Zertifizierung neu­er Therapiehunde

Sie trös­ten, ohne zu spre­chen und schen­ken Nähe, wo Worte nicht rei­chen. Therapiehunde beglei­ten Kinder durch Ängste, Traumata und Unsicherheiten. Doch was bewir­ken sie wirk­lich und wie sieht ihre Arbeit in der Praxis aus? Ein Besuch beim Verein „Therapiehunde für Kinder e. V.“ 

Wer schon ein­mal mit einem Haustier zusam­men­ge­lebt hat, kennt es: das war­me Fell unter der Hand, der wedeln­de Schwanz an der Tür oder das lei­se Schnurren auf dem Schoß. Diese tie­ri­schen Gefährten sind für vie­le Menschen weit mehr als nur Mitbewohner, sie sind Freunde, Trostspender, Ruhepole. 

Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Fellnasen bestehen die Ausbildung. (Symbolbild)

Ihre Anwesenheit wirkt oft beru­hi­gend, ihr Verhalten intui­tiv und wert­frei. Genau die­se Qualitäten machen sie auch in der the­ra­peu­ti­schen Arbeit so wert­voll. In der tier­ge­stütz­ten Therapie kom­men spe­zi­ell aus­ge­bil­de­te Tiere zum Einsatz. Dabei kön­nen ver­schie­de­ne Arten, je nach Zielgruppe, ein­ge­setzt wer­den – von Pferden bis hin zu Alpakas. Dieses the­ra­peu­ti­sche Verfahren wird unter­stüt­zend in Pädagogik, Psychologie oder Medizin ein­ge­setzt, um emo­tio­na­le, sozia­le oder moto­ri­sche Entwicklungsziele zu för­dern. Besonders ver­brei­tet ist die Arbeit mit Hunden. Durch ihre unvor­ein­ge­nom­me­ne und beru­hi­gen­de Präsenz eröff­nen sie häu­fig den ers­ten Schritt zu einer ver­trau­ens­vol­len Beziehung.

Wirkung und Geschichte der tiergestützten Therapie

Die Wirkung des Einsatzes von Tieren zu the­ra­peu­ti­schen Zwecken ist nicht nur emo­tio­nal spür­bar, son­dern auch bio­lo­gisch mess­bar: der Kontakt mit ihnen kann die Ausschüttung von Cortisol ver­rin­gern und gleich­zei­tig die Ausschüttung von Oxytocin, dem soge­nann­ten Bindungs- oder Kuschelhormon, för­dern. Dies unter­stützt emo­tio­na­le Nähe, Vertrauen und Entspannung – zen­tra­le Voraussetzungen für the­ra­peu­ti­sche Prozesse. In einer Untersuchung mit Kindern, die unter Unsicherheiten in der Bindungsentwicklung lit­ten, konn­te ein Therapiehund nach­weis­lich eine stress­re­du­zie­ren­de Wirkung ent­fal­ten – stär­ker sogar als ver­trau­te Bezugspersonen oder Kuscheltiere.

Doch die Wirkung der Hunde geht über bio­che­mi­sche Prozesse hin­aus. Kinder reagie­ren auch auf die Ausstrahlung und das Verhalten des Tieres ganz intui­tiv. Durch bestimm­te Nervenzellen im Gehirn, die Spiegelneuronen, ahmen sie unbe­wusst das ruhi­ge, freund­li­che Wesen der Vierbeiner nach. Allein schon das Beobachten eines gelas­se­nen Hundes kann hel­fen, sich selbst zu beruhigen.

Schon im 18. Jahrhundert schrieb man Tieren eine besänf­ti­gen­de Wirkung auf Menschen zu. Der ers­te doku­men­tier­te Einsatz von Hunden in der Therapie stammt aus den 1960er Jahren in den USA. Heute sind sie auch in Deutschland in Kliniken, Schulen und Pflegeeinrichtungen aktiv im Dienst.

