Zugfahrten könn­ten so ange­nehm sein, wäre mir kein Fluch auf­er­legt wor­den. Es soll­te mir nie gestat­tet sein, ohne eine zumin­dest mit­tel­mä­ßig trau­ma­ti­sche Erfahrung aus­zu­stei­gen. Ich muss eines der Vorstandsmitglieder der DB AG mit Hang zur Hexerei ver­är­gert haben. 

Es ist endlich so weit!

Ich habe neben einer Menge Traumata auch noch genug Bahn-Bonus-Punkte gesam­melt, um mir ein luxu­riö­ses Upgrade in die ers­te Klasse zu gön­nen. Die 500 Bonuspunkte sind mir die Hoffnung auf eine end­lich ange­neh­me Fahrt wert. Hätte ich noch 250 mehr gesam­melt, hät­te ich mir den gro­ßen Traum eines eige­nen Unkrautstechers erfül­len kön­nen. Aber man kann nicht alles haben. 

Meiner ent­spann­ten Fahrt mit der Bahn soll­te also nichts im Weg ste­hen. Die ers­ten 60 Kilometer ver­lau­fen ohne nen­nens­wer­te Zwischenfälle. Mein reser­vier­ter Sitzplatz (man gönnt sich ja sonst nichts) ist frei, das Abteil ruhig und mei­ne Laune gut, auch wenn mir ent­ge­gen mei­ner Erwartungen nie­mand beim Betreten der ers­ten Klasse ein Glas Champagner ange­bo­ten hat. So gut, dass ich gar nicht an mög­li­che Zwischenfälle den­ke. Doch dann wird aus dem lei­sen Rattern der Räder Stille. Das kann kein gutes Zeichen sein. Wir haben gehal­ten. Außerplanmäßig!!! 

Da ertönt sie schon, die kaum ver­ständ­li­che, ble­cher­ne Stimme des Schaffners. Zwischen vie­len „Ähs“ und „Ems“ geht her­vor, dass er glaubt, gleich wei­ter­fah­ren zu kön­nen. „Glauben ist nicht wis­sen“, murm­le ich. Sofort läuft es mir kalt den Rücken her­un­ter und ich muss mich schüt­teln. Diesen Satz ken­ne ich nur von Lehrer:innen, die einem zei­gen, dass sie nach ihrem Abi noch ein biss­chen wei­ter nach einem ande­ren Beruf hät­ten Ausschau hal­ten sol­len. Am liebs­ten hät­te ich mir den Mund mit Seife aus­ge­wa­schen, auf der Stelle gekotzt oder irgend­was dazwischen. 

Stadt, Land, Stillstand

Lange pas­siert gar nichts. Ich ver­su­che, posi­tiv zu den­ken. Immerhin bin ich Teil der Oberschicht des Zuges. Mir kann nie­mand was. Auch die trau­ri­gen Blicke nicht, die der nie­de­re Pöbel der Reisenden der Holzklasse ohne Sitzplatzreservierung durch die Glastür wirft. Während ich lang­sam immer ner­vö­ser in mei­nem kom­for­ta­blen Sitz hin und her rut­sche, mel­det sich unser Schaffner wie­der zu Wort: Meine schlimms­ten Befürchtungen bewahr­hei­ten sich. Das wird hier län­ger dau­ern. Durch das Knacken und Knistern der Lautsprecher hört es sich so an, als erzäh­le er irgend­et­was über Probleme mit der Weiche oder Leiche. Jedenfalls gehe erst­mal nichts vor­wärts, und da eini­ge Passagier:innen ste­hen müs­sen, sei nun auch mei­ne geschätz­te ers­te Klasse für alle frei­ge­ge­ben. Das Einzige, was je von Wert für mich war, mei­ne ein­zi­ge Freude! Ich muss Stagnatos, den Gott der Bahnen, wirk­lich ver­är­gert haben. 

Die Glastüren, die zuvor die obe­re von der unte­ren Schicht trenn­ten, öff­nen sich und die einst so schar­fen Grenzen zwi­schen den Klassen sind auf­ge­ho­ben. Als Erstes wagt eine wil­de Horde Achtklässler:innen auf Schulausflug den Vorstoß in das Reich der bes­se­ren Polster und des grö­ße­ren Komforts. Sofort steigt mir der typi­sche Teenagerduft von Energydrinks, dem kläg­li­chen Versuch, den puber­tä­ren Schweiß mit Axe-Deo zu über­tün­chen, und Erdnussflips mit einer Herznote BiFi in die Nase. Aber solan­ge sie mit ihren Handys beschäf­tigt sind, ver­hal­ten sie sich ange­mes­sen. Doch schon bald kommt es, wie es kom­men muss: TikTok und Instagram sind bis zum Ende durchgescrollt. 

