Gegründet im frühen 16. Jahrhundert, blickt die MLU auf über 500 Jahre wechselvoller Geschichte zurück. Doch besonders die Kapitel des Nationalsozialismus und der DDR werfen bis heute drängende Fragen auf. Warum Wissenschaft ohne Gewissen gefährlich ist und warum wir, als Teil der Universität, aus ihrer Geschichte lernen müssen.
Am Dienstag, den 27. Mai 2025, hat wieder der „Tag der Lehre“ unter dem Titel „Universität als Gestaltungsraum“ stattgefunden. Heute lehrt die MLU Aufklärung, Kritikfähigkeit und Verantwortung. Dies war jedoch nicht immer so. Ein „Gestaltungsraum“ war die Uni, wenn man in die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte schaut, nicht nur für Positives, sondern auch für Ausgrenzung, Anpassung, Ideologie und Indoktrination. Ob im Nationalsozialismus oder unter dem DDR-Regime: Die MLU war selbst aktiver Teil zweier Diktaturen. Was bedeutet das für eine Uni, die heute weltoffen und demokratisch ist? Wie geht eine Institution mit der eigenen Rolle in Zeiten von Unterdrückung, Gewalt und Unrecht um? Und was wissen wir als Studierende eigentlich über die Vergangenheit unserer Hochschule?
Die MLU im Nationalsozialismus (1933 –1945)
Die ideologische Kontrolle von Universitäten war ein zentrales Anliegen des NS-Regimes. Die alte deutsche Universitätskultur stellte zumindest in der Theorie eine Gefahr für die zutiefst von ideologischem Wahn und politischem Hass getriebenen Nationalsozialisten dar. Auch wenn Universitäten in der Weimarer Republik bereits stark von völkischem und reaktionärem Denken geprägt waren, musste eine wie von Heinrich Becker beschriebene „Gralsburg der reinen Wissenschaft“ unter allen Umständen zerschlagen werden.
Bereits zwei Wochen nach der finalen „Machterlangung“ 1933 wurde das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (BBG) erlassen. Der Name des Gesetzes verwirrt: Es war nämlich keineswegs so, dass es vor diesem Gesetz keine verbeamteten Personen gab. Vielmehr verbarg sich hinter der irreführenden Bezeichnung im Kern der Versuch, den bestehenden Beamtenapparat politisch zu säubern. Das Gesetz ermöglichte es, jegliche Person mit Beamtenstatus – wie Professor:innen oder Lehrkräfte – in den Ruhestand zu versetzen, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprach: konkret Menschen mit jüdischer Herkunft, Personen mit jüdischen Lebensgefährten oder sonstige politisch unerwünschte Personen. Daraufhin kam es zu mehreren „Säuberungswellen“ von Beamten in Deutschland, wovon die deutschen Universitäten noch vor beispielsweise Technischen Hochschulen am stärksten betroffen waren.
Im Gegensatz zu dem Verhalten, das man von einer aufgeklärten und gebildeten Forschungselite erwarten würde, begrüßte die Universitätsleitung und Studierendenschaft der Uni Halle die „Machtübertragung“ durch die Nazis und arrangierte sich schnell mit der Abkehr von jeglichen wissenschaftlichen Standards und von der politischen und ideologischen Freiheit der Lehre.
So beteiligten sich viele Studierende an der Bücherverbrennung vom 12. Mai 1933 auf dem Universitätsplatz, welche wohlgemerkt nicht auf Befehl, sondern auf Eigeninitiative der Studierendenschaft geschah.

und Staatssekretär im Reichs- und Preußischen Ministerium für Wissenschaft,
Erziehung und Kultur Werner Zschintzsch (UAHW Rep. 40/VII, 1, Nr. 564)
Freiwillig durchkämmten Studienrede die Bibliotheken nach vermeintlich falschen Büchern und Gedanken und vernichteten diese bei Applaus von versammelten Bürger:innen und Professor:innen.
Außerdem wurde die Uni Halle – damals Vereinigte Friedrichs-Universität – im November 1933 zu ihrem heutigen Namen „Martin Luther“ umbenannt. Auch wenn die Idee zur Umbenennung schon vorher durch Theodor Busch eingeworfen wurde, erhielt die Universität den Namenszusatz in diesem Kontext unter spezifischem Verweis auf Luthers antisemitische Schriften. Dies zumindest feierte der neu ernannte Rektor Hans Hahne in seiner Universitätsrede am 18. Januar 1934. Dass unsere Universität noch heute so heißt, mit diesem historischen Umstand als Namensgeber, gibt Anlass zu sehr starkem Augenreiben.
