Feb 2019 hastuPAUSE Heft 0

Spenden statt Verschwenden

Es ist das Perpetuum Mobile, das den Kapitalismus aufrecht erhält: Kaufen und Wegschmeißen, Kaufen und Wegschmeißen und so weiter. In einem immer schnellerem Rhythmus scheinen wir uns auf Kosten der Umwelt der Verlockung nach neuen Besitztümern hinzugeben, während Gebrauchtes getrost aussortiert wird. Doch dass Konsum weder teuer noch zulasten der Umwelt sein muss, beweisen neue Initiativen wie Umsonstläden.

Foto: Sophie Ritter

Dick eingepackt in eine grüne Regenjacke, mit überdimensionaler Mütze und robusten Stiefeln steht Karoline Schönhardt bestens ausgerüstet hinter der Theke ihres Umsonstlädchens, welches sie im Mai letzten Jahres in ihrer hauseigenen Garage eröffnete. Es ist kurz nach 9 Uhr und die ersten Kunden falten bereits Kleidungsstücke auseinander, durchstöbern das Bücherregal oder wägen verschiedene Paar Schuhe gegeneinander ab. Bei all dem Treiben herrscht eine lockere, herzliche Atmosphäre; Schönhardt und ihre Kundschaft unterhalten sich angeregt. Derweil bringt ein älteres Ehepaar Sachen vorbei, die es nicht mehr braucht – es ist ein reges Geben und Nehmen. Über einen Artikel in der MZ seien sie auf das Umsonstlädchen gestoßen, seitdem kommen sie regelmäßig, um Gegenstände abzugeben oder Schönhardts Lädchen nach kleinen Schätzen zu durchsuchen. Ein junger Vater auf der Suche nach Lesestoff betrachtet einen alten Atlas. »Nehmen Sie den ruhig mit, mit Atlanten könnte ich meinen Weg pflastern!«, ruft Schönhardt mit ihrem österreichischen Akzent.

Der Raum der Wünsche

Wer von der Stadtmitte aus kommend an der Haltestelle Melanchtonstraße, zu erreichen mit den Linien 3, 8 und 16, aussteigt und die Cansteinstraße rechterhand herunterläuft, sieht nach nicht mal fünf Minuten den Umsonstlädchen-Container mit gleichnamigen Graffiti vor sich auftauchen. Dessen Inhalte kommen in der geräumigen Garage seitlich dahinter schließlich an Ort und Stelle: Kleidungsstücke, Bücher, Tütensuppen, Vasen, alte Puppen und viele weitere gewöhnliche, mal ungewöhnliche Gegenstände stapeln sich auf jedem freien Fleck. Es ist naheliegend, hierbei an den Raum der Wünsche in seiner Form als Versteck für verschiedenste Dinge zu denken, den Harry Potter und seine Gefährten im Laufe ihrer Zeit in Hogwarts entdecken. Um im Umsonstlädchen fündig zu werden, reicht es allerdings, während der Öffnungszeiten vorbeizuschauen, statt im 7. Stock gegenüber dem Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten dreimal auf- und abgehend sich fest vorzustellen, was einen im Raum der Wünsche erwarten soll. Montag bis Donnerstag von 9.00 Uhr bis 10.00 Uhr darf jeder vorbeischauen, der nach neuen Besitztümern stöbern möchte, während der Container zur Abgabe von Gegenständen rund um die Uhr einsatzbereit ist. Die Öffnungszeiten ihres Lädchens habe sie extra so gelegt, dass auch Studierende vorbei kommen können, sagt Schönhardt. Dennoch sehe sie kaum junge Gesichter, was sie sehr schade finde. Tatsächlich sind es an jenem Vormittag eher ältere Menschen und junge Eltern, die kurz vorbeischauen.