Abgrenzung von Therapie‑, Assistenz- und Begleithund 

Therapiehunde wer­den gezielt in der medi­zi­ni­schen oder psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Arbeit ein­ge­setzt und sind meist Teil eines pro­fes­sio­nel­len Therapieprogramms. Assistenz- und Begleithunde hin­ge­gen unter­stüt­zen ihre Besitzer im Alltag, etwa Menschen mit kör­per­li­chen Einschränkungen wie einer Sehbehinderung. Im Gegensatz zu Assistenzhunden wer­den Therapiehunde recht­lich nicht als Hilfsmittel aner­kannt, ihre Finanzierung erfolgt daher meist rein pri­vat oder über Spenden. Besuchshunde kom­men mit ihren Begleitpersonen in Einrichtungen wie Altenheime, wo sie durch Streicheln oder Spielen eine sozi­al­för­dern­de Rolle fin­den. Kretzsch­mar erzählt von einem kon­kre­ten Fall aus einem Mutter-Kind-Heim, der ihm beson­ders in Erinnerung geblie­ben ist: ein Hund besuch­te dort jede Woche zwei Kinder und brach­te damit regel­mä­ßig Freude und Abwechslung in ihren Alltag. „Für die Kinder bedeu­te­te die­ser Tag unglaub­lich viel und ganz neben­bei lern­ten sie dabei auch, wie man mit ande­ren umgeht“, erzählt er.

Einblicke in die Praxis: Arbeit eines Therapiehundvereins

Eine Einrichtung, die sich beson­ders auf die Arbeit mit Therapie- und Assistenzhunden für Kinder und Jugendliche spe­zia­li­siert hat, ist der Verein Therapiehunde für Kinder e. V. in Petersberg in der Nähe von Halle. In einem Gespräch mit einem der Mitarbeiter, Torsten Kretzschmar, wird schnell deut­lich, mit wie viel Leidenschaft die Menschen im Verein arbei­ten. Sie bil­den Hunde mit gro­ßem Engagement zu Therapiehunden aus, mit dem Ziel Kindern und Jugendlichen zu hel­fen. Doch bei aller Begeisterung für die Arbeit mit den Vierbeinern wird auch klar, dass damit ein gro­ßer Aufwand ver­bun­den ist. 

Kretzschmar erzählt, dass die Anschaffung und Ausbildung eines Therapiehundes mit immensen Kosten ver­bun­den sind, die als Privatperson fast nicht zu stem­men sei­en. Insgesamt belau­fen sich die Kosten für Anschaffung und pro­fes­sio­nel­le Ausbildung auf etwa 4000 bis 10 000 Euro. Aufgrund des­sen kam er mit sei­nem Geschäftspartner 2021 auf die Idee einen Verein zu grün­den, der sich auf die Ausbildung spe­zia­li­siert hat, jedoch voll­stän­dig durch Spenden finan­ziert wird. Die Schulung der Tiere folgt einem klar struk­tu­rier­ten Konzept, das auf Qualität und Eignung beson­de­ren Wert legt. Doch auch das Wohlergehen der Vierbeiner spielt eine zen­tra­le Rolle, denn nur ein Hund, der sich sicher und wohl fühlt, kann im Einsatz wirk­lich hel­fen. Dabei sind ver­schie­de­ne Fachpersonen betei­ligt, dar­un­ter Hundeausbilder:innen, Therapiekräfte, Hundesportler:innen und Hundeführer:innen. Für die Ausbildung ist es ent­schei­dend, dass Personen, die mit den Tieren arbei­ten, sehr kon­se­quent sind. Schon klei­ne Ausnahmen, etwa wenn ein Hund etwas vom Tisch bekommt, kön­nen pro­ble­ma­tisch sein. 

Die Hunde kom­men bereits als Welpen in die Obhut des Vereins, wo sie eine inten­si­ve Grundausbildung über einen Zeitraum von etwa neun bis zehn Monaten durch­lau­fen. Ziel ist es, die Tiere sowohl im Verhalten als auch im Umgang mit Menschen, ins­be­son­de­re mit Kindern, auf den the­ra­peu­ti­schen Einsatz vor­zu­be­rei­ten. Dabei ler­nen sie unter ande­rem, sich in Einkaufszentren zurecht­zu­fin­den, mit der Straßenbahn zu fah­ren oder auf Fähren und Booten ruhig zu blei­ben. Am Ende der Grundausbildung muss eine Prüfung abge­legt wer­den, bei der Verhalten, Belastbarkeit und sozia­le Eignung sorg­fäl­tig getes­tet wer­den. Bemerkenswert dabei ist, dass nur etwa 20 bis 30 Prozent der Fellnasen die Ausbildung bestehen, denn ob ein Hund sich spä­ter wirk­lich für die­se anspruchs­vol­le Aufgabe eig­net, lässt sich im Welpenalter nicht vorhersagen. 