Was bleibt da noch? Die Gruppe ent­schei­det sich für ein uraltes Spiel. Den meis­ten nur noch aus Überlieferungen bekannt: Es wird Stadt-Land-Fluss gespielt. Die 20 Kids wer­den ruhig. Es ertönt das obli­ga­to­ri­sche „A“ und kurz dar­auf auch schon „Stopp“. Der Buchstabe ist „K“. Das sorgt in der Kategorie „Promi“ für Diskussionen. Wie wer­den die Punkte bei den Kardashians ver­ge­ben? Wird zwi­schen Kim, Kourtney und Khloé unter­schie­den? Zählt „Kardashians“ als Überbegriff über­haupt? Und wie fal­len die Jenners Kris, Kendall und Kylie ins Gewicht? 

Keine Rücksicht auf Sitzplatzverluste 

Ich belau­sche mit einem Ohr auf­merk­sam den Streit eines Cosplay-Pärchens, das wegen der Verspätung nicht mehr recht­zei­tig zur Comic-Con kom­men wür­de. Ihre Gemüter sind erhitzt, das Gespräch wird immer lau­ter und der letz­te geschrie­ne Satz: „Nein, Lionel! Ich habe acht Stunden an dei­ner Weste gear­bei­tet, wir gehen da noch hin!“ wird von einer neu­en Durchsage zum Punkt gebracht. 

„Es geht nichts mehr auf unse­rer Strecke“, heißt es. Es kom­me ein Evakuierungszug, in den wir über klei­ne Leitern klet­tern sol­len. Um Panik zu ver­mei­den, wer­de dabei wagen­wei­se vor­ge­gan­gen. Als wir an der Reihe sind, ste­he ich inmit­ten der mitt­ler­wei­le sehr lau­ten Achtklässler:innen. Vor mir bekniet ein Junge sei­nen Kumpel, ihm noch ein­mal Fotos sei­ner ältes­ten Schwester zu zei­gen, die er „so mega hot“ fin­det. Hinter mir wird neu­er Lipgloss Geschmacksrichtung Zuckerwatte auf­ge­legt, wäh­rend die Lehrerin die Vollständigkeit ihrer Klasse über­prüft. Ich sehe, wie sie immer wie­der von Neuem zu zäh­len beginnt, wäh­rend ihr Gesichtsausdruck immer ver­zwei­fel­ter wird. Sie zählt ein Kind zu viel. Mich! Ich schaue sie lan­ge und ein­dring­lich an. Wir hal­ten Blickkontakt; ich schütt­le dabei lang­sam den Kopf. Dann fällt auch ihr der Fehler auf. Das kann bei mei­ner Größe und in der Hektik schon ein­mal passieren. 

Als ich schließ­lich über die klei­ne Leiter krax­le, gilt mein ein­zi­ger Gedanke aus­schließ­lich der neu­en Sitzverteilung, bei der weder mei­ne Reservierung noch mei­ne Klasse berück­sich­tigt wird. Diesen Verlust möch­te ich nicht wahr­ha­ben und befin­de mich damit in Trauerphase eins: Leugnen. Aber im Zuge (im Zuge … ich has­se mich!) des Umstiegs konn­te ich vom Großraum- in ein Sechserabteil umstei­gen. Im Großraum ist die Idiotendichte ein­fach höher. Es gibt immer jeman­den, der gera­de zu laut pri­vat oder geschäft­lich tele­fo­niert, und irgend­ein Kind hat immer aus­ge­rech­net jetzt Lust auf ein Mettbrötchen mit extra Zwiebeln oder einen Döner mit allem und viel Knoblauch.

Kurze Zeit spä­ter wer­de ich gefragt, ob bei mir noch frei sei. Ohne wei­ter auf­zu­se­hen, beja­he ich die Frage. Es setzt sich ein Typ zu mir; das Aftershave treibt mir die Tränen in die Augen und ich bin mir sicher, es auch schme­cken zu kön­nen. Ich wün­sche mir den Pubertätsschweiß sehn­lichst zurück. Jetzt schaue ich doch den Ursprung die­ser Wolke ein­mal rich­tig an: Glatze, gera­de noch nicht ver­fas­sungs­feind­li­che Tattoos und kei­ne Kopfhörer oder Ähnliches; nur ein star­rer Blick gera­de­aus. Zu mei­ner Erleichterung steigt er gleich am nächs­ten Halt aus und ich kann auf- und durchatmen. 