Foto: Sophie Ritter

Dabei müsste der Laden, rein pragmatisch betrachtet, doch gerade von Studierenden aufgesucht werden – wie es der Name schon verrät, ist nämlich in Schönhardts Lädchen alles umsonst. Wer sich unwohl fühlt mit dem Gedanken, nur zu nehmen, darf auch gerne etwas geben, seien es Zuwendungen in Form von beispielsweise aussortierter Kleidung oder Geld für die Spendendose. Mit besagter Unterstützung finanzieren viele Umsonstläden anfallende Kosten wie die Miete. Mehr Ausgaben braucht es in der Regel nicht, die Mitarbeiter sind meist ehrenamtlich beschäftigt. Das Umsonstlädchen in Halle wird als Liebhaberprojekt allein von Schönhardt betrieben, und da sich alles in ihrer hauseigenen Garage abspielt, entfällt somit auch die Miete. Die Erlöse ihrer Spendendose gehen vollständig an ausgewählte soziale Projekte. Dennoch würde sie ihren Laden nicht als soziales Projekt betrachten; so gehe es ihr in erster Linie auch nicht darum, mittellosen Menschen auszuhelfen. Dies grenzt Schenkläden oder Kost-Nix-Läden, wie sie auch genannt werden, von karitativen Angeboten wie der Tafel oder Kleiderkammern ab, wo die eigene Bedürftigkeit oftmals nachgewiesen werden muss. »Selbst wenn jemand mit einem Porsche vor meiner Garage parken und sich die Tüten vollstopfen würde, ist mir das egal.«, so Schönhardt.

Eine Alternative zu Altkleidercontainern

In erster Linie geht es der Ladeninhaberin darum, dass gut erhaltene Waren nicht unnötig weggeschmissen werden – »Müll vermeiden und Freude bereiten«, so liest man es auf den Social-Media-Auftritten ihres Lädchens. Damit reiht sich ihr Anliegen mühelos in das vieler Umsonstläden Deutschlands ein: Mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit bereits produzierten Gegenständen sowie Ressourcenschonung bei der Produktion neuer Kon­sumwaren. Ähnlich wie bei Secondhandläden geht es darum, auf die Herstellung neuer Güter zu verzichten und stattdessen auf bereits gebrauchte zurückzugreifen. Dass sich das lohnen kann, zeigt sich besonders am Beispiel Kleidung: Seit Anfang des Jahrtausends verdoppelte sich der Verkauf von Kleidung weltweit, während die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Kleidungsstücks zurückging. Allerdings zulasten der Umwelt, so verursacht die gesamte Textilproduktion in einem Jahr mehr als eine Milliarde Tonnen CO₂. Ein weiteres Übel ist die Vergiftung von Gewässern in den Herstellungsländern durch Chemikalien, welche zur Produktion der Kleidung benötigt werden, sowie die Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik aus Textilfasern. Fast fashion ist auf dem besten Weg, sich als Unwort für Wegwerfmode von Ketten wie H & M, Zara und Primark zu etablieren.

Foto: Sophie Ritter

Offensichtlich wird immer mehr Menschen bewusst, dass umweltbewusster Konsum nicht beim Kauf von Bio-Produkten an der Gemüsetheke aufhört – sondern da gerade erst beginnt. Wer über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, kauft nachhaltig und fair produzierte Mode. In Halle ist dies unter anderem im »Ankleidezimmer« möglich – auf der Seite fairtrade-halle.de als eines von mehreren Geschäften ausgewiesen, welches verantwortungsvoll produzierte Mode in der Saalestadt verkauft. Ist man nicht gewillt oder in der Lage, für Mode bestimmte Summen auszugeben, stellen Umsonstläden eine preisgünstige Alternative dar, ebenso wie Kleidertauschpartys. Beides Alternativen zu herkömmlichen Läden, welche obendrein auch die Frage beantworten, wohin mit aussortierter, aber noch funktionstüchtiger Kleidung. So ändern sich bei vielen Menschen im Laufe ihres Lebens der modische Geschmack und die Figur – neue Klamotten müssen her, alte weg. Spätestens seit der NDR-Doku »Die Altkleiderlüge« aus dem Jahre 2011 steht die oftmals letzte Ruhestätte gebrauchter Kleidung massiv unter Kritik. Anders als von vielen großzügigen Spendern angenommen, landet die Kleidung nicht direkt bei den Ärmsten der Armen, sondern wird an Secondhandläden in Deutschland oder im Ausland, meist Osteuropa, weiterverkauft. Etwa 60 Prozent der Spenden, welche minderwertige Ware darstellen, gelangen auf die Märkte von Entwicklungsländern und ruinieren dort die lokale Textilindustrie. Völlig unbrauchbare Ware, 15 bis 20 Prozent der Spenden, wird zu Putzlappen oder Dämmmaterialien für Autos weiterverarbeitet. In den Kleiderkammern Deutschlands landet indes kaum ein Teil der Spenden: lediglich 10 Prozent.