In Folge des BBG und gedeckt von der Universitätsleitung fanden dann auch politische und „rassische“ Säuberungen an der Uni Halle statt. Bis 1945 wurden mindestens 43 Hochschullehrer aus dem Dienst entfernt, was etwa einem Fünftel des Lehrkörpers entsprach. Außerdem vertrieben die Nazis im Winter 1932/33 mindestens 45 von 245 Dozent:innen – etwa aufgrund jüdischer Abstammung, einer „nicht-arischen“ Ehe, sozialdemokratischen Engagements oder Homosexualität. Bekannte Beispiele von Wissenschaftler:innen, die im Zuge von Berufsverboten auswanderten, sind der Mathematiker Reinhold Baer und die Indologin Betty Heimann.

Zahlreiche Lehrende der Uni wurden nicht nur aus ihren Ämtern entfernt, sondern in Schauprozessen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, in Konzentrationslagern ermordet oder durch die Gestapo in den Suizid getrieben. Der hebräische Dozent Mojzis Woskin-Nahartabi wurde in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und im Jahr 1944 im KZ Auschwitz ermordet, während der Staatswissenschaftler Georg Brodnitz in das Ghetto Litzmannstadt deportiert und dort im Dezember 1944 ermordet wurde. Nur zwei Beispiele von vielen Biografien und Schicksalen, die auch durch das Versagen der Universität ein grausames Ende fanden.
Die Wissenschaftler:innen, die nicht entlassen, deportiert oder ermordet wurden, fügten sich dem Terrorregime oder unterstützten dieses aktiv. Besonders in der Medizin, den Naturwissenschaften und der Agrarforschung entwickelten sich ganze Forschungszweige im Sinne der NS-Ideologie. Einzelne Professor:innen wirkten unmittelbar an Verbrechen mit.

Paul Hilpert, Dekan der Medizinischen Fakultät der MLU, leistete mit seinen Schriften etwa einen ideologischen Beitrag zur Vorbereitung des systematischen Massenmordes von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen – später als Aktion T4 bekannt. In einem Vortrag von 1937 sprach er davon, dass rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung „erbkrank im weiteren Sinne“ seien und zur „Ausmerzung der minderwertigen Erbanlagen“ getötet werden müssten.
Schüler:innen wie Ernst Baumhard nahmen dann aktiv an den Mordprogrammen teil. Insgesamt wurden im Rahmen der Aktion T4 über 70 000 Menschen ermordet. Auch Hans Hahne, Anthropologe und vorheriger Rektor der MLU, engagierte sich für rassenideologisch motivierte Forschung. Er sammelte und analysierte menschliche Schädel und Skelette, um vermeintlich wissenschaftliche Belege für „rassische“ Unterschiede zu liefern – Forschung, die die Entmenschlichung ganzer Bevölkerungsgruppen befeuerte und pseudowissenschaftlich zur Rechtfertigung des Holocaust beitrug. Wirklichen Widerstand des Lehrkörpers oder der Universitätsleitung gegen die Säuberungen und Verbrechen des NS-Regimes gab es an der MLU – zumindest dokumentiert – nie. Zu groß war wohl der Konformismus und Opportunismus, die eigene Karriere durch freiwerdende Stellen im Lehrkörper beschleunigen zu können.
Erst als der Untergang unabwendbar war, entdeckte eine kleine Gruppe von Universitätsangehörigen ihren Mut – und überzeugte die Wehrmacht, Halle kampflos an die Amerikaner zu übergeben. Ob dabei plötzliches Verantwortungsbewusstsein oder schlichter Selbsterhaltungstrieb den Ausschlag gab, darf getrost hinterfragt werden.
Die MLU in SBZ und DDR (1945 –1989)
Nachdem der Zweite Weltkrieg und die Schreckensherrschaft der Nazis 1945 durch die Alliierten beendet wurden, bemühten sich die amerikanischen Besatzer zunächst um eine demokratische Erneuerung der Universität Halle. Doch mit der Übergabe an die sowjetische Militäradministration (SMAD) wurde dieser Versuch schnell zunichte gemacht.
