigenschaften, die für den therapeutischen Einsatz wichtig sind. Dazu zählen unter anderem Labradore, Golden Retriever, Pudel, Collies, Australian Shepherds und Labradoodles. Sie bringen häufig die nötige Sensibilität, Menschenbezogenheit und Anpassungsfähigkeit mit, die in der tiergestützten Arbeit gefragt sind. Außerdem gibt es auch Sonderfälle, in denen nicht die Rasse entscheidend ist, sondern vielmehr die Statur und der Körperbau des Vierbeiners – also Größe, Kraft und körperliche Belastbarkeit –, um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Ein Beispiel dafür ist ein Mädchen mit Glasknochenkrankheit, das der Verein bereits begleitet hat. Aufgrund ihrer besonderen körperlichen Einschränkung brauchte sie einen deutlich größeren Hund, der ihr beim Gehen Sicherheit gibt und sogar ihre Schultaschen trägt.
Vielfältige Einsatzgebiete
Therapiehunde werden in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt, in denen sie Menschen emotionale Stabilität, Vertrauen und Sicherheit vermitteln. Besonders häufig werden sie beispielsweise bei Menschen mit Depressionen oder Angst- und Panikstörungen, bei Kindern mit Entwicklungsstörungen oder bei Menschen mit Sprachstörungen sowie bei Krebspatient:innen eingesetzt.
Gerade bei Autist:innen zeigt sich sehr anschaulich, wie hilfreich die tiergestützte Therapie sein kann. Kretzschmar erzählt mir dazu: „Sie kommunizieren über den Hund mit der Außenwelt oder sprechen mit ihm, was sie sonst nie mit ihren Eltern gemacht haben, weil der Hund ihnen einfach diese Stütze gibt.“ Bei der Arbeit mit den Therapeut:innen sind die Tiere eine wertvolle Unterstützung. Sie wirken beruhigend auf die Kinder und helfen ihnen, sich während der Therapie besser zu entspannen. Und auch in Situationen, in denen Kinder mit Autismus unter Reizüberflutung leiden, wirkt der Hund oft wie ein Anker und hilft den Kindern, sich zu regulieren und wieder zur Ruhe zu kommen.

Therapiehunde für Kinder e. V. Das Projekt finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Jeder Beitrag trägt dazu bei, das aufwendige Training der Therapiehunde zu ermöglichen und Kindern weiterhin diese Form der Begleitung zu bieten.
Die Mitarbeitenden freuen sich über jede Form der Unterstützung, ob einmalig oder regelmäßig. Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten finden Interessierte unter https://thfk.de/
In der Arbeit mit traumatisierten Kindern spielen Therapiehunde ebenfalls eine besondere Rolle. Viele dieser Kinder haben Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen oder Vertrauen zu Menschen aufzubauen. Der Hund wirkt hier als „soziale Brücke“, er fordert nichts, bewertet nichts und ermöglicht so erste Schritte in Richtung Beziehung und Kontakt. Ein weiteres Einsatzgebiet ist der medizinische Bereich, etwa in Kinder-Notaufnahmen, wo Therapiehunde nachweislich eine positive Wirkung zeigen. In einer klinischen Studie mit über 80 Kindern stellte sich heraus, dass bereits zehn Minuten mit einem ausgebildeten Therapiehund zu einer signifikanten Angstreduktion führten.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass der Einsatz von Therapiehunden über bloße soziale Interaktion hinausgeht. Sie senken nachweislich Stress, bauen Ängste ab und schenken Kindern in schwierigen Situationen ein Gefühl von Sicherheit. Wo Worte fehlen, schaffen sie durch Nähe und Vertrauen eine Verbindung, die der erste Schritt zu Heilung sein kann.
Text: Ylva Franke
Fotos: Therapiehunde für Kinder e. V., Yaroslav Shurayev via pexels.com