Erst nach der neun- bis zehn­mo­na­ti­gen Grundausbildung kommt es zum ers­ten Kontakt zwi­schen den Kindern und den Vierbeinern. Oft ent­steht dabei, wie mir erzählt wur­de, ganz von selbst ein pas­sen­des Duo. Kind und Hund schei­nen instink­tiv zu spü­ren, ob sie zuein­an­der pas­sen. Diese emotio­nale Verbindung ist ein wich­ti­ger Teil des Prozesses, trotz­dem bleibt der the­ra­peu­ti­sche Zweck im Blick. Obwohl die tie­ri­schen Begleiter anschlie­ßend in den Familien leben und dort auch als enge Bezugstiere wahr­ge­nom­men wer­den, bleibt ihre eigent­li­che Rolle klar defi­niert: „Es sind Familienhunde, ja. Aber vor allem sind sie ein medi­zi­ni­sches Hilfsmittel für das Kind“, so Kretzschmar. 

Bevor es jedoch dazu kom­men kann, müs­sen Familien, die einen sol­chen Therapiehund in ihrer Familie auf­neh­men möch­ten, sich bei dem Verein anmel­den. Außerdem ist es ver­pflich­tend, dass die Eltern eine zwei­wö­chi­ge Schulung absol­vie­ren. Diese berei­tet sie gezielt auf den Umgang mit dem Tier und die beson­de­ren Anforderungen im Alltag vor. Darüber hin­aus wird im Vorfeld geprüft, ob das fami­liä­re Umfeld über­haupt geeig­net ist. Dabei spie­len Fragen, wie ob jemand in der Familie an einer Tierhaarallergie lei­det oder Angst vor Hunden hat, eine Rolle. 

In der anschlie­ßen­den Ausbildungsphase, die noch ein­mal andert­halb Jahre dau­ert, wird das Training gezielt auf das jewei­li­ge Kind abge­stimmt. Dabei spielt die enge Zusammenarbeit mit den Therapeut:innen der Kinder eine zen­tra­le Rolle, um indi­vi­du­el­le Bedürfnisse best­mög­lich zu berück­sich­ti­gen und die Bindung zwi­schen Kind und Hund zu för­dern. Und auch danach bleibt der Verein eng mit den Familien in Kontakt. Da die Tiere offi­zi­ell wei­ter­hin zum Verein gehö­ren, ste­hen die Mitarbeitenden den Familien dau­er­haft zur Seite und kön­nen sie jeder­zeit bei Fragen oder Problemen unterstützen. 

Geeignete Hunderassen und Charaktereigenschaften

Torsten Kretzschmar erklärt: „Charakter und Wesen, das ist das Ausschlaggebende, nicht das Aussehen des Hundes.“ Allgemein wer­den Vierbeiner gebraucht, die ruhig und aus­ge­gli­chen sind, die ent­spannt blei­ben und sich auch in stres­si­gen Situationen nicht aus der Ruhe brin­gen las­sen. Sie müs­sen es aus­hal­ten, wenn Kinder laut sind oder ihnen ver­se­hent­lich am Fell zie­hen. Tiere mit aggres­si­ven Verhalten, man­geln­der Geduld oder feh­len­der Führbarkeit sind für die Therapiearbeit unge­eig­net, da sie in her­aus­for­dern­den Situatio­nen unbe­re­chen­bar reagie­ren kön­nen und so die Sicherheit der betref­fen­den Person gefähr­den würden. 