Zwar gilt dies nicht für alle Container – die Verbraucherzentrale Hamburg hat beispielsweise das Label von FairWertung, das Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) sowie das BVSE Qualitätssiegel Textilsammlung vom Bundes­verband Sekundär­rohstoffe und Entsorgung als seriös eingestuft. Auch das Symbol der örtlichen Abfallbehörde spricht dafür, dass die Spenden tatsächlich ihren Zweck erfüllen. Wer aber auf Nummer sicher gehen möchte, kann der örtlichen Kleiderkammer einen Besuch abstatten. In der Saalestadt findet sich zum Beispiel in der Evangelischen Stadtmission Halle e. V. ein dankbarer Abnehmer aussortierter Kleidung. Für einen geringen symbolischen Beitrag können Bedürftige an der dort ansässigen Tafel und Kleiderkammer zusätzlich zu ihrer staatlichen Unterstützung Gegenstände mitnehmen, die sonst im Müll landen würden.

Foto: Sophie Ritter

Von der Utopie zur Umsonstladen-Bewegung

Neben altbewährten Möglichkeiten, nachhaltig und zugleich karitativ auszusortieren wie bei Kleiderkammern, etablieren sich seit geraumer Zeit eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, wie sich anhand des Beispiels Umsonstläden beobachten lässt. Dabei geht es den Inhabern solcher Läden meist um mehr als »nur« Nachhaltigkeit, sondern sie sind zugleich Ausdrucksform einer praktischen Kapitalismuskritik: Muss alles mit »Wert« automatisch Geld kosten? Wer bestimmt eigentlich den »Wert« unserer Waren? Und wissen wir den »Wert« von Gegenständen überhaupt noch zu schätzen? Ein Gegenentwurf entsteht – welcher durch ebenjenen Umstand ermöglicht wird, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, in der funktionstüchtige Dinge ohne jegliche Notwendigkeit allzu gerne gegen das neueste Modell ausgetauscht werden. Dieses Paradoxon scheint keinen Grund zur Sorge zu geben, dass Umsonstläden sich eines Tages selbst abschaffen könnten. Eher im Gegenteil, nachdem vor nunmehr 20 Jahren in Hamburg der erste Umsonstladen Deutschlands eröffnete, ist der Siegeszug der Umsonstladen-Bewegung ungebrochen: Über 80 mögen es mittlerweile in ganz Deutschland sein (Stand Dezember 2014). Allein in Halle findet sich, abgesehen vom bereits erwähnten Umsonstlädchen von Karoline Schönhardt, noch ein zweiter Umsonstladen, geführt vom Postkult e. V.

Zwar ist es noch zu früh, um die Postwachstumsgesellschaft auszurufen, doch die Verbreitung von Umsonstläden und Co. steht im Zeichen einer zunehmend relevanten Kontroverse über Konsum und dessen Nachhaltigkeit. Nicht nur wie wir wegwerfen, sondern bereits die Art und Weise, wie wir zu neuem Eigentum gelangen, hat Auswirkungen auf ökonomische sowie auf ökologische Aspekte unseres Daseins auf diesem Planeten. Die Utopie einer nachhaltigen Welt, welche den Kapitalismus nicht länger so hinnimmt wie er ist: Umsonstläden sind tatsächlich ein Raum der Wünsche.

  • Das Umsonstlädchen von Karoline Schönhardt findet Ihr in der Ludwigstraße 21. Öffnungszeiten Montag bis Donnerstag 9.00 Uhr bis 10.00 Uhr.
  • Der Umsonstladen von Postkult e.V. befindet sich im Böllberger Weg 5. Öffnungszeiten Montag, Mittwoch und Freitag 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr, Dienstag und Donnerstag 10.00 Uhr bis 13.00 Uhr.

Foto: Sophie Ritter

 

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Erstellt: 20.02. 2019 | Bearbeitet: 20.02. 2019 16:52