Ab 1947 installierte die SMAD „politisch zuverlässige“ Kräfte in leitenden Positionen. Gleichzeitig kehrten politische Säuberungen, dieses Mal stalinistischer Natur, zurück an die Uni: zahlreiche Student:innen und Mitarbeiter:innen galten plötzlich als „politisch unzuverlässig“ und verschwanden. Durch Denunziation und Willkür wurden einige verhaftet und in Lagern interniert, so etwa der Jurastudent Hans-Dietrich Genscher, dem 1945/46 nur knapp die Flucht in den Westen gelang, oder sein Kommilitone Horst Hennig, der 1947 unter konstruierten Vorwürfen zu 25 Jahren Gulag-Arbeit verurteilt wurde. Die MLU hatte dementsprechend weder die Möglichkeit, die NS-Zeit neutral aufzuarbeiten, noch sich als Universität wieder wissenschaftlichen Grundwerten anzunähern.
Mit der Gründung der DDR 1949 wurde die MLU Teil des sozialistischen Bildungssystems und zunehmend zum ideologischen Instrument der SED. Die Uni solle zu einer „gesellschaftskonformen Ausbildungsstätte sozialistischer Funktionseliten“ werden. Eine Rückkehr zur „reinen Wissenschaft“ war somit auch unter DDR-Führung unmöglich.
An der MLU waren die Anfangsjahre der DDR in den 50er-Jahren von besonders harten Repressionen geprägt: insgesamt sind allein für die Zeit 1945 bis 1961 mindestens 168 Universitätsangehörige dokumentiert, die aus politischen Gründen verhaftet und oft zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Die Uni Halle verzeichnete damit nach der Berliner Humboldt-Uni die meisten politischen Verhaftungen aller DDR-Hochschulen. Sieben Betroffene wurden sogar zum Tode verurteilt.
Diese Welle von Repressionen führte zu besonders hohen Fluchtbewegungen von MLU-Angehörigen in den Westen, solange es noch keine wortwörtliche Mauer gab, die sie davon abhielt. Viele der einmal Freigelassenen nutzten die Chance und flohen, vor allem in den Jahren 1952 und erneut 1957. Bis zum Mauerbau hatten mindestens 30 Dozent:innen und Professor:innen der MLU aus politischen Gründen die DDR verlassen.

Zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 geschah etwas, das man in der NS-Zeit schmerzlich vermisst hatte, ein gewisser zivilgesellschaftlicher Widerstand und Zeichen akademischer Solidarität von MLU-Angehörigen. Etwa 2000 hallische Arbeitnehmer:innen und Studierende demonstrierten an diesem Tag in Halle gegen das SED-Regime. Mehrere MLU-Professor:innen (zum Beispiel der Historiker Max Schneider oder der Musikwissenschaftler Franz Runge) wohnten den Protesten zumindest passiv bei und äußerten Sympathie für die Forderungen. Die Staatssicherheit registrierte genau, welche Hochschulangehörigen an den Kundgebungen teilnahmen. In der Folge wurden fünf MLU-Studierende verhaftet wovon vier Zuchthausstrafen von einem bis drei Jahren erhielten. Einige Professor:innen setzten sich auch später für die Freilassung dieser inhaftierten Studierenden ein und halfen anderen Verfolgten. Der Volksaufstand wurde letztlich blutig niedergeschlagen: An der grundsätzlichen politischen Kontrolle der Universität durch die SED änderte sich nichts.
In den folgenden Jahrzehnten formte die SED die Uni Halle immer mehr zur linientreuen Kaderschmiede. Die gesellschaftswissenschaftliche Pflichtausbildung aller Studierenden begann 1951 und wurde 1969 zur eigenen Sektion Marxismus-Leninismus ausgebaut. Diese ideologische Schulung blieb bis 1990 fester Bestandteil des Studiums. Die Universitätsleitung stand unter direktem SED-Einfluss – der offene Widerspruch gegen politische Vorgaben war kaum möglich. Ab den 1970er Jahren durchdrang zusätzlich die Stasi die Uni und führte zahlreiche Informant:innen ins Kollegium und in die Studierendenschaft ein.
Doch auch in den späten DDR-Jahren gab es weiterhin vereinzelt Mut zum individuellen Widerstand: Einige Professor:innen versuchten, staatliche Direktiven zu umgehen oder ihre Student:innen zu schützen. Beispielsweise solidarisierte sich ein Kreis um den Biologen Hans-Joachim Schlegel 1988 mit kritischen Student:innen, was disziplinarische Folgen hatte. Insgesamt erreichte die SED ihr Ziel einer SED-Kaderschmiede zwar teilweise, aber nie vollständig.
Aufarbeitung nach 1990
Als die DDR 1989 implodierte, war auch die MLU ein ideologisch geschwächter Körper: Zwei Diktaturen lagen hinter ihr, wissenschaftlich war sie ausgehöhlt und moralisch beschädigt. Was folgte, war ein oft widersprüchlicher Prozess der Aufarbeitung: mal ernsthaft und selbstkritisch, mal halbherzig und verzögert.
Besonders das nationalsozialistische Kapitel blieb lange unbeleuchtet. Erst ab den 2000er-Jahren wurden größere Schritte unternommen, um die Schicksale der im „Dritten Reich“ vertriebenen Hochschullehrer:innen sichtbar zu machen. Mit dem Projekt „Ausgeschlossen“ wurde 2013 ein längst überfälliger Erinnerungsprozess eingeleitet. Ein Gedenkband zeichnete die Lebenswege von 43 entlassenen Professor:innen nach – darunter renommierte Wissenschaftler:innen, die aus „rassischen“ oder politischen Gründen von der Uni entfernt, ins Exil oder in den Tod getrieben wurden.

Die Universität bekannte öffentlich ihre Mitverantwortung und stellte sich symbolisch hinter jene, denen sie einst die Tür gewiesen hatte. Ein notwendiger, wenn auch längst überfälliger Schritt.
Die Aufarbeitung der DDR-Zeit begann mit einer anderen Dringlichkeit. Nach der friedlichen Revolution wurden zunächst Akten gesichtet, Gremien aufgelöst, Funktionsträger:innen entfernt. Doch wie tief die Verstrickungen reichten – von ideologischer Indoktrination über Denunziation bis zu aktiver Beteiligung an staatlicher Repression – wurde erst nach und nach klar. Anders als bei dem Projekt „Ausgeschlossen“ beauftragte die Universität eine unabhängige Historikerkommission, um die politisch motivierten Verfolgungen zu erfassen und aufzuklären.

Als Ergebnis wurde im Jahr 2019 eine öffentlich zugängliche Datenbank eröffnet, die inzwischen mehr als 160 Einzelfälle dokumentiert: verhaftete Student:innen, verurteilte Professor:innen, zwangsweise Exmatrikulierte. Manche von ihnen hatten nur ein Flugblatt verteilt, andere bloß zu laut gedacht.
Einige kennen vielleicht die 2019 eingeweihte schlichte, aber bedeutende Gedenkstele am Löwencampus, die an Opfer von Repression und Kontrolle im Namen des Staates erinnert. Ein Ort der Erinnerung, an dem früher zu oft geschwiegen wurde.
Trotz dieser Initiativen: von einer lückenlosen Aufarbeitung kann bis heute keine Rede sein. Viele Biografien, vor allem aus der NS-Zeit, liegen im Schatten. Manche Karrieren blieben unbehelligt. Die strukturelle Selbstreflexion der Universität ist ein laufender Prozess – kein abgeschlossener.
Heute: Zwischen Rückblick und Verantwortung
Heute spricht die MLU von Aufklärung, Kritikfähigkeit und Verantwortung. Das ist sehr gut und wichtig. Doch diese Werte sind kein Selbstläufer. Wer die eigene Geschichte kennt, weiß, dass Universitäten nicht per se Orte der Freiheit und Vernunft sind. Sie können auch zu Handlangern der Macht, der Angst oder der Ideologie werden.
Die gute Nachricht: Die Uni Halle hat dazugelernt. Mit Projekten wie „Ausgeschlossen“, der Arbeit der Historikerkommission oder dem jährlich stattfindenden Gedenktag zeigt die MLU, dass sie sich ihrer Vergangenheit nicht entzieht. Auch in Forschung und Lehre ist das Thema Diktaturgeschichte präsenter als je zuvor. Es gibt Diskussionsräume, Veranstaltungen, Denkmäler und nicht zuletzt eine aktive Studierendenschaft, die Fragen stellt. Aber: Erinnerung ist keine abgeschlossene Aufgabe. Sie muss gepflegt, verteidigt und weiterentwickelt werden, besonders dann, wenn autoritäres Denken, Antisemitismus oder Wissenschaftsverachtung wieder salonfähig werden.
Wer heute an dieser Universität lernt und lehrt, darf zu Recht stolz auf wissenschaftliche Vielfalt, kritisches Denken und offene Debatten sein. Aber dieser Freiraum ist kein Geschenk. Er ist ein Privileg, das schnell verloren geht, wenn es nicht aktiv verteidigt wird. Die Vergangenheit unserer Hochschule mahnt: Bildung ohne Rückgrat ist hohl. Und Wissenschaft ohne Gewissen ist gefährlich. Frei nach Bertolt Brecht: In einer Welt, in der die Wissenschaft schweigt, wird die Lüge Gesetz.