Diese Ruhe wird mir nicht lan­ge gegönnt. Ein Mann vom Typ Barfußschuh und Bouldern steigt zu und nimmt bei mir Platz. Schon weni­ge Minuten spä­ter hat der die Tupperbox gezückt und öff­net sie. Daraus steigt ein Duft auf, der nur aus der olfak­to­ri­schen Abteilung der Hölle stam­men kann: Harzer Käse, Kohlrabi und Radieschen. Sein Kiefer arbei­tet weni­ger hart an der Rohkost als ich dar­an, mei­nen Würgereiz zu unter­drü­cken. Als er sei­ne Büchse der Pandora wie­der schließt, ist mir schon schwin­de­lig vom gan­zen Luftanhalten. Aber was ist das? In jedem von uns steckt ein Arschloch! Ich muss wie­der fest­stel­len, dass der Zug der Ort ist, an dem man Menschen am bes­ten has­sen kann. Er beginnt auf dem Sitz neben sich einen gan­zen Turm aus klei­nen Döschen, Gläsern und Boxen mit unde­fi­nier­ba­rem, aber sicher fer­men­tier­tem Inhalt zu stapeln. 

Der schie­fe Turm von Fermentisa konn­te einen wei­te­ren Reisenden nicht davon abhal­ten, zu uns ins Abteil zu stei­gen. Der älte­re Herr im brau­nen Tweed-Anzug setzt sich mir gegen­über ans Fenster. Er sieht sich um, als woll­te er sich vor etwas ver­ge­wis­sern, und greift in sei­ne leder­ne Laptoptasche. 

Heraus zau­bert er einen Pappbecher und einen Piccolo-Rotwein im edels­ten Fläschchen, das ich jemals gese­hen habe. Sowohl die Flaschenform als auch das Etikett mit Goldverzierung schrei­en förm­lich: „Selbst die ers­te Klasse ist nicht gut genug für mich!“ Er gießt sich lie­be­voll einen klei­nen Schluck in den Papierbecher und schwenkt ihn inbrüns­tig. Der jün­ge­re Rohkostfanatiker mit Holzschmuck zu sei­ner Rechten fühlt sich ani­miert und öff­net ein Jever. Zwei Parallelwelten, nur getrennt von einem wild gemus­ter­ten Mittelsitz. Der schwe­re Geruch des Rotweins macht sich lang­sam im Abteil breit und der Vinophile packt ein Buch gegen den Kapitalismus aus. Menschen kön­nen mich also doch noch überraschen. 

Die letz­ten Kilometer der Fahrt fin­de ich mich mit mei­ner Situation sowie deren Geruch ab und genie­ße den Kontrast, der mir gegen­über­sitzt. Als ein Ende die­ser Odyssee lang­sam in greif­ba­re Nähe rückt, wischt der Tweed-Mann sei­nen Papierbecher bedäch­tig mit einer Serviette aus der Jacketttasche aus und über­prüft mit­tels Umdrehen, ob der Schraubverschluss sei­nen Weinrest auch sicher in der Flasche hält. Der Andere ver­staut tetris­mä­ßig wie­der sei­ne Tuppersammlung.

Währenddessen wer­de ich mir gewahr, dass ich in acht Stunden Bahnfahrt, die sich wesent­lich län­ger ange­fühlt haben, 60 Kilometer Richtung Süddeutschland geschafft habe, um dann wie­der an mei­nem Startbahnhof anzu­kom­men. Wenn die­ser Weg also das Ziel sein soll, kom­me ich doch lie­ber an!

Mit die­ser Erkenntnis beginnt für mich Trauer­phase zwei: Frustration. „Wieso immer ich?!“ Eigentlich mag ich Reisen ganz ger­ne. Oder zumin­dest das Ankommen. Das Unterwegs­sein reizt mich kein biss­chen. Vielleicht ver­su­che ich es beim nächs­ten Mal lie­ber wie­der mit dem FlixBus. Eine Frau, die sich direkt neben mir die Fußnägel lackiert, erscheint mir doch gar nicht mehr so schlimm. 

Text: Michelle Ehrhardt

Illustrationen: Ellen Helmecke

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