Doch auch wenn nicht das äuße­re Erscheinungsbild ent­schei­dend ist, zei­gen bestimm­te Hunderassen den­noch häu­fi­ger Eigenschaften, die für den the­ra­peu­ti­schen Einsatz wich­tig sind. Dazu zäh­len unter ande­rem Labradore, Golden Retriever, Pudel, Collies, Australian Shepherds und Labradoodles. Sie brin­gen häu­fig die nöti­ge Sensibilität, Menschenbezogenheit und Anpassungsfähigkeit mit, die in der tier­ge­stütz­ten Arbeit gefragt sind. Außerdem gibt es auch Sonderfälle, in denen nicht die Rasse ent­schei­dend ist, son­dern viel­mehr die Statur und der Körperbau des Vierbeiners – also Größe, Kraft und kör­per­li­che Belastbarkeit –, um den indi­vi­du­el­len Bedürfnissen gerecht zu wer­den. Ein Beispiel dafür ist ein Mädchen mit Glasknochenkrankheit, das der Verein bereits beglei­tet hat. Aufgrund ihrer beson­de­ren kör­per­li­chen Einschränkung brauch­te sie einen deut­lich grö­ße­ren Hund, der ihr beim Gehen Sicherheit gibt und sogar ihre Schultaschen trägt. 

Vielfältige Einsatzgebiete 

Therapiehunde wer­den in unter­schied­li­chen Kontexten ein­ge­setzt, in denen sie Menschen emo­tio­na­le Stabilität, Vertrauen und Sicherheit ver­mit­teln. Besonders häu­fig wer­den sie bei­spiels­wei­se bei Menschen mit Depressionen oder Angst- und Panikstörungen, bei Kindern mit Entwicklungsstörungen oder bei Menschen mit Sprachstörungen sowie bei Krebspatient:innen eingesetzt. 

Gerade bei Autist:innen zeigt sich sehr anschau­lich, wie hilf­reich die tier­ge­stütz­te Therapie sein kann. Kretzschmar erzählt mir dazu: „Sie kom­mu­ni­zie­ren über den Hund mit der Außenwelt oder spre­chen mit ihm, was sie sonst nie mit ihren Eltern gemacht haben, weil der Hund ihnen ein­fach die­se Stütze gibt.“ Bei der Arbeit mit den Therapeut:innen sind die Tiere eine wert­vol­le Unterstützung. Sie wir­ken beru­hi­gend auf die Kinder und hel­fen ihnen, sich wäh­rend der Therapie bes­ser zu ent­span­nen. Und auch in Situationen, in denen Kinder mit Autismus unter Reizüberflutung lei­den, wirkt der Hund oft wie ein Anker und hilft den Kindern, sich zu regu­lie­ren und wie­der zur Ruhe zu kommen. 

Therapiehunde für Kinder e. V. Das Projekt finan­ziert sich aus­schließ­lich durch Spenden. Jeder Beitrag trägt dazu bei, das auf­wen­di­ge Training der Therapiehunde zu ermög­li­chen und Kindern wei­ter­hin die­se Form der Begleitung zu bie­ten. 
 Die Mitarbeitenden freu­en sich über jede Form der Unterstützung, ob ein­ma­lig oder regel­mä­ßig. Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten fin­den Interessierte unter https://thfk.de/

In der Arbeit mit trau­ma­ti­sier­ten Kindern spie­len Therapiehunde eben­falls eine beson­de­re Rolle. Viele die­ser Kinder haben Schwierigkeiten, Nähe zuzu­las­sen oder Vertrauen zu Menschen auf­zu­bau­en. Der Hund wirkt hier als „sozia­le Brücke“, er for­dert nichts, bewer­tet nichts und ermög­licht so ers­te Schritte in Richtung Beziehung und Kontakt. Ein wei­te­res Einsatzgebiet ist der medi­zi­ni­sche Bereich, etwa in Kinder-Notaufnahmen, wo Therapiehunde nach­weis­lich eine posi­ti­ve Wirkung zei­gen. In einer kli­ni­schen Studie mit über 80 Kindern stell­te sich her­aus, dass bereits zehn Minuten mit einem aus­ge­bil­de­ten Therapiehund zu einer signi­fi­kan­ten Angstreduktion führten.

Diese Beispiele ver­deut­li­chen, dass der Einsatz von Therapiehunden über blo­ße sozia­le Interaktion hin­aus­geht. Sie sen­ken nach­weis­lich Stress, bau­en Ängste ab und schen­ken Kindern in schwie­ri­gen Situationen ein Gefühl von Sicherheit. Wo Worte feh­len, schaf­fen sie durch Nähe und Vertrauen eine Verbindung, die der ers­te Schritt zu Heilung sein kann. 

Text: Ylva Franke 
Fotos: Therapiehunde für Kinder e. V., Yaroslav Shurayev via pexels.com

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