Maskulinität, Mobbing, Mord – die Emmy-prä­mier­te Serie „Adolescence“ steht schon seit ihrer Veröffentlichung im März 2025 im hef­ti­gen Diskurs. Sie wirft die Frage auf, wie ver­letz­li­che Jungen zu gefähr­li­chen Männern wer­den. In die­sem Artikel möch­te ich auf den psy­cho­lo­gi­schen Hintergrund der Miniserie ein­ge­hen – und wie sie es schafft, einen Täter zum Menschen zu machen.

amie Miller: ein Junge, des­sen Leben nach einer scho­ckie­ren­den Tat aus den Fugen gerät.
Hinweis: Dieser Artikel behan­delt sen­si­ble Themen wie Mobbing, Misogynie, Mord und die soge­nann­te Incel-Bewegung. Wer sich emo­tio­nal und psy­chisch nicht in der Lage fühlt, sich mit sol­chen Themen aus­ein­an­der­zu­set­zen, soll­te even­tu­ell davon abse­hen, den Artikel zu lesen. Außerdem soll hier auf poten­ti­el­le Spoiler für Personen, die die Serie „Adolescence“ noch nicht geschaut haben und sich unvor­ein­ge­nom­men damit aus­ein­an­der­set­zen möch­ten, hin­ge­wie­sen werden.

„Adolescence“ han­delt von einem 13-jäh­ri­gen Jungen namens Jamie Miller, der sei­ne Mitschülerin Katie mit einem Messer umge­bracht hat. Diese bestür­zen­de Tat führ­te zu viel­schich­ti­gen Publikumsreaktionen, wel­che die Serie inner­halb weni­ger Tage auf Platz eins der am meis­ten geschau­ten Netflix-Titel kata­pul­tier­ten – und das in gleich 79 Ländern. Großbritannien ist ein Land, das schon seit Jahren mit Messerkriminalität zu kämp­fen hat, ins­be­son­de­re durch Männer. Dies beweg­te Steven Graham dazu, „Adoles­cence“ zu pro­du­zie­ren: eine fik­ti­ve Geschichte, die rea­le Probleme anspricht.

Bereits in der ers­ten von vier Folgen wird Jamie in sei­nem Zuhause fest­ge­nom­men und des Mordes an sei­ner Mitschülerin Katie beschul­digt. Später wer­den Jamie und sein Vater, der ihm im Polizeiverhör zur Seite steht, mit den Aufnahmen einer Überwachungskamera kon­fron­tiert, die die Schuld Jamies bewei­sen – eine Realisation, die das Leben einer ganz „nor­ma­len“ Familie der Mittelschicht auf einen Schlag ver­än­dert. Es geht also im Verlauf der Serie eher um die Perspektive des Täters, wie es zu der Tat kam und wel­che Folgen die­se für Jamies Umfeld hat.

Die Hauptermittler Detective Inspector Bascombe und Detective Sergeant Frank besu­chen die Schule von Jamie und Katie, um Informationen zur Tatwaffe zu erlan­gen und der Frage des Motivs nach­zu­ge­hen. Hier wird deut­lich, in wel­chem Umfeld die Schüler:innen sozia­li­siert wer­den: Mobbing, Beleidigungen und ein respekt­lo­ser Umgang unter­ein­an­der schei­nen kei­ne Seltenheit zu sein. Anfangs gehen die Polizeibeamten davon aus, dass Jamie und Katie mit­ein­an­der befreun­det oder in einer roman­ti­schen Beziehung waren. Doch als Bascombe von sei­nem Sohn, der eini­ge Klassen über Jamie ist, erfährt, dass die­ser von Katie auf Instagram gemobbt und als soge­nann­ter „Incel“ (Person, die „invol­un­ta­ri­ly celi­ba­te“ ist, also kei­nen Geschlechtspartner fin­det) bezeich­net wur­de, rea­li­siert er, dass er auf dem fal­schen Weg war.

Sieben Monate spä­ter befin­det sich Jamie in einer Jugendstrafanstalt, in der er von einer Psychologin begut­ach­tet wird. Sehr schnell wird deut­lich, dass er zutiefst unsi­cher in sei­nem Selbst und dadurch anfäl­lig für Misogynie und toxi­sche Männlichkeit ist. Er behaup­tet unter ande­rem, schon zwei Mädchen „ange­fasst“ zu haben. Die Wahrheit ist: er sah Nacktbilder von Katie, die in der Schule her­um­ge­schickt wur­den. Es stellt sich her­aus, dass er sie dar­auf­hin um ein Date bat und abge­lehnt wur­de. Jamie hat ein der­art nega­ti­ves Selbstbild ent­wi­ckelt, dass er sich selbst als „Incel“ bezeich­net. Mehrmals wäh­rend der Sitzung wer­den sei­ne Aggressionsprobleme deut­lich. Er schreit die Psychologin an oder lässt sei­ne Wut an Möbelstücken aus. Jamie ver­leug­net noch immer die Tat und insze­niert sich selbst als Opfer. 

In der letz­ten Folge beglei­tet man Jamies Familie an dem Geburtstag sei­nes Vaters Eddie. Dieser ist ein auf­rich­ti­ger und respekt­vol­ler Mensch. Trotzdem ist die Familiendynamik ambi­va­lent – sei­ne Art, mit Wut und Frustration umzu­ge­hen, hat Jamie defi­ni­tiv von sei­nem Vater. Bei einem Gespräch mit sei­ner Frau erzählt er davon, wie sein eige­ner Vater ihn als Kind ver­prü­gel­te. Als Jamie anruft, um sei­nem Vater zum Geburtstag zu gra­tu­lie­ren, teilt er ihnen mit, sich im Gerichtsprozess schul­dig beken­nen zu wol­len. Seine Eltern wer­den von der Frage gequält, wel­che Verantwortung sie für die Tat tra­gen. Auch wenn die gesam­te Serie emo­tio­nal auf­wüh­lend ist, über­trifft die fina­le Szene, in der Eddie bit­ter­lich in Jamies Zimmer weint und mit sei­ner eige­nen Schuld ringt, an emo­tio­na­ler Tiefe und Bedeutung alle anderen.

Gesellschaftlicher Hintergrund

„Adolescence“ über­zeugt nicht nur durch schau­spie­le­ri­sche Raffinesse und eine star­ke Produktion, son­dern auch durch eine gelun­ge­ne Umsetzung viel­schich­ti­ger gesell­schaft­lich aktu­el­ler Themen. Die Serie the­ma­ti­siert struk­tu­rel­le patri­ar­cha­le Probleme, wie toxi­sche Männlichkeitsbilder oder die zuneh­men­de Misogynie in der Jugend, unter ande­rem bestärkt durch Personen wie Andrew Tate, die frü­her oder spä­ter in jedem TikTok-Algorithmus ein­mal auf­tau­chen und vor allem jun­ge Männer in ihren Bann zie­hen. Andrew Tate ist ein umstrit­te­ner Influencer, der durch frau­en­feind­li­che Aussagen und ein ultra­ma­s­ku­li­nes Weltbild pola­ri­siert. Eine gro­ße Rolle spielt hier auch Cyberbullying, spe­zi­ell die „Incel“-Bewegung. Jamie wird von Katie und indi­rekt von vie­len ande­ren sei­ner Instagram-Follower:innen als sol­cher bezeich­net. Diese Form der Ablehnung führt bei den Betroffenen häu­fig zu Frauenhass, Viktimisierung und einem gestör­ten Selbstbild. Der Einfluss sozia­ler Medien auf Jugendliche spielt dabei eine gro­ße Rolle.

Psychologischer Einblick – Identität versus Akzeptanz

Die psy­cho­lo­gi­sche Analyse des Hauptcharakters Jamie hängt untrenn­bar mit den inhalt­li­chen Aspekten zusam­men. Jamie befin­det sich, wie der Serientitel vor­aus­sagt, in der Adoleszenz – einer for­ma­ti­ven Lebensphase, die mit Identitätsfindung, kör­per­li­chen Veränderungen und Autonomiestreben einher­geht. Im Alter von 13 bis 19 Jahren ent­wi­ckeln wir unse­re selbst­re­fle­xi­ven Fähigkeiten und bekom­men ein Verständnis davon, wer wir sind und wer wir sein wollen. 

Polizeieinsatz am frü­hen Morgen – der Moment, der für die Millers alles veränderte.
m Gespräch mit einer Psychologin muss sich Jamie der Wahrheit über sich selbst
und sei­ne Tat stellen.

Man lernt, in sozia­len Kategorien wie Geschlecht und Ethnie zu den­ken und zwi­schen der eige­nen Gruppe, der man sich zuge­hö­rig fühlt, und der Fremdgruppe zu dif­fe­ren­zie­ren. Dieser Prozess wird maß­geb­lich von unse­rem Bedürfnis nach sozia­ler Akzeptanz und Zugehörigkeit beein­flusst und auch davon, wel­che Normen, Ideologien und Erwartungen man durch sein sozia­les Umfeld erfährt. Laut Erik Erikson, einem weg­wei­sen­den Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts, durch­läuft man in jeder Lebensphase eine Krise, mit der man sich ausein­andersetzen muss – im Jugendalter ist es der Konflikt zwi­schen Identitätsfindung und Orientierungslosigkeit. Eine feh­len­de posi­ti­ve sozia­le Identität kann zu Selbst- und Fremdenhass führen. 

Jamie muss ler­nen, Erwartungen durch sei­ne Familie und Freunde mit sei­nen eige­nen Werten und Interessen zu ver­ei­nen, um ein sta­bi­les Selbstbild zu eta­blie­ren. Er ist das Paradebeispiel für eine geblock­te Identitäts­entwicklung. Auf der einen Seite will er sei­ne Familie stolz machen – vor allem sei­nen Vater, der für ihn eine Vorbildfunktion ein­nimmt. Auf der ande­ren Seite möch­te er von sei­nen Freunden und weib­li­chen Altersgenossinnen akzep­tiert werden. 

Zwischen Wunde und Waffe 

Albert Banduras (1925–2021) sozi­al-kogni­ti­ve Lerntheorie bie­tet einen Erklärungsansatz dafür, wie Verhaltensmuster und Werte über Generationen hin­weg wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Bandura beschreibt Lernen als natür­li­chen Prozess, der auf der Beobachtung des Verhaltens ande­rer Menschen beruht. Dabei haben Modelle mit „hohem Status“, also bewun­der­te Personen, einen höhe­ren Einfluss als ande­re. Für Jamie ist das ver­mut­lich sein Vater. Er lernt durch Beobachtung und über­nimmt impli­zi­te Rollenbilder von ihm. Das sug­ge­riert, dass sowohl Vater als auch Sohn aus die­sem Grund Schwierigkeiten dabei haben, ihre eige­nen Emotionen zu benen­nen und aus­zu­drü­cken. Womöglich wer­den mit der Zeit ange­stau­te Frustrationen im Verhalten ent­la­den und in Gewalt umge­wan­delt, wenn sich eine Gelegenheit bie­tet. Als Konsequenz bre­chen sie regel­mä­ßig in Wut aus und pro­ji­zie­ren ihre eige­nen nega­ti­ven Gedanken auf ande­re Menschen – ein typi­scher Effekt toxi­scher Geschlechterrollen. Emotionen wie Angst, Traurigkeit und Verletzlichkeit wer­den mit Schwäche asso­zi­iert und unter­drückt. Das erschwert die Entwicklung von Empathie und Selbstregulation. 

Auch unter Jamies Freunden wird wenig über Gefühle gere­det. Ihm fehlt ein siche­rer Raum, in dem er sei­ne eige­nen Werte und alter­na­ti­ve Lebensvorstellungen explo­rie­ren kann. Da auch sein Vater emo­tio­nal nicht ver­füg­bar ist, wird sein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit nicht erfüllt – statt­des­sen erfährt er Zurückweisung und emo­tio­na­le Vernachlässigung. Eddie hat selbst die glei­che Erziehung durch sei­nen eige­nen Vater erfah­ren und schaff­te es nicht, sein eige­nes Trauma auf­zu­ar­bei­ten und das Muster zu durch­bre­chen. Das Ergebnis die­ser inter­ge­nera­tio­na­len Konflikte ist unter ande­rem eine Identitätsunsicherheit bei Jamie. Er schwankt zwi­schen Anpassung und Rebellion, zwi­schen Hilflosigkeit und Kontrolle, zwi­schen Wunde und Waffe. 

Ablehnung, Mobbing und der Zerfall eines Selbst

Die Ausgrenzung und die Ablehnung, wel­che Jamie durch Katie erfah­ren hat, brin­gen sein Fass zum Überlaufen und lösen eine nar­ziss­ti­sche Wut aus, mit der er nicht umzu­ge­hen weiß. Wie es wäh­rend der psy­cho­lo­gi­schen Begutachtung in Folge drei scheint, hat­te Jamie ech­te Gefühle für Katie – auch wenn er dies hin­ter einer Fassade von Emotionslosigkeit ver­steckt. Vielleicht war sie sogar die ers­te Person, von der er sich emo­tio­na­le Nähe oder sogar Liebe erhofft hat­te. Sein ohne­hin gekränk­tes Selbstwertgefühl wur­de durch ihre Ablehnung end­gül­tig zer­stört – eine noch schlim­me­re Konsequenz als sein gebro­che­nes Herz. Als wäre es noch nicht genug, ver­fasst Katie in der dar­auf­fol­gen­den Zeit belei­di­gen­de Kommentare unter Jamies Instagram-Posts, sodass es alle sei­ne Klassenkamerad:innen sehen können. 

Manna und Eddie Miller rin­gen mit ihrer Schuld: Warum wur­de ihr Sohn zum Mörder?

Sozialer Ausschluss kann wie phy­si­scher Schmerz wir­ken, wenn er dau­er­haft geschieht, das wur­de wis­sen­schaft­lich belegt. Kipling D. Williams betont in sei­nem Ostracism-Modell (2009) die Auswirkungen von Mobbing und sozia­ler Ausgrenzung auf die psy­chi­sche Gesundheit und das Selbstwertgefühl. Laut ihm wer­den dadurch die vier mensch­li­chen Grundbedürfnisse, Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und sinn­vol­le Existenz, tief­grei­fend ver­letzt. In gewis­ser Weise ist Cybermobbing noch fata­ler als im rea­len Leben, denn Letzteres stellt wenigs­tens im eige­nen Zuhause kein Problem dar, sodass einem die­ser Safe Space bleibt. Sobald die Ausgrenzung aber im Internet fest­ge­hal­ten wird, scheint die Flucht vor der eige­nen Realität unmög­lich. Im Extremfall kann das zur sozia­len Desintegration füh­ren: Man zieht sich selbst zurück, ver­sinkt in Depression oder fan­ta­siert im schlimms­ten Fall über Rachepläne. 

Schwerverbrecher oder nur ein Junge, der nicht gehört wurde?

Schließlich befin­det sich Jamie in einem Teufelskreis aus Zurückweisung, Scham und emo­tio­na­ler Abstumpfung. Durch toxi­sche inter­na­li­sier­te Geschlechterrollen darf er sei­ne Frustration nicht aus­drü­cken. Stattdessen wird sie in Form von Gewalt nach außen ver­la­gert und tötet die Person, die ihn am meis­ten kränk­te. Ob dies ein Versuch ist, sich selbst zu bewei­sen und Kontrolle zurück­zu­ge­win­nen, ist eine Frage, die man so genau nicht beant­wor­ten kann, genau­so wie die Frage nach der Schuld. Kann ein sol­ches Verbrechen über­haupt auf eine bestimm­te Person oder Ursache zurück­ge­führt wer­den? Ich ver­mu­te, das Problem ist viel tie­fer in unse­rer Gesellschaft ver­an­kert. Patriarchale Strukturen und der uner­müd­li­che Kampf um Macht und Autorität sind nur ein Teil davon.

Mein Fazit zu der Serie: Schaut sie Euch selbst an! Dieser Artikel kann nur einen klei­nen Teil der sti­lis­ti­schen und emo­tio­na­len Tiefe von „Adolescence“ ein­fan­gen. Es ist jedoch dabei wich­tig in Gedanken zu behal­ten, dass Katie ein Opfer von Gewalt wur­de und im gesell­schaft­li­chen Diskurs nicht in Vergessenheit gera­ten darf. Auch meh­re­re Wochen nach dem Abspann beschäf­tigt mich die Serie noch immer. Besonders beein­dru­ckend fin­de ich, dass man als Zuschauer im Laufe der Serie Empathie für Jamie ent­wi­ckelt. Man sieht sei­ne Verletzung, bevor man sein Verbrechen sieht. Das macht ihn kei­nes­wegs weni­ger schul­dig und auch nicht weni­ger ver­pflich­tet, sich sei­ner Tat zu ver­ant­wor­ten, aber es macht ihn mensch­li­cher. Vielleicht ist es nicht die Jugend, die sich am Abgrund befin­det, son­dern ein­fach unse­re Gesellschaft, die sys­te­ma­tisch dar­an schei­tert, jun­gen Menschen Sicherheit und Orientierung zu gewährleisten.



Text: Finja Dallmann. Screenshots: Netflix

Adolescence (2025). UK, vier Episoden zu cir­ca 60 Minuten. Buch: Stephen Graham, Jack Thorne. Regie: Philip Barantinim. FSK: nicht geprüft, laut Netflix ab 12. Seit 13.3.2025 auf Netflix